Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 7(1999) 1/4
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Der große Exodus


99-1/4-462
Der große Exodus : die russische Emigration und ihre Zentren 1917 bis 1941 / hrsg. von Karl Schlögel. - München : Beck, 1994. - 448 S. : Ill. ; 23 cm. - ISBN 3-406-38656-3 : DM 38.00 (statt bisher DM 78.00)
[4499]
99-1/4-463
Russische Emigration in Deutschland 1918 - 1941 : Leben im europäischen Bürgerkrieg / hrsg. von Karl Schlögel. - Berlin : Akademie-Verlag, 1995. - 550 S. : Ill. ; 25 cm. - ISBN 3-05-002801-7 : DM 88.00
[5416]
99-1/4-464
Chronik russischen Lebens in Deutschland 1918 - 1941 / hrsg. von Karl Schlögel ... - Berlin : Akademie-Verlag, 1999. - 671 S. ; 25 cm. - ISBN 3-05-003297-9 : DM 174.00
[5387]

Seit dem Wandel in Rußland hat sich dort, aber auch im Westen, die Haltung gegenüber der russischen Emigration allmählich geändert. Jahrzehntelang hatte die Osteuropaforschung der Emigration kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Aus einem von Karl Schlögel geleiteten Forschungsprojekt über die erste Emigrationswelle sind im Laufe von acht Jahren drei Editionen erwachsen, als letztes erschien eine Dokumentation, deren viele Tausend Informationen - wäre sie als erste fertig gewesen - sicher den Autoren der beiden ersten Bände nützlich gewesen wären. Die Information ist reich und wird sich fruchtbar erweisen. Leider läßt die redaktionelle Arbeit etliche Wünsche offen.

Als erstes gab Schlögel 1994 Beiträge über die fünfzehn wichtigsten Zentren der Emigration und über "Die Bibliographien russischer Emigrantenveröffentlichungen" heraus. Zum Teil hat er Autoren in den jeweiligen Ländern gewonnen, z.B. für die russische Emigration in Lettland Jurij Abyzov (Riga), Autor eines biobibliographischen Lexikons der russischen Druckwerke in Lettland 1917 - 1944,[1] oder für die Fernost-Emigration die in Harbin geborene Olga Bakich, Toronto, die, wie das faktenreiche Kapitel zeigt, sich auf diesen Bereich spezialisiert hat. Donco A. Daskalov, Sofia, gab den Überblick über das Schicksal der Russen, die es nach Bulgarien verschlagen hatte. Schlögel selbst übernahm das "Russische Berlin", dem er inzwischen ein eigenes Buch widmete.[2]

Die bibliographische Erschließung dieses Bandes und auch der beiden folgenden ist unzureichend. Zwar werden die Darstellungen von Zentren der Emigration durch einen Beitrag von Mark Kulikowski über einschlägige Bibliographien ergänzt, der viele lohnende Hinweise und Kommentare enthält, doch eine übersichtliche Aufführung der Einzeltitel fehlt. Der Benutzer ist auf die jeweiligen Anmerkungen und eine kleine, alphabetisch, nicht systematisch, geordnete Auswahlbibliographie angewiesen, die z.B. im Bereich der Literatur auf Zufallsartikel über einzelne Autoren verweist, in der gleichwohl vorhandene größere Überblicke über die Emigration jedoch fehlen. Es ist für die bibliographische Schwäche typisch, daß Arbyzovs erwähntes Lexikon russischer Werke in Lettland nicht in der Originalsprache zitiert wird (S. 447).

