Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 3(1995) 1
[ Bestand im SWB ]

Patrologia latina database


95-1-159
Patrologia latina database . - Cambridge : Chadwyck-Healey. - Textgrundlage: Patrologiae cursus completus : Series latina / ed. Jacques-Paul Migne. - 1 (1844) - 221 (1855)
[2597]
Release 1 (1993) - 3 (1994). - 2 CD-ROMs + 3 Install.-Disketten. - Version 3.0 + User manual. - 2. ed. - 1994. - Getr. Pag. - ISBN 0-89887-112-3 (User manual). - ISBN 0-89887-113-1 (package) : 27500.00 (Gesamtwerk 5 CD-ROM)

Jacques-Paul Mignes Patrologiae cursus completus : Series latina von 1844 - 1855 gehört mit ihren 217 Text- und 4 Index-Bänden zu den trotz aller editorischen Mühen bis heute nicht ersetzten großen Quelleneditionen des 19. Jahrhunderts, auch wenn sie weitgehend auf Editionen des 17. und 18. Jahrhunderts zurückgreift. Mignes Sammlung enthält, wenn auch nicht immer in zuverlässigen Abdrucken, nahezu die gesamte lateinische kirchliche Literatur bis zum Jahre 1216, und zwar neben den literarischen auch die kirchenrechtlichen, dogmengeschichtlichen und urkundlichen Quellen. Eine solche Edition in maschinenlesbarer Form auf CD-ROM anzubieten, ist ohne Zweifel ein gewaltiges Unternehmen und ein editorisches Ereignis. Der CD-ROM-Edition dieses Quellenwerks unter dem Titel Patrologia latina database, die von einem Herausgeber-Gremium amerikanischer Wissenschaftler unter der Koordination von Mark D. Jordan betreut wird, liegt noch die von Migne selbst besorgte Originalausgabe und nicht einer der in der Qualität geringeren und in der Spaltenzählung abweichenden späteren Nachdrucke des Verlegers Garnier zugrunde. Die seit 1958 erschienenen Supplement-Bände der Series Latina wurden allerdings in das Projekt nicht einbezogen, da Chadwyck-Healey die Rechte an diesen Bänden nicht erwerben konnte oder wollte. Seit dem Juni 1994 liegt die dritte Lieferung der Patrologia latina database vor, die auf 2 CD-ROMs den Text von 99 Bänden der Gesamtausgabe umfaßt; die vierte Lieferung mit 157 von 221 Bänden ist für das Frühjahr 1995, die fünfte und letzte Lieferung für den November 1995 angekündigt. Jeder Käufer erhält drei vollständige Sets der CD-ROM-Edition mit der dazugehörigen Software und dem Handbuch sowie das Recht, die Datenbank ohne zusätzliche Kosten in sein Netzwerk einzubinden. Bis zum Herbst 1994 hat Chadwyck-Healey in 18 Ländern einhundert Exemplare dieser Datenbank-Edition verkauft.

Ziel des Unternehmens ist es nicht so sehr, dem Benutzer ein philologisches Arbeitsinstrument in die Hand zu geben oder nur die mittelalterlichen Texte des Migne elektronisch zu publizieren; die Herausgeber wollen vielmehr die gedruckten Bände der Migne-Edition so, wie sie stehen und liegen, mit ihren Titelblättern, Texten, Vorworten, Fußnoten, Graphiken, griechischen und hebräischen Zitaten gleichsam photographisch getreu am Bildschirm elektronisch abbilden und zusätzlich die einzelnen, oben aufgezählten Elemente getrennt suchbar machen. Zur Bewältigung dieser Aufgabe wurde daher technisch ein anderer Weg beschritten als der, den man in Louvain-la-Neuve gewählt hat. Zwar wurden auch hier die Texte manuell erfaßt, und zwar zweifach und von verschiedenen Personen. Die zweifach erfaßten Texte wurden maschinell, aber auch von Hand verglichen und im Fall von Abweichungen erneut erfaßt oder korrigiert. Einige Stichproben haben gezeigt, daß die Quote an Schreibfehlern sehr gering ist; typisch sind allerdings gelegentlich Fehler wie cum statt eum, cuntes statt euntes. Hebräische Texte und Bilder wurden gescannt und als Bilder abgespeichert. Die einzelnen Bände der Migne-Edition mit ihren Titelblättern, Texten usw. wurden vor der Erfassung im einzelnen analysiert und in ihre Elemente, die jeweils besonders ausgezeichnet wurden, zerlegt und schließlich SGML-kodiert[1] erfaßt. Dieses Verfahren erlaubt es im vorliegenden Fall beispielsweise, Bibelzitate, Verse oder griechische Texte zu kennzeichnen und zu suchen, kursiv oder fett geschriebene sowie lateinische und griechische Texte, Überschriften und Fußnoten in der Bildschirmdarstellung sichtbar und sogar suchbar zu machen, falls man es denn wirklich will oder einmal benötigt.

