Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 2(1994) 2
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Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller


94-2-278
Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller : von den Anfängen bis zur Gegenwart / begr. von Günter Albrecht ... - Hildesheim [u.a.] : Olms. - 22 cm. - [Bd. 1] im Verlag Bibliographisches Institut, Leipzig, erschienen
[0416]
Bd. 2. 20. Jahrhundert / hrsg. von Kurt Böttcher ... - 1993. - 860 S. - ISBN 3-487-09611-0 : DM 98.00, DM 78.00 (Subskr.-Pr.)

Das Werk ist aus dem zuletzt 1974 vom Bibliographischen Institut Leipzig verlegten, damals noch nicht in Epochenbände aufgeteilten Lexikon mit demselben Titel hervorgegangen. Von der in zwei Bände aufgeteilten Neubearbeitung erschien, gleichfalls noch in Leipzig, 1987 der erste, noch ohne Zählung, für die Zeit Von den Anfängen bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts.[1] Das Vorwort erklärt ausdrücklich, das neue Lexikon sei "kein Produkt der `Wende', sondern ein Dokument der `Vorwende'". An der Verteilung der Gewichte und an der Terminologie merkt man das schon noch: Seghers oder Arnold Zweig wird entschieden mehr Platz eingeräumt als Celan oder Musil; sperrige "bürgerliche" Autoren werden mit dem bekannten literaturkritischen Sparvokabular als "formalistisch", "antidemokratisch", "elitär" usw. charakterisiert. Monika Maron ist offensichtlich noch immer persona ingrata.

Das Lexikon will in etwa tausend Artikeln die bekanntesten Autoren der Belletristik vorstellen, "wobei Bestandsaufnahme im Rückblick auf ein Säkulum und Annäherung an heutige literarische Prozesse bestimmend waren." Die einzelnen Artikel bieten die üblichen biographischen Daten, knappe Charakteristiken wichtiger Werke und subjektive Personalbibliographien (also keine Forschungsliteratur).

Trotz des Verlagswechsels sind die Artikel auf dem Manuskriptstand von Herbst 1989 belassen, "ergänzt und aktualisiert freilich um bio-bibliographische Fakten, Daten, Nachträge für 1990/91". Das ist wohl so zu verstehen, daß keine Autoren mehr nachgetragen worden sind, die erst 1989 oder später zu publizieren begonnen haben. Man erfährt so noch manche Folgen der Wiedervereinigung - andere freilich eben nicht: daß Erich Loest wieder einen Leipziger Wohnsitz hat, ist verzeichnet, ebenso eines seiner Bücher, in denen er mit seinen früheren Peinigern abrechnet; daß Herbert Rosendorfer von München nach Naumburg verzogen ist, erfährt der Benutzer hingegen ebensowenig wie er auf de Bruyns Erinnerungen hingewiesen wird.

Über Lücken läßt sich bei einem Lexikon sicher am leichtesten streiten, und man wird bei der Beurteilung der Auswahl zu Nachsicht neigen. Indes: Was in diesem Lexikon alles nicht zur deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts gehört, ist doch zuviel, als daß man darüber hinwegsehen könnte - zumal ein Prinzip der Auswahl nicht zu erkennen ist.

Es fehlen: Jüdische Autoren und Exulanten aus Deutschland oder Österreich, wie etwa Raoul Auernheimer, Ludwig Grewe, Michael Hamburger, Felix Jackson und Simon Kronberg; die Expressionisten Alfred Lemm und Otto Zarek; viele Autoren der Zwischenkriegszeit, so z. B. Erhart Kästner, Rudolf Kassner, Eduard von Keyserling, Ernst Sander, Werner von der Schulenburg; Querköpfe wie z. B. der Österreicher Jörg Mauthe oder Eckhard Henscheid; baltendeutsche Autoren wie etwa Siegfried von Vegesack; jüngere überhaupt, die aber keineswegs erst nach Redaktionsschluß des Lexikons die Anerkennung der Literaturkritik gefunden haben, z. B. Cyrus Atabay, Anna Blandiana, Richard Exner, Undine Gruenter, Hanna Johansen, Gerhard Köpf, Eckart Krumbholz (DDR-Literatur sollte doch laut Vorwort nicht "ausgegrenzt" werden), Roswitha Quadflieg, Arno Surminski, Oliver Storz, Hans Wollschläger und Fritz Zorn. Gerechte Auswahl verspricht das Vorwort auch für auslandsdeutsche Autoren - aber man sucht vergeblich etwa nach den ungarndeutschen Schriftstellern Engelbert Rittinger, Ludwig Fischer und Claus Klotz.

Kein Autor des Schweizer Zeitstücks zwischen 1933 und 1945 ist aufgenommen, nicht Elsie Attenhofer, Autorin des Dramas gegen den Antisemitismus Wer wirft den ersten Stein?, nicht Werner Johannes Guggenheim, Verfasser der Bomber für Japan usw. Auch der Schweizer Kommunist Hans Mühlestein fällt der lexikographischen damnatio memoriae anheim, der nach ausgedehnten Rußlandreisen noch vor der großen Säuberung das Stalin-Stück Menschen ohne Gott geschrieben hat. Aus der Nachkriegszeit wird der Schweizer Hans Rudolf Hilty mitsamt seiner Literaturzeitschrift hortulus unterschlagen.

