Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 3(1995) 1
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Geschichte der römischen Literatur


95-1-091
Geschichte der römischen Literatur : von Andronicus bis Boethius ; mit Berücksichtigung ihrer Bedeutung für die Neuzeit / Michael von Albrecht. - 2., verb. und erw. Aufl. - München [u.a.] : Saur, 1994. - 1 - 2 ; 24 cm. - 1. Aufl. 1992 im Verlag Francke, Bern ersch. - ISBN 3-598-11198-3 (Gesamtwerk) : DM 248.00
[1708]
95-1-092
Geschichte der römischen Literatur : von Andronicus bis Boethius / Michael von Albrecht. - Unveränderter photomechan. Nachdr. der 1994 im Saur-Verl. erschienenen 2., verb. und erw. Aufl. - München : Deutscher Taschenbuch-Verlag, 1994. - 1 - 2 ; 19 cm. - (dtv ; 4618). - ISBN 3-423-04618-X : DM 78.00
[2664]

Es geht also doch noch: daß ein einzelner Gelehrter ein großes Werk zu einem großen Gegenstand hervorbringt, das sich von der universitätsüblichen Produktion der Sammelbände so unterscheidet wie ein Industriemöbel vom Schrank aus der Hand des Kunstschreiners. Freilich: es bedarf der langen Konzentration auf die "Hauptsache", eines immensen Fleißes und vor allem wohl auch eines ganz unzeitgemäßen Ethos, daß nämlich der Gelehrte in reiferen Jahren seinem Fach den großen Wurf schulde, statt nach der Karrierearbeit einer oft überzogen üppigen Habilitationsschrift die schöpferischen Kräfte allmählich in der Betreuung von Sammelbänden versiegen zu lassen.

Ob man längere Passagen in einem Zuge liest, ob man irgendwo zum Nachschlagen hineinschaut - allenthalben gereicht dies der Geschichte der römischen Literatur zum Vorteil, daß sie aus einem Guß - kein Wort paßt besser - gearbeitet ist! Genug der einleitenden Euphorie. Es folgt die Begründung:

Von Albrecht gliedert seine Geschichte der römischen Literatur, d. h. der lateinischen Literatur der Antike, in ein Kapitel zu den Entwicklungsbedingungen der römischen Literatur und in vier Kapitel zu Epochen: Literatur der republikanischen Zeit, Literatur der augusteischen Zeit, Literatur der frühen Kaiserzeit - Literatur der mittleren und späten Kaiserzeit. Die vier Epochenkapitel bestehen aus denselben drei Rubriken: 1. Überblick, 2. Poesie, 3. Prosa. Der Überblick bezieht sich auf den historischen Rahmen, auf das Verhältnis der römischen zur griechischen Literatur - die Zweisprachigkeit der Gebildeten war, avant la lettre, eines der wesentlichen Merkmale der römischen Kultur - und auf Gattungen und Gedankenwelt. Unterhalb dieser Systematikebene wird grundsätzlich nach Gattungen und Autoren geordnet, auf dieser Ebene bestimmen aber Spezifika der Epoche, der Gattungen oder des Gesamtwerks eines Autors die Feingliederung. So verlangt in den späteren Epochen der Roman sein Recht, so zieht von Albrecht, wenn ein Autor für verschiedene Genera geschrieben hat, Biographie und Werkanalyse an einer Stelle zusammen.

Unnötig zu betonen, daß in einer römischen Literaturgeschichte den Fachschriftstellern zu Landbau, Architektur, Musik, Rhetorik und Bildung, Jurisprudenz nicht weniger Beachtung geschenkt wird als den Dichtern, Historikern und Kirchenvätern. Die Klassische Philologie hat nie einen anderen als den weiten Literaturbegriff gekannt.

