Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 7(1999) 1/4
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Chronologie des pharaonischen Ägypten


99-1/4-406
Chronologie des pharaonischen Ägypten : die Zeitbestimmung der ägyptischen Geschichte von der Vorzeit bis 332 v. Chr. / von Jürgen von Beckerath. - Mainz : von Zabern, 1997. - XIX, 244 S. : Ill. ; 31 cm. - (Münchner ägyptologische Studien ; 46) (Münchner Universitätsschriften : Philosophische Fakultät). - ISBN 3-8053-2310-7 : DM 98.00
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Eine altägyptische Chronologie in IFB zu besprechen, mag manchem Leser unnötig erscheinen. Es sei aber daran erinnert, daß die Chronologie das Rückgrat der Geschichte darstellt und die altägyptische Kultur als die dauerhafteste der gesamten Alten Welt einen Zeitraum von ca. 3000 v.Chr. bis weit in die christliche Ära hinein umfaßt, kurzum: Die Chronologie vieler Nachbarkulturen mißt sich stets an der ägyptischen, die somit die zeitliche Meßlatte der gesamten Alten Welt vor der Klassischen Antike darstellt. So stammt denn auch die erste umfassende Darlegung der altägyptischen Chronologie von keinem geringeren als Eduard Meyer (1904 und 1907), dessen Beobachtungen in den zwanziger und dreißiger Jahren weiter präzisiert wurden. Seitdem aber ist die Forschung immens vorangekommen, sind zahlreiche weitere Quellen entdeckt oder neu interpretiert worden und ist v.a. die Astronomie stärker in das Bewußtsein der Experten getreten. Eine Fülle von Sekundärliteratur war die Folge, die selbst in der Ägyptologie nur von wenigen Experten überblickt wurde.

Das vorliegende Werk füllt hier eine Lücke. Der Autor, emeritierter Professor der Universität Münster, hat über altägyptische Chronologie und Geschichte jahrzehntelang geforscht und publiziert und gilt in der Fachwelt zu Recht als ein Meister dieses schwierigen Forschungsgebietes. Das Werk ist somit eine Zusammenfassung auch seiner eigenen Ergebnisse, gerät aber nicht zu einem weiteren Diskussionsbeitrag zu speziellen Forschungsproblemen, sondern stellt vielmehr eine Einführung in die Chronologie des Altertums dar und führt an eine Materie heran, die an Komplexität kaum zu überbieten ist. Das chronologisch verwertbare Material ist extrem breit gestreut und muß aus vielen Stelen, Ostraka und Papyri mühsam kompiliert werden. Das gesamte Werk ist durch seine genaue Methode, vollständige Dokumentation und ausgewogenen Urteile gekennzeichnet.

Im ersten Teil werden die Mittel zur Zeitbestimmung der altägyptischen Geschichte dargelegt. Dabei werden nicht nur die Quellen vorgestellt, sondern ihr jeweiliger Aussagewert kritisch reflektiert und damit eine gut strukturierte Einleitung in die Materialbasis gegeben. Schwierig wird es aber nicht nur bei der Fülle und Komplexität der Quellen, sondern schon beim Kalender der Ägypter selbst. Jeder ihrer Monate hat genau 30 Tage und je vier Monate (120 Tage) fallen in eine der drei Jahreszeiten (Überschwemmung, Sprießen und Hitze). Diese 12 Monate umfassen 360 Tage, zu denen sich noch 5 "die auf dem Jahr sind", gesellen. So kommen die Ägypter auf ein Jahr von 365 Tagen und schufen damit im 29. Jahrhundert v.Chr. einen übersichtlichen, plausiblen und von Naturereignissen unabhängigen Kalender, der bis auf unsere heutige Zeit durch den julianischen und gregorianischen Kalender weiterwirkt. Probleme ergeben sich bei einem solchen Kalender dadurch, daß der Mond-Monat einheitlich mit 30 Tagen angesetzt wird, obwohl er eigentlich zwischen 29 und 30 Tagen schwankt, was unser moderner Kalender ja berücksichtigt.

