Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 2(1994) 3/4
[ Bestand im SWB ]

Bibliothek Stein


94-3/4-563
Bibliothek Stein : Sozialgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert ; Katalog / hrsg. von Ulrich Naumann. Bearb. von Wilhelm Krimpenfort unter Mitarb. von Dieter Vorath. - Wildberg : Belser Wissenschaftlicher Dienst, 1993. - XXII, 874 S. ; 24 cm. - ISBN 3-628-90100-6 : DM 498.00. - (Belser ..., Postfach 126, 72215 Wildberg)
[2130]

Wenn die Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin im Jahrbuch der deutschen Bibliotheken als (einziges) besonderes Sammelgebiet Sozialismus[1] angibt, so verdankt sie den Grundstock zu dieser laufend weiter gepflegten Sammlung der 1951 - ganz am Anfang ihrer vergleichsweise jungen Geschichte - erworbenen Sammlung Stein. Diese Sammlung von ca. 7.500 Bänden, die von Max Stein in Jahrzehnten zusammengetragen und unter schwierigsten Bedingungen über das Dritte Reich (Stein war Jude) und den Zweiten Weltkrieg bewahrt wurde, hat ihren Schwerpunkt bei historischen Sozialistica, nämlich Werken "über die soziale Frage, die Arbeiterbewegung, Sozialismus, Anarchismus, Kommunismus, Leninismus, Stalinismus. ... Der Schwerpunkt liegt auf dem in Deutschland und Mitteleuropa erschienenen Schrifttum seit Marx und Engels und seit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) im Jahre 1863" (S. XIII). Einen beträchtlichen Anteil haben die durch Zahl und Seltenheit ausgezeichneten Kleinschriften "regionaler und lokaler Verbände, örtlicher Sekretariate, Genossenschaften oder Splittergruppen" (ebda.). Ca. 30% der Sammlung oder ca. 2.200 Titel, vorzüglich Kleinschriften, insbesondere der genannten Art, die dazu wegen der schlechten Papierqualität vom physischen Untergang besonders bedroht sind, wurden für ein Mikrofiche-Projekt ausgewählt, das vom Verlag Belser Wissenschaftlicher Dienst (Stuttgart, jetzt Wildberg) realisiert wurde.[2]

Der vorliegende Katalog, der mit Unterstützung der DFG entstanden ist, erschließt die gesamte Bibliothek, also nicht nur die auf Mikrofiche reproduzierten Titel, markiert letztere jedoch mit einem Asteriskus bei der laufenden Nummer und gibt zudem die ISBN der Mikrofiches an. Der Katalog ist systematisch nach 12 vielfach weiter untergliederten Sach- und Formalgruppen angelegt. Die insgesamt 5.494 Eintragungen (was ebensovielen Titeln entspricht, da jeder nur eine Eintragung erhält) verteilen sich in sehr unterschiedlicher Weise auf diese Gruppen, von denen nach der Zahl die Gruppe D. Politische Geschichte mit 967 an zweiter Stelle hinter der Gruppe K. Arbeiterbewegung mit 1.474 Titeln liegt. Diese - ebenso wie Gruppe G. Gewerkschaftsbewegung - ist primär nach Quellen und Darstellungen unterteilt. Die Titelaufnahmen erfolgen nach (Voll-)RAK. Die Hälfte des stattlichen Bandes nehmen die Register ein: 1. der Verfasser und sonstiger beteiligter Personen, der Urheber und der Titel von Sachtitelwerken; 2. der Schlagwörter; 3. der Geographica; 4. Schlagwortübersichten (z.B. unter Berufe, Berufsgruppen: von Asphalteure bis Zivilmusiker); 5. systematische Übersicht über die Organisationen (z.B. Kulturelle und soziale Organisationen / Deutschland / Arbeiterkulturorganisationen: Arbeiter-Esperanto-Bund ...). Wenn man bedenkt, was einem heute computergenerierte Kataloge zuweilen an Registern zumuten, muß man dem Bearbeiter dieses Katalogs, Wilhelm Krimpenfort, für die Sachkunde, die er nicht nur auf die Systematisierung der Titel, sondern ebenso auf die Erstellung aussagekräftiger Register gewandt hat, besonders danken.