Die Abschnitte zu den einzelnen Autoren folgen derselben (im Buch unnumerierten) Einteilung: 1. Leben, Datierung; 2. Werkübersicht; 3. Quellen, Vorbilder, Gattungen; 4. Literarische Technik; 5. Sprache und Stil; 6. Gedankenwelt I; 7. Gedankenwelt II; 8. Überlieferung; 9. Fortwirken; 10. Personalbibliographie. - Nur zu einigen Punkten der Gliederung ein paar Hinweise. Die (in kleinerer Type gedruckten) Werkübersichten markieren, wovon die Rede ist; in der Klassischen Philologie ist die methodische Zucht ja nie aus der Mode gekommen, daß man einen Text wenigstens zuerst korrekt paraphrasieren können müsse, ehe man sich seiner Kritik zuwendet. Im Abschnitt Gedankenwelt I behandelt von Albrecht die literarische Reflexion des Autors, d. h. seine literaturtheoretischen und poetologischen Anschauungen, unter Gedankenwelt II Stoffe, Themen, Motive usw. Im Abschnitt Fortwirken werden die Fäden souverän zu den neueren Literaturen gezogen. Wenige Andeutungen müssen hier genügen. Da wird die Wirkung Vergils nachgezeichnet: zu Augustinus, Walafrid Strabo, Wandelbert von Prüm, Du Bellay, Sidney, Tasso, Christobal de Mesa, Milton, Voltaire, Turgenjew, C. F. Meyer, dessen "Heiliger" die Aeneis zum Subtext hat, und vielen anderen bekannteren und unbekannteren Autoren. All solche Ausblicke gründen in ausgedehnter Belesenheit und verraten gelegentlich bis ins Detail hinein, wie vertraut der Autor auch mit dem modernen methodischen Rüstzeug der neueren Philologien ist, z. B. der Narrativik. Zur Wirkung römischer Literatur auf russische Autoren etwa ist von Albrecht selbst mit Spezialstudien hervorgetreten. In einer 3. Aufl. sollte im Abschnitt zur Plautus-Wirkung Meyers Novelle Plautus im Nonnenkloster noch erwähnt werden.

Nicht zuletzt der - gleichsam mit römischer perseverantia - durchgehaltenen Systematik ist es zu danken, daß die gewaltigen Stoffmassen so vor dem Leser ausgebreitet werden, daß er nirgendwo die Orientierung verliert. Schließlich noch dies: von der ersten bis zur letzten Seite ist das Buch in einer schönen, sich den Gegenständen fast musikalisch anschmiegenden Sprache geschrieben. Wer es nicht weiß, kann am Stil des Buches merken, welch ein begnadeter Musiker der Autor ist.

Die Fülle der Literaturverweise wird durch ein wohldurchdachtes System erschlossen: Kurztitel ohne Initiale des Vornamens beziehen sich auf das allgemeine Abkürzungsverzeichnis, Kurztitel mit Initiale auf die jeweiligen Spezialbibliographien zu jedem Kapitel. Die Nachweise sind sorgfältig und fehlerfrei. Das gilt auch von dem vorzüglichen Register, das Personen und Sachen in einem Alphabet zusammenfaßt.

Der mehrfach zitierte Band Viva vox mit den verstreuten Schriften des großen Latinisten und Komparatisten Ernst Zinn ist allerdings nicht schon 1993, sondern erst 1994 (Bern usw.) erschienen. Bei der Herausgabe dieses Bandes hat von Albrecht den Dank an seinen Lehrer in die Worte gefaßt, Zinn habe gewußt, "auf vielbetretenen wie entlegenen Pfaden mit nie versagender Sachkunde zu beraten und mit schöpferischen Ideen zu inspirieren". Mit ebendiesen Worten möchte man von Albrecht für seine römische Literaturgeschichte danken.

Von Albrecht hat ein wahrhaft europäisches Buch geschrieben, das man sich auch in den Händen vieler Neuphilologen wünscht, denen es die römischen Wurzeln ihrer Gegenstände vermittelt. Wie ernst es dem Autor mit solcher Bildungsaufgabe ist, hat er gerade eben auch mit der Übersetzung der Metamorphosen des Ovid[1] bewiesen. Für die Klassische Philologie liegt mit dieser Literaturgeschichte ein Hand- und Lehrbuch vor, dem Generationen von Studenten und Forschern für das Studium der römischen Literatur so verpflichtet sein werden, wie sie es für die Gräzistik der großen Geschichte der griechischen Literatur von Albin Lesky[2] seit langem sind. Durch die wirkungsgeschichtlichen Ausblicke übertrifft von Albrecht den Lesky gar noch. Daß die Geschichte der römischen Literatur in kurzer Frist schon die 2. Aufl. erfahren hat ist ebenso erfreulich wie die Tatsache, daß sie bereits den Weg ins Taschenbuch gefunden hat.

Hans-Albrecht Koch


[1]
Metamorphosen : Lateinisch - Deutsch / P. Ovidius Naso. Übers. und hrsg. von Michael von Albrecht. - Stuttgart : Reclam, 1994. - 995 S. ; 15 cm. - (Universal-Bibliothek ; 1360). - ISBN 3-15-001360 : DM 34.00. (zurück)
[2]
Geschichte der griechischen Literatur / Albin Lesky. - Unveränderter photomechan. Nachdr. der 3., neu bearb. und erw. Aufl. von 1971 im Francke-Verlag, Bern und München. - München : Deutscher Taschenbuch-Verlag, 1993. - 1020 S. ; 19 cm. - (dtv ; 4595). - ISBN 3-423-04595-7 : DM 42.00 [2665] (zurück)

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