Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 1(1993) 3/4
[ Bestand im SWB ]

Peters-Atlas


93-3/4-246
Peters-Atlas / [Arno Peters]. - Vaduz : Akademische Verlagsanstalt, 1990. - 231 S. ; 35 cm. - ISBN 3-905019-02-7 : DM 87.00
[1500]

Der letzte der hier vorzustellenden Weltatlanten ist der Peters-Atlas. Die Verwendung eines persönlichen Namens im Titel suggeriert ein Anknüpfen an die großen Kartographen und Atlashersteller. Und tatsächlich wird mit einem neuen geographischen Weltbild[1] geworben. Damit ist die paritätische Atlas-Darstellung aller Länder und Kontinente der Erde in ihrer wirklichen Größe in der gleichfalls nach dem Schöpfer benannten Peters-Projektion gemeint. Die von Peters propagierte Idee realisiert sich in einem Atlas, in dem sämtliche Landmassen der Erde in einem einheitlichen Maßstab präsentiert werden, um so dem Betrachter das Studium der Größenverhältnisse der Länder zu ermöglichen. In Anbetracht der sonst vorherrschenden Darstellungspraxis mit unterschiedlichen Maßstäben und meist eurozentrischem Schwerpunkt ist dies eine durchaus interessante Variante für eine Atlaskonzeption, die zu einer eingehenden Beschäftigung auffordert. Die als Neuentwicklung gepriesene Projektion ist jedoch letztlich nur eine sehr eigenwillige Fortführung flächentreuer Karten. Doch selbst eine exakte Flächentreue wird nicht erreicht und bleibt lediglich eine vage Annäherung. Das Ergebnis der Peters-Projektion ist die richtige Abbildung der mittleren Breiten (z.B. die Höhe von Rom oder New York) und eine starke Verzerrung der pol- und der äquatornahen Bereiche. Das heißt, daß die Gebiete um den Äquator stark in die Länge gezogen und die Abbildungen mit zunehmender Nähe zu den Polen immer breiter werden. Europa findet demnach auf zwei Doppelseiten Platz, während die unbesiedelte Antarktis 4 Doppelseiten benötigt. So wundert es auch nicht, daß nur ein mittlerer "Entfernungsmaßstab" von etwa 1:8 Mio als Maßstab für dieses Atlaswerk angegeben wird. Entfernungsmessungen können deswegen mit der Peters-Projektion nicht durchgeführt werden. Stattdessen wird wegen der vermeintlichen Flächentreue der Peters-Projektion mit einem Flächenmaßstab zu operieren versucht.[2] Jeder Globus lehrt uns die wahren Verhältnisse besser.

Abgesehen von den Unzulänglichkeiten der Projektion und des zu starker Generalisierung zwingenden "Maßstabs" bieten die 86 Kartenseiten ein ansprechendes Bild durch die plastische Wiedergabe des Reliefs und durch die klare Farbgebung, die die natürliche Bodenbedeckung wiedergibt. Das ist aber auch schon das einzig positiv zu Vermerkende. Bei genauer Betrachtung fallen doch erhebliche Unterschiede in der Farbgebung für dieselben Gebiete in verschiedenen Karten auf (z.B. im Grenzbereich von Chile, Peru und Bolivien auf S. 24/25 und auf S. 28/29). Ebenso unverständlich bleibt die Bildung der vier Ortsgrößenklassen, die nur eine unzureichende Differenzierung zulassen und zu falschen Schlüssen über die Bevölkerungsdichte und den Grad der Verstädterung in den einzelnen Ländern führt.

Neben dem physischen Kartenteil, der von einem Register mit nur 18.000 Eintragungen ausschließlich in deutschsprachiger Ansetzung[3] erschlossen wird, enthält der Atlas auf 90 Seiten 246 sprechende Erdkarten über Natur, Mensch und Gesellschaft, eine für einen Weltatlas enorme Fülle von Themenkarten in ausschließlich globaler Sicht. Unter einem Oberbegriff werden bis zu 16 Karten pro Doppelseite zusammengestellt, mit dem Erfolg, daß eine Weltkarte dann in den Ausmaßen von 7,2 x 11,4 qcm erscheint, in der die eingetragenen Staatsnamen nur noch mit einer Lupe lesbar sind. Sprechende Erdkarte heißt auf Länderebene aufbereitete und in Flächenfarben dargestellte Themen. Eine andere kartographische Darstellungsform ist bei dem kleinen Format der Karten auch gar nicht möglich. Die sonst potentiell mögliche kartographische Aussagefähigkeit wird ohnehin nicht in Anspruch genommen, da kein Thema inhaltlich aufbereitet oder mit anderen in Beziehung gesetzt wird. Bei manchen Themen ist die Frage zu stellen, ob sie denn unbedingt in einer Weltkarte umgesetzt werden mußten so z.B. Der Sport (S. 136/137), dessen Bearbeitung sich in der globalen Verteilung des olympischen Medaillenspiegels einzelner Sportarten erschöpft. Die Farbabstufungen lassen manchmal ebenso zu wünschen übrig wie die auf jeder Seite beigefügten Texte, die gleichfalls an der Oberfläche bleiben wie die Karteninhalte.