Auch arbeiten die Ägypter nicht mit Schaltungen, um diese Abweichungen auszugleichen. Außerdem hat ein Jahr genau genommen 365 Tage und nicht 365, d.h.: alle vier Jahre gibt es eine Abweichung von einem Tag und nach 700 Jahren fällt die Hitze-Jahreszeit z.B. nicht mehr in die Sommermonate. Erst nach 1460 Jahren ist der ägyptische Kalender einmal durch das Jahr hindurchgewandert und die Daten stimmen wieder mit der Natur überein. Der einmal eingeführte Kalender war aber durch die Tradition geheiligt und wurde von den Ägyptern nie mehr grundsätzlich geändert. Altägyptische Kalenderdaten sind also alles andere als plausibel und müssen zuerst umgerechnet werden.

Zur Stütze kalendarischer Angaben über Regierungszeiten, Thronbesteigungen und historische Einzelereignisse läßt sich zudem noch die Astronomie nutzen. Der "Frühaufgang" des Sternes Sirius (ägyptisch Sepedet, griechisch Sothis), der im Juli kurz vor Sonnenaufgang stattfindet, fiel bei Einführung des Kalenders mit der Nilüberschwemmung zusammen und macht die Sothis zur Bringerin der Flut. Derlei Frühaufgänge lassen sich astronomisch auch für rückwirkende Zeiträume exakt bestimmen. Die aus dem Altertum überlieferten Sothis-Daten stellen damit Pflöcke dar, die in den Strom der Zeitangaben als absolute Daten eingerammt werden können. Leider ist das aber in der Praxis komplizierter als es ohnehin schon den Anschein hat und Beckerath führt auch hier den Leser sicher durch das nicht enden wollende Gestrüpp chronologischer Komplikationen.

Während die Ägypter am Anfang ihrer Geschichte nach markanten Ereignissen datierten, bei denen man aber später nicht mehr wissen kann, wann genau diese denn stattgefunden haben, gingen sie schon im 3. Jahrtausend v.Chr. zu einer fiskalischen Zählung über. Da alle zwei Jahre eine Viehzählung zur Besteuerung stattfand, wurden auf diese Weise die Regierungsjahre fixiert. Das "Jahr der 4. Zählung" ist also das 8. Jahr eines Königs. Leider sind die Ägypter irgendwann dazu übergegangen, das Vieh jährlich zu zählen und von diesem - nicht mehr genau bestimmbaren - Zeitpunkt an ist dann ein "Jahr der 4. Zählung" tatsächlich das 4. Jahr eines Königs.

Spätere Könige wichen hiervon ab und zählten gleich nur noch die Jahre ihrer Regentschaft. Sie datieren dann nur noch nach sich selbst und erweisen sich als wahre Herren der Zeit! Starb ein Vorgänger, so begann dessen Nachfolger gleich mit dem "Jahr 1" seiner Regentschaft - bis zum Ende des Kalenderjahres, auf das dann das "zweite Jahr" fiel. Das "1. Jahr" war also u.U. nur wenige Wochen lang und derlei Gepflogenheiten veränderten die Chronologie über einen Zeitraum von 3000 Jahren hinweg reichlich.

Die ältesten uns erhaltenen chronologischen Angaben sind leider sehr fragmentarisch und haben die Forscher zu sehr phantasiereichen Rekonstruktionen eingeladen - hier führt uns der Verfasser musterhaft seriös auf das wirklich Vorhandene zurück und trennt sorgfältig das Belegte von der Spekulation.

Wir wissen, daß die Ägypter zu Verwaltungszwecken Archive mit Königslisten geführt haben, erhalten ist aber nur ein fragmentarischer sog. "Königspapyrus", zu dem sich ein paar weitere Listen aus Tempeln und Gräbern gesellen. Diese Überlieferungen sind nun aber wieder untereinander nicht synchron und werden deshalb vom Verfasser synoptisch präsentiert.

Neben diversen griechischen Historikern (Herodot, Diodor) ist v.a. das griechisch geschriebene Werk des ägyptischen Priesters Manetho einschlägig. Er kompilierte sein Werk Aigyptiaka aus heute verschollenen Archiven. Bei der extrem langen Überlieferungszeit ist aber mit Kopierfehlern zu rechnen, zu denen noch hinzutritt, daß bald eine Kurzfassung seines Werkes kursierte, die dann später in mehreren Versionen überliefert wurde, einmal ganz abgesehen davon, daß neue Abschriften entstanden, die jeweils voneinander abweichen (können) und es somit sehr verschiedene Versionen seines Werkes gibt, was die ohnehin schon komplizierte Chronologie um eine wertvolle Quelle aber auch um ein großes Problem bereichert.

