Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 5(1997) 1/2
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The world's writing systems


97-1/2-119
The world's writing systems / ed. by Peter T. Daniels and William Bright. - New York ; Oxford : Oxford University Press, 1996. - XLV, 920 S. : graph. Darst. ; 24 cm. - ISBN 0-19-507993-0 : $ 150.00, 90.00
[4076]
97-1/2-120
The Blackwell encyclopedia of writing systems / Florian Coulmas. - 1. publ. - Oxford : Blackwell, 1996. - XXVIII, 603 S. : Ill. ; 26 cm. - ISBN 0-631-19446-0 : 65.00, $ 74.95
[3671]

Durch den PC, insbesondere durch die mit seiner Hilfe gegebenen Möglichkeiten des Desktop publishing und die Vielfalt der hierfür zur Verfügung gestellten Schriften, sind Schriftbewußtsein und typographische Sensibilität heute verbreiteter als noch vor einigen Jahren. Gleichzeitig hat die Immaterialität und Virtualität der elektronischen Schriften dazu beigetragen, eine nostalgische Rückschau auf die 'harten' Ursprünge der Schrift, auf in Stein gemeißelte und in Ton geritzte Schriften zu fördern. Schrift und Schriftlichkeit, vor allem die Opposition 'Schriftlichkeit' vs. 'Mündlichkeit', ist zu einem beliebten Thema philologisch orientierter Kulturwissenschaften geworden; auch die Industrie, die diesbezügliche Nachschlagewerke verlegt, boomt, erkennbar u.a. in der umfangreichen dreibändigen Bibliographie von Gabriele Graefen[1] zu Schrift und Schriftlichkeit und den beiden hier anzuzeigenden Nachschlagewerken.

The world's writing systems, ein Überblick über die Schriften und Schriftsysteme der Welt, ist in insgesamt dreizehn Sektionen eingeteilt: 1. Grammatology (in der Nachfolge I. J. Gelbs begriffen als Wissenschaft von der Schrift, die ihrerseits verstanden wird als "a system of more or less permanent marks used to represent an utterance in such a way that it can be recovered more or less exactly without the intervention of the utterer" (S. 3); 2. Ancient Near Eastern writing systems (u.a. Schriftsysteme der ersten Zivilisationen, mesopotamische Keilschrift, ägyptische Schriften); 3. Decipherment (über Methoden der Entzifferung oder gar Interpretation von Schriften, u.a. am Beispiel der Maya-Schrift); 4. East Asian writing systems (u.a. chinesische, japanische, koreanische Schriften, asiatische Kalligraphie); 5. European writing systems (griechische, römische, slawische Alphabete, Runenschrift u.a.); 6. South Asian writing systems; 7. Southeast Asian writing systems; 8. Middle Eastern writing systems; 9. Scripts invented in modern times (z.B. von Missionaren erfundene oder fiktive, in literarischen Werken auftretende Schriften); 10. Use and adaptation of scripts (u.a. Adaptationen des römischen und des kyrillischen Alphabets); 11. Sociolinguistics and scripts (mit einem lesenswerten Beitrag von Gerhard Augst, Germany : script and politics, S. 765 - 768); 12. Secondary notation systems (über numerische und phonetische Notationen, Kurzschrift, Notationen der Musik und zur Aufzeichnung von Bewegungen); 13. Imprinting and printing (im wesentlichen über die Dichotomie analoges vs. digitales Schreiben).

