Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 7(1999) 1/4
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Otto Gross


99-1/4-481
Otto Gross : Werkverzeichnis und Sekundärschrifttum / zsgest. von Raimund Dehmlow und Gottfried Heuer. - Hannover : Laurentius-Verlag, 1999. - 108 S. : Ill. ; 21 cm. - (Kleine bibliographische Reihe ; 5). - ISBN 3-931614-85-9 : DM 35.00
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Obwohl der Mediziner, Psychopathologe und Psychoanalytiker Otto Gross (geb. 1877 in Feldbach, Steiermark, gest. 1920 in Berlin) mit Artikeln in mehreren neueren Literaturlexika vertreten ist, sind es keine literarischen Werke, die ihm diese Ehre eingetragen haben, sondern seine Beziehung zu bekannten Autoren wie L. Frank, F. Kafka, E. Mühsam, F. Werfel u.a. sowie seine sozial- und kulturkritischen Beiträge in expressionistischen Zeitschriften,[1] insbesondere ab 1913 zur Aktion. Daß der "Revolutionär" und Anarchist Gross erst in den späten 70er Jahren wiederentdeckt wurde,[2] hängt sicher damit zusammen, daß "seine sozial- und kulturkritische Version der Lehre Freuds ... Wilhelm Reichs und Herbert Markuses Kulturanalysen vorweg(nimmt)".[3] Daß Gross der "bedeutendste Schüler Sigmund Freuds" sei (so Killy, Erich Mühsam zitierend), ist eine Simplifikation: zwar äußerte der Meister 1908 gegenüber C. G. Jung, "er (Jung) und Otto Gross seien die einzigen originellen Köpfe unter seinen Schülern", doch bereits 1909 "hielt Freud die extreme Haltung von Gross für falsch und für gefährlich für die psychoanalytische Bewegung."[4]

Dem Rezensionsexemplar lag "zur Entlastung" ein Waschzettel bei, in dem folgendes mitgeteilt wird: "Die vorliegende Bibliographie ist das Ergebnis langjähriger Recherchen der Autoren und die angezeigten Werke [zu ergänzen: sind] zugleich der Grundstock des Otto-Gross-Archivs der neugegründeten Internationalen Otto Gross Gesellschaft, das die größte Sammlung von Texten, Filmen, Tonbändern und anderen Originaldokumenten[5] über ... Otto Gross ... enthält." Wo sich das Archiv befindet, erfährt man nicht. Das Werkverzeichnis (S. 8 - 11) ist mit seinen lediglich chronologisch geordneten 45 Titeln sehr schmal, das des Sekundärschrifttums (Nr. 46 - 861) dafür sehr umfangreich. Leider ist es nach Formgruppen (Bibliographien, Monographien, Dissertationen ..., Aufsätze in Sammelwerken, Zeitschriftenaufsätze, Zeitungsartikel, AV-Medien, Internet-Dokumente) gegliedert, statt sachlich und dann chronologisch. Die Annotierung der Titel beschränkt sich weitgehend auf die Angabe von Seitenzahlen bei nur sporadischer Erwähnung von Gross. Daß weder bei der Primär- noch bei der Sekundärliteratur die Seitenzahl der Monographien angegeben ist, spricht ebensowenig für die Befolgung bibliographischer Standards wie die Tatsache, daß Herrn Anonymus die Ehre der Autorschaft zuteil wird. Da man von einer Personalbibliographie, dazu einer solchen von überschaubarem Umfang, eine sachliche Erschließung der Titel erwartet, enttäuscht diese Bibliographie auch unter diesem Aspekt, verfügt sie doch allein über ein Personenregister.