Seit dem Erscheinen des Bandes 1994 sind ergänzende Veröffentlichungen zu weiteren Zentren der Emigration erschienen, die z.T. in der Einführung zur Chronik genannt werden. Mit dem Zentrum Estland hat sich intensiv Sergej Isakov in Tartu befaßt.[3] Über die Russen in England hat etwa gleichzeitig Ol'ga A. Kaznina aus Moskau geforscht und 1997 das erste Buch vorgelegt.[4] Sie beschreibt u.a. die Emigrantenorganisationen, die Schicksale der nach England emigrierten Mitglieder der Zarenfamilie, der Politiker (P. N. Miljukov, A. F. Kerenskij) und Schriftsteller, schildert die Rolle der Orthodoxie, "die in den zwanziger und dreißiger Jahren erheblichen Einfluß auf das religiöse Leben Englands ausübte", bezieht sogar Engländer ein, die eine wichtige Rolle für die Kenntnis Rußlands gespielt haben. Kaznina greift auch vor den von Schlögel erfaßten Zeitraum, 1917 - 1941. Willy Birkenmaier hat in der Zwischenzeit das "russische Heidelberg" aufgearbeitet und sowohl einen historischen Überblick als auch ein Personenlexikon für die Zeit von 1815 und 1914 ausgearbeitet.[5] Eine Darstellung der Tätigkeit russischer Emigranten der ersten Sowjetzeit wie Dmitrij Tschizewski als Hochschullehrer und Rufina Sukoffski als Lektorin, die mit Nicolai von Bubnoff über lange Zeit in der Neckarstadt die Russistik prägten, steht noch aus. Ergänzungen finden sich auch in dem inzwischen erschienenen Buch Russische Spuren in Bayern. Dort stehen u.a. Beiträge und Dokumentationen zu so bedeutenden Emigranten wie dem Schriftsteller und Universitätsprofessor F‰dor Stepun, dem Komponisten Sergej Prokof'ev und dem Lyriker und Übersetzer Henry von Heiseler.[6] So sollte auch dieser Band, der von Tjutcev bis in die Gegenwart reicht, bei Forschungen einbezogen werden.

In Schlögels zweitem Band, Russische Emigration in Deutschland 1918 - 1941, sind 34 Beiträge über das politische und wirtschaftliche, auch das kulturelle Leben zusammengefaßt. Auch er zeichnet sich durch die Beteiligung von Fachleuten in aller Welt aus. Drei Kapitel vereinen vornehmlich historisch-politische Beiträge. Michael Hagemeister legt dort detaillierte Forschungen über Gregor Schwartz-Bostunitsch vor, der seine antibolschewistische Haltung peinlich in den Dienst der Nazis stellte, 1944 SS-Standartenführer wurde und dessen Schriften heute in Rußland von Kreisen nachgedruckt werden, die dem Okkultismus nahestehen. Im Kapitel über den "Russischen Geist" in deutscher Umgebung finden sich Artikel über die Historiker Otto Hoetzsch und Karl Stählin, den Kulturphilosophen Nicolai von Bubnoff und über "Dornach als Pilgerstätte der russischen Anthroposophen", doch ein Kapitel über den in diesem Kontext wichtigsten - F‰dor Stepun - fehlt.[7]

Die Auswahl der Persönlichkeiten, denen im Bereich von Kultur und Literatur eigene Kapitel als "Emigranten" gewidmet werden, war wohl - so Reinhard Lauer - "dem Spiel des Zufalls überlassen":[8] Maksim Gor'kij und Ilja Erenburg lebten zwar kurzfristig in Deutschland, waren aber niemals politische Emigranten, sondern sowjetische kommunistische Schriftsteller, die sich im Auftrag oder mit Genehmigung der Sowjetregierung zeitweilig in Berlin aufhielten. Andrej Belyj - vom guten Kenner Thomas R. Beyer vorgestellt - kehrte bald in die Sowjetunion zurück. Vladimir Nabokov ist zwar nicht typisch für "die russische Emigration in Deutschland", aber er lebte ein Jahrzehnt in Berlin, und Annelore Engel-Braunschmidt untersucht, ob und wo Berlin in seinen dort entstandenen Werken erkennbar wird. Die getroffene Auswahl ist nicht gut. Als Emigranten waren jene typisch, die der Verfolgung durch die Bolschewiken entkommen waren und meist Anfang der zwanziger Jahre weiter nach Paris emigrierten. Sie prägten das kurzlebige "Russische Berlin".[9] Nicht einmal ein Überblick über diese Gruppe hätte gegeben werden müssen. Diese Lücke füllte 1999 Thomas Urban in der umfassenden Einleitung zu seinem Buch über Nabokov[10] und Schlögel im eigenen Buch. Der Inhalt der Schriftsteller-Artikel selbst ist auf dem guten Niveau des ganzen Buches. Sie erweitern das Wissen um die Emigration lediglich an untypischen Beispielen. Einige Kultur-Beiträge sind besonders zu begrüßen, so der über Julij Ajchenval'd von A. I. Rejtblat, der als erster diesen Literaturwissenschaftler als "eine der bemerkenswertesten Figuren der russischen Emigrantenkolonie in Berlin" näher erforscht hat, dann der von Michaela Böhmig über das Russische Emigrantentheater in Berlin, für das sie seit ihrer Monographie als vorzügliche Spezialistin bekannt ist.[11] Vom besten Kenner der Geschichte der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland, Georg (Gernot) Seide[12] von der Münchner Diözese, stammt der Beitrag über deren Gemeinden. Ähnlich gut schrieb die für den Bereich des russischen Films ausgewiesene Oksana Bulgakova.[13]

