Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 3(1995) 1
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Allgemeines helvetisches, eydgenössisches oder


95-1-141
Allgemeines helvetisches, eydgenössisches oder schweizerisches Lexikon / Hans Jacob Leu. Supplement zum allgemeinen helvetisch-eidgenössischen Lexicon Herrn Bürgermeisters Leu / von Hans Jacob Holzhalb. Hrsg. und mit einer einleitenden Notiz von Otmar Seemann. - Erlangen : Fischer, 1992. - 172 Mikrofiches ; in Behältnis. - (Archiv der europäischen Lexikographie : Abt. 1, Enzyklopädien ; 8). - Mikroreproduktion der Ausg. Zürich, Denzler, 1747 - 1765. - Beigef. Werk Mikroreproduktion der Ausg. Zürich, H. J. Holzhalb, 1786 - 1795. - Gesamtwerk 15347 S. - ISBN 3-89131-077-3 : DM 1380.00
[2186]

In Zusammenhang mit der Besprechung des neuen Schweizer Lexikons lohnt der Blick auf einen Vorläufer, nämlich das älteste eidgenössische Lexikon, das der u.a. mit der Mikrofiche-Reproduktionen älterer Enzyklopädien und Wörterbücher hervorgetretene Harald-Fischer-Verlag in einer Neuausgabe auf 172 Mikrofiches wieder zugänglich macht. Bekannt ist das Werk auch als Leu-Lexikon und oft unter dem Kürzel LL (auch LLH) bis in unsere Zeit zitiert. Vorangestellt ist eine Einleitung von Otmar Seemann, dem Herausgeber dieser Neuausgabe. Sie ist eher dürftig ausgefallen, auch fehlt die wichtigste Arbeit, die Leben und Werk des Zürcher Magistraten Johann Jakob Leu (1689 - 1768) sehr ausführlich behandelt.[1]

Ab 1747 erschien beinahe jährlich ein neuer Quartband und 1765 ist das große topographisch-historische Nachschlagewerk mit dem 20. Band abgeschlossen. Auf 11.368 Seiten in (geschätzten) rund 20.000 Stichwörtern wurde "alles" beschrieben was die Schweiz betraf und was damals für wichtig gehalten wurde. 21 Jahre später (1786) ergänzte und verbesserte der Zürcher Apotheker Hans Jakob Holzhalb (1720 - 1807) mit einem sechsbändigen Supplement (zusammen 3.826 Seiten) die Erstausgabe. Angekündigt und beabsichtigt wurde dieser Nachtrag aber noch von Leu selbst.

Daß dieses Werk heute noch Beachtung findet, wird in vielen schweizerischen Bibliotheken offensichtlich, gehört es doch zur Handbibliothek eines jeden Lesesaales. Ergänzt und fortgesetzt wurde dieses Nachschlagewerk erst 1902 - 1910 durch die Herausgabe des Geographischen Lexikons[2] und 1921 - 1934 durch den Druck des HBLS.[3]

Leus Werk - alphabetisch geordnet - nennt vorwiegend schweizerische Orte, Familiennamen und einzelne Personen, ferner Bistümer, Gemeine Herrschaften (= Untertanengebiete), Stifte, Klöster, Schlösser, Berge, Täler, Seen oder Bäder. Wesentlich seltener findet man Begriffe aus dem damaligen Recht, aus Politik und Handel oder zur Ethnologie. Ergänzt werden viele Beiträge durch Urkundenabschriften oder durch ausführliche Namenlisten von Amtsinhabern. Die Auswahl der Familiennamen beschränkte sich auf regimentsfähige Geschlechter, denn das Ancien régime gehorchte noch feudalistischen Grundsätzen, ganz im damaligen Zeitgeist. Da zur damaligen Eidgenossenschaft auch das Veltlin und die zugewandten Orte Mülhausen (Elsaß) und Rottweil (Württemberg) gehörten, sind Informationen über die heutigen Grenzen hinweg verfügbar. Die Beziehungen zu Rottweil werden z.B. auf 12ˇSeiten beschrieben, darunter die wörtliche Abschrift des Bundesbriefes von 1519.