Während bei der Verzeichnung der Sekundärliteratur Lücken leichter verzeihlich sind,[6] wiegt der Mangel, daß trotz "langjähriger Recherchen" das Werkverzeichnis nicht vollständig zu sein scheint, schon schwerer: auf diesen ist der Rezensent (der kein Otto-Gross-Spezialist ist) allerdings über Lücken bei der Verzeichnung der Sekundärliteratur gestoßen, genauer gesagt bei der Überprüfung des Abschnitts Bibliographien und Nachschlagewerke: während hier die Fundstellen in den gängigen Literaturlexika ebenso berücksichtigt sind, wie die in den Nachschlagewerken zur Psychoanalyse, haben die Bearbeiter ausgerechnet die am reichlichsten fließende Quelle zur Biobibliographie von Otto Gross übersehen, nämlich den Artikel in dem bereits 1996 erschienenen dreibändigen Werk von Alma Kreuter über Deutschsprachige Neurologen und Psychiater,[7] das mehrere Ergänzungen bietet (wobei allerdings bei der bekannte Unzuverlässigkeit im Detail von Kreuter Vorsicht am Platz ist[8]): ohne daß der Rezensent ersteren Titel nachgeprüft hätte, wäre der Aufsatz Die kommunistische Grundidee in der Paradiessymbolik in der Zeitschrift Sowjet. - 2 (1920) zu ergänzen,[9] sowie eine wichtige und ausführliche Rezension eines seiner Bücher;[10] dazu käme eine weitere Rundfunksendung, die die Rubrik AV-Materialien bereichert hätte. Auch enthält die relativ ausführliche Biographie bei Kreuter Informationen, die in den erwähnten Lexika fehlen, darunter den Hinweis auf die Existenz eines Sohnes,[11] von dem auch der biographische Abriß aus der Feder des "Gefährten" Franz Jung, der der Personalbibliographie vorangestellt ist (S. 5 - 6), nichts berichtet.

Außer den beklagenswerten Defiziten bei der bibliographischen Methode sollten sich die Bearbeiter für eine bereits avisierte "spätere Auflage" der Bibliographie noch einmal gründlich aller verfügbaren Quellen versichern.[12]

