Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 4(1996) 2/3
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Eine Geschichte der spanischen Literatur


Siehe auch die Vorbemerkungen

96-2/3-286
Eine Geschichte der spanischen Literatur / Hans Ulrich Gumbrecht. - Frankfurt am Main : Suhrkamp. - 23 cm. - ISBN 3-518-58062-0 : DM 98.00
[3423]
1. - 1. Aufl. - 1990. - 1059 S. : Ill.
2. Übersetzungen, Anmerkungen, Register. - 1. Aufl. - 1990. - S. 1061 - 1483

EINE Geschichte der spanischen Literatur in zwei Bänden hat 1990 Hans Ulrich Gumbrecht veröffentlicht. Wie ein auf die Überschrift folgender Epigraph erläutert, ist der durch Kursivdruck hervorgehobene unbestimmte Artikel ein Hinweis darauf, daß Gumbrecht seine Literaturgeschichte als ein subjektives Konstrukt einer von vielen möglichen Realitäten verstanden wissen will. Der erste Band enthält die "eigentliche" Literaturgeschichte, während im zweiten die deutschen Übersetzungen der spanischen Zitate sowie Fußnoten und Register untergebracht sind. Diese Aufteilung ist gut durchdacht und praktisch, solange ein des Spanischen unkundiger Leser davon absieht, sowohl Fußnoten als auch Übersetzungen parallel zu verfolgen, andernfalls sähe er sich zu einem ständigen Springen zwischen den beiden Teilen des zweiten Bandes genötigt.

Das in fünf Kurzkapitel gegliederte Vorwort überrascht zunächst mit ausführlichen und lesenswerten Darlegungen. Gumbrecht hat sein Werk nicht als "literarhistorisches Kompendium für Hispanistik-Studenten" konzipiert, da "die Zahl solcher Kompendien [...] den Grenzwert des studientechnisch Notwendigen schon lange überschritten [habe]". Eine erstaunliche Aussage für eine 1990 in deutscher Sprache publizierte Literaturgeschichte, stand den Studenten zu diesem Zeitpunkt doch nur der 1968 erschienene Abriß von Franzbach als einziges für ihre Bedürfnisse konzipiertes Studienbuch zur Verfügung. Während der Autor bewußt auf eine positive Definition der Zielgruppe seines Werkes verzichtet, wird sie im Klappentext unbestimmt als "breiter Leserkreis" beschrieben. Eine nähere Betrachtung des Werkes kann vielleicht genauere Auskunft geben.

Die Literaturgeschichte ist in sieben Kapitel gegliedert. Sie tragen anstelle von Überschriften Zeitraumangaben, die sich nur bedingt mit dem etablierten Epochenschema decken. Den einzelnen Kapiteln gehen kurze Zusammenfassungen voraus, die in einer Gesamtschau bereits am Anfang des Buches abgedruckt sind. Gumbrecht läßt seine Literaturgeschichte im Mittelalter beginnen, genauer mit den Jarchas. Seinen Literaturbegriff gründet er auf das "Konzept des Spiels" (S. 19) und stellt dieses in den Mittelpunkt seiner Interpretation der spanischen Literatur des 12. bis 15. Jahrhunderts. Aus der Polarität zwischen klerikalen Normen und höfisch-intellektuellen Spielen erklärt er das Nebeneinander von Berceos Marienmirakeln und den Cantigas von Alfonso X. Mit zunehmender Abschottung des Hofes von der Außenwelt wächst die Distanz zwischen höfischer Spielwelt und Alltagswelt, woraus "Subjektivität und neuzeitliche Kommunikationsformen in Spanien" entstehen. Somit führt der Autor seine "hoffentlich unübersehbare historiographische Hauptthese" ein, derzufolge die Besonderheit der spanischen Kultur und Literatur Teil einer sehr frühen "Sonderentwicklung der mentalen Figur 'Subjektivität' in der spanischen Geschichte" sei. Da diese Subjektivität aber seit der Gegenreformation von der staatlichen Macht unterdrückt worden ist, haben sich über Jahrhunderte Spannungsverhältnisse ausgebildet (S. 18). Die Interpretation der mittelalterlichen Texte vor dem Hintergrund des ludischen Konzepts und der Subjektivitätsthese eröffnet neue Sichtweisen auf die mittelalterliche Literatur, die in eine gute sozio-historische Epochendarstellung eingebettet sind.

In den folgenden Kapiteln verschiebt sich der Schwerpunkt der Darstellung der Literatur. So nehmen in der ausführlichen Betrachtung des siglo de oro z.B. funktionsgeschichtliche Überlegungen eine zentrale Rolle ein, die wiederum eng mit einer neuen These verwoben sind: der Theatralisierung des Alltags. Erneut gelingt dem Autor die Verknüpfung von interessanten Thesen und literaturtheoretischen Konzeptionen mit ungewöhnlicher historiographischer Dokumentation, gut erzählten Anekdoten und Biographien. Einzelwerke und Epochenstruktur werden so immer wieder überzeugend zu einer Gesamtdarstellung verklammert.

