Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 2(1994) 1
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Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten


94-1-035
Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten / Lutz Röhrich. - [Neuausg.] - Freiburg [u.a.] : Herder. - 25 cm. - Früher u.d.T.: Röhrich, Lutz: Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. - ISBN 3-451-22080-6 (Gesamtwerk)
[1476]
Bd. 1. A bis Ham. - 1991. - 638 S. : Ill. - ISBN 3-451-22081-4 : DM 165.00
Bd. 2. Han bis Sai. - 1992. - S. 639 - 1273 : Ill. - ISBN 3-451-22082-2 : DM 165.00
Bd. 3. Sal bis Z. - 1992. - S. 1275 - 1910 : Ill. - ISBN 3-451-22083-0 : DM 165.00
94-1-036
Duden "Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten" : Wörterbuch der deutschen Idiomatik / bearb. von Günther Drosdowski und Werner Scholze-Stubenrecht. - Mannheim [u.a.] : Dudenverlag, 1992. - 864 S. ; 20 cm. - (Der Duden ; 11). - ISBN 3-411-04111-0 : DM 34.00
[1482]

"Feste oder idiomatische Verbindungen (sind) ... sprachliche Erscheinungen ..., die man als 'vorgeformte', nicht frei gebildete Wortketten umschreiben könnte" (DudenRed. S. 7), sozusagen "vorgefertigte Bauteile", die immer in derselben Weise gebraucht werden und deren Bedeutung sich nicht aus der Summe der Bedeutungen der einzelnen Wörter ableiten läßt, z.B. auf den Busch klopfen im Sinne von etwas durch geschicktes Fragen zu erfahren suchen. Solche festen Wendungen sind Teil jedes Gesamtwörterbuchs und sie werden dort entweder ohne besondere Markierung an der ihnen nach dem von dem jeweiligen Wörterbuch befolgten Ordnunsgsschema zukommenden Stelle eingereiht (so bei den Wahrig'schen Wörterbüchern) oder mit besonderer Markierung an den Schluß des jeweiligen Lemmas gesetzt. So verfährt z.B. der Duden "Das große Wörterbuch der deutschen Sprache" (DudenGW), der sie mit einem fett gesetzten Asteriskus einleitet (vgl. das weiter unten folgende Beispiel). Da außer den sprachlichen Erklärungen vor allem solche zur Herkunft dieser idiomatischen Verbindungen erforderlich sind, gibt es eine nicht kleine Zahl von Teilwörterbüchern, die sich speziell der Verzeichnung und Erläuterung der sprichwörtlichen Redensarten annehmen und die auch solche Wörterbücher einschließen, die weniger zu den Sprachwörterbüchern als zu den thesaurierenden Sammlungen[1] bzw. zu den Fachlexika (hier der Volkskunde) gehören.

Nicht umsonst bezeichnet sich das erfolgreichste neuere Wörterbuch dieser Art als Lexikon und stammt auch nicht von einem Sprachwissenschaftler, sondern von dem emeritierten Freiburger Volkskundler Lutz Röhrich. Daß dieses zuerst 1973 unter dem Titel Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten erschienene Nachschlagewerk bis 1983 nicht weniger als fünf (unveränderte) Auflagen erlebte und dazu noch in einer gleichfalls unveränderten Taschenbuchausgabe erschien, die es gleichfalls auf fünf Auflagen brachte, läßt in der Tat auf ein breites Interesse schließen, das sich kaum allein mit dem Interesse von Sprachwissenschaftlern erklären läßt. Die zweite, wesentlich erweiterte Auflage bezeichnet der Verlag freilich nicht als solche, sondern wählt lieber den Zusatz des Adjektivs groß, ein Wort, das die Werbeabteilungen bei den Titelfassungen von Nachschlagewerken gerne einsetzen, in der Hoffnung, den Kunden recht zu beeindrucken. Dem Vorwort ist zu entnehmen, daß die Zahl der Eintragungen um ca. 50% zugenommen hat und der Waschzettel gibt die Gesamtzahl mit "etwa 15.000 Redensarten" an. "Aufgenommen wurden vorzugsweise sprichwörtliche Redensarten, die einer kulturhistorischen Herleitung bedürfen", was den bereits angedeuteten anderen, nicht primär sprachlichen Ansatzpunkt dieses Nachschlagewerks belegt, der sich auch in der starken Bebilderung manifestiert, geht es doch dem Verfasser eingestandermaßen auch darum, "insbesondere durch historische Illustrationen .... auch 'ad oculos' (zu demonstrieren), was Kerbhölzer, Daumenschrauben oder Scheuklappen eigentlich sind" (S. 11). Diesem vornehmlich sach- und nicht sprachorientierten Aspekt dienen auch die vielen Artikeln beigegebenen, z.T. langen Literaturhinweise sowie eine ca. 1500 Titel umfassende, sachlich gegliederte Bibliographie am Ende von Band 3, die der in den USA wirkende Wolfgang Mieder,[2] beigesteuert hat, dem wir die wichtigsten neueren umfassenden Bibliographien zur Parömiologie verdanken.[3] Das Bemühen um die historische Herleitung schließt keineswegs die Berücksichtigung der Gegenwartsidiomatik aus, manifestiert in sprichwörtlichen Redensarten, die z.B. aus der Sprache der Werbung oder der Jugendsprache stammen; berücksichtigt sind auch "Anti-Sprichwörter", also insbesondere Parodien auf die Autorität beanspruchenden, aus der Ethik der Leistungsgesellschaft stammenden Redensarten, wie Arbeit adelt - wir bleiben bürgerlich. Die Neubearbeitung berücksichtigt auch stärker als die Vorauflage "fremdsprachliche Parallelen, insbesondere aus dem Französischen und Englischen" sowie Belege aus den deutschen Mundarten. Der Anhang von Band 3 enthält außer der genannten Bibliographie auch den Abbildungsnachweis sowie ein Register der Stichwörter mit Markierung der Hauptstellen und des Vorkommens innerhalb anderer Artikel, allerdings ohne Berücksichtigung fremdsprachiger Begriffe.