Wer war nun Johann Jacob Leu, der Verfasser dieses Werkes? Er entstammte einer angesehenen Zürcher Familie. Mit 20 Jahren trat er in den Staatsdienst und wurde mit 70 Jahren als Bürgermeister des Stadtstaates Zürich gewählt. Er war gerade 16 Jahre alt, als sein erstes Werk in Druck ging: der alljährlich erneuerte Durchleuchtige Weltbegrieff (1705 - 1745). Danach erschien sein eidgenössisches Staatsrecht (Respublica Helvetiorum) und von 1727 - 1746 das Stadt- und Landrecht in vier Bänden mit eigenem Kommentar. Leu trat weniger durch schöpferische Arbeiten hervor; er war vielmehr sein Leben lang ein eifriger Sammler und Registrator mit Ausdauer und Beharrungsvermögen.

Diese Sammeltätigkeit bildete die Voraussetzung für sein Hauptwerk, das Helvetische Lexikon, das er auf eigene Kosten herausgab. Korrespondenten und Mitarbeiter in der ganzen Schweiz lieferten ihm Artikel und mehrten seine Schriftensammlung. Seine politischen Ämter erlaubten ihm eine rege Reisetätigkeit, und sein Ansehen öffnete ihm manche Tür. Trotz zahlreicher Fehler ist das Lexikon im allgemeinen zuverlässig und reicht überraschend nahe an die Vollständigkeit heran. Vorbehalte betreffen in erster Linie unhaltbare und beschönigte genealogische Artikel, die ihm auf Anfrage von den Familien zugespielt wurden. Besonders sorgfältig erscheinen aber die bei den Biographien beigefügten Literaturangaben (z.B. bei Leonhard Euler oder Konrad Gessner). Sie rechtfertigen abermals, daß dieses Werk neu herauskommt.

Die Form des Lexikons galt damals als die beste, wenn nicht die einzige Möglichkeit, ein Land in allen Bereichen zu beschreiben. Diese starre Ordnung muß dem unermüdlichen Sammler recht willkommen gewesen sein, denn wiederum fällt die schöpferische Leistung gegenüber der Sammeltätigkeit kaum ins Gewicht. Leu hatte Vorbilder[4] für sein Lexikon und selbst in Zürich wirkten vor ihm mehrere Geschichtsschreiber mit ähnlichen Projekten,[5] von denen aber kaum eines vollendet wurde. Leu hat also die Idee eines Lexikons nicht vollkommen selbständig entwickelt und ausgearbeitet, ihm ist es aber als einzigem geglückt, sein Werk zu verwirklichen. Er alleine hätte das alles aber wohl kaum bewältigen können. Bester Mitarbeiter wurde sein Sohn Johannes (1714 - 1782). Nach Schulen in Zürich und einem Studium in Halle an der Saale bekleidete auch er staatliche Ämter.

Das aufwendige Werk hatte zu Lebzeiten Leus nur geringen Erfolg, und Emanuel von Haller stellte (1785) sogar fest, daß "der größte Theil des Publici ... viele Verachtung" dagegen bezeuge.[6] Viele Zwiste wurden durch gekürzte oder ausgebliebene genealogische Artikel hervorgerufen. Die Höhe der Auflage läßt sich leider nicht mehr bestimmen. Bekannt ist dagegen, daß der Sohn 1775 (10 Jahre nach dem Erscheinen des letzten Bandes) immer noch etwa 30 Käufer für die übriggebliebenen Exemplare suchte. Erst im 19. Jahrhundert würdigten schweizerische Historiker und Lexikographen Leus Werk.[7]

Die handschriftliche Sammlung, die der Vater begründete und die der Sohn um mehr als das Doppelte erweiterte, ist uns erhalten geblieben.[8] Sie befindet sich in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich und ist durch einen Handschriftenkatalog erschlossen.[9]

