Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 6(1998) 3/4
[ Bestand im SWB ]

Vokabular des Nationalsozialismus


98-3/4-195
Vokabular des Nationalsozialismus / Cornelia Schmitz-Berning. - Berlin [u.a.] : de Gruyter, 1998. - XLI, 710 S. ; 24 cm. - ISBN 3-11-013379-2 : DM 128.00
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Eine Merkwürdigkeit verdient Aufmerksamkeit: Die Verfasserin dieser umfänglichen lexikographischen Zusammenstellung hält sich mit Angaben zur eigentümlich langen Vorgeschichte ihres Nachschlagewerkes auffallend zurück, so daß der Verdacht einer fürsorglichen Verkaufsstrategie des Verlages fast schon naheliegen mag. Denn nur beiläufig wird in der Danksagung (S. VII) mitgeteilt, daß eine "erste Beschäftigung" mit der "Sprache des Nationalsozialismus" bereits "in den fünfziger (!) Jahren" in den "kenntnisreichen und ungemein anregenden wort- und sprachgeschichtlichen Seminaren" des damals in Bonn lehrenden (Alt)Germanisten Werner Betz (1912 - 1980) stattgefunden hat. Da sich die Verfasserin konsequent bedeckt gibt, muß ein Blick in die Verbundkataloge weiterhelfen. Dabei erweist sich, daß die Autorin, jedenfalls unter ihrem Mädchennamen, nicht gerade eine Unbekannte ist; kurios ist immerhin die Praxis, in den titelreichen Verzeichnissen dieser magistralen abermaligen Beschäftigung mit einem Lebensthema die Vorarbeiten, die in der Substanz verblüffend konstant geblieben sind, durchweg zu verleugnen. Sieht man von einer kryptischen Anspielung in den "Hinweise(n) für den Benutzer" ab (S. X), bleibt die Bonner maschinenschriftliche Dissertation (Doktorvater: Werner Betz) mit dem Titel Die Sprache des Nationalsozialismus <U 58.1109>, die später in der von Betz herausgegebenen Zeitschrift für deutsche Wortforschung in sechs Fortsetzungen in den Jahren 1960 - 1963 veröffentlicht wurde, unerwähnt; nicht erwähnt wird außerdem eine einschlägige - übrigens auch schon bei de Gruyter publizierte - Monographie,[1] die insofern, wie am Ende der Zeitschriftenausgabe vorgreifend angekündigt, eine "Bearbeitung" darstellte, als nunmehr im wesentlichen nur ein aus Zitaten und Kommentaren bestehendes "Vokabular des Nationalsozialismus" - so der Untertitel - geboten und auf die in der voraufgehenden Zeitschriftenpublikation enthaltenen zusammenhängenden Interpretationen der sprachlichen Befunde in stilistischer, rhetorischer und zeitgeschichtlicher Hinsicht zugunsten einer vergleichsweise überaus knappen Einleitung verzichtet wurde. Das Volumen der lexikalischen Einträge fiel mit gut 500 Lemmata im übrigen in etwa stets umfangsgleich aus; die Abweichungen im verzeichneten Wortmaterial sind insgesamt vernachlässigenswert. Zunächst mag sich daher der Eindruck aufdrängen, daß sich gegenüber 1964, dem Jahr der vorletzten Präsentation, nur eine Umetikettierung vollzogen hat: Was 1964 nur Zusatz zum Sachtitel war, wird 1998 zum Hauptsachtitel Vokabular des Nationalsozialismus.