Da Gumbrecht den etablierten Epochenbegriffen der Literaturgeschichtsschreibung kritisch gegenübersteht, bemüht er sich folglich nicht, den Beitrag der spanischen Literatur des 18. Jahrhunderts zur Aufklärung zu erläutern. Vielmehr versucht er aufzuzeigen, daß die Literatur zwischen 1700 und 1833 im Spannungsfeld zwischen Traditionalisten und Reformern, d.h. vor dem Hintergrund des entstehenden Mythos der dos Espa¤as ensteht. Die Bedeutung von geistes- und sozialgeschichtlichen Faktoren rückt somit immer weiter in den Vordergrund. Daraus erklärt sich die verkürzende Darstellung der Entwicklung der Narrativik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie der Werke der generación del 98. Die Dichte der historischen Informationen weicht minuziösen punktuellen Informationen, die einzelne Schlaglichter auf die Epochen werfen.

Im letzten Kapitel, 1939 - 1989, wird vor dem Leser eine fesselnde "Kulturgeschichte" (Klappentext) ausgebreitet. Der Autor scheint hier der im Vorwort beschriebenen politischen Motivation seines Unterfangens Tribut zu zollen und gewährt nur Seitenblicke auf die Literatur. Besonders hervorzuheben sind die guten Darstellungen der spanischen Exilliteratur, der frankistischen Ästhetik und die wiederholten intermedialen Betrachtungen. In seiner Repräsentation der jüngeren Schriftstellergeneration beschränkt sich Gumbrecht auf die Erwähnung von Rosa Montero und Francisco Umral. Ein kurzer Ausblick auf die Werke von z.B. Mendoza, Marías und Mú¤oz Molina wäre aber auch schon 1989 wünschenswert gewesen. In bezug auf einige "Überbewertungen und fehlerhafte Einschätzungen" in diesem Kapitel sei auf die Rezension von Walter Haubrich verwiesen.[1]

Hans Ulrich Gumbrecht ist mit seiner Geschichte der Entwurf einer (post-)modernen Literaturgeschichte gelungen, der nicht zuletzt aufgrund seiner sprachlichen Prägnanz überzeugt. Mit dem Verzicht auf die Aufarbeitung der ausufernden Forschungsliteratur, die von einem Wissenschaftler heute nicht mehr zu leisten ist, hat der Autor sich Raum geschaffen, um auf der Grundlage postmodernistischer Interpretationen der Literaturgeschichtsschreibung neue Wege zu weisen. Einem außerhalb der postmodernistischen Diskussion stehenden Leser, d.h. einem "breiten Leserkreis", bleiben jedoch ohne vorbereitende Lektüre z.B. Foucaults, Bachtins oder Luhmanns viele interessante Lesarten und provozierende Thesen verschlossen. Vor diesem Hintergrund ist dem Autor daher beizupflichten, daß sein Werk für den einführenden Gebrauch der Fachstudenten "zu lang, unübersichtlich und wohl auch zu wenig `objektivistisch' geraten" ist (S. 15). Gumbrechts Buch als eine "Kulturgeschichte" zu bezeichnen wird ihm aber auch nicht gerecht, handelt es sich doch um einen Gesamtüberblick über die spanische Literatur in deutscher Sprache, wie er seit Vossler und Pfandl nicht mehr versucht wurde.[2] Es ist eine der Geschichten der spanischen Literatur, die in Seminar- und Universitätsbibliotheken, sowie in der Privatbibliothek eines Hispanisten nicht fehlen sollte. Leider gestattet der Preis es wohl nur den wenigsten fortgeschrittenen Studierenden, sich ein Exemplar in greifbare Nähe zu stellen.

Um sich einen Überblick über die spanische Literaturproduktion nach 1975 zu verschaffen, bedarf es einer Ergänzung zu den vier genannten deutschsprachigen Literaturgeschichten: Die Aufsatzsammlung Aufbrüche,[3] die auch ins Spanische übersetzt worden ist,[4] kann diese Lücke schließen. Sie enthält vier Beiträge zur jüngsten gattungsgeschichtlichen Entwicklung von Roman, Krimi, Theater und Lyrik, denen sechsundzwanzig Einzelporträts von zeitgenössischen Autoren und ausgewählten Werken an die Seite gestellt werden.


[1]
Don Juan und seine Söhne / Walter Haubrich. // In: Ein Bücher-Tagebuch : Buchbesprechungen aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. - 1992, S. 263 - 264. - Gustav Siebenmann hat Gumbrechts Literaturgeschichte 1995 sehr ausführlich besprochen: Konjunktur spanischer Literaturgeschichten in Deutschland / Gustav Siebenmann. // In: Iberoromania. - 41 (1995), S. 117 - 135. (zurück)
[2]
Hans Flasches Geschichte ist eine beeindruckende Sammlung von Materialien. Da sie aber weder soziopolitische noch intertextuelle Bezüge aufzeigt, gelingt es ihr nicht, einen Gesamteindruck der spanischen Literatur zu vermitteln. (zurück)
[3]
Aufbrüche : die Literatur Spaniens seit 1975 / hrsg. von Dieter Ingenschay und Hans-Jörg Neuschäfer. - 2., aktualisierte Aufl. - Berlin : Edition Tranvía Walter Frey, 1993. - 255 S. ; 21 cm. - ISBN 3-925867-08-2 : DM 32.00 [3229]. (zurück)
[4]
Abriendo caminos : la literatura espa¤ola desde 1975. - Barcelona : Lumen, 1993. (zurück)

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