Im Vorwort des Herausgebers entwickelt der Direktor der Universitätsbibliothek der Freien Universität Zukunftspläne, lädt er doch Bibliotheken und Archive dazu ein, "dieses einzigartige Quellenmaterial durch Meldungen aus ihrem Fundus zu ergänzen", genauer gesagt, "... in einer bibliographisch vergröberten Form den Katalog der 'Bibliothek Stein' zu einem Quellenverzeichnis der Geschichte des deutschen Sozialismus und der Arbeiterbewegung von den Anfängen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs auszubauen" (S. III). An anderer Stelle,[3] an der er vor allem über die bei der Katalogisierung und der Katalogproduktion eingesetzten Systeme berichtet, entwickelt er auch ein Konzept zur "geplanten Weiternutzung der Daten" (S. 204): "Die Württembergische Landesbibliothek ... darf ... (als Pflichtexemplarbibliothek) ein Exemplar von Katalog und Mikrofiche-Ausgabe kostenlos[4] beziehen, muß [!] aber gleichzeitig ... die Mikrofiche auch im Südwestverbund katalogisieren." Letzteres trifft so natürlich nicht zu, doch wurde hier, wie auch in anderen vergleichbaren Fällen (realisiert: Bibliotheca Palatina, vorgesehen: Bibliothek Corvey), die Nutzung von Katalogisaten angestrebt, die von derjenigen Bibliothek angefertigt wurden, die die Originale besitzt, in diesem Fall von der UB der FU, die dazu das Datenbanksystem LARS eingesetzt hat; diese Daten wurden von der Verbundzentrale des SWB so umgesetzt, daß sie in den Titelbereich des SWB eingespielt werden konnten, was aber beträchtlichen Programmierungsaufwand verursachte; dazu kam eine völlige Neuerfassung der Bände mehrbändiger Werke, da diese im Ursprungsformat nur in einer Kommentarkategorie erfaßt waren; diese Arbeit wurde von der UB Tübingen geleistet, die auch die Last auf sich nahm, die Personen- und Körperschaftsnamen bei den Titeln, die sie wegen Mehrbändigkeit oder wegen Zugehörigkeit zu einer Schriftenreihe bearbeiten mußte, mit den entsprechenden Normdateien in Übereistimmung zu bringen, was bei der Katalogisierung in Berlin anscheinend nur teilweise geschehen war. In der Verbundzentrale des SWB wurden ferner mit der Bibliothekskennzeichnung der UB Heidelberg lokale Bestandssätze angelegt. Die Bestandssätze der anderen Bibliotheken können dank eines Programms zur automatisierten Bestandsnachtragung demnächst ohne besonderen Aufwand zugeführt werden. Die Aussage der Verbundzentrale des SWB und der UB Tübingen ist eindeutig: der Gesamtaufwand für diese Prozeduren liegt bei diesem Projekt höher, als die völlige Neuerfassung aller Titel sofort im SWB-Format. Der SWB hat inzwischen die vorliegenden Daten im MAB-Format an Die Deutsche Bibliothek geliefert, die, wie bei den anderen Mikrofichesammlungen, auch die Titel der Bibliothek Stein nicht einzeln angezeigt hat. Die Berliner Hoffnung, daß diese Daten dann von dort in den Berliner Verbund und damit dorthin fließen können, wo die UB der FU normalerweise ihre Titel katalogisiert, kann sich aber, wenn es denn funktioniert, sowieso nur auf die in der Mikrofiche-Ausgabe enthaltenen Titel beziehen, nicht etwa auf den Gesamtbestand, an dem die UB der FU interessiert sein müßte. Und zu erwarten, daß eine Bibliothek in Baden-Württemberg auch noch diese Titel so konvertierte, daß sie auf dem Umweg über den SWB und Die Deutsche Bibliothek an den Berliner Verbund fließen, ist in Anbetracht des geschilderten Aufwandes billigerweise nicht zu erwarten.

