Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 7(1999) 1/4
[ Bestand im SWB ]
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Prachtkorane aus tausend Jahren


99-1/4-145
Prachtkorane aus tausend Jahren : Handschriften aus dem Bestand der Bayerischen Staatsbibliothek München ; [Ausstellung 7. Oktober - 28. November 1998] / Bayerische Staatsbibliothek München. [Ausstellung und Katalog: Helga Rebhan und Winfried Riesterer. Red. Karl Dachs]. - München : Bayerische Staatsbibliothek, 1998. - 75 S. : Ill. ; 24 cm. - (Schatzkammer / Bayerische Staatsbibliothek ; 1998). - ISBN 3-9802700-3-3 - ISBN 3-447-04116-1 (Harrassowitz) : DM 48.00. - (Harrassowitz, Wiesbaden, in Komm.)
[5285]

Als Nachfolgerin der von Herzog Albrecht V. gegründeten Hofbibliothek, gelangte die heutige Bayerische Staatsbibliothek schon früh, nämlich 1558, in den Besitz kostbarster Koranfragmente und Koranhandschriften. Sie gehörten ursprünglich dem Diplomaten und Orientalisten Johann Albrecht Widmanstetter (1505 - 1557), der eine umfangreiche Bibliothek, darunter etwa 200 orientalische Handschriften, zusammengetragen hatte. Widmanstetter verfügte über gute Arabischkenntnisse und setzte sich auch inhaltlich intensiv mit dem Koran auseinander.[1] Als Ergebnis seiner Studien veröffentlichte er 1543 in Nürnberg zwei heute nahezu verschollene Schriften: eine lateinische Teilübersetzung des Koran[2] und eine Biographie Mohammeds,[3] ebenfalls mit Auszügen aus dem Koran versehen. Im selben Jahr konnte Theodor Bibliander unter größten Schwierigkeiten seine erste vollständige, ebenfalls lateinische Koranübersetzung veröffentlichen.[4]

Zuwachs erhielt dieser Grundbestand (von dem in der Ausstellung fünf Exponate gezeigt wurden, nämlich die Katalog-Nr. 4 - 5, 6 [zwei Stücke] und 7) 1803 durch die Säkularisation bayerischer Klöster (wie Tegernsee, Benediktbeuern und Polling), die im Zuge der geistigen Auseinandersetzung mit den außerchristlichen Religionen auch in den Besitz von Koranhandschriften gelangt waren (Katalog-Nr. 9 und 19). Durch den Umzug der Mannheimer Hofbibliothek zu Beginn des 19. Jahrhunderts, gelangte eine weitere Kostbarkeit nach München (Katalog-Nr. 20). Ganz bedeutend vergrößert wurde dieser Grundstock allerdings in den vergangenen drei Jahrzehnten durch den inzwischen pensionierten Leiter der Handschriftenabteilung, Karl Dachs. Von den in der Ausstellung präsentierten Prachtkoranen erwarb die Handschriftenabteilung der Bibliothek unter seiner Leitung seit 1966 immerhin 25 weitere, sehr bedeutende Stücke, die jetzt im Katalog unter den Nummern 1 - 3, 8, 10 - 17, 20 - 21, 23 - 26, 27 [drei Stücke], 28 - 31 beschrieben sind.

Zusammen mit den Altbeständen und diesen Neuerwerbungen rückte die Bayerische Staatsbibliothek mit ihrer Kollektion von Koranhandschriften in die Spitzengruppe der Sammlungen außerhalb der islamischen Welt auf. Neben der privaten Nasser D. Khalili Collection in London, besitzen vergleichbare Bestände nur noch die British Library (London), die Chester Beatty Library (Dublin), die Bibliothèque Nationale (Paris) und die Vatikanbibliothek.

Einen Teil ihres Koranbestandes machte die Bayerische Staatsbibliothek im vergangenen Jahr in einer Sonderausstellung unter dem Titel Prachtkorane aus tausend Jahren vom 7. Oktober bis 28. November 1998 - erstmalig in Deutschland - einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.[5] Unter der redaktionellen Leitung von Karl Dachs publizierte die BSB parallel zur Ausstellung den gleichnamigen Katalog, dessen Konzeption (und die der Ausstellung) gemeinsam von Helga Rebhahn und Winfried Riesterer erarbeitet wurde. Präsentiert wurden 35 Exponate. Ergänzend zu dieser Auswahl aus der Schatzkammer wurden kostbare frühe Korandrucke sowie Schreibmaterialien und Bindegerätschaften aus islamischen Ländern vorgestellt. Ein Manko im begleitenden Katalog ist, daß dieser Teil der Präsentation leider nicht beschrieben und publiziert wird.

