Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 2(1994) 2
[ Bestand im SWB ]

Deutsche literarische Zeitschriften von der Aufklärung bis


94-2-256
Deutsche literarische Zeitschriften von der Aufklärung bis zur Romantik : Bibliographie der kritischen Literatur von den Anfängen bis 1990 / von Doris Kuhles. Stiftung Weimarer Klassik, Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek. - München [u.a.] : Saur, 1994. - Teil 1 - 2 ; 25 cm. - (Bibliographien und Kataloge der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek zu Weimar). - ISBN 3-598-11159-2 (Gesamtwerk) : DM 398.00, DM 360.00 (Subskr.-Pr. bis 31.01.1994)
[1959]

Bibliographien zur Literatur über das deutsche Zeitschriftenwesen sind im deutschsprachigen Bereich ein Desiderat. Wer literarische Vorermittlungen auf diesem Gebiet betreiben will, ist bis heute auf unterschiedliche Dokumentationen und (zum Teil veraltete) Handbücher angewiesen, in denen gemeinhin die veröffentlichten Forschungsergebnisse als Appendix aufgeführt werden. Ohne Zweifel schließen die von Doris Kuhles vorgelegten zwei Bände eine Lücke.

Insgesamt werden 3.072 Titel (zusätzlich verschiedene A-Nummern für nachträglich ins Manuskript übernommene Publikationen des Jahres 1991) nachgewiesen: Monographien, maschinenschriftliche Dissertationen, Zeitschriften- und auch Zeitungsaufsätze. Bei größeren Werken folgt der Titelaufnahme ein Kommentar bzw. die Wiedergabe von Hauptteilen des Inhaltsverzeichnisses. Der Titelkomplex wird durch eine Kette von Stich- und Schlagwörtern abgeschlossen. Innerhalb der Systematikgruppen und Untergruppen erfolgt die Ordnung chronologisch. Hervorzuheben ist, daß das Material einer generellen Autopsie unterworfen wurde, wodurch tradierte Fehler vermieden werden konnten.

Die Berichtszeit läßt sich mit den Jahren 1688 bis 1830 klar angeben; die Erfassung der Literatur endet mit dem Erscheinungsjahr 1990, doch konnten Publikationen des Jahres 1991 noch nachgetragen werden. Die Titelaufnahme folgt der Praxis der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek, im Vorwort heißt es: "angepaßt". Offensichtlich ist dieses Regelwerk keinem der üblichen ganz und rein verschrieben; das sollte bei der eventuellen Übernahme aus diesem Werk bedacht werden.

Teil eins der Bibliographie enthält die Systemgruppen 1 (allgemeine Handbücher, Nachschlagewerke, Bibliographien und Verzeichnisse) und 2 (Literatur zu allgemeinen Fragen und zu einzelnen Perioden), die wiederum unterteilt sind. Teil zwei bringt die Literatur zu einzelnen Zeitschriften (Systemgruppe 3) und das Register (Namen- und Sachregister, Titelregister). Dem ersten Teil sind historisch interessante Abbildungen vorangestellt.

Über den praktischen Nutzen dieser Publikation hinaus, der nicht in Frage gestellt werden soll, bleiben allerdings verschiedene Fragen offen. Nicht zuletzt steht der Rezensent vor bibliographisch-technischen wie theoretischen Ungereimtheiten.

