Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 7(1999) 1/4
[ Bestand im SWB ]
[ Bestand im SWB ]

Der Musikverlag Johann André in Offenbach am Main


99-1/4-105
Der Musikverlag Johann André in Offenbach am Main : Studien zur Verlagstätigkeit von Johann Anton André und Verzeichnis der Musikalien von 1800 bis 1840 / Britta Constapel. - Tutzing : Schneider, 1998. - 651 S. : Ill. ; 25 cm. - (Würzburger musikhistorische Beiträge ; 21). - Zugl.: Göttingen, Univ., Diss., 1998. - ISBN 3-7952-0941-2 : DM 170.00
[5531]

Die Arbeit, eine bei Prof. Ulrich Konrad (Würzburg) 1998 abgeschlossene Göttinger Dissertation, führt die von Wolfgang Matthäus dargestellte und 1973 im selben Verlag erschienene Frühgeschichte des - nach Breitkopf & Härtel zweitältesten noch existierenden[1] - deutschen Musikverlags fort.[2] Der 1772 von Johann André gegründete Verlag ist nicht nur einer der größten, sondern auch einer der bedeutendsten Musikverlage. Er stellte für die Musikpraxis ein umfangreiches und qualitätvolles Notenmaterial bereit und trug wesentlich zur Verbreitung der Werke Haydns, Beethovens und vor allem Mozarts sowie vieler heute weniger bekannter Zeitgenossen bei. Diese Editionen sind heute Quellen für die musikhistorische Forschung und von großem Wert für die Kenntnis der Musik jener Zeit geworden. Auch in der Geschichte des Musiknotendrucks hat der Offenbacher Verlag dadurch Bedeutung erlangt, daß er als Erster die Erfindung des Druckverfahrens mit Steinplatten für den Notendruck nutzte. Die Anwendung der Lithographie hat seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts das Erscheinungsbild der Musikeditionen geprägt, sowohl der Notentexte als auch der Ziertitel, und ist von vielen anderen Verlegern übernommen worden.

Der l. Teil des Bandes behandelt die Verlagsgeschichte der Jahre 1800 bis 1840 in drei Abschnitten: Johann Anton André (1775 - 1842), der Sohn des Verlagsgründers (Lebenslauf, seine Beziehung zu Senefelder, Lithographie, Verbindung zu Constanze Mozart und Erwerbung des Mozart-Nachlasses), Das Verlagsgeschäft (Beschreibung der Geschäftsunterlagen wie Verlags-, Kopier- und Journalbücher, Kataloge, des Geschäftsbetriebes und der Verlagsprodukte), und Die Verlagspolitik (Verlagsprogramm, das Problem des Nachdrucks). Der Verfasserin gelingt die Durchdringung und gediegene Aufarbeitung eines umfangreichen Materials sowie eine anschauliche Darstellung ihrer umfassenden Forschungsergebnisse auf 110 Seiten. Der bibliographische Wert und der für die Datierung der Verlagswerke praktische Nutzen liegt im 2. Teil, einem beinahe lückenlosen Verzeichnis der Verlagswerke von 1800 - 1840 mit den Verlagsnummern 1400 bis 6400. Angegeben werden zu den einzelnen Druckwerken: Verlagsnummer, Komponist und gegebenenfalls die Nummer im jeweiligen Standard-Werkverzeichnis, Titel, Preis, Datierung und Datierungsquelle, der eventuelle Bearbeiter, Opuszahl und der Vermerk, ob von dem Stück ein Archivexemplar vorhanden ist. Bei den zitierten Werkverzeichnissen (Köchel, Kinsky-Halm, Hoboken usw.) werden die Werke Pleyels nach dem Benton-Katalog (mit der Abkürzung Bent) und für einen Teil der Werke Spohrs die Nummern des Göthel-Verzeichnisses (abgekürzt Göth) angegeben. Für die Werke von Kozeluch fehlen dagegen die Standardnummern des thematischen Katalogs von Milan Postolka.[3]

