Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 4(1996) 1
[ Bestand im SWB ]

Lexikon der antiken Gestalten


96-1-045
Lexikon der antiken Gestalten : mit ihrem Fortleben in Kunst, Dichtung und Musik / Eric M. Moormann ; Wilfried Uitterhoeve. Übersetzt von Marinus Pütz. - Stuttgart : Kröner, 1995. - XXVIII, 752 S. ; 18 cm. - (Kröners Taschenausgabe ; 468). - EST: Van Achilleus tot Zeus; Van Alexandros tot Zenobia. - ISBN 3-520-46801-8 : DM 48.00
[3110]

Bei diesem Lexikon handelt es sich um die deutsche Übersetzung und Bearbeitung zweier niederländischer Werke.[1] Der eine Verfasser ist Archäologe der andere Jurist und Verlagsmitarbeiter. Es handelt sich dabei nicht um ein biographisches Lexikon der antiken Welt; der Schwerpunkt liegt vielmehr bei dem Fortleben in Altertum, Mittelalter und Neuzeit, das durchschnittlich etwa zwei Drittel eines jeden Artikels einnimmt. "Für Auswahl und Darstellung der antiken Gestalten [...] sind Intensität und Art ihres Fortlebens als Sujet antiker und nachantiker Kunst und Kultur der leitende Gesichtspunkt" (S. VII). Etwa zwei Drittel der Artikel entfallen auf mythologische, ein Drittel auf historische Gestalten. Bei letzteren erscheinen auch historisch bedeutungslose (z.B. Sophoniba) oder legendäre (z.B. Romulus) Personen, während viele bedeutende Gestalten (z.B. Miltiades, Diocletian) fehlen; nur wenige Dichter und Schriftsteller sind aufgenommen (z.B. Sappho, Cicero, Vergil; nicht dagegen z.B. Homer, Platon, Aristoteles). Einige Artikel sind Personengruppen gewidmet wie z.B. Amazonen, Argonauten, Musen, Sabinerinnen. Nicht-Griechen und -Römer sind spärlich vertreten entsprechend ihrer Bedeutung für die griechisch-römische Welt und ihrem Nachleben, z.B. Semiramis, Dareios, Arminius. Die christliche Antike fehlt völlig, auch z.B. die Kaiser Constantin und Iulian.

Die Artikel sind nach folgendem Schema angelegt: (1) Lebensdaten, stichwortartige Charakteristik ("Berufsbezeichnung"); (2) wichtigste antike Quellen; (3) Grundriß des Mythos bzw. Kurzbiographie mit Betonung der für das Nachleben wichtigen Züge und Episoden; (4) Nachleben in der Antike; (5) Nachleben in Mittelalter und Neuzeit, untergliedert nach[2] a) Dichtung (d.h. Belletristik; vereinzelt auch Filme), b) Bildende Kunst, c) Musik, d.h. vor allem Opern; (6) Literaturangaben.

Die Artikel haben hohen Informationsgehalt und informieren im allgemeinen zuverlässig. Selbstverständlich muß ein Taschenbuch sich auf eine Auswahl beschränken, so daß Fehllisten zwecklos wären; die besonders berühmten und wichtigen Zeugnisse des Nachlebens sind, nach Stichproben zu schließen, berücksichtigt. Bei den Kurzbiographien der historischen Personen fehlt es aber nicht an Ungenauigkeiten, kleinen Fehlern sowie schiefen Formulierungen und Akzentuierungen;[3] zu diesem Bereich sollte man lieber die bewährten allgemeinen Lexika der Antike konsultieren. Bei der Rezeption in der Antike sind Darstellungen auf Münzen auffallend vernachlässigt.[4] Zum Fortleben in der Belletristik wird im Vorwort S. XI ausdrücklich auf Frenzel[5] verwiesen, die zwar weniger Antike-Artikel, darin aber mehr Material bietet und bei der Literaturangaben regelmäßig erscheinen. Die Darstellungsweise im rezeptionsgeschichtlichen Hauptteil der Artikel lehnt sich an Frenzel an, indem die Aufzählung der einzelnen Werke in einen fortlaufenden Text eingebettet ist (und nicht in Listen- oder Tabellenform erfolgt); allerdings wird weniger erläuternder und verbindender Text geboten als bei Frenzel, und die Form der gedrängten Aufzählung dominiert. Die Aktualität läßt zu wünschen übrig: Der Rezensent hat kein Rezeptionszeugnis nach 1983 gefunden; die deutsche Bearbeitung hat hier offenbar nichts ergänzt.

