Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 9(2001) 1
[ Bestand im SWB ]
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"Ins Stammbuch geschrieben ..." [Computerdatei]


01-1-006
"Ins Stammbuch geschrieben ..." [Computerdatei] : studentische Stammbücher des 18. und 19. Jh. aus der Sammlung des Stadtarchivs Göttingen ; mit Abbildungen der Stammbuchkupfer / Bearb.: Maria Hauff ; Hans-Joachim Heerde ; Ulrich Rasche. - Göttingen : Duehrkohp & Radicke, 2000. - 1 CD-ROM. - (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Göttingen ; 7). - ISBN 3-89744-134-9 : DM 30.00
[6307]

Zu Beginn eines jeden Katalogisierungsvorhabens sind Entscheidungen über die Erschließungstiefe zu treffen: bei Stammbüchern ist dies zugegebenermaßen besonders schwierig, aber auch reizvoll. Wie weit muß der einzelne Eintrag aufgegliedert und charakterisiert werden, wieweit muß der Zusammenhang von Text und Bild gewahrt bleiben, um einem differenzierten Kreis von Benutzern mit dem Katalog einen Einstieg in die vorhandene Sammlung und in das einzelne Stammbuch zu eröffnen? Zugleich kann es jedoch nicht Aufgabe eines Katalogs sein, die Benutzung der Quellen überflüssig zu machen. Welche Angaben also sind notwendig, worauf kann verzichtet werden? Das eingangs erwähnte Stammbuch Herzog Augusts liegt im Faksimile vor, der unbestreitbar besten Möglichkeit, ein die wertvolle Handschrift schonendes Gesamtbild entstehen zu lassen. Die Faksimilierung stößt jedoch an ihre Grenzen, wenn es um die Verzeichnung größerer Stammbuchbestände geht. Neben dem Kostenfaktor, der die Faksimilierung dutzender oder hunderter von Stammbüchern ohnehin fraglich machte, wäre damit vor allen Dingen die wertvolle Arbeit der Erschließung dieser Quellen in einem gemeinsamen Katalog nicht ersetzt, die Analyse und Zusammenschau vieler und vielgestaltigster Einzeldaten.

Bietet die elektronische Erschließung und digitale Darstellung gedruckter und handschriftlicher Dokumente möglicherweise neue Lösungen? Das Stadtarchiv Göttingen, mit mehr als 300 Stammbüchern Besitzerin einer der größten Sammlung Deutschlands, legt in Form einer CD-ROM eine interessante Kombination von Katalog und Bildteil ihrer Stammbuchsammlung vor. Auf der Basis des Datenbankprogramms ALLEGRO sind 17.665 Datensätze mit ca. 800 Abbildungen erfaßt, die formale und inhaltliche Angaben zu den Stammbüchern enthalten. In 10 Registern (Personen, Herkunft/Nation, Eintragungsort, Eintragungsdatum, Sprache, Zitat, Brednich-Nr./Illustration, Stichwörter, Signaturen und Diverses) ist der Bestand recherchierbar. Die Stammbücher sind einzeln in 316 Hauptaufnahmen kurz formal und inhaltlich beschrieben. Mehrere tausend Unteraufnahmen verzeichnen dann jeweils über die Register zu recherchierende Einzelinformationen zu den Einträgen. Die Datenbank wird ergänzt durch eine Sammlung von etwa 800 Abbildungen von enthaltenen Stammbuchillustrationen, die man mit einem Viewer betrachten kann. Die Registereinträge, die auch in drei Eingabefeldern mit unterschiedlichsten Kombinationen durchsucht werden können, bieten eine sehr komfortable Recherche für den Göttinger Stammbuchbestand. Beispielsweise lassen sich in wenigen Sekunden alle Stammbücher dieses Bestands ermitteln, die Einträge aus Göttingen aus dem Jahr 1804 enthalten, alle Alben mit französischen Beiträgen polnischer Einträger oder Alben, die deutschsprachige Einträge und studentische Szenen als Illustrationen enthalten und vieles mehr.

Könnte diese Form der Erschließung die gedruckten Kataloge ersetzen? Der höhere Recherchekomfort ist ohne Frage ein Gewinn gegenüber der konventionellen Verzeichnung und auch die beigegebenen Abbildungen der Stammbuchillustrationen sind von großem Vorteil. Der entscheidende Fortschritt der elektronischen Erschließung liegt nach Meinung der Rezensentin jedoch in der unmittelbaren Präsentation der Quellen selbst, den dieses Projekt gerade nicht nutzt. Auch wenn aufgrund eines zu hohen Erfassungsaufwands die Volltextrecherche im Eintrag nicht ermöglicht würde, wäre - gerade bei dieser Art von Materialien - zumindest doch die Wiedergabe der Stammbucheinträge als Bildseiten wünschenswert und dem gedruckten Katalog vorzuziehen. Als Inventar oder Repertorium ist die Datenbank dem Druck nicht überlegen, wohl aber in der vollständigen Präsentation der Stammbuchseiten. Deshalb wird auch Ingeborg Kreklers Buchkatalog der Stuttgarter Stammbuchsammlung seinen Wert als nützliches und minutiöses Forschungsinstrument behalten und dem Benutzer Respekt vor der beeindruckenden Erschließungsleistung abverlangen.


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