Als 3. Teil folgen zwei Register: Verzeichnis der rund 450 verlegten Komponisten und der anonymen Werke (S. 352 - 485) und eine systematische Zusammenstellung der Werke nach Besetzungen (S. 486 - 642). Innerhalb der Besetzungsgruppen erfolgt die Aufzählung nicht alphabetisch nach Komponisten, sondern nach Verlagsnummern. Zur Datierung der normalerweise ohne Angabe des Erscheinungsjahrs gedruckten älteren Musikalien war man bisher auf das verdienstvolle Werk von Otto Erich Deutsch[4] angewiesen, das mit Erscheinungsjahren belegte Editions- oder Plattennunmmern verzeichnete. Während Deutsch für den Zeitraum 1800 bis 1840 44 datierte Verlagsnummern mitteilte, die zur Datierung der André-Ausgaben bereits wertvolle Anhaltspunkte gaben, ist hier nun das Hundertfache an Drucken mit Verlagsnummern - das vollständige Verlagsrepertoire J. A. Andrés - aufgeführt. Rund 550 Nummern sind unbesetzt geblieben, für einige Nummern (1875, 1895, 2731, 2950, 3703) gibt es keine Nachweise. Nur für eine Minderzahl von Drucken konnten Datierungsbelege beigebracht werden; im Übrigen müssen Erscheinungsdaten wie bei O. E. Deutsch weiterhin interpoliert werden.

Einige Probleme der Namensansetzung sind hier anzusprechen:

1. Vornamen werden meist - manchmal übervorsichtig, z.B. Joseph Müntzberger und J. Müntzberger - aufgelöst, mitunter aber stets abgekürzt angegeben, z.B. Vanderhagen, A. J. Fr. Jos. = Armand Jean François Joseph; Blangini, G. M. M. Felice = Giuseppe Marco Maria Felice; Saint-Lubin, N.-A.-A.-L. de = Napoléon Antoine Eugène Léon. - Hier seien noch einige Vornamen und Lebensdaten ergänzt: Bockmühl, R. E. = Robert Emil (1820 - 1891); Gretscher, Fr. = Franz Gretscher (1816 - 1895); Delamare, J. ([nicht:] Joseph?) ist der Cellist Jacques-Michel Hurel de Lamare (Delamarre) (1772 - 1823); Sedlatzek, Jean = Johann S. (1789 - 1866); Hettersdorf(f), F. v. ist der Mainzer Domherr Emmerich Joseph Freiherr von H. (1766 - 1830); Nohr, Friedrich = Christian Friedrich Nohr (1800 - 1875); Cramer, Heinrich, identisch mit dem populären Klavierkomponisten Henry Cramer (1818 - 1877), desgleichen Peter Hänsel, der sich Pierre Haensel nannte; die Lebensdaten von Johann Gottfried Schade sind 1756 - 1828 und die von Jean Sedlatzek = Johann Sedlatzek 1789 - 1866. - Nina d'Aubigny (1777 - 1848), die in den Nachschlagewerken meist unter Aubigny geführt wird, steht hier (ohne Verweisung) unter Engelbrunner. - Steinwarz und Uber: der in keinem Musiklexikon nachschlagbare Dilettant Jakob Friedrich Joseph Wilhelm Steinwarz (1779 - 1847) war Fürstlich Leiningenscher geheimer Kabinettssekretär und künstlerischer Leiter des Gesellschaftstheaters in Amorbach, das 1807 eröffnet wurde und bis 1814 bestand. Alexander Uber, Freund Carl Maria von Webers, war Konzertmeister in der dortigen 1814 aufgelösten Hofkapelle. Die hier verlegte Gemeinschaftskomposition dürfte daher spätestens in die Zeit von 1814/15 fallen.

2. Die Schreibweise böhmischer Familiennamen ist oftmals diskutabel. Während es in der DDR üblich war, die tschechische Schreibweise (und auch die tschechisierte Schreibweise für deutschstämmige Autoren wie Rejcha, Stamic usw.) zu gebrauchen, werden heute wieder die deutschen Namensformen deutschböhmischer Autoren und der im deutschsprachigen Raum wirkenden Tschechen in deren selbst gewählten Schreibungen verwendet. B. Constapei hat sich mehrheitlich für die deutschen Namensformen (die gebräuchlichen) entschieden (Kozeluch, Gyrowetz, Vanhal, Wranitzky, Krommer, den die Tschechen Krámar nennen), jedoch die Schreibung Koczwara, Frantisek (statt Kotzwara, Franz), Becvarovsky, Antonín Frantisek (statt Beczwarzowsky, Anton) und Vitásek, Jan Nepomuk August (statt Wittassek, Johann August) bevorzugt. Es wäre nachzuprüfen, ob die tschechischen Namensschreibungen dieser Komponisten auf den Titelblättern der André-Ausgaben erscheinen. In Zweifelsfällen sollte von der quasi offiziellen auf die übliche bzw. vorliegende Namensform verwiesen werden.