Man könnte lange noch fortfahren. Suchen wir nicht länger nach Lücken, sondern betrachten nach dem Prinzip gaudeat obtentis exemplarisch ein paar Artikel. Ärgerlich zu sagen, daß auch da die Freude an tatsächlich reicher Information und gerechten Urteilen (durchaus diskutabel etwa die Darstellung der Ambivalenz Ernst Jüngers) immer wieder durch grobe Fehler getrübt wird.

Schon ein flüchtiger Blick hat am Artikel Hofmannsthal wenigstens folgendes auszustellen: Der Briefwechsel mit Richard Strauss wird mit der Ausgabe von 1964 zitiert. Das ist die 3. Auflage. Was schert's, daß inzwischen längst die 4., erw. Aufl. von 1970 und die abermals erw. von 1978 vorliegen? Im Werkverzeichnis wird eine Dichtung Intermezzo angeführt, die 1924 als Operntext erschienen sein soll. Solange außer dem Autor des Artikels niemand sonst diese Dichtung Hofmannsthals kennt, müssen wir uns ersatzweise wohl mit der gleichnamigen Oper von R. Strauss begnügen, deren Text der Komponist more Wagner selbst verfaßt hat. Statt die kritische Gesamtausgabe einmal zu zitieren, werden im Werkverzeichnis einzelne ihrer Bände wahhlos angeführt; dabei wird denn auch gleich noch einer der ursprünglichen Hauptherausgeber namens Lüders als Luders angeführt. Unter den Briefwechseln fehlt der biographisch und werkgeschichtlich ergiebige mit Ottonie Gräfin Degenfeld, der seit 1986 in 2. Auflage vorliegt.

Aber nicht genug. Im Artikel Wolf von Niebelschütz kommt es noch schlimmer. Wo hat der Bearbeiter des Artikels bloß abgeschrieben, was er uns zumutet? "Sein [sc. Niebelschützens] Hauptwerk Der blaue Kammerherr (1949, 2 Bde.), die opernhafte Ausgestaltung eines Fragments von Hofmannsthal (Danae oder Die Vernunftheirat), ist voller Charme und Grazie, zeigt vor allem auch subtile Ironie, sprachliche Preziosität und treffende Landschaftsdarstellung". Charme und Grazie ganz gewiß - aber sonst: Wer immer das zu Papier gebracht hat, kennt keines der beiden Werke, weder Hofmannsthals mythologisches Opernfragment noch den an zeitgeschichtlich-politischen Anspielungen reichen Roman Der blaue Kammerherr - er ist nur auf die Namensgleichheit der Hauptfiguren hereingefallen.

Die wichtigsten Ausgaben zu nennen, verspricht das Vorwort. Die von Knut Beck besorgte stupende Edition der Werke Stefan Zweigs wird mitgeteilt, die nicht minder eindrucksvolle Werfel-Ausgabe desselben Herausgebers sucht man vergeblich.

Bei der Sortierung haben sich die Herausgeber für die Übergehung von Umlauten und e nach Vokal entschieden. Das erschwert zwar die Suche, ist aber als verbreitete Lexikon-Usance nicht zu beanstanden.

Verschiedentlich findet sich eine ganz dumme Komprimiertechnik. Sandra Paretti wird im Artikel Marie Louise Fischer abgehandelt. Erwin Guido Kolbenheyer ist die Asylstelle für die NS-Autoren H. F. Blunck, W. Vesper, O. Gmelin, M. Jelusich u. a., während die NS-Autoren D. Eckart, H. Anacker u. a. wiederum bei Hanns Johst angelagert werden. Ein Prinzip ist dabei nicht zu erkennen, denn das Verfahren ist nicht auf Trivial- oder NS-Autoren beschränkt, sondern verbannt auch einen Autor wie Leopold von Andrian in den Artikel zu Felix Salten oder rückt Max Bense unter Gomringer und Norbert Conrad Kaser unter Joseph Zoderer (Südtiroler zu Südtiroler?) ein. Das Lexikon restituiert sogar geschiedene Schriftsteller-Ehen: Peter der Mendelssohn suche man unter Hilde Spiel!

Eine Kleinigkeit zum Beschluß: Viel Platz hätte sich sparen lassen, wenn gebräuchliche deutsche Ortsnamen in der Neufassung ohne landessprachliche Parallelnamen angeführt worden wären. Die Zeiten sind doch wohl vorbei, wo es aus ideologischen Gründen Reval/Tallin, Könisgberg/Kaliningrad/UdSSR usw. heißen muß. Solche Marotten bergen ja auch ihre eigenen Tücken der Inkonsequenz: Prag wird auch in diesem Lexikon nirgends als Praha angeführt usw. usf.

Das alles kommt mit einer Ankündigung des Verlags daher, die das Werk anpreist als "wissenschaftlich erarbeitet ...", "Dokunment einer gemeinsamen Kulturtradition aller deutschsprachigen Literaturräume." Hätte der Verlag, der sich Verdienste um die Förderung seriöser wissenschaftlicher Unternehmen aus der ehemaligen DDR erworben hat, doch nur auf einer kritischen Gesamtredaktion vor Veröffentlichung bestanden, so hätte ein erfreuliches Ergebnis herauskommen können, während wir jetzt einen Wechselbalg vor uns haben, bei dem Richtiges und Gutes von Falschem und Schlechtem so verschattet wird, daß man dem Benutzer ständige Gegenkontrolle anraten muß. Das einbändige Lexikon zur deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts haben wir jedenfalls nicht in Händen.

Hans-Albrecht Koch


[1]
Vgl. ABUN in ZfBB 35 (1988),4, S. 362 - 364. (zurück)

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