Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 2(1994) 3/4
[ Bestand im SWB ]

Lexikon der Weltliteratur


94-3/4-433
Lexikon der Weltliteratur / unter Mitarbeit zahlreicher Fachgelehrter hrsg. von Gero von Wilpert. - 3., neubearb. Aufl. - Stuttgart : Kröner. - 22 cm
[0480]
Bd. 2. Hauptwerke der Weltliteratur in Charakteristiken und Kurzinterpretationen. - 1993. - XVIII, 1569 S. - ISBN 3-520-80803-X : DM 150.00, DM 125.00 (bis 31.12.1993)

Nachdem Bd. 1 des Lexikons der Weltliteratur mit dem Bandtitel Biographisch-bibliographisches Handwörterbuch nach Autoren und anonymen Werken bereits 1988 in 3., neu bearb. Aufl. erschienen war,[1] folgte im November 1993 als Seitenstück das Werklexikon, das (Zahlenangaben lt. Vorwort) "rund 4.800 Hauptwerke der Weltliteratur von über 1.700 Autoren in Kurzinterpretationen und Werkbeschreibungen enthält"; gegenüber der Vorauflage von 1980 sind "eine Reihe weniger im Blickpunkt des Interesses stehender Werke" ausgeschieden worden und dafür rund 600 neue Artikel hinzugekommen. Die Artikel aus der Vorauflage wurden durchgesehen und ggf. ergänzt.

Die Auswahlprinzipien, deren Kompromißcharakter offensichtlich ist, sind gleich geblieben: Der Schwerpunkt liegt bei "denjenigen Werken, die heute noch außerhalb der Forschung gelesen werden und in der literarischen Welt lebendig sind. Daneben wurden jedoch unter literaturhistorischem Aspekt die wichtigsten klassischen Beispiele der heute weniger gelesenen Literaturepochen aufgenommen, deren literarischer Wert unabhängig vom Zeitgeschmack die Jahrhunderte überdauert hat" (S. XV); darüber hinaus wird "den im deutschen Sprachraum bekannteren Werken (der Vorrang eingeräumt)" (S. XVI).

Anlage im Alphabet nicht der Original-, sondern der Übersetzungstitel, was zu vielen Problemen führt, wie das Vorwort selbst einräumen muß, Probleme, die sich nur durch ein Register der Originaltitel hätten lösen lassen, das dem Benutzer jedoch vorenthalten wird; er wird stattdessen mehrfach auf die Hilfsfunktion des Verfasserregisters[2] zum Auffinden von Werken hingewiesen, deren deutsche Titel ihm nicht bekannt sind, ein Hinweis, der freilich nur dann nützt, wenn man auch den Verfasser kennt. Ansonsten finden sich im Lexikon selbst nur Verweisungen von gewissen abweichenden deutschen Titelfassungen.[3]

Aufbau der Werkartikel: 1. Formales (gerafft): Deutscher Titel, ggf. fremdsprachiger Originaltitel, Gattung, Verfasser, Entstehungszeit, Erstausgaben in Buch- und ggf. auch in unselbständiger Form, Uraufführung (bei Dramen), "empfehlenswerte deutsche Übersetzungen", Fortwirkung des Werkes in anderer Form (z.B. als Vertonung); 2. der Hauptteil versucht, das Programm - "Weltliteratur in Charakteristiken und Kurzinterpretationen" - umzusetzen, nicht "als voraussetzungslose Inhaltsangabe ..., sondern in einer Kurzinterpretation des Werkes ...", so daß nur die "für das Verständnis erforderlichen Grundzüge der Handlung (plot)" mitgeteilt werden; dazu kommt das Bemühen "um eine objektive kritische Wertung der literarischen oder literaturhistorischen Bedeutung des Werkes" (S. XVIII); 3. Literaturangaben unter Beschränkung auf Monographien.

