Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 3(1995) 1
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Lexikon alte Kulturen


95-1-129
Lexikon alte Kulturen / hrsg. u. bearb. von Hellmut Brunner, Klaus Flessel, Friedrich Hiller und Meyers Lexikonredaktion. - Mannheim [u.a.] : Meyers Lexikonverlag. - 25 cm. - ISBN 3-411-07300-4 (Gesamtwerk) : DM 555.00
[1137]
Bd. 1. A - Fir. - 1990. - 704 S. - ISBN 3-411-07301-2 : DM 185.00
Bd. 2. Fis - Mz. - 1993. - 704 S. - ISBN 3-411-07302-0 : DM 185.00
Bd. 3. N - Zz. - 1993. - 701 S. - ISBN 3-411-07303-9 : DM 185.00

Was ist eine "alte Kultur"? Im Vorwort zu dem - nach einer längeren Pause zwischen dem ersten[1] und den beiden restlichen Bänden 1993 abgeschlossenen - Lexikon wird dazu erst einmal definiert, wann eine Kultur überhaupt beginne, wenn man nämlich "begründet von einem Kulturschaffen des Menschen" sprechen könne. Aber wann ist eine Kultur alt? Die Herausgeber äußern sich nur dazu, bis zu welchem Zeitpunkt sie die einzelnen Kulturen mit all ihren spezifischen Eigenarten und Hervorbringungen berücksichtigen und für ihr Lexikon auswerten wollen. Die Berichterstattung ende "in der Regel zu einem Zeitpunkt, ab dem eine Kultur nicht mehr oder nicht in der ihre Wesensart begründenden Form weiterbestehe, sei es, daß sie aus inneren Gründen endete oder einen entscheidenden Niedergang erlebte, sei es, daß sie durch Fremderoberung gewaltsam unterdrückt oder von einer anderen Kultur oder Religion verfremdet wurde". Doch könne als Zeitpunkt für das Ende einer Kultur "auch die Begegnung zweier Kulturen gewählt sein (so im Fall Chinas der Einbruch des Westens im 19. Jahrhundert), bei der wesentliche Charakteristika zwar erhalten bleiben, die Übernahme fremder Elemente jedoch unverkennbar ist". Bedeutet also "alt" soviel wie Untergang, Vernichtung, Transformation? Wenn entsprechend dieser Definition die chinesischen, japanischen, afrikanischen und amerikanischen Kulturen bis in die Neuzeit hinein als "alte Kulturen" klassifiziert werden können, müßte dann nicht auch das europäische Mittelalter, das in diesem Lexikon nicht enthalten ist, ebenfalls als "alt" bezeichnet werden? Oder sollte sich hinter dieser Definition möglicherweise eine stark eurozentrierte Auffassung verbergen, die schlicht alles für "alt", d.h. erledigt hält, was nicht ganz unmittelbar in die augenblicklich dominierende, "moderne", westlich geprägte Weltzivilisation einmündet?

Wie dem auch sei, daß Lexikon alte Kulturen hat für sich offenbar einen Kanon "alter Kulturen" ausgewählt, die bei übergreifenden Stichwörtern häufig vertreten sind: dazu gehören die europäische Antike, Kulturen des gesamten Orients, Ägypten, Indien, die Hochkulturen Mittel- und Südamerikas, Arabien, China und Japan. Andere Kulturräume treten dagegen deutlich in den Hintergrund, z.B. Afrika, dessen Kunst und Religion kaum einmal erwähnt werden. Nordamerikanische oder gar australische Kulturen werden summarisch in kurzen Beiträgen besprochen, die einzelnen Zeugnisse ihres Kulturschaffens sind im Vergleich zu den Kulturprodukten anderer Regionen eindeutig unterrepräsentiert. Die Hopi-Indianer z.B. werden im Beitrag Indianer kurz erwähnt, aber auf ihre Sprache, eigentlich ein Standardbeispiel für eine ganz individuelle kulturelle Leistung, gibt es nicht einmal Hinweise, obwohl sogar ein Lemma Indianische Sprache aufgenommen wurde. Je näher man freilich an Europa und das klassische "Alter"-tum heranrückt, desto breiter (und besser) wird das Lexikon. Man hat manchmal fast gar den Eindruck, ein Lexikon der orientalischen und europäischen Antike sei um Einträge zu anderen Kulturen angereichert worden. Die Schwerpunktsetzung ist jedenfalls unverkennbar.

Im Vorwort des Lexikons ist angekündigt, es sei besonders viel Wert auf jene Stichwörter gelegt worden, "die zentrale Themen mehrerer Kulturen so darstellen, daß Verschiedenheiten und Gemeinsamkeiten sichtbar werden". In der Praxis ist das Lexikon allerdings der Gefahr, Kurzinformationen zu einzelnen Kulturen lediglich aneinanderzureihen, nicht entgangen. Verschiedenheiten und Gemeinsamkeiten werden nicht einmal dort sichtbar, wo tatsächlich kultureller Austausch existierte, wie zwischen den frühen Kulturen der Ägäis. In der vorliegenden Form wird letztlich nur eine Fülle von Detailinformationen aus Kulturen präsentiert, deren einzig Gemeinsames darin besteht, nach Ansicht der Herausgeber "alt" zu sein. Es liegt auf der Hand, daß auf diese Weise eine differenzierte Würdigung der kulturellen Einzelleistungen nicht erreicht werden kann.

Diese Kritik trifft die Konzeption. In allen Bereichen, für die sich das Lexikon viel Platz genommen und entsprechende Mühe gemacht hat, hat es durchaus Vorzüge: reichhaltige Bebilderung, leicht verständliche Sprache, Aktualität. Dies gilt, wie schon gesagt, vor allem für die frühen orientalischen, ägyptischen und europäischen Hochkulturen, ebenso für China und Indien. Vielleicht wäre es für das Lexikon besser gewesen, sich nur auf diese Bereiche - eventuell erweitert um die mittel- und südamerikanischen Kulturen - zu konzentrieren, und dies im Titel bzw. Vorwort dann auch explizit deutlich zu machen. In der gegenwärtigen Form ist das Lexikon alte Kulturen jedoch seiner Anlage nach weder vollständig noch ausgewogen genug, um seinem Titel gerecht werden zu können.

Joachim Migl


[1]
Vgl. die Rezension von Bd. 1 in Buch und Bibliothek. - 43 (1991),4, S. 387 - 390. (zurück)

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