3. Leider muß überhaupt das Fehlen von Verweisungen beklagt werden, die für die Benutzung nützlich (gewesen) wären und die für ein Nachschlagewerk wie das vorliegende unverzichtbar sind. So erscheint Johann Wenzel Stich nur unter seinem Pseudonym Punto, Giovanni nebst dem Hinweis [= Stich, Jan Václav].

Rückverweisungen von Mitverfassernamen werden nicht gegeben, d.h. die Zweitverfasser erscheinen nicht wieder unter ihren eigenen Namen im Komponistenalphabet. So steht die Violinschule von Baillot, Rode und Kreutzer nur unter Baillot; die Variationen von Beethoven und von Philipp Carl Hoffmann über ein Thema von Peter von Winter stehen nur unter Beethoven, aber nicht unter Hoffmann, obgleich sie ein eigenes Werk dieses Komponisten sind. Die erwähnte Gemeinschaftskomposition von Steinwarz und Uber findet man nicht unter Alexander Uber; der unter Beethovens Namen erschienene Sehnsuchtswalzer steht nur unter Beethoven, L. v. (richtig: Schubert, Franz), aber nicht unter Schubert, desgleichen die Ausgaben des Walzers Letzte Idee nur unter Weber, C. M. v. (richtig: Reissiger, C. G.) und nicht unter Reissiger, Carl Gottlieb (1798 - 1859), wo sie ja eigentlich hingehören. - Ebenso fehlen alle Zweitverfasser der Ausgaben Mozart/André, Dornaus/André, Gelinek/Kauer, Kreutzer/Bochsa, Kreutzer/Cherubini usw. usw.

4. Bearbeitungen gelten inzwischen als den Originalkompositionen gleichwertige Leistungen und sind heute von vielen Ensembles gesuchte Werke. Insofern wäre es durchaus angebracht und sinnvoll gewesen, die Bearbeiter und ihre Arrangements in das Komponistenalphabet mit aufzunehmen oder sie in einem Personenregister nachzuweisen. Die meisten stehen als Komponisten im Register, aber eben nicht als Arrangeure; einige (wie Ahl, Foreit, Gambaro, J. D. Hoffmann, Lachnith, Seyfried, Vaillant, Weiland, Will) kommen im Namenalphabet überhaupt nicht vor. Wünschenswert wäre auch ein Register der Originalautoren gewesen, über deren Werke andere Komponisten Variationen geschrieben haben, wie der oben genannte P. v. Winter mit Beethoven und Hoffmann.

Zuletzt seien hier zwei Druckfehler verbessert: bei Weigl's Marsch aus Festas Feuer (VN 2444) handelt es sich um Vestas Feuer, eine Oper von Emanuel Schikaneder, von der Beethoven die erste Szene komponiert hat; und Narciße (!) Paz gehört unter Paz, Narcisse ist der Vorname.

Bleibt zu hoffen, daß nach diesem wichtigen Buch eine Fortsetzung des Verzeichnisses der Editionen dieses auch für die zweite Hälfte des bibliographisch so schwierigen 19. Jahrhunderts wichtigen Musikverlags in Offenbach erarbeitet wird.

Fritz Kaiser


[1]
Der Musikverlag von Schott in Mainz ist nicht 1770, wie die meisten Nachschlagewerke angeben, sondern 1780 gegründet worden, wie der Verfasser der folgenden Untersuchung nachgewiesen hat: Bernhard Schott, Hofmusikstecher in Mainz : die Frühgeschichte seines Musikverlages bis 1797 ; mit einem Verzeichnis der Verlagswerke 1779 - 1797 / Hans-Christian Müller. - Mainz : Schott, 1977. - 219 S. : Ill. - (Beiträge zur mittelrheinischen Musikgeschichte ; 16). - ISBN 3-7957-1316-1 : DM 29.80. (zurück)
[2]
Johann André, Musikverlag zu 0ffenbach am Main : Verlagsgeschichte und Bibliographie ; 1772 - 1800 / Wolfgang Matthäus. - Tutzing : Schneider, 1973. - 401 S. : Ill. ; 25 cm. - ISBN 3-7952-0123-3 : DM 160.00 (zurück)
[3]
Leopold Kozeluh : zivot a dílo / Milan Postolka. - Praha : Státní Hudební Vydavatelství, 1964. - 387 S. : Notenbeisp. (zurück)
[4]
Musikverlags-Nummern : eine Auswahl von 40 datierten Listen 1710 - 1900 / von Otto Erich Deutsch. - 2. verb. und 1. deutsche Ausg. Berlin : Merseburger, 1961. - 32 S. - (Edition Merseburger ; 1440). (zurück)

Zurück an den Bildanfang