Die Zahl der Artikel ist mit etwas über 200 nicht groß, da die Autoren komplexe Artikel vorziehen. Die meisten der weiteren in den Artikeln genannten Personen werden zwar durch Verweisungen erfaßt, doch fehlt leider ein Register für die gezielte Recherche. Da die Verweisungen - grundsätzlich ohne Seitenangabe - nur auf das Lemma zielen, ist die Suche z.B. nach Pentheus, Omphale und den Sirenen in langen Artikeln mühsam und zeitraubend: Pentheus s. Dionysos; Omphale s. Herakles, oder gar auf mehrere Artikel, z.B. Sirenen s. Argonauten, s. Musen, s. Odysseus. Sinnvoller wäre ein Register, das wie üblich auf Seiten und nicht nur Artikel verweist und dafür eine Beschränkung der Verweisungen auf glatte Fälle wie Venus s. Aphrodite, Alkmene s. Amphitryon und Alkmene. Griechische Namen werden konsequent in griechischer Schreibung geboten: Medeia, Oidipus, Narkissos; als einzige Ausnahmen sind Alexander und Iphigenie aufgefallen.

Die Literaturangaben[6] werden stets in abgekürzter Form gegeben. Die Auflösungen findet man in der umfangreichen Bibliographie S. 713 - 752 mit rund 1000 alphabetisch geordneten Titeln, von denen aber vermutlich die meisten nur einmal zitiert werden. Günstiger wäre es wohl, die Bibliographie auf eine übersichtliche Liste der häufig (und abgekürzt) zitierten Standardwerke zu beschränken und alles Spezielle in den einzelnen Artikeln voll zu zitieren. Die deutsche Bearbeitung des Buchs weist hier eine beachtliche Aktualität auf: So sind die Publikationen des Archäologen B. Andreae zu den Odyssee-Skulpturen und zum Laokoon bis 1994 zitiert, und Arminius weist sogar eine Literaturangabe von 1995 auf. Daß das noch im Erscheinen befindliche Lexicon iconographicum mythologiae classicae : (LIMC) im Literaturverzeichnis ebenfalls bis 1994 berücksichtigt ist, nützt insofern wenig, als es in den einzelnen Artikeln nicht zitiert wird, so daß es dem nicht fachkundigen Leser verborgen bleibt.

Der Vorspann enthält außer dem Vorwort zwei Abkürzungsverzeichnisse, die in den Originalausgaben fehlen: S. XIII - XXI antike Autoren und Werke[7]; S. XXII - XXVIII Museen.

Da im Literaturverzeichnis des Lexikons der neue, konkurrierende Oxford guide to classical mythology in the arts, 1300-1990s[8] unverständlicherweise fehlt, sei hier kurz an dieses monumentale Werk erinnert. Da mit "arts" hier nicht nur "Kunst", sondern "fine arts, music, dance, and literature" (S. XVII) gemeint sind, unterscheidet es sich thematisch nur dadurch vom vorliegenden Werk, daß es erst mit dem Spätmittelalter einsetzt und sich auf Artikel über mythologische Figuren und Themen beschränkt; in diesem Rahmen bietet es aber wesentlich mehr Material, vor allem präzisere formale Angaben zu den einzelnen Werken. Diese werden jeweils in einer einzigen chronologischen Folge aufgelistet, wobei jedoch größere Artikel wie z.B. Aphrodite nach Teilbereichen untergliedert sind; es fehlen dagegen die verbindenden und erläuternden Texte, mit denen Frenzel und das vorliegende Lexikon Tendenzen und Schwerpunkte des Nachlebens umreißen. Wie bei Frenzel gibt es im Oxford guide ein Register der rezipierenden Werke, während das Künstler- und Autorenregister des Lexikons in den niederländischen Originalausgaben in der deutschen Fassung leider weggelassen worden ist.

Insgesamt überwiegen die positiven Eindrücke. Das Buch ist in seinem begrenzten Rahmen sehr informationsreich und meistens zuverlässig, wenn auch bezüglich der Genauigkeit und Zuverlässigkeit sowie in formalen Dingen verbesserungsfähig. Es weist diverse Überschneidungen mit anderen Nachschlagewerken auf, die auf ihren Gebieten ebenso gut oder besser informieren; jedoch steht es als umfassendes, kompaktes und zudem preisgünstiges Informationsmittel zur Antikerezeption z. Zt. einzig da.