Vielversprechend ist natürlich die Überlieferung von absolut datierbaren astronomischen Ereignissen in ansonsten nur ungefähr datierbaren Quellen, so z.B. die lakonische Erwähnung eines Ereignisses bei dem "der Himmel die Sonnenscheibe verschlang" - offenbar die Sonnenfinsternis vom 30.9.610 v.Chr.

Der "Frühaufgang" der Sothis wurde ebenfalls gelegentlich festgehalten: Auf einem nur ungenau datierten Papyrus wird dieses Ereignis erwähnt und läßt seine chronologische Angabe durch astronomische Berechnungen eindeutig auf den 17.7.1866 v.Chr. festlegen - das früheste gesicherte Datum der altägyptischen Geschichte, das bei seiner Entdeckung die bis dahin gültige Chronologie kräftig durcheinanderwirbelte.

Eine weitere Quelle bilden die Synchronismen, d.h. Gleichsetzungen von ägyptischen Kalenderdaten mit gesicherten Daten aus der Geschichte anderer Völker. So lassen sich weitere Fixpunkte gewinnen, von denen aus neue Daten der ägyptischen Geschichte gesichert werden können. Derlei Synchronismen gibt es für Griechenland, Assyrien, Babylonien, Israel und das Hethiterreich in Kleinasien. Auch hier gilt: Jede neue Quelle ist willkommen, bringt aber auch ihre eigenen neuen Probleme mit sich. Alle relevanten Fakten werden vom Verfasser aufgeblättert und der Leser kann die vorsichtigen Schlußfolgerungen plausibel nachvollziehen.

Daten von Festen oder gemeinsamen Regentschaften können weitere chronologische Quellen darstellen. Auch hier schafft der Verfasser Klarheit und kann viele der vermuteten Ko-Regentschaften in das Reich der Spekulation verweisen.

Diese ausführlichere Wiedergabe des ersten Teils des Werkes soll aufzeigen, worin der eigentliche Wert des Buches liegt: Das gesamte einschlägige Material und die relevante Forschungsliteratur wurden gesichtet, sorgfältig präsentiert, methodenkritisch reflektiert und die Schlußfolgerungen plausibel dargelegt. Zur Lesbarkeit des Werkes trägt seine sehr klare Sprache bei, sowie die Tatsache, daß allzu spezieller Fachjargon vermieden wird und die Transkriptionen aus dem Ägyptischen so gehalten sind, daß Namen auch noch für Nicht-Ägyptologen lesbar sind.

Der zweite Teil des Werkes stellt die Anwendung jener Ergebnisse dar, die im ersten mühevoll gewonnen wurden. Der Verfasser entwirft eine neue Chronologie der altägyptischen Geschichte bis in das Jahr 332 v.Chr., dem Beginn der griechischen Ära durch den Einmarsch Alexanders des Großen in Ägypten. Die Ausführungen sollen hier nicht im einzelnen wiedergegeben werden, sie sind auf S. 79 - 184 nachzulesen. Diese Darlegungen sind die umfassendsten zur ägyptischen Chronologie der letzten Jahrzehnte und bilden ohne Zweifel die Grundlage für jede weitere Diskussion. Alle weiteren Vorschläge zur Chronologie des vorhellenischen Altertums werden sich an diesem Werk zu messen haben.

Der materialreiche Anhang ist ein wichtiger Teil des Buches, finden sich doch in ihm komprimierte Übersichten über die Chronologie, Königsnamen, julianische und gregorianische Daten oder Tabellen zur Verschiebung des ägyptischen Kalenders gegenüber dem julianischen. Ferner findet der Leser Thronbesteigungsdaten, die Rekonstruktion von Annalen und eine Übersetzung des "Königspapyrus" und weiterer Königslisten.

Tabellarisch werden dann die Daten aus den verschiedenen Überlieferungen des Manetho präsentiert. Der umfangreiche Anhang bietet den Vorteil, daß der Leser alle relevanten Quellen prüfen kann, ohne ein anderes Werk als das vorliegende konsultieren zu müssen.

Kehren wir zum Ausgangspunkt der Besprechung zurück: Auch wenn der Titel des Werkes den Eindruck einer ägyptologischen Spezialabhandlung vermittelt, so handelt es sich beim vorliegenden Werk um nichts weniger als die Grundlegung einer Chronologie des vorgriechischen Zeitalters. Deshalb darf es in keiner Bibliothek fehlen, deren Bestand oder Sammelauftrag irgendeinen Bezug zur Alten Geschichte hat.

Eckhard Eichler


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