Wie aus der Kapitelfolge ersichtlich, sind die Sektionen nicht allein nach regionalem Aspekt geordnet, überdies sind schrifttheoretische, soziolinguistische, historische und anwendungsorientierte Aspekte gliederungsrelevant: eine vorzügliche editorische Entscheidung, da sie einer problemorientierten Darstellung des Themas, dem Einblick in vielfältige faszinierende schrifthistorische, kultur-, religions-, sprach-, sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Zusammenhänge sowie der Berichterstattung über die Mühen der Entzifferung und die Kontroversen der Forschung förderlich ist. Die einzelnen Artikel, von ausgewiesenen Fachleuten geschrieben, geben eine kurze historische Skizze der jeweiligen Schrift (Verbreitung, Nutzung, Bedeutung), eine Tabelle der Zeichen, soweit als möglich vollständig[2] (häufig einschließlich Ziffern und Zahlen, Diakritika sowie Interpunktion) und in standardisierter Folge mit Transliteration und phonetischer Transkription, eine Schriftprobe, ebenfalls mit Transliteration und Transkription sowie einer Übersetzung als Interlinearversion und freier Übersetzung. Den phonetischen Transkriptionen kommt hierbei eine besondere Rolle zu, denn im Unterschied zu anderen Nachschlagewerken zu den Schriften der Welt will der vorliegende survey vor allem darstellen, "how the script actually works - how the sounds of a language are represented in writing" (S. XXXV), und ist hierbei in besonderem Maße an "Symbol-sound correspondences" (S. 359) interessiert. Die einzelnen Beiträge sind von angemessenem Umfang: altpersische Keilschrift: 4 S., armenisches Alphabet: 7,5 S., karolingische Minuskel: 1,5 S. Das über weite Strecken streng technizistisch phonologisch-graphematische Erkenntnisinteresse und der spröde dokumentierende Habitus weisen den Band wohl eher als Nachschlagewerk für Spezialisten aus denn als Informationsmittel für den Laien, der im übrigen verwundert feststellt, daß der vorliegende survey zwar reichlich mit Tabellenwerk (auch komparativem) ausgestattet ist und ein detailliertes Register aufweist, jedoch keinerlei Karten enthält.

Der Unterschied zwischen The world's writing systems und The Blackwell encyclopedia of writing systems ist markant und lädt zu einem direkten Vergleich der beiden Nachschlagewerke geradezu ein. Ersteres, von mehreren Spezialisten geschrieben, ist nach sachlichen Gesichtspunkten (wenn auch nicht nach strenger Systematik) geordnet, eher für den Spezialisten konzipiert; es enthält über weite Strecken sehr detaillierte Informationen und enthält umfangreiche Literaturhinweise, ferner Illustrationen jedoch nur in Form von Schriftproben. Letzteres hingegen, von einem einzigen, durch zahlreiche Publikationen ausgewiesenen Schriftexperten[3] verfaßt, stellt ein alphabetisch geordnetes, um Vermittlung konziser Information bemühtes Sachwörterbuch dar, dessen Adressatenkreis schwer zu bestimmen ist, das aber trotz eines dezidierten theoretical outlook (S. XXVI) nicht zuletzt auch den interessierten Laien ansprechen will (zu Differenzierungen s.u.). Den einzelnen Artikeln sind nur spärliche Literaturhinweise beigegeben: Kurzreferenzen, die in einer etwa 600 Titel aufweisenden Bibliographie (S. 578 - 603) aufgelöst werden; deren Auswahl ist gelegentlich, etwa im buchgeschichtlichen Bereich, kaum nachvollziehbar: beispielsweise wird zwar ein Ausstellungskatalog zu Gutenberg (hrsg. von Paul Raabe, 1990) aufgeführt, nicht aber das Standardwerk von Albert Kapr.[4] Das Werk enthält ebenfalls keine Karten, dafür aber vielfältige (nicht selten populärwissenschaftlich gestylte), oft instruktive Illustrationen (S. 88: eine babylonische Tontafel mit Keilschriftinschrift; S. 153: anhand von Buchstaben der Tulo typeface wird die Frage gestellt: "How much variation is tolerable [ ... ] ?").