Die von Schlögel und drei Mitarbeitern vorgelegte Chronik russischen Lebens in Deutschland 1918 - 1941 verzeichnet im Hauptteil 8109 Veranstaltungen russischer Emigranten, die 1918 bis 1941 in Berlin stattfanden. Ein zweiter Teil, der auf dem Titelblatt nicht genannt ist, enthält eine selbständige Ausarbeitung von Gottfried Kratz, Oberbibliotheksrat in Münster, die sämtliche 242 russischen Verlage und 33 russischen Druckereien erfaßt, die in diesem Zeitraum in Deutschland tätig waren. In anderem Kontext hatte Kratz eine Verlagsbeschreibung für den Zeitraum bis 1928 bereits 1987 veröffentlicht.[14] Die neue, teils erweiterte, teils verkürzte Fassung bildet - auch durch die Kommentare - einen besonders wertvollen Teil der Chronik. Fünf Register sollen die Benutzung der Faktensammlung ermöglichen. Das Organisationsverzeichnis faßt die Institutionen zusammen, welche die Veranstaltungen durchführten, z.B. Akademiceskaja Gruppa, Deutsche Gesellschaft zum Studium Osteuropas, Klub Pisatelej, Literaturno-chudozestvennyj Kruzok, Russisch-orthodoxe Kirche oder Sojuz Rossijskich/russkich Vracej. Das Ortsverzeichnis - ohne Berlin - umfaßt nur eine Seite und verzeichnet z. B. für Baden-Baden nur eine Veranstaltung in der Kirche, Bad Ems und Wiesbaden, wo sicher ebenso wie in Berlin jährlich Ostergottesdienste stattfanden, fehlen ganz. Dementsprechend ist für Berlin ein eigenes Lokalitätenverzeichnis zusammengestellt worden, aus dem sich Hauptzentren wie das Café 'Leon', das Logenhaus, der Schubertsaal oder das Werner-Siemens-Realgymnasium herausheben. Das Adressenverzeichnis bezieht sich nur auf Berlin. Das Personenverzeichnis verweist bei den in der Chronik genannten Namen auf die laufende Nummer. Ein umfassendes Namenregister fehlt. Auf diese Weise sind der von G. Kratz erarbeitete Verlagsteil und die ebenfalls an Namen reiche Einleitung im Register nicht erschlossen. Der Sinn der gemeinsamen Veröffentlichung von Chronik und Verlagsdokumentation hätte in einer gemeinsamen Aufschlüsselung gelegen, und es wäre für das Buch kein Nachteil gewesen, wenn es deshalb einen Monat später erschienen wäre. Der Verlagsteil hätte unbedingt in die Register integriert werden müssen.

Die Einleitung der Herausgeber informiert über Quellen und Forschungslage. Jedoch die umfangreiche Sekundärliteratur steht unsystematisch und mit Wiederholungen in Anmerkungen, nicht in einer übersichtlichen Bibliographie. Das ist nicht benutzerfreundlich. Dem entspricht es, daß im Chronikteil zwar bei jeder Maßnahme die "Fundstelle" verzeichnet ist, bei der Chronik aber kein Verzeichnis der Siglen wie Böhmig, Boyd oder Russische Autoren steht. (Es ist versteckt in Anmerkung 25 der Einleitung.)

Der Inhaltsreichtum der drei Bände ist trotz der Unausgewogenheit höchst erfreulich - vor allem für Historiker, weniger für Literaturwissenschaftler. Sie bieten künftiger Forschung neben Bekanntem viel neu Erschlossenes. Jedoch war die redaktionelle Arbeit schwach, und mit wenig zusätzlichem Aufwand hätte sich ihr Wert erheblich erhöhen lassen. Vielleicht entschließt man sich zu einer CD-ROM-Ausgabe; sie könnte die oft mühsam gesammelten Fakten in guter Weise aufschlüsseln.