Was die Nutzung der nicht zur Mikrofiche-Ausgabe gehörenden Titel durch andere Bibliotheken betrifft, so kann man - dem SWB wie anderen Verbünden - kaum zu dem geschilderten Verfahren raten. Die Württembergische Landesbibliothek wird sich in der Sache wohl trotzdem engagieren, da sie über eine nicht ganz kleine, abgeschlossene Sammlung einschlägiger Literatur verfügt, die sogar unter einer Signaturen-Gruppe (sprechend: Marx) zusammen aufgestellt ist. Noch interessanter für die beabsichtigte Vermehrung des Quellenmaterials wäre jedoch die Katalogisierung zahlreicher einschlägiger Kleinschriften aus der Nebenreihe kleine württembergische Drucksachen, die z.Zt. von der WLB erschlossen wird, teils durch die beabsichtigte, bzw. die bereits erfolgte Katalogisierung im SWB bzw. in der ZDB, teils allerdings nur in Form eines Repertoriums zu solchem Material, das eher den Charakter von Archivgut hat. Damit ist allerdings auch schon der zweite Pferdefuß bei den ganzen Überlegungen zur Anbietung der Berliner Titel in den Verbundsystemen benannt, wird doch unverständlicherweise nirgends die ZDB erwähnt, obwohl es sich bei einem beträchtlichen Teil der Titel der Sammlung Stein um fortlaufende Sammelwerke handelt, und zwar nicht nur bei den in der Gruppe M. Zeitschriften verzeichneten 243 Titeln, sondern, verstreut über alle anderen Gruppen, insbesondere aber die Gruppen G und K (Abschnitt Quellen), um die noch zahlreicheren Jahresberichte etc., deren Katalogisierung natürlich primär in der ZDB zu erfolgen hat (von wo die Katalogisate dann auch in den SWB fließen würden, vorausgesetzt, eine Bibliothek der Region melde Bestand dazu). Das Einbringen der Titel in die ZDB wäre aber primär die Aufgabe der UB der FU selbst, die ja mit der WLB zu den ältesten Mitarbeitern an der ZDB gehört; die UB der FU wird dort auf zahlreiche Aufnahmen stoßen und sich an diese anhängen können, die bereits von der WLB bei der teilweise erfolgten Katalogisierung des Bestandes Marx Z (Zeitschriften) angelegt wurden bzw. an die aus der genannten Nebenreihe stammenden Titel fortlaufender Sammelwerke, wobei letztere zum Teil katalogisiert sind, während die Monographien aus demselben Bestand noch ganz auf die Katalogisierung warten.

Soviel aus Anlaß eines schönen Bestandskatalogs zur Situation des real existierenden Verbundlebens in der Bundesrepublik Deutschland.

sh


[1]
Genauer müßte es Historischer Sozialismus heißen; vgl. S. III. (zurück)
[2]
Sozialgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert : Bibliothek Stein. - Wildberg : Belser Wissenschaftlicher Dienst, [1993]. - 3.212 Mikrofiches. - ISBN 3-628-00100-5 : DM 27870.00, DM 24300.00 (Subskr.-Pr. bis 31.12.1990). - Zum Lieferumfang gehört: Bibliothek Stein : Kurztitelkatalog. - Wildberg : Belser Wissenschaftlicher Dienst, 1992. - 164 S. ; 30 cm. - DM 198.00 (bei Separatbezug). (zurück)
[3]
Zur Veröffentlichung des Katalogs und der Mikrofichesammlung "Bibliothek Stein" (1) : ein Werkstattbericht / Ulrich Naumann. // In: ABI-Technik. - 14 (1994),3, S. 195 - 206. (zurück)
[4]
Was nicht zutrifft, da der neue Verlagsort im badischen Landesteil liegt, so daß die im Plichtexemplargesetz vorgesehene Entschädigung in Höhe von 50% des Ladenpreises fällig war. (zurück)

Zurück an den Bildanfang