Die mit dieser Edition verbundenen Zielvorstellungen erforderten eine andere Software-Lösung als im Falle der CLCLT. Der Wunsch, die griechischen und hebräischen Texte sowie die Abbildungen des Drucks darzustellen und dem Benutzer eine mit der Maus bedienbare graphische Benutzeroberfläche zur Verfügung zu stellen, hat den Hersteller dazu veranlaßt, die Patrologia latina database als Windows-Anwendung anzubieten. Daß die wirklichen und nur scheinbaren Vorteile und die angebliche Bedienungsfreundlichkeit dieser Oberfläche, worüber unten noch ein Wort zu sagen sein wird, mit erheblichen Geschwindigkeitsverlusten bei der Recherche in der Datenbank erkauft werden, ist eine jedem Kenner geläufige Erfahrung, die sich auch hier wieder bestätigt.

Die hier nur kurz und summarisch beschreibbare Software für die Datenbank, die von Electronic Book Technologies Inc. und Chadwyck-Healey Ltd. stammt, wird auf drei 3,5-Zoll-Disketten mitgeliefert. Die Installation vollzieht sich auch hier bis auf die notwendigen Laufwerksangaben automatisch. Da die Datenbank sowohl die Suche nach Texten wie auch nur das Lesen von Werken eines bestimmten Autors oder eines bestimmten Bandes oder einer bestimmten Spalte eines Bandes erlaubt, gibt es, sieht man einmal von den für Windows-Programme üblichen Fenstertiteln, Menu- und Symbolleisten sowie Statuszeilen ab, keine standardisierte Einheitsoberfläche wie bei den Dataware-Produkten, sondern eine Reihe von Optionen, das Programm den individuellen Gegebenheiten des Anwenders anzupassen und dementsprechend konfiguriert aus Windows heraus zu starten. Die meisten Nutzer werden sich sicherlich für eine der beiden Hauptmöglichkeiten, nämlich den Volltext-Modus oder den Such-Modus, entscheiden, wobei es dank der Fenstertechnik von Windows auch nach dem Start des Programms durch Mausklick möglich ist, die jeweils anderen Möglichkeiten zu aktivieren, sofern sich der Anwender im Umgang mit der Maus und mit der Interpretation der aller Windows-Software eigenen Bilderrätsel sowie mit den Ein- und Ausschaltsymbolen für die Fenster nicht zu schwer tut. Im Gegensatz also zur CLCLT setzen die komplexen Angebote dieser Software einen recht erfahrenen PC-Benutzer voraus, um auch relativ einfache Dinge in angemessener Zeit realisieren zu können. Hat sich der Benutzer für den Such-Modus als Startoption entschieden, so empfängt ihn das Programm nach dem Start mit einer Suchmaske, die in vorgegebener fester logischer Beziehung die Felder Keyword, Greek Keyword, Title Keyword, Document Author und Volume sowie eine Reihe zusätzlicher Optionen aufweist. Für alle Felder kann der jeweilige Index aufgerufen und der Suchbegriff durch Tastendruck oder Mausklick übernommen werden. Es gibt einige wenige, im Handbuch dokumentierte Stopwörter. Die Abfragesprache läßt die Bool'schen Operatoren UND, ODER, NICHT, die Nutzung von Kontextoperatoren (Wortabstand; Wortabstand mit vorgegebener Wortfolge) in umständlicher und eigenwilliger Syntax, Separatoren sowie variable und feste Außen- und Innentrunkierung der Suchbegriffe zu. Die Fundstellen werden in einander gegenüberliegenden Fenstern in der Weise angezeigt, daß auf der einen Seite das dem gefundenen Werk zugehörige Inhaltsverzeichnis, auf der anderen Seite der Volltext desselben Werkes sichtbar ist. Über Mausklick kann man dann von Fenster zu Fenster, im linken Fenster von Titel zu Titel, im rechten von Belegstelle zu Belegstelle oder von Werk zu Werk eines Bandes springen, die Fußnoten aufrufen, die Fenster sowie die Schrift vergrößern oder verkleinern, Texte oder graphische Elemente der Vorlage ausdrucken oder speichern und schließlich eine neue Suche beginnen. Die Software enthält über die beschriebene Standard-Suche hinaus die Möglichkeit, mit Hilfe der SGML-Kodierungen in einer sogenannten Command Line Search jeden Text in jedem beliebigen Datenelement, bestimmte Datenelemente wie Fußnoten oder gewisse Attribute wie griechische Texte oder Verse, die bei der Datenerfassung besonders gekennzeichnet wurden, zu suchen. Allerdings scheint die Abfragesprache für diesen Such-Modus noch nicht völlig ausgereift zu sein; denn einige der im Handbuch angegebenen Beispiele führen in der Command Line Search zu keinem Resultat, obwohl die gleiche Abfrage im Standard-Suchmodus das Gesuchte durchaus findet.