Daß ein derartiges Werklexikon "nicht die Lektüre der Dichtungen selbst ersetzen, sondern an sie heranführen und zu ihrem tieferen Verständnis anleiten (will)", daß es "als Gedächtnishilfe dazu dienen (will), früher Gelesenes wieder in Erinnerung zu rufen und nachschlagebereit festzuhalten, aber auch eine erste Vororientierung vor der Lektüre zu bieten" (S. XV), findet sich als Topos in den Vorworten aller derartigen Lexika, so als ob man sich wegen des immerhin möglichen Mißbrauchs in der Hand von Banausen entschuldigen müßte, die ein Werk nur in dieser Digest-Form rezipieren ohne es je gelesen zu haben oder auch ohne die Absicht zu haben, es je zu lesen. Leider dürfte diese Ersatzfunktion aber vermutlich doch die Hauptfunktion derartiger Werklexika sein, und um so wichtiger ist, wieviel Ersatz der Nutzer erhält. Damit sind wir bei dem unausweichlichen Vergleich mit Kindlers neuem Literaturlexikon,[4] ein zunächst unfair anmutender Vergleich, kann doch ein zwanzigbändiges Lexikon mehr Werke behandeln, als ein - selbst dickleibiger - Einbänder. Testfall für den Rezensenten war - sozusagen aus dem Leben gegriffen - Leskovs Lady Macbeth von Mzensk, über deren plot sich der Rezensent - auf dem Wege zu Sostakovics gleichnamiger Oper und wie immer zu spät dran - rasch informieren wollte; da sein Opernführer (zugegebenermaßen kein guter und deshalb ein zu ersetzender[5]) nicht weiterhalf, lag es nahe, zu Bd. 2 des Wilpert zu greifen, leider vergeblich, was das konkrete Anliegen betraf, erfährt man hier doch nur "daß die Liebesleidenschaft der schönen Kaufmannsfrau Katerina Izmaijlova für den Schurken Sergej ... sie von einem Verbrechen zum anderen (treibt)" und daß diese in "vier Morden und einem Selbstmord" bestehen: etwas wenig für den gewünschten Zweck. Nach der Oper dann ein Griff zum Kindler, der genau das bietet, was man auch erwartet, nämlich eine simple Inhaltsangabe; was die sonstigen Informationen betrifft, also z.B. die literaturgeschichtliche Einordnung, so bietet Kindler in diesem Fall gleichfalls mehr und Besseres, so z.B. eine Erklärung für den Bezug Leskovs auf Shakespeare, der gar nicht diesen meint, sondern Turgenev, während es bei Wilpert - nichts erklärend - nur heißt "in der Gestalt der Heldin entsteht ein großes, wenn auch erschreckendes Charakterbild, der Shakespearschen Parallele nicht unwürdig" (S. 762). Und auch die anderen, registrierenden Angaben sind bei Kindler reichhaltiger, bis hin zu dem richtigen Hinweis auf die Erstaufführung der Oper 1934 bzw. deren Neufassung 1963, während Wilpert uns allein letzteres Jahr als das der Uraufführung präsentiert oder dem Hinweis auf zwei Verfilmungen des Stoffes. Daß Kindler 16 Werke Leskovs gegenüber nur 5 bei Wilpert behandelt, sei immerhin erwähnt.

Während Bd. 1 des Wilpert zu den überaus nützlichen und immer in Griffweite stehenden Nachschlagewerken gehört und z.B. auch allen Referenten des Faches Literatur bei der Erwerbung und Erschließung zur Hand sein sollte, kann man dem Bd. 2 keine entsprechende Unentbehrlichkeit attestieren, verdient hier doch der Kindler eindeutig den Vorzug. Für den Privatmann mag natürlich der Preis den Ausschlag zugunsten des Wilpert geben, doch wird sicher auch der Kindler nach dem Vorbild seiner ersten Auflage bald zu einem wesentlich günstigeren Preis zu haben sein; die Sekundärvermarktung hat bereits begonnen.

sh


[1]
ABUN in ZfBB 36 (1989),1, S. 51 - 54. (zurück)
[2]
Zusätzlich gibt es noch ein Register nach Nationalliteraturen, innerhalb chronologisch nach Autoren. (zurück)
[3]
Wie unbefriedigend das sein kann, sei am Beispiel eines Werkes von Ludwig Thoma demonstriert: Jozef Filsers Briefwexel findet man unter Josef Filsers Briefwechsel, allerdings nur als Verweisung auf Thomas Schwank Erster Klasse, obwohl es einen Artikel unter Briefwechsel eines bayerischen Landtagsabgeordneten (dem Titel des ersten Bandes des Filser-Briefwechsels) gibt. (zurück)
[4]
Kindlers neues Literaturlexikon / hrsg. von Walter Jens. Chefred.: Rudolf Radler. - München : Kindler. - 25 cm. - ISBN 3-463-92034-4 [0481]. - Bd. 1 (1988) - 20 (1992). - Vgl. ABUN in ZfBB 36 (1989),1, S. 51 - 54 und IFB 93-1/2-057. (zurück)
[5]
Z.B. durch Reclams Opernführer / von Rolf Fath. - 34., völlig neu bearb. Aufl. - Stuttgart : Reclam, 1994. - 799 S. ; 16 cm : Ill. - ISBN 3-15-010406-8 : DM 29.80 [2436]. - Eine Rezension erfolgt demnächst in IFB.
Interpretationen / ausgewählt und zsgest. von Rudolf Radler. - München : Kindler, 1994. - Bd. 1 - 2. - 25 cm. [2431]. - S.u. IFB 94-3/4-457. (zurück)

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