Eine derartige Einschätzung bedarf jedoch der Relativierung. Natürlich konnte in der langen Inkubationsphase der abermaligen Bearbeitung der Sonderlexik des Nationalsozialismus der sog. Forschungsstand, der allerdings auffallend selektiv dokumentiert und wohl auch nur entsprechend ausgewertet wurde,[2] nicht gänzlich ignoriert werden. Der ursprünglich charakteristische Rekurs auf das (sprach)philosophische Systemdenken des deutschen Idealismus (Goethe, W. v. Humboldt, Fichte), der gleichsam zwanglos mit einem diffus-vagen Totalitarismus-Konzept vereinbar schien, wäre aus heutiger linguistischer Perspektive anachronistisch; er ist daher getilgt. Der pointierte Personalismus, der die großen Manipulateure (Hitler, Goebbels und in geringerem Maße: Alfred Rosenberg) im Übermaß prägenden Einfluß auf den öffentlichen Sprachgebrauch der gesamten Population gewinnen ließ, ist (stillschweigend) revidiert; er wird jedenfalls nicht mehr programmatisch vorgetragen. Die Problematik der Affinitäten bzw. Differenzen von Alltagssprache und Politischer Sprache, wie sie ihren unreflektierten Niederschlag bereits im Buchtitel Vokabular des Nationalsozialimus als große Zweideutigkeit behauptet, ist hingegen abermals nicht angemessen thematisiert, so daß immer noch die irreführende Entsprechung von hermetisch geschlossener Einheitssprache und monolithischem ("totalem") Führerstaat suggeriert wird. Allerdings wurde schon in den früheren Phasen der Bearbeitung einerseits die geringe innovative, sprachschöpferische Potenz des "Nationalsozialismus" betont und andererseits dessen Prozeßcharakter hervorgehoben, so daß diesem als historischem Phänomen insgesamt nur eine relative Eigenständigkeit zugesprochen werden konnte. Daß der Nationalsozialismus sprachgeschichtlich nicht "Epoche" machte, ist heute Gemeingut.[3]

Die Verfasserin hat ihre lexikographischen Studien stets so verstanden, daß diese einen Beitrag zum Verständnis des Nationalsozialismus - und insbesondere seiner politischen Ideologie - zu geben vermögen. In gewisser Weise war den eigenen Arbeiten lediglich der Status hilfswissenschaftlicher Bemühungen mit den Mitteln der Sprachgeschichte zugedacht; der "Nationalsozialismus", als Objekt wissenschaftlicher Erkenntnis, kann nach ihrem Verständnis ohnehin nur in interdisziplinärer Anstrengung angemessen erfaßt werden. Das Erkenntnisziel war und ist demgemäß vergleichsweise bescheiden; selbst im Bereich der deutschen Sprache der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird für das Segment des politischen Wortschatzes nur der Rang einer Vorarbeit beansprucht. Die fällige Gesamtdarstellung, die in der Tat sich nicht auf die Lexik beschränken könnte, erscheint folgerichtig als Desiderat. Die Adressaten des "Nachschlagebuch(s) zum Vokabular des Nationalsozialismus" werden, indem "Germanisten, Historiker, Politologen, Journalisten und sonstige sprachhistorisch Interessierte" als potentielle Nutznießer ausgemacht werden, nicht ausschließlich im engeren Kreise der Linguisten gesucht. Vorherrschend ist eine dokumentierende Intention, die zu einem "Einblick in die Geschichte und die speziellen Verwendungsweisen von Ausdrücken, Organisationsnamen und festen Wendungen ..., die sich dem offiziellen Sprachgebrauch im NS-Staat zuordnen lassen" (S. V), verhelfen soll. Zugestandenermaßen wird zu diesem Zweck eigentlich nur eine alphabetische Wortliste geboten; um der früher an dieser methodischen Verfahrensweise geäußerten Kritik, es handele sich dabei um "Wörterbuchphilologie" (v. Polenz), zu begegnen, wird nunmehr geradezu exzessiv zitiert, um solchermaßen, nämlich "durch die Zitierung umfangreicher, möglichst sprechender Belegbeispiele", den sprachlichen Handlungskontext mit den Mitteln eines "Textlesebuchs" aufzuzeigen. Das führt gegenüber der Vorfassung von 1964 zu einer Aufschwellung um das Mehrfache des alten Umfangs. Im modernisierten Gewande, gleichsam pragmalinguistisch, soll der zuvor wiederholt artikulierten Kritik isolierender lexikalischer Bedeutungsermittlung begegnet werden.