Bernd Bader


[1]
Van Achilleus tot Zeus : thema's uit de klassieke mythologie in literatuur, muziek, beeldende kunst en theater / Eric M. Moormann & Wilfried Uitterhoeve. - 4., gecorrigeerde dr. - Nijmegen : SUN, 1992. - 287 S. : Ill. - ISBN 90-6168-272-X. - Die 1. Aufl. erschien 1987.
Van Alexandros tot Zenobia : thema's uit de klassieke geschiedenis in literatuur, muziek, beeldende kunst en theater / Eric M. Moormann & Wilfried Uitterhoeve. - Nijmegen : SUN, 1989. - 287 S. : Ill. - ISBN 90-6168-310-6.
Die Originalausgaben sind im Gegensatz zur deutschen Ausgabe reich bebildert. (zurück)
[2]
Die Reihenfolge dieser drei Gruppen variiert ohne ersichtlichen Grund. (zurück)
[3]
Teilweise sind sie dem Übersetzer oder den Bearbeitern anzulasten. Beispiele: S. 144 (Augustus): Daß Augustus von Caesar adoptiert und zum Erben eingesetzt wurde, kommt nur unklar zum Ausdruck. S. 163 (Caesar): Die Charakterisierung des Gallischen Kriegs und der Commentarii Caesars darüber ist eigenartig. Auxois ist nicht der heutige Name von Alesia. S. 189 (Cicero): Die Aussagen zu Catilina und Clodius sind fragwürdig. S. 300 (Hannibal): H. leistete den berühmten Eid nicht "als Jugendlicher", sondern mit neun Jahren. Vgl. auch S. 440 (Medeia): Ein Brief Medeas an Iason ist in Ovids Heroides enthalten und wird dort nicht bloß "erwähnt". (zurück)
[4]
Romulus und Remus mit Faustulus und der Wölfin (S. 607) sowie der Raub der Sabinerinnen (S. 611) erscheinen auf Münzen der republikanischen Zeit. Das auf S. 657 zu den Münzen Sullas Gesagte ist zumindest ungenau. Die Münzportraits des Caesarmörders Brutus werden nicht erwähnt (S. 159). Auf S. 283 wird fälschlich erklärt, von Germanicus gebe es keine gesicherten Portraits. (zurück)
[5]
Stoffe der Weltliteratur : ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte / Elisabeth Frenzel. - 8., überarb. und erw. Aufl. - Stuttgart : Kröner, 1992. - XVI, 931 S. ; 18 cm. - (Kröners Taschenausgabe ; 300). - ISBN 3-520-30008-7 : DM 48.00 [1517].- Vgl. IFB 93-1/2-058 (zurück)
[6]
Eine laufende Bibliographie zum Nachleben der Antike u.d.T. Bibliography of the classical tradition for ... erschien für die Berichtszeit 1980/82 - 1989 lieferungsweise in der amerikanischen Zeitschrift Classical and modern literature. - 5 (1984/85),3 - 12 (1991/92),3. Sie soll künftig von der International Society for the Classical Tradition (Boston, Mass.) übernommen und u.d.T. Analytical bibliography of the classical tradition jeweils in H. 4 eines Jahrgangs von deren neuer Zeitschrift International journal of the classical tradition erscheinen. Sie fehlte jedoch noch in Jg. 1 (1994/95),4.
Als Auswahlbibliographie (974 Titel und Verfasserregister) mit Beschränkung auf das Nachleben der antiken Literatur im Mittelalter und in der Frührenaissance empfiehlt sich die Ende 1995 erschienene Bibliographie de la réception de la littérature classique du IXe au XVe sicle / Pierre Petitmengin ; Birger Munk Olsen. // In: The classical tradition in the middle ages and the renaissance : proceedings of the First European Science Foundation Workshop on "The Reception of Classical Texts" : (Florence, Certosa del Galluzzo, 26-27 June 1992) / ed. by Claudio Leonardi ... - Spoleto : Centro Italiano di Studi sull'Alto Medioevo, 1995. - (Biblioteca di "Medioevo latino ; 15), S. 199 - 283. [sh] (zurück)
[7]
Die Zitierweise folgt laut S. XI dem Kleinen Pauly, was akzeptabel ist, allerdings bei den Graeca zu einem teilweise irritierenden Schwanken zwischen griechischen und latinisierten Formen führt: einerseits z. B. "Aischylos, Hept(a epi Thebas)" (Sieben gegen Theben), andererseits z.B. "Aristophanes, ran(ae)" (Frösche), "Euripides, Iph(igenia) A(ulidensis)" (dagegen im Text S. 368 "Iphigeneia he en Aulidi", Iph. in Aulis). (zurück)
[8]
The Oxford guide to classical mythology in the arts, 1300 - 1990s / Jane Davidson Reid. With the assistance of Chris Rohmann. - New York ; Oxford : Oxford University Press, 1993. - Vol. 1 - 2 ; 27 cm. - ISBN 0-19-504998-5 : $ 195.00, 140.00 [2402]. - Vgl. IFB 94-3/4-492. (zurück)

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