Die beschriebenen Stücke (darunter: zwei Koranfragmente [zusammengefaßt unter der Katalog-Nr. 6] sowie drei Miniaturkorane mit Amulettcharakter [zusammengefaßt unter der Katalog-Nr. 27]) werden alle in Photos von sehr guter Farbqualität abgebildet. Warum allerdings die Katalog-Nr. 13 und der eine Miniaturkoran unter der Nr. 27 nicht auch noch mit reproduziert wurden, ist nicht ganz verständlich. An der Blattgröße kann es jedenfalls nicht gelegen haben, denn alle Stücke wurden (zum Teil stark) verkleinert. Bedingt durch die große chronologische Spannbreite, die zudem glücklicherweise fast alle Stilrichtungen islamischer Buchkunst umfaßt, ermöglichen es die Abbildungen, gemeinsam mit den Beschreibungen - auch dem Nichtfachmann - die ornamentale Kunst und Kultur islamischer Kalligraphie grob einzuordnen und in etwa zu bestimmen. Vertreten sind: die Kerngebiete der arabischen Zivilisation, das maurische Spanien mit seinem Maghreb, der Iran, das osmanische Reich sowie das islamische Indien zur Zeit der Mogulkaiser.

Den Meistern der Kalligraphie ebenbürtig waren die Meister der Einbandkunst. Schrift und Einband werden häufig zu einem Gesamtkunstwerk vereint. Der Katalog zeigt davon fünf Beispiele (Katalog-Nrn. 20, 25 - 26, 27 [ein Miniaturkoran] und 30), die Hochachtung und Bewunderung bei dem Betrachter erwecken. Künstlerische Stilrichtungen lassen sich hieraus allerdings nicht ableiten.

Nun ist es aber nicht Aufgabe dieses Kataloges - der mehr für ein allgemeines Publikum als für den Orientalisten bestimmt ist - Detailfragen zu stellen und zu klären. Dennoch ist anzumerken, daß weder die Titelüberschrift "Goldkoran" (Katalog-Nr. 3) und in der dazugehörigen Beschreibung der Ausdruck "Blauer Koran" befremdend, ja nicht korrekt sind. Diese Wortschöpfungen treffen zwar werbewirksam den umgänglichen Sprachgebrauch, sind aber in keiner Weise haltbar. Sogar der internationale Handel, der auf kommerzielle Aspekte achten muß, verzichtet auf solche Vereinfachungen. Es hat nie "Goldkorane" oder "Blaue Korane" gegeben! Vom Koran, dem heiligen Buch des Islam, gibt es nur Abschriften, die auf farbig eingefärbtem - oder farbig grundiertem - Pergament oder Papier geschrieben wurden. Je nach der gebrauchten Technik, heißt es demnach korrekterweise (auch in der entsprechenden Fachliteratur) "Koran auf Papier mit Goldgrundierung" oder "Koran auf blau eingefärbtem Pergament". Desungeachtet: Der Katalog will generell informieren und Interesse wecken. Diese Intention wird erfüllt, und somit gehört er in den Handapparat einer jeden Bibliothek, die sich mit Islamica beschäftigt.

Marc-Edouard Enay


[1]
Vgl. Katalog-Nr. 4. (zurück)
[2]
Notationes contra Mohammeti dogmata, cum eptiome Alcorani ... (zurück)
[3]
Mahometis Abdallae filii Theologia dialogo explicata, ... Alcorani epitome, ... (zurück)
[4]
Vgl. Mohammed und Der Heilige Koran / M.-A. Enay, 1995, S. 69. - Rez.: IFB 96-2/3-202. (zurück)
[5]
Die Ansprache zur Ausstellungseröffnung liegt in gedruckter Form vor: "Siehe, wir sandten ihn herab als arabischen Koran" / Hartmut Bobzin. // In: Bibliotheksforum Bayern. - 27 (1999),1, S. 3 - 16 : Ill. (zurück)

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