Zusammenfassend darf bemerkt werden: Das Helvetische Lexikon war über 100 Jahre das wichtigste Nachschlagewerk der Schweiz und repräsentiert das Ancien régime und den Geist jener Epoche. Es war über mehrere Jahrzehnte absolut aktuell und zeitgemäß. Viele Tatsachen wurden nur damals gewertet und viele Fakten wurden seither niemals mehr aufgezeichnet. Wertvoll ist das Lexikon auch heute noch und es erleichtert manchen Einstieg in die Vergangenheit und dient vielleicht als Wegweiser durch Archive. Die Neuausgabe ist deshalb zu begrüßen, ermöglicht sie doch den Bibliotheken die Anschaffung, die die Originalausgabe bisher nicht besaßen, ebenso wie sie es den Besitzern der Originalausgabe ermöglicht, diese durch den Einsatz des Mikrofiches zu schonen.

Mario von Moos


[1]
Johann Jacob Leu, 1689 - 1768 : ein zürcherischer Magistrat und Polyhistor / Marianne Vogt. // In: Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich. 47 (1976),1 = 140. Neujahrsblatt, S. 1 - 343 mit Stammtafel.
Einen Überblick über die schweizerische Geschichtsschreibung bieten ferner: Geschichte der Historiographie in der Schweiz / Georg v. Wyss. Hrsg. von der Allgemeinen Geschichtsforschenden Gesellschaft der Schweiz. - Zürich, 1895. - 338 S. - Geschichtsschreibung der Schweiz vom Spätmittelalter zur Neuzeit / Richard Feller ; Edgar Bonjour. - Basel : Schwab, 1962. - Bd. 1 - 2. (zurück)
[2]
Geographisches Lexikon der Schweiz / hrsg. von Charles Knapp, Maurice Borel und Victor Attinger. Deutsche Ausg. besorgt von Heinrich Brunner. - Neuenburg : Attinger, 1902 - 1910. - Bd. 1 - 6. (zurück)
[3]
Historisch-Biographisches Lexikon der Schweiz / hrsg. von Heinrich Türler, Marcel Godet und Victor Attinger. Deutsche Ausgabe besorgt von H. Tribolet. - NeuchÉtel : Administration des HBLS, 1921 - 1934. Bd. 1 - 7 + Suppl. (zurück)
[4]
Lexicon universale historico-geographico-chronologico-poetico-philologicum / Johann Jakob Hoffmann. - Basel, 1677 - 1683. Bd. 1 - 5 + Suppl. (zurück)
[5]
Memorabilia Tigurina / Johann Jacob Blunschli. - Zürich, 1704. Es handelt sich um die erste Geschichte Zürichs in alphabetischer Ordnung. - David Hottinger plante ein Lexikon, ist aber nicht über Vorarbeiten hinausgekommen. - Lexicon geographicum Helvetiae / Johann Jakob Scheuchzer. - 1731 als Manuskript beendet. (zurück)
[6]
Bibliothek der Schweizer Geschichte / Gottlieb Emanuel von Haller. - Bern : Rudolf Albrecht Haller, 1785, Tl. 2, Nr. 15, S. 5 - 6. (Reprintausgabe: Vaduz : Topos-Verlag, 1981). (zurück)
[7]
Nicht aber die Aufzeichnungen seines Nachfolgers Hans Jacob Holzhalb. (zurück)
[8]
Georg v. Wyss in: ADB, Bd. 18, S. 468. - Nekrolog denkwürdiger Schweizer aus dem 18. Jahrhundert / Markus Lutz. - Aarau, 1812. (zurück)
[9]
Neuere Handschriften seit 1500 : (ältere schweizergeschichtliche inbegriffen) / von Ernst Gagliardi und Ludwig Forrer. - Zürich, [1931] - 1982. - 22 S., 1888, 242 Sp. - (Katalog der Handschriften der Zentralbibliothek Zürich ; 2). (zurück)

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