Das Ausdrucken oder Speichern einer Fundstelle ist in der Patrologia latina database allerdings in indiskutabler Weise gelöst; denn der auszudruckende oder zu speichernde Textabschnitt - übrigens mit oder ohne die SGML-Kodierung - muß als Block markiert und über die Windows-Zwischenablage in eine andere Windows-Anwendung, z.B. Write, geladen werden, um zum Drucker oder auf die Festplatte zu gelangen. Dies verlangt je nach Konfiguration unter Umständen fast zwanzig Arbeitsschritte - und das Ergebnis enthält dann immer noch keine Angabe der Fundstelle (Autor, Titel, Band), die man sich entweder mit einem Stift auf dem Ausdruck notieren oder in der Textverarbeitung mühselig aus der Erinnerung selbst schreiben muß. Übrigens fehlen auch bei der begrüßenswerten Möglichkeit des Programms, ohne größere Urheberrechtsprobleme ganze Kapitel oder Werke aus dem Inhaltsverzeichnis heraus zu drucken oder abzuspeichern, alle Angaben zur Fundstelle. Doch die Software enthält noch andere Fallen. So muß man beispielsweise wissen, daß sich in der Standardsuche mit dem Bool'schen Operator UND verbundene Abfragen nicht etwa auf einen Satz oder einen Paragraphen (meist ein Absatz in der gedruckten Version), sondern auf ein sogenanntes Dokument beziehen, zumeist ein ganzes Werk, das aber auch schon einmal den Umfang eines ganzen Bandes überschreiten kann. Wer also eine spezifische Textstelle sucht, wie es beispielsweise in der Kodikologie bei der Identifizierung von Handschriften-Fragmenten nötig ist, ist gut beraten, seine Abfragen mit Kontextoperatoren zu formulieren. Die Standard-Suche erlaubt die Option, den Umfang der Suche genau zu definieren, so daß sie auf alle Autoren ausgedehnt oder auf die mittelalterlichen oder auf die modernen Autoren allein eingeschränkt werden kann. Der Anwender allerdings, der im Vertrauen auf seine mediävistischen Kenntnisse seine Suche auf die mittelalterlichen Autoren einschränkt, da der zu suchende Text unzweifelhaft frühmittelalterlichen Ursprungs ist und, wie sich dann später herausstellt, aus dem Ordo Romanus VIII (PL 78, c. 999 = Andrieu, Ordines Romani Nr. 34) stammt, wird nicht fündig werden. Die Lösung bringt ein Blick in die SGML-Kodierung des Werkes. Wie sie zeigt, hat dieser Text das Attribut tempstat=uncert erhalten, so daß er bei einer Sucheinschränkung auf mittelalterliche oder moderne Autoren durch das Raster fällt. Hinweise auf Fallen dieser Art enthält das übrigens nur in englischer Sprache vorliegende, im allgemeinen recht informative Handbuch nicht. Man kann nur hoffen, daß die hier aufgezeigten Unzulänglichkeiten bis zur Endfassung der CD-ROM-Edition im November 1995 behoben sein werden.


[1]
Zu SGML (Standard generalized mark-up language) vgl. einführend SGML concepts / Neil Bradley. // In: Aslib proceedings. - 44. (1992), S. 271 - 274. (zurück)

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