Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 3(1995) 2
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Das Breslau-Lexikon


95-2-284
Das Breslau-Lexikon / Gerhard Scheuermann. - Dülmen : Laumann. - 23 cm. - ISBN 3-87466-157-1 : DM 196.00
[2692]
A - L. - 1994. - 981 S.
M - Z. - 1994. - S. 982 - 2137, XXXII S.

Das Breslau-Lexikon nimmt nicht nur wegen seines Umfanges unter den hier vorgestellten Stadtlexika eine Sonderstellung ein. Bemerkenswerter ist die Tatsache, daß es sich um das Werk eines einzelnen handelt, der nach Ausweis des Waschzettels einschlägige Arbeiten publiziert hat, allerdings eine vorwiegend militärische Karriere hinter sich hat, die den damals erst achtzehnjährigen 1942 in die letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges hineinzieht, wobei im Januar 1945 die "Freiwilligenmeldung zum Einsatz in der «Festung Breslau»" sicherlich besonders prägend war. Die Liebe zu seiner Geburtsstadt und das Drängen "vieler schlesischer Landsleute und Breslauer Freunde" haben ihn zum "Breslographen" (S. 8) werden lassen, um in "mehr als 4400 Stichworten ... alles Wichtige, Wissenswerte und Interessante aus der Geschichte der alten Odermetropole, ihrer Topographie, Kunst, Kulturgeschichte und aus den Bereichen der Wissenschaft oder der Kirchengeschichte zusammenzutragen und als Nachschlagewerk zu verarbeiten. Aber auch auf die kleinen liebenswerten Nebensächlichkeiten ... mit fast schon anekdotenhaften Geschehnissen, von denen sonst kein Lexikon zu berichten pflegt, sollte nicht verzichtet werden." (Zitate aus dem nicht paginierten Vorwort). Behandelt wird ausschließlich das alte, deutsche Breslau bis 1945; die Artikel spiegeln nach Länge und Detailliertheit durchaus die persönlichen Interessen und den Wissensstand des Verfassers, dem kein Herausgebergremium Vorgaben weder bei der Auswahl der zu behandelnden Gegenstände noch bei der Länge der Artikel machen konnte. So ist z.B. die exzessive Berücksichtigung von Straßennamen auffällig, darunter sehr zahlreiche, die, außer daß die Straße in Breslau lag, keinen Bezug zur Stadtgeschichte haben;[1] derartige Eintragungen gehören aber nicht in ein Stadtlexikon, sondern in die speziellen, mit zahlreichen Beispielen vertretenen Lexika von Straßennamen. Negativ ist ferner die Tatsache, daß Artikel z.T. ausufern, ohne daß die Masse der Informationen für die Stadtgeschichte Breslaus relevant wäre.[2] Auch bei der Auswahl der Personen und vor allem bei dem ihren Artikeln zugestandenen Umfang stehen Ausführlichkeit und Breslau-Bezug vielfach nicht in der rechten Relation. Die Breite der Darstellung hat ihre Ursache häufig in der Lust an der Mitteilung anekdotischer Details. Darüber kommt die für ein Werk mit wissenschaftlichem Anspruch unerläßliche Dokumentation zu kurz, entbehren die Artikel doch sämtlich der Quellen- und Literaturangaben, für die das lediglich alphabetisch geordnete Literaturverzeichnis mit seinen ca. 300 Titeln kein Ersatz sein kann. Die Abbildungen im Textteil - es handelt sich um schwarzweiße Strichzeichnungen, auf deren Urheberschaft der Rezensent keinen Hinweis finden konnte - scheinen recht willkürlich ausgewählt zu sein, die Schwarzweiß- und Farbabbildungen dürftiger Qualität im Bildanhang ebenso. Dem Lexikon liegt lose ein Stadtplan im Maßstab 1:19.000 bei, der Breslau im Jahre 1945 darstellt. Die sinnvolle Möglichkeit, die Lage der im Lexikon beschriebenen Objekte durch Angabe des Kartenrasters lokalisierbar zu machen, wurde leider nicht genutzt. Auch vermißt man ein Register, das erst die in vielen Artikeln versteckten Sachen und Personen auffindbar gemacht hätte und das viel nützlicher wäre als das jetzt angebotene Glossar. - Insgesamt ein beachtenswertes, allerdings stark von seinem Autor geprägtes Stadtlexikon, dem eine Verschlankung unter Beschränkung auf Informationen mit eindeutigem Breslau-Bezug gut anstünde.

sh


[1]
"Der Amselweg bildet die nördliche Ringstraße in der Gartenkolonie Br.-Zimpel, deren Wege sämtlich Namen aus der heimischen Vogelwelt hatten" (S. 26). Und so geht es weiter mit Habicht, Sperling und anderem Gefieder. (zurück)
[2]
So vor allem der exzessiv lange Artikel Habsburger, Dynastie der, S. 462 - 498; dazu kommen dann aber noch Artikel über einzelne Habsburger wie Karl IV, Karl V und Karl VI, die alle drei im Alphabet unter Kaiser eingereiht sind, während z.B. Kaiser Leopold I unter seinem Namen zu finden ist; immerhin hat Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit Erzherzog Dr. Otto von Habsburg dem Band gnädig ein Geleitwort mitgegeben. Weitere Beispiele finden sich zuhauf, auch in den Stichwortnachträgen (S. 2031 - 2101); so z.B. der Artikel Automobil-Ausstellung 1937 in Breslau der Daimler-Benz-AG-Niederlassung Breslau, das den Autor zu einer Ausbreitung der Geschichte dieser Automobilfabrik veranlaßt, garniert mit der Abbildung von 5 Automodellen aus den Jahren 1894 - 1935. Diese Beispiele ließen sich beliebig vermehren und zeugen von den Lesefrüchten des Autors, die er seinen schlesischen Landsleuten und den sonstigen Lesern seines Lexikons nicht vorenthalten möchte (typisch dafür auch der Artikel Jiddisch im Anhang, der den Verlag sogar dazu zwang, hebräische Schriftzeichen zu verwenden). (zurück)

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