Insbesondere empfiehlt sich The Blackwell encyclopedia ... durch das breite Spektrum und die Vielfalt der Stichwörter, die durch großzügige Verweisungen miteinander verknüpft sind. Die Stichwörter betreffen vornehmlich Schriften und Schriftsysteme (Gothic alphabet, Hittite hieroglyphic, Khmer writing, Tagalog writing). Der Umfang dieser Artikel ist zumeist deutlich geringer als das Volumen der entsprechenden Beiträge in The world's writing systems (z.B. Malayalam script / Malayalam writing: 1 S. gegenüber 6 S., Ogham script / Ogham eine knappe S. gegenüber fast 6 S.), doch bei manchen Schriften, insbesondere bei einigen nachgeordneten oder eher derivativen Schriften sind die Umfänge nahezu identisch (z.B. uncial / uncial scripts: in beiden Fällen nur wenige Zeilen). Gleichzeitig erfaßt The Blackwell encyclopedia ... aber auch in besonderem Maße schrifttheoretische Konzepte (memory, universals of writing, variation in writing) und zugleich semiotische Schlüsselbegriffe (icon). Ebenso ist Schrift- und Buchwissenschaftliches angemessen berücksichtigt: Beschreibstoffe (clay tablets, papyrus), auch Institutionen und Umgebungen des Schreibens (scriptorium) sowie Typographisches (font, grotesque, point size, serif). Sogar poetologische Termini (word play) sind aufgeführt, deren Schriftabhängigkeit gelegentlich (auch um die Aufnahme des jeweiligen nicht unbedingt zu erwartenden Stichwortes zu rechtfertigen?) explizit angezeigt wird (Beispiel: palindrome: "The palindrome depends on alphabetic writing", S. 387). Auch werden nicht wenige Personen berücksichtigt (Caxton, William; Champollion, Jean-Francois; Lepsius, Karl Richard; Saussure, Ferdinand de). Wissenschaftlicher Anspruch, Niveau, Darstellungsweise, Stringenz und Ausführlichkeit der einzelnen Artikel sind sehr unterschiedlich und machen eine nähere Bestimmung des intendierten Nutzerkreises so schwierig. So sind manche Beiträge problemorientiert (z.B. functions of writing), auf erfreuliche Weise kontextbewußt (Carolingian reform, nicht "Caroline minuscule"), vielleicht ein wenig theorielastig (etwa der hochabstrakte, leider völlig auf Beispiele verzichtende Artikel zu grapheme); zugleich finden sich ein erstaunlich aussagearmer Artikel zu codex (nicht einmal der epochale Wandel von der Buchrolle zum Codex wird erwähnt) und ein insbesondere aus deutscher Sicht eher dürftiger Beitrag zu Gothic type. Kulturgeschichtliches, das von allgemeinem Interesse ist, wird einbezogen (deities of writing), zugleich Alltagskulturelles und Massenmediales aber eher lieblos behandelt (graffito).

Aufgrund der völlig verschiedenen Konzeption wird man sich schwerlich für eines der beiden Nachschlagewerke entscheiden können, und so sollte man beide für den Informationsapparat von Universalbibliotheken erwerben. Dies um so mehr, als Bibliotheken weiterhin eine besondere Fürsorgepflicht für Schriftkulturen haben und sich beide Werke, trotz aller Kontraste, durch ihren theoretischen Zugriff doch wesentlich von älteren, zwar verdienstvollen, doch insgesamt eher bieder-paläographischen Publikationen wie etwa dem Standardwerk von Hans Jensen[5] unterscheiden.

Werner Bies


[1]
Bibliography on writing and written language / comp. by Gabriele Graefen ; Carl Werner Wendland. Ed. by Konrad Ehlich .... In collab. with Georg F. Meier; Reinhard Wenk. - Berlin ; New York : Mouton de Gruyter, 1996. - (Trends in linguistics : Studies and monographs ; 89). - ISBN 3-11-010158-0 : DM 1298.00 (zurück)
[2]
Bei manchen Schriften ist dies jedoch aufgrund der Zeichenfülle (Beispiel: die etwa 6600 Zeichen des Tangutischen, S. 229) nicht zu verwirklichen. (zurück)
[3]
Von den zahlreichen schrifttheoretischen Werken des Autors sei hier nur stellvertretend genannt: Über Schrift / Florian Coulmas. - Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1982. - 152 S. - (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft ; 378). - ISBN 3-518-07978-6. (zurück)
[4]
Johannes Gutenberg : Persönlichkeit und Leistung / Albert Kapr. - 2., durchges. Aufl. - München : Beck, 1988. - 331 S. : Ill. - ISBN 3-406-31580-1. (zurück)
[5]
Die Schrift in Vergangenheit und Gegenwart / Hans Jensen. - 2., neubearb. und erw. Aufl. - Berlin : Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1958. - 582 S. : Ill. (zurück)

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