Nicht ersichtlich ist, wie intensiv die wissenschaftliche Fachliteratur aufgearbeitet wurde, im besonderen die zeitungswissenschaftlich orientierten Zeitschriften. Pauschal wird angegeben, daß für die Zeit von 1688 - 1830 die zeitkritische Literatur nach dem heutigen Stand der bibliographischen Erfassung ermittelt wurde. Für die Zeit danach wird "Vollständigkeit der wesentlichen Veröffentlichungen angestrebt". Dies läßt auf Auswertung bekannter bibliographischer Hilfsmittel schließen, nicht aber auf eigene Suchstrategien in Fachzeitschriften u.ä.m. Zum anderen wird klar, daß es sich beim vorliegenden Werk um eine Auswahlbibliographie handelt, im Titelzusatz bereits umschrieben mit "kritische Literatur". Was "wesentlich" und "kritisch" ist, mag dahingestellt bleiben, es provoziert allerdings die Frage, welche Veröffentlichungen letztlich unberücksichtigt blieben. Die Bearbeiterin nennt von sich aus die "Vorreden" der Zeitschriften, für deren Ausschluß sie keine Begründung anführt. In Fortsetzung dessen fehlen alle programmatischen Erklärungen, wie sie in den Gründungsnummern oft zu finden sind, desgleichen die Abschiedserklärungen bei Einstellung des Erscheinens, Beiträge zu pressehistorisch interessanten Kontroversen, d.h. es fehlen die Selbstäußerungen der Zeitschriften, die für das publizistische Wollen und dessen Ermittlung eine unverzichtbare Quelle sind. Diese Fehlentscheidung macht deutlich, daß der theoretische Ansatz für die Titelauswahl ein eng literarischer ist, zumindest kein medienkundlicher. Unterstrichen wird dies nachdrücklich in der getroffenen Abgrenzung bzw. Nicht-Abgrenzung zwischen Zeitschrift und Zeitung, die die Bearbeiterin zu begründen hatte. Sie beruft sich dabei ausgerechnet auf Karl d'Ester, der als Zeitschriftenforscher nicht sonderlich hervorgetreten ist. Joachim Kirchner und Günter Kieslich wären hier bessere Ratgeber gewesen. So kommt es zu der höchst wunderlichen Behauptung, Zeitung und Zeitschrift ließen sich im 18. Jahrhundert "fast unmöglich" unterscheiden. Das Gegenteil ist der Fall und ließe sich begründen. In der Bibliographie erscheint daher auch Literatur zu einigen wenigen Zeitungen (etwa Schlesische Zeitung, Preßburger Zeitung, St. Petersburger Zeitung etc.), was vom Sachtitel der Publikation her nicht zu vermuten ist. Daß es sich hierbei nur um eine Erfassung der "wesentlichen" Veröffentlichungen handeln kann, liegt auf der Hand und wird dokumentiert. Die für den Gegenstand interessanten Intelligenzblätter werden zwar als besondere Gruppe nicht erwähnt, erscheinen aber mit einigen Titeln in der Bibliographie. Allerdings wird man diese Anzeigenblätter kaum als "literarische" Periodika einstufen können, um die es der Bearbeiterin eigentlich geht. Bei der Bestimmung des Begriffs "literarische Zeitschrift" sollte - wie es einleitend heißt - durchaus von einem "weiten Literaturbegriff" ausgegangen werden, doch scheint es, daß das Definitorische hier arg ins Schlingern geraten ist.

Als nutzlos und störend wird der Benutzer des Werkes die chronologische Ordnung des Titelmaterials empfinden. Was in dokumentarischen Arbeitsbereichen durchaus sinnvoll sein kann, verliert in retrospektiven Bibliographien jegliche Bedeutung. Problematisch ist auch der Abdruck von Hauptteilen der Inhaltsverzeichnisse größerer Publikationen. Das hat Sinn, wenn dadurch Werkteile erschlossen werden, die man dort aufgrund des Titels nicht vermutet, wird jedoch bedeutungslos, wenn der Titel die Information hinreichend enthält. Weniger wäre hier besser gewesen. Nützlich dagegen ist die Aufnahme der Verschlagwortung im Register.

Diese Mängel werden erklärlich - wenn auch nicht entschuldbar - durch die Tatsache, daß die vorliegende Veröffentlichung eigentlich eine Vorauspublikation ist, die vom Ansatz her einen Überblick der kritischen Literatur bieten sollte für ein größeres Projekt: Analytische Inhaltserschließung der Zeitschriften des Weimarer-Jenaer Kultur- und Literaturkreises. Mit anderen Worten: Was hier als Bibliographie erscheint, ist eigentlich ein umfangreiches, dokumentiertes und verschlagwortetes Literaturverzeichnis, das im Grunde als Abschlußband des Großprojektes hätte erscheinen müssen.

Das zweibändige Werk kommt in einem vorzüglichen Layout daher, inhaltlich bereitet es einige Magenbeschwerden.

Gert Hagelweide


Zurück an den Bildanfang