Die im Peters-Atlas verwirklichte Idee der paritätischen Wiedergabe der Erdoberfläche aufgreifend, soll auch für die übrigen besprochenen Weltatlanten die Frage nach der ausgewogenen Behandlung der Kontinente und Länder gestellt werden. Immerhin werben alle Atlanten im Sachtitel bzw. im Zusatz mit den Begriffen Welt oder international oder mit beiden. Sicherlich gibt es schon aufgrund der Wirtschafts- oder Infrastrukturen sowie der Besiedlungsdichte erhebliche Unterschiede, die die Darstellung der Erdteile und Länder in verschiedenen Maßstäben sinnvoll erscheinen läßt, und ebenso ist die kartographische Hervorhebung der Industrieländer unter verlegerischem Aspekt verständlich. Dennoch sollte man eine angemessene Wiedergabe aller Länder erwarten können. Als Vergleichskriterium wurden in der folgenden Tabelle u.a. die Seitenanzahlen für den afrikanischen Kontinent sowie die Maßstäbe der Karten für Papua Neu Guinea herangezogen. Dabei zeigt sich, daß lediglich die beiden großen Nachschlageatlanten von Knaur und Rand McNally/Westermann die Länder der Dritten Welt einigermaßen befriedigend würdigen und damit eine erste Orientierung über deren geographische Strukturen ermöglichen. Die Tabelle macht darüber hinaus Angaben zu weiteren wesentlichen Aspekten, aus deren Vergleich sich wichtige Anhaltspunkte für die Beurteilung gewinnen lassen. Insbesondere seien die Verweisungen vom Register in die Karten genannt, ob also ein Ort mittels eines Suchfeldes oder nur mittels der geographischen Koordinaten aufzufinden ist. Daneben ist der Nutzwert eines Atlas auch durch subjektive Kriterien zu bestimmen, die in der individuellen Handhabung und im Empfinden des Kartenbildes (Übersichtlichkeit, Lesbarkeit, Plastizität, Orientierung) begründet liegen. Letztlich spielt noch der Preis eine wesentliche Rolle. So lassen sich drei Preiskategorien unterscheiden (bis DM 100.00, DM 100.00 bis DM 200.00 sowie über DM 200.00), die jedoch interessanterweise nur bedingt mit der Kartenqualität korrelieren. Letzteres wird insbesondere bei den Atlanten aus dem RV-Verlag deutlich. Andererseits sind sowohl der Verkauf als auch der Ankauf von Lizenzen in der Preispolitik und der Atlaskonzeption von zunehmender Bedeutung.[4] Die heutigen Produktionsmechanismen fördern diese Entwicklung, wodurch auch eine bisher nicht bekannte Vielzahl von Weltatlanten in häufig erneuerten Auflagen und zu früher unvorstellbar günstigen Preisen auf dem Buchmarkt angeboten wird.

                             Kn.   IA    Mey.  GIW   GW    NIW   UW    RD    Pet.
                                                           GIW   Er
Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 1(1993) 3/4
[ Bestand im SWB ] Typ: Nachschlage-/Hausatlas NA NA NA NA NA HA HA HA - Preis (auf volle DM aufge- 398 148 78 248 98 148 68 149 87 rundet) 50 ? Seiten (insgesamt) 530 533 324[5] 464 415 368 344 264 231 Seiten (Kartenteil, ohne thematische Karten) 230[6] 288 132 166 146 130 120 138 86 Seiten (thematische Karten) 16 - 29 46 42 - - - 90 Stadtumgebungskarten + + - + - - - - - Satellitenbilder - - + + + - + + - Geo-/biowiss. Informationen - - - - - + + + - Registereintragungen in Tsd. 200 160 75[7] 150 130 100 100 40 18[8] Suchfeld / Koordinaten S+K K K S S S S S S Vergleichsmaßstab in Mio. -[9] 12[10] 15 13,5 13,5 13,5 13,5 12 8 Kartenzahl Afrika 12 12 6[11] 8 8 8 8 5 7 Maßstab Papua Neu Guinea in Mio 5 6 25 13,5 13,5 13,5 13,5 12[12] 8 Karten im Bundsteg abgesezt + + + - - - - - -

Wolfgang Crom


[1]
Die kursiv abgesetzten Zitate entstammen der Atlaswerbung. (zurück)
[2]
Die Deutsche Gesellschaft für Kartographie hat sich eingehend mit der Peters-Projektion auseinandergesetzt und sah sich zu entsprechenden Stellungnahmen veranlaßt. Vgl. dazu:
Die sogenannte Peters-Projektion : eine Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kartographie. // In: Geographische Rundschau. - 33 (1981), S. 334 - 335.
Ideologie statt Kartographie : die Wahrheit über die "Peters-Weltkarte" / Deutsche Gesellschaft für Kartographie ; Verband der Kartographischen Verlage und Institute. - Dortmund [u.a.], 1985. - 11 S. (zurück)
[3]
Da "dieser Atlas ... in allen Ländern der Erde mit gleichem Inhalt (erscheint)", ist zu vermuten, daß die Ansetzung der Namen den jeweiligen nationalen Gepflogenheiten folgt. (zurück)
[4]
So die hier besprochenen Ergebnisse der Kooperation von Rand McNally mit Reader's Digest bzw. der von Times Books mit Knaur. - Vgl. auch Kartographische Aspekte bei der Vergabe von Lizenzen von Weltatlanten / Karlheinz Thieme. // In: Kartographische Nachrichten. - 30 (1980), S. 122 - 130. (zurück)
[5]
Teilweise ausklappbar.
[6]
115 Tafeln.
[7]
Deutschsprachige Namensansetzung.
[8]
Deutschsprachige Namensansetzung.
[9]
Vergleichsgraphik mit Daten.
[10]
Politische Karten.
[11]
Davon nur vier physische Karten.
[12]
Unvollständig auf zwei Karten verteilt.

Zurück an den
Bildanfang