Die Sprachbelege entstammen in der Regel der sog. Kampf-(Bewegungs-) Zeit sowie der sog. Regimephase des Nationalsozialismus, also etwa dem Zeitraum von 1920 - 1945. Die Quellenbasis, die aus verschiedenen Textsorten besteht, ist breit und berücksichtigt auch die umfänglich überlieferten Versuche der nationalsozialistischen Presse- und Sprachlenkung. Die Grundgesamtheit wurde empirisch-philologisch im Wege des Textvergleichs - u.a. über die systematische Beobachtung der Ab- und Zugänge in den verschiedenen Auflagen gängiger Wörterbücher (Duden!) - durch gewichtende Lektüre, also die "klassische Methode" der Lexikographie, ermittelt. Die Stichwortauswahl setzt neben der Belegdichte die "Zugehörigkeit des Ausdrucks zu einem terminologischen System" voraus. Verfolgt wird das "Konzept der breiten Belegdokumentation im Sinne einer Art Textanthologie in nuce", und zwar ohne Vollständigkeitsanspruch. Dergleichen wäre wegen der Fülle des Materials und - wie die Verfasserin selbstkritisch notiert - wegen des "etwas antiquierten Ein-Personen-Unternehmens" (S. XII) auch durchaus unrealistisch. Zudem stehen für den behandelten Zeitraum keine maschinenlesbaren Datenbanken (Corpora) zur Verfügung, so daß die apparativen Segnungen der Computerlinguistik nicht in Anspruch genommen werden können. Außerdem will beachtet sein, daß "bestimmte Fachbereiche" - die heterogene Kollektion von Wirtschaft, Militär und Luftschutz (!) wird genannt (ebd.) - aus Gründen der Arbeitsökonomie nur marginal behandelt werden. Man hat sich überhaupt stets zu vergegenwärtigen, daß schwerpunktmäßig der politische Sprachgebrauch, und zwar im engeren Sinne, dokumentiert werden soll.

Die Einträge weisen ein konstantes Schema auf, das in der Vollform an erster Stelle in der Kopfzeile den NS-Sprachgebrauch in seiner Bedeutung paraphrasiert, sodann historisch-etymologische Erläuterungen, die durchaus auch einmal bis in die Antike zurückreichen können, folgen läßt, um schließlich im Hauptteil die NS-Verwendung des jeweiligen Ausdrucks im situativen Kontext zu dokumentieren und ggf. Angaben zur späteren Verwendung zu machen.

An den Anfang des Buches sind imponierende Quellen- und Literaturverzeichnisse gestellt, deren Umfang einen Eindruck von der entsagungsvollen, jahrzehntelangen Lektürearbeit der Verfasserin vermittelt (S. XVII - XLI); die selektive Nennung der sprachwissenschaftlichen Fachliteratur wurde schon vermerkt.

