Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 9(2001) 2
[ Bestand im SWB ]

Die graphischen Thesen- und Promotionsblätter in Bamberg


01-2-385
Die graphischen Thesen- und Promotionsblätter in Bamberg : Bestandskatalog der Staatsbibliothek Bamberg, des Historischen Vereins Bamberg in der Staatsbibliothek Bamberg, des Erzbischöflichen Priesterseminars Bamberg, des Hitsorischen [Historischen] Museums der Stadt Bamberg und auswärtiger Sammlungen sowie von Privatbesitz / [nach Vorarb. von Wolfgang Seitz. Bearb. und hrsg. von der Staatsbibliothek Bamberg durch Bernhard Schemmel. Mit Lichtbildern von Alfons Steber]. - Wiesbaden : Harrassowitz, 2001. - 399 S. : Ill. ; 31 cm. - ISBN 3-447-04001-7 : DM 128.00
[6617]

Es gibt beträchtliche Unterschiede zwischen den Schriften protestantischer und katholischer Universitäten der frühen Neuzeit. Wurden die Dissertationen protestantischer Hochschulen in aller Regel in schlichter Form mit - wenn überhaupt - spärlichen Illustrationen publiziert und auch die Promotionsurkunden einfach gestaltet, entwickelte sich an den katholischen Hochschulen des süddeutsch-österreichischen Raums bald die Tradition der Thesen- und Promotionsblätter. Es handelte sich dabei um Einblattdrucke im Plakatformat, die im oberen Teil des Blattes reichen Bilderschmuck aufwiesen. Bei den Thesenblättern folgten im unteren Teil kurzen Thesen mit Angabe des Präses und des Respondenten, bei den Promotionsblättern die namentliche Aufführung der Bakkalaureen und Magister. Beliebt waren biblische und kirchengeschichtliche Motive, besonders Darstellungen von Heiligen. Die ebenfalls beschriebenen und analog aufgebauten Promotionsblätter informierten über vollzogene Promotionen von Magistern und Bakkalaureen in der philosophischen Fakultät.

Diese Tradition pflegte auch die 1648 gegründete alte Universität Bamberg, die Academia Ottoniana bzw. Universitas Ottoniana-Fridericiana. Wie fast alle katholischen Universitäten des Alten Reiches bis zur Aufhebung des Ordens im Jahre 1773 von den Jesuiten geleitet, war auch sie eine Hochschule mit eindeutig theologisch-philosophischem Schwerpunkt. Eine juristische Fakultät kam erst 1735 hinzu, eine medizinische gar erst 1769/1770. Im 18. Jahrhundert rangierte Bamberg von der Anzahl der Studenten her im Mittelfeld der deutschen Universitäten.

Die hier beschriebenen Thesen- und Promotionsblätter entstammen also ganz überwiegend dem Lehrbetrieb der philosophischen und - schon eindeutig weniger - der theologischen Fakultät. Er erstaunt wenig, daß sie in Bamberger Sammlungen besonders vollständig vorhanden sind. Unter den an anderen Institutionen wie Gymnasien/Lyzeen, Klöstern entstandenen Drucken ragt nur die benachbarte Universität Würzburg zahlenmäßig hervor. Insgesamt werden 161 verschiedene Blätter in 222 Exemplaren verzeichnet, darunter 60 Promotions- und 70 Thesenblätter sowie 31 ohne Text und damit nicht zuordenbar.

Im aufgeschlagenen Katalog stehen dem Benutzer jeweils rechts die Photos der Dokumente und links deren bibliographisch-ikonographische Beschreibung zur Verfügung, eine gerade bei dieser Schriftengattung sehr gelungene Methode. Der detaillierten ikonographischen Beschreibung des Motivs und der Angabe der gewählten künstlerischen Technik - fast immer Schabkunst oder Kupferstich - folgen die bibliographischen Daten zu Präses und Defendent/Respondent, Titel bei Thesenblättern oder zu Promotoren sowie die namentliche Aufführung der Promovierten bei Promotionsblättern. Es folgen Hinweise auf auswärtige Bestände, Belegstellen der genannten Personen in der Bamberger universitätsgeschichtlichen Literatur wie der Matrikel[1] oder der grundlegenden bildungsgeschichtlichen Abhandlung von Weber[2] sowie auf ein noch nicht publiziertes, von Werner Taegert bearbeitetes Verzeichnis der alten Bamberger Dissertationen und Thesen. Abgeschlossen wird die Beschreibung durch den detaillierten Besitznachweis.

Am Ende der Publikation finden wir einen umfangreichen, solide gearbeiteten Register- und Konkordanzenteil, der fast jeden erdenklichen Zugriff auf die verzeichneten Dokumente ermöglicht. Der Kunsthistoriker ist dankbar für die Chronologie der abgebildeten Blätter, die Auflistung der ikonographischen Motive in alphabetischer Anordnung, das mit biographischen Eckdaten angereicherte Register der Künstler und Drucker, der Universitätshistoriker für die Konkordanz der Thesen- und Promotionsblätter, der Thesenblätter und Dissertationen (nach Taegert), die Übersicht über die Verteilung von Magisterium und Bakkalaureat gemäß den Promotionsblättern sowie das Register der Promotoren, Präsiden und Respondenten. Daß dort und auch im Hauptteil die promovierten Magister und Bakkalaureen nicht einzeln aufgeführt sind, mag der Universitätshistoriker bedauern, liegt aber bei insgesamt 4234 Namen (1775 Magister, 2459 Bakkalaureen) nahe. In vielen Fällen sind zudem die Namen auf der Abbildung des Promotionsblattes - wenn auch manchmal nur mit Lupe - erkennbar. Die Bearbeiter haben mit diesem vorzüglichen Nachschlagewerk einen wichtigen kunst- und universitätsgeschichtlichen Beitrag geliefert, der die in den letzten Jahren erschienenen Publikationen gerade zum Thesenblatt trefflich ergänzt.[3] Wenn jetzt auch noch Taegerts Verzeichnis hinzukommt, verfügt die Universität Bamberg über eine recht umfassende, wenn auch längst noch nicht vollständige Dokumentation ihrer alten Drucke. Bei den Promotionsblätter klaffen doch noch gerade für das 17. Jahrhundert große Lücken und es ist sehr fraglich, ob sie sich aus auswärtigen Sammlungen noch nennenswert ergänzen lassen.

Manfred Komorowski


[1]
Die Matrikel der Akademie und Universität Bamberg / hrsg. von Wilhelm Heß. - Bamberg ; Aschaffenburg. - 1 (1923) - 2 (1924). (zurück)
[2]
Geschichte der gelehrten Schulen im Hochstift Bamberg von 1007 - 1803 / Heinrich Weber. - Bamberg. - 1 (1880) - 2 (1881). (zurück)
[3]
Hierzu die im Quellen- und Literaturverzeichnis (S. 397 - 399) genannten Publikationen der Spezialisten Sibylle Appuhn-Radtke und Werner Telesko sowie der Forschungsbericht des Rezensenten: Die alten Hochschulschriften : lästige Massenware oder ungehobene Schätze unserer Bibliotheken? - IFB 97-1/2-232 (hier S. 396 - 397). (zurück)

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