Mit dem Duden "Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten" übersteigt Der Duden in 10 Bänden : das Standardwerk zur deutschen Sprache, wie er sich in der jedem Band beigegebenen Übersicht selbst bezeichnete, die seit Jahren geltende Beschränkung auf ebendiese 10 Bände und springt gleich um zwei Zähler auf Der Duden in 12 Bänden, dessen Band 12 Ende 1992 noch angekündigt, inzwischen auch bereits erschienen ist. Er verzeichnet (gleichfalls lt. Werbung) "über 10.000 feste Wendungen, Redensarten und Sprichwörter, die im heutigen Deutsch verwendet werden". Obwohl auch hier die "Erläuterungen zur Herkunft ... interessante Einblicke in älteres Brauchtum und kulturgeschichtliche Entwicklungen" bieten, sind diese sachlichen Erläuterungen, die dazu am Schluß der Lemmata mit einer markierenden Raute zusammengefaßt sind, den sprachlichen Erläuterungen durchaus untergeordnet, wie es dem innerhalb des Duden erscheinenden Band auch gemäß ist. Zur Erläuterung dienen teils Beispiele, teils mit Quellenangabe versehene Belege aus den im Anhang aufgeführten Werken. Verweisungen sind in das Alphabet selbst eingearbeitet, wobei die langen "Nester" mit Verweisungen von Verbindungen aus Verben mit Substantiven auffallen, so z.B. unter haben, die nichts mehr beinhalten, als eine Verweisung auf das jeweilige Substantiv; hier hätte wohl auch ein genereller Hinweis in der Benutzungsanleitung genügt, und selbst wenn diese ein Benutzer nicht konsultieren sollte, wird er automatisch unter Haschmich nachschlagen, wenn er unter dem Verb der Wendung einen Haschmich haben nichts findet.

Als knappes Beispiel, das die Unterschiede beider Wörterbücher illustriert, sei das Lemma Bündel reprodzuiert (Röhrich, Bd. 1, S. 280, DudenRed. S. 36):

Beispiel (derzeit nur in der Printform von IFB)

Fazit: Für die tägliche Arbeit unter sprachlichem Aspekt wird man sicherlich zum DudenRed. greifen und den Röhrich zur vertiefenden Recherche, insbesondere auf die hinter den Redensarten stehenden Realien heranziehen, ist doch letzterer auch im Selbstverständnis seines Verfassers nicht nur dazu da, daß man in ihm "nachschlagen kann, sondern auch zum Vergnügen sich festlesen soll" (S. 21).

sh


[1]
Von den älteren deutschen sei nur die folgende genannt, von der zwei Reprints veranstaltet wurden, deren einer inzwischen für DM 128.00 im modernen Antiquariat verramscht wird: Deutsches Sprichwörter-Lexikon : ein Hausschatz für das deutsche Volk / Karl Friedrich Wilhelm Wander. - Leipzig, 1867 - 1880. - Bd. 1 - 5.
Von den zahlreichen italienischen sei nur wegen der in diesem Heft erscheinenden Rezension der Personalbibliographie von Giuseppe PitrŠ (IFB 94-1-103) dessen Proverbi siciliani raccolti e confrontati con quelli degli altri dialetti d'Italia / da G. PitrŠ. - Palermo, 1880. - Vol. 1 - 4. - (Biblioteca delle tradizioni popolari siciliane ; 8 - 11) erwähnt. - Auch diese Sammlung wurde zweimal nachgedruckt (1969 und 1979). (zurück)
[2]
Ihm widmete erst jüngst ein so populäres Magazin wie Smithsonian. - 1992,Sept., S. 110 - 118 einen ganzen Beitrag. (zurück)
[3]
International proverb scholarship : an annotated bibliography. - New York [u.a.] : Garland. - (Garland folklore bibliographies ; ...) - (Garland reference library of the humanities ; ...). - [Grundwerk]. - 1982. - (... ; 3) (... ; 342). - Supplement 1. 1800/1981 (1990). - (... ; 15) (... ; 1230). - Supplement 2. 1982/91 (1993). - (... ; 20) (... ; 1655). - Letzteres ist ganz neu und fehlt deshalb noch in dem bibliographischen Anhang.
Mieder ist auch Herausgeber von Proverbium : yearbook of international proverb scholarship. - [N.S.] 1 (1984) - . (zurück)

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