Im Kreise der älteren philologischen und sprachkritischen Literatur zur Lexik des Nationalsozialismus (bzw. im Nationalsozialismus) - die klassischen Titel von Klemperer (LTI, zuerst 1946) und Sternberger/Storz/Süskind (Aus dem Wörterbuch des Unmenschen, zuerst 1945/46 und später in z.T. veränderter Form: 1957, 1967, 1986) sind hier anzuführen - zeichneten sich die Arbeiten von Berning (nunmehr: Schmitz-Berning) immer schon durch ihren nüchternen Szientismus aus. Klemperers L(ingua) T(ertii) I(mperii) : Notizbuch eines Philologen, die sich auch heute noch auf dem Buchmarkt behauptet, wird mittlerweile weniger als wissenschaftlicher denn als "literarischer" Text rezipiert. Die besonderen, ganz einmaligen Entstehungsbedingungen sind zu berücksichtigen: die existenzielle Not eines extrem marginalisierten jüdischen Wissenschaftlers, der im Akt distanzierender Selbstvergewisserung in einer lebensbedrohenden barbarischen Umwelt Halt sucht an den Bildungsgütern der "wahren" deutschen Kultur. Die kulturelle Armut des NS-Regimes, sein niedriges intellektuelles Niveau, die Gleichschaltung aller Lebensäußerungen, die durchaus in spiegelbildlicher Entsprechung zur Metaphernsprache des "Dritten Reiches" als Krankheit (vergiftende Infektion) gedeutet werden, erscheinen als "Grundeigenschaft". Klemperer bemerkt selbst, daß sein Notizbuch eigentlich kein "Lexikon" im sprachwissenschaftlichen Sinne ist, daß seine Beobachtungen keine wissenschaftlichen Erkenntnisse darstellen, sondern nur den Status vorläufiger Mutmaßungen beanspruchen können. Ihn verstört zudem die Befürchtung, daß der "Ungeist", der sich sprachlich etabliert hat, mit dem Untergang des NS-Regimes nicht seinerseits verschwindet. Damit begibt sich die Sprachspekulation auf den ungesicherten Boden einer linguistisch unaufgeklärten Sprachkritik, für die das Wörterbuch des Unmenschen ein notorisch abschreckendes Beispiel ist. Das Belegmaterial dieses sog. Wörterbuchs (bzw. eines Auszugs aus diesem) beschränkt sich auf einige Dutzend Signifikanten, die größtenteils von heutigen Mitgliedern der deutschen Sprachgemeinschaft sicher kaum als spezifisch nationalsozialistisch empfunden werden. Die hier dominante Kritik an Spracheigentümlichkeiten der Bürokratie - der Buchtitel von Karl Korn Die Sprache in der verwalteten Welt (1958) gehört gleichfalls in diesen Zusammenhang - hat inzwischen Patina angesetzt und wird heute durchweg als moralisierend und elitär denunziert. Davon ist das Wörterbuch von Schmitz-Berning frei; das Sample ist mit über 500 Einträgen schon eher repräsentativ und vor allem: durchweg nicht eigentlich arbiträr. Gelegentlich aber - z.B. bereits mit den ersten beiden Lemmata (abmeiern, Abmeierung; Ackernahrung) - ist die Aufnahme von Sondersprachenvokabular (Erbhofgesetzgebung) zumindest verblüffend, jedenfalls nicht gerade unmittelbar einleuchtend. Trotz der alphabetischen Anordnung des Belegmaterials, als deren Folge Wortfelder zerstückelt werden, sind die Kernbereiche der NS-Ideologie (Rassismus, Antisemitismus, Biologismus, Militarismus) leicht rekonstruierbar. Damit ist die spezifische Semantik des Nationalsozialismus auf der Basis von Selbstaussagen authentisch wiedergegeben.

Klaus Bleeck


[1]
Vom "Abstammungsnachweis" zum "Zuchtwart" : Vokabular des Nationalsozialismus / Cornelia Berning. - Berlin : de Gruyter, 1964. - VI, 225 S. - (Die kleinen de Gruyter Bände ; 6). (zurück)
[2]
Vgl. dazu Sprache im Nationalsozialismus / Michael Kinne ; Johannes Schwitalla. - Heidelberg : Groos, 1994. - 67 S. - (Studienbibliographie Sprachwissenschaft ; 9). - ISBN 3-87276-703-8. (zurück)
[3]
Vgl. dazu Kontinuität und Diskontinuität in der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts / Dieter Cherubim. // In: Das 20. Jahrhundert : Sprachgeschichte - Zeitgeschichte / hrsg. von Heidrun Kämper und Hartmut Schmidt. - Berlin [u.a] : de Gruyter, 1998. - 446 S. - (Jahrbuch Institut für Deutsche Sprache ; 1997). - ISBN 3-11-015687-3, S. 59 - 82 (weiterführende Literatur zur Problematik sprachgeschichtlicher Zäsuren im 20. Jahrhundert: S. 79 - 82). (zurück)

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