Wolfgang Kasack


[1]
Russkoe pecatnoe slovo v Latvii : 1917 - 1944 gg. ; bio-bibliograficeskij spravocnik / Jurij Abyzov. - Stanford, Calif. : Department of Slavic Languages and Literatures, Stanford University. - (Stanford slavic studies ; 3). - C. 1 (1990) - C. 4 (1991). (zurück)
[2]
Berlin, Ostbahnhof Europas. - S.u. IFB 99-1/4-465. (zurück)
[3]
Russkie v Estonii : 1918 - 1940 ; istoriko-kul'turnye ocerki = Venelased Eestis / S. G. Isakov. - Tartu : Kompu, 1996. - 400 S. ; 21 cm. - ISBN 9985-60-253-6 [5251]. - Rez.: IFB 99-B09-733. (zurück)
[4]
Russkie v Anglii : russkaja emigracija v kontekste russko-anglijskich literaturnych svjazej v pervoj polovine XX veka / O[l'ga] A[natol'evna] Kaznina. - Moskva : Nasledie, 1997. - 413 S. - Rez.: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas. - 47 (1999), 2, S. 309 - 310. (zurück)
[5]
Das russische Heidelberg : zur Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen im 19. Jahrhundert / Willy Birkenmaier. - Heidelberg : Verlag Das Wunderhorn, 1995. - 205 S. - Dem Band fehlt leider ein Register. - Rez.: Osteuropa. - 46 (1996),3, S. 301 - 302.
Biographisches Lexikon des Russischen Heidelberg / Willy Birkenmaier. - 2. Aufl. - 1998. - Rez. IFB 99-1/4-466. - Das Lexikon behandelt die Epoche 1815 - 1914. (zurück)
[6]
Russische Spuren in Bayern : Portraits, Geschichten, Erinnerungen = Rossijskie sledy v Bavarii / hrsg. von MIR e.V., Zentrum Russischer Kultur in München - München : MIR, 1997. - 270 S. : Ill. - ISBN 3-9805300-2-7. (zurück)
[7]
Dazu Artikel und Sekundärliteratur in Lexikon der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts / Wolfgang Kasack. - München : Sagner, 1992, Sp. 1236 - 1239. (zurück)
[8] Rez. von Reinhard Lauer in: Frankfurter Allgemeine. - 1996-04-03, S. 9: "Unbefriedigend bleibt die Darstellung der Literatur, also des kulturgeschichtlich bedeutsamsten Kapitels der russischen Emigration in Deutschland." (zurück)
[9]
Russen in Berlin : Literatur, Malerei, Theater, Film 1918 - 1933 / hrsg. von Fritz Mierau. - 3., erw. Aufl. - Leipzig : Reclam, 1991. - XXII, 614 S. : Ill. - (Reclam-Bibliothek ; 1196). - ISBN 3-379-00119-8. (zurück)
[10]
Vladimir Nabokov : blaue Abende in Berlin / Thomas Urban. - Berlin : Propyläen-Verlag, 1999. - 248 S. : Ill. - ISBN 3-549-05777-6 : DM 38.00. (zurück)
[11]
Das russische Theater in Berlin : 1919 - 1931 / Michaela Böhmig. - München : Sagner, 1990. - 324 S. - (Arbeiten und Texte zur Slavistik ; 49). - ISBN 3-87690-457-9. (zurück)
[12]
Geschichte der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland von der Gründung bis in die Gegenwart / Gernot Seide. - Wiesbaden : Harrassowitz, 1983. - XII, 476 S. - (Veröffentlichungen des Osteuropa-Institutes München : Reihe Geschichte ; 51). - ISBN 3-447-02352-X : DM 164.00 sowie zahlreiche weitere Veröffentlichungen. (zurück)
[13]
Oksana Bulgakova gab z.B. zusammen mit Dietmar Hochmuth die folgende Dokumentation heraus: Der Krieg gegen die Sowjetunion im Spiegel von 36 Filmen : eine Dokumentation / [Hrsg.: Freunde der Deutschen Kinemathek ... Zsstellung, Redaktion und Übersetzung aus dem Russischen von Oksana Bulgakowa & Dietmar Hochmuth]. - Berlin : Freunde der Kinemathek e.V., [1991]. - 168 S. - ISBN 3-927876-05-4. (zurück)
[14]
Russische Autoren und Verlage in Berlin nach dem Ersten Weltkrieg / Thomas R. Beyer ; Gottfried Kratz ; Xenia Werner. - Berlin : Berlin-Verlag Spitz, 1987. - 245 S. : Ill. - (Veröffentlichungen der Osteuropa-Abteilung / Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz ; 7). - ISBN 3-87061-327-0. - Der Band enthält auch eine Zusammenstellung von 39 Signets Berliner Verlage von Jürgen Plähn. - Rez.: Osteuropa. - 38 (1988),9, S. 76 - 77. (zurück)

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