Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 7(1999) 1/4
[ Bestand im SWB ]

Heyses Novellen


99-1/4-186
Heyses Novellen : ein literarischer Führer / Rainer Hillenbrand. - Frankfurt am Main ; Bern [u.a.] : Lang, 1998. - 991 S. ; 23 cm. - ISBN 3-631-31360-8 : DM 198.00
[5102]

Der bis vor kurzem an der Universität Cambridge, jetzt in Heidelberg lehrende Germanist Rainer Hillenbrand hat mit seinen Arbeiten großen Anteil an der seit einiger Zeit zu beobachtenden Heyse-Renaissance, welche diesen Autor von dem lange herrschenden Klischee befreit, er sei - aller Resonanz bei den Zeitgenossen und dem Nobelpreis zum Trotz - doch nur ein eher trivialer Autor des 19. Jahrhunderts gewesen, dessen Lektüre ein bürgerliches Publikum zu bloß unterhaltendem Vergnügen gelesen habe. Ist doch einer mentalitätsgeschichtlich orientierten Historiographie einschließlich der Literaturgeschichtsschreibung inzwischen bewußt geworden, wieviel sich über die Spannungen hinter den Fassaden stabiler Ordnungen des bürgerlichen Lebens erkennen läßt, wenn man fragt, warum gerade dies Publikum so sehr nach solchen Büchern verlangt hat, in denen sich die emotionalen Eruptionen ereigneten, gegen die man sich im wirklichen Leben hinter den Mauern sozialer Konventionen zu schützen versuchte.

Walter Hettches Studien zu Heyses Biographie und Epistolographie,[1] eine höchst aufschlußreiche zensurgeschichtliche Untersuchung zur Maria von Magadala durch Hans-Wolf Jäger,[2] eine gründliche Arbeit zu Heyses Nachdichtungen[3] sind Zeugnisse eines neu erwachten Interesses an Heyse und einer Revision literarhistorischer Fehlurteile. Vor allem aber sind in diesem Kontext mehrere Editionen zu nennen: zum einen die seit 1984 erschienenen, von Marcus Bernauer und Norbert Miller betreuten Nachdrucke im Verlag Georg Olms, sodann mehrere wichtige Briefausgaben, die im Verlag Peter Lang erschienen sind.[4]

Die Korrespondenzen mit Mörike und Petersen hat Hillenbrand ediert, der auch eine gelungene kleine Auswahl von Heyses Novellen in der Manesse-Bücherei besorgt hat.

Der hier vorzustellende literarische Führer behandelt im Anschluß an eine biographische Einführung die frühen Erzählungen sowie alle 177 Novellen des Dichters in der chronologischen Folge der originalen Sammlungen. Einzelne Texte, die Heyse aus den Sammlungen ausgeschlossen hat, sind nach ihrem Erstdruck an chronologischer Stelle eingereiht. Jeder Eintrag zu einer Novelle informiert zunächst über die Entstehungszeit, den Vorabdruck in Zeitschriften, die Erstveröffentlichung in Buchform, soweit sie nicht mit dem Abdruck in der Sammlung identisch ist, und die Fundstelle in der sogenannten Wohlfeilen Ausgabe. Daran schließen sich eine Inhaltsangabe, eine - Besprechung genannte - Interpretation sowie in Auszügen zitierte Äußerungen zum jeweiligen Text, die aus den Tagebüchern des Dichters sowie aus seinen und seiner Korrespondenzpartner Briefen und aus Rezensionen entnommen sind.

Das höchst solide gearbeitete und materialreiche Kompendium wird abgerundet durch eine annalistisch geordnete Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur, die an das Werk von Werner Martin[5] anschließt und bis 1997 berichtet. Bei den Titeln der Primärliteratur wünschte man sich, es wären auch die Verlage in den ansonsten vollständigen Titelaufnahmen genannt. Erschlossen wird der Band durch Register zu: 1. Motiven und Stichwortregister, 2. Schauplätzen, 3. Autoren (der Äußerungen), 4. wirklichen Personen (zu den Abschnitten Inhalt und Besprechung), 5. Zeitschriften (der Vorabdrucke) und 6. den Titeln der behandelten Heyseschen Werke.

Das Titelregister wartet mit einer höchst ungewöhnlichen Besonderheit auf: Durch die Hinzufügung von bis zu drei Sternchen teilt Hillenbrand seine literarische Wertung der Texte mit. Immerhin kommen zwei Sternchen 21mal vor und drei Sternchen (für herausragende Qualität) begegnen noch 17mal. Jeder Kenner wird - zumindest bei den dreifach gesternten Titeln, zu denen Hillenbrand u.a. Andrea Delfin, Das Mädchen von Treppi, Der letzte Centaur, Die Nixe, F.V.R.I.A. und Himmlische und irdische Liebe rechnet - diesen Urteilen gern folgen.

Hans-Albrecht Koch


[1]
Z.B.: Paul Heyses Briefwechsel : Möglichkeiten der Edition, dargestellt am Beispiel der Korrespondenz mit Berthold Auerbach / Walter Hettche. // In: Euphorion 89 (1995), S. 271 - 321. (zurück)
[2]
Eine forensische Tragödie : Paul Heyse / Hans-Wolf Jäger. // In: Schriftsteller vor Gericht : verfolgte Literatur in vier Jahrhunderten / hrsg. von Jörg-Dieter Kogel. - Frankfurt a.M., 1996, S. 117 - 129. (zurück)
[3]
Paul Heyse Italianissimo : über seine Dichtungen und Nachdichtungen / Gabriele Kroes-Tillmann. - Würzburg : Königshausen & Neumann, 1993. - 341 S. : Ill. - (Studien zur Literatur- und Kulturgeschichte ; 5). (zurück)
[4]
Ein Buch der Freundschaft über getrennte Welten hinweg : die Korrespondenz zwischen Wilhelm Bolin und Paul Heyse / Susanne Freijborg. - 1992. - Ein Gefühl der Verwandtschaft : Paul Heyses Briefwechsel mit Eduard Mörike. - 1997. - Briefe an Wilhelm Petersen / Paul Heyse. - 1998. (zurück)
[5]
Paul Heyse : eine Bibliographie seiner Werke / hrsg. von Werner Martin. - Hildesheim [u.a.] : Olms, 1978. - XVIII, 187 S. - (Bibliographien zur deutschen Literatur ; 3). (zurück)

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