Klaus Schreiber


[1]
Im Index Expressionismus. - 2,2 (1972), S. 750 - 751 sind 14 Beiträge von O. Gross nachgewiesen, die bis auf zwei auch in der vorliegenden Personalbibliographie verzeichnet sind; da in diesen beiden Fällen die Autorschaft als fraglich angegeben ist, bliebe dies zu prüfen. (zurück)
[2]
Als Beleg dafür genügt die Feststellung, daß Otto Gross in Bd. 7 (1966) der NDB keinen eigenen Artikel erhält, sondern es gerade zu einer bloßen Erwähnung in der ausführlichen Biographie (S. 139 - 141 und nicht, wie hier unter Nr. 57 zitiert, S. 140 - 141) seines Vaters Hans Gross, eines berühmten Kriminologen und Strafrechtslehrers reicht. Das zerrüttete Verhältnis zu seinem Vater, der ihn sogar zeitweise entmündigen ließ, findet seinen Niederschlag in mehreren Arbeiten des Sohnes. - Die Deutsche biographische Enzyklopädie. - Bd. 4 (1996), S. 192 - 193 hat dann (dank Killy) einen Artikel. (zurück)
[3]
Literatur-Lexikon (Killy), Bd. 4 (1989), S. 370. (zurück)
[4]
Zitiert nach Kreuter (s.u.), Bd. 1, S. 474. (zurück)
[5]
Unter diesen sind vermutlich die "sämtlichen bekannten Photographien von Gross", die in der Bibliographie reproduziert werden. (zurück)
[6]
Die 11 in Heiner Schmidts Quellenlexikon zur deutschen Literaturgeschichte (Bd. 9, 1996, S. 439) nachgewiesenen Beiträge sind sämtlich auch in der Personalbibliographie verzeichnet. (zurück)
[7]
Deutschsprachige Neurologen und Psychiater : ein biographisch-bibliographisches Lexikon von den Vorläufern bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts / Alma Kreuter. Mit einem Geleitwort von Hanns Hippius und Paul Hoff. - München [u.a.] : Saur, 1996. - Bd. 1 - 3. - IX, 1629 S. ; 25 cm. - ISBN 3-598-11196-7 : DM 978.00 [3128]. - Rez.: IFB 99-B09-425. (zurück)
[8]
In der zitierten Rezension wurden einschlägige Beispiele angeführt und auch im vorliegenden Fall ist etwa ein Aufsatz aus dem Archiv für die gesamte Physiologie ... - 112 (1906), S. 302 - 310 zitiert, dessen Verfasser allerdings ein Oscar Gross ist, der mit Otto Gross nichts zu tun hat. (zurück)
[9]
Die Personalbibliographie verzeichnet unter Nr. 37 nur einen aus Bd. 1 (1919) derselben Zeitschrift. (zurück)
[10]
L. W. Weber bespricht in der Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie. - 25 (1909), S. 90 - 96 sowohl Das Freudsche Ideogenitätsmoment und seine Bedeutung im manisch-depressiven Irresein Kräpelins von Otto Gross (Leipzig, 1907) als auch Der Inhalt der Psychose von C. G. Jung (Leipzig ; Wien, 1908). (zurück)
[11]
"Am 8.6.1934 bat ein Herr Peter Gross, Lübeck ... zum Zweck der medizinischen Approbationserteilung um eine Bestätigung über die Tätigkeit seines Vaters, Dr. Otto Gross aus Graz, ... an der Psychiatrischen Klinik der Universität München in den Jahren 1906 bis 1910. Antwort des Rektors der Universität München vom 25.6.1934: Dr. Otto Gross war weder als Privatdozent noch als Assistent an der Universität München tätig. (Aus den Akten des Universitätsarchivs Nervenklinik - Personal)" (Bd. 1 S. 474). - Am Anfang des Artikels (S. 473) heißt es jedoch: "1906 Übersiedlung an die Psychiatrische Klinik in München als Assistent von Emil Kraepelin."
Daß Gross in München in der Schwabinger Bohème verkehrte und in Ascona und auf dem Monte Verità in die (alternative) Kultur von damals eintauchte, ist ebenso bekannt, wie die Tatsache, daß er 1907 Vater zweier - beide Peter genannter - Söhne wurde, der eine von seiner Frau Frieda, der andere von Elsa von Richthofen (1874 - 1972), die mit dem Nationalökonomen Edgar Jaffe (1865 - 1921) verheiratet war (dessen Geliebte zeitweise die Gräfin Franziska von Reventlow war) und die - nachdem sie bereits 1900 mit Alfred Weber (1868 - 1958) verlobt war -, später in Heidelberg mit diesem zusammenlebte. Übrigens war auch Max Weber in diese Beziehungen verwoben (vgl. Von Dämonen verfolgt : Max Weber, die Frauen und die Wissenschaft / Gregor Schöllgen. // In: Frankfurter Allgemeine. - 98-02-21, S. III : Ill.), und nachdem Karl Jaspers davon erfahren hatte, blieb die in seinem Heidelberger Arbeitszimmer stehende Büste Webers fürderhin mit einem Tuch verhüllt [freundliche Mitteilung einer früheren Kollegin des Rezensenten, die in Jaspers' Haus ein- und ausging]. Elses Schwester Frieda übrigens verließ ihren Mann, um Lebens(abschnitts)gefährtin von D. H. Lawrence zu werden. Daß auch der weiter oben erwähnte C. G. Jung in Ascona verkehrte, ist gleichfalls bekannt; vgl. Gelehrten-Picknick mit Jung-Frauen / Julia Encke. // In: Frankfurter Allgemeine. - 99-08-31, S. 53 : Ill. (zurück)
[12]
Da der Verleger nachträglich noch ein weiteres Bändchen aus derselben Reihe (gleichfalls "zur Entlastung" mit "einer kurzen Darstellung des Werkes") übermittelt hat, sei hier wenigstens der Titel angezeigt und zum Nutzen des Verfassers gleich auf zwei amerikanische Neuerscheinungen hingewiesen:
Schamanismus : eine kommentierte Bibliographie 1914 - 1998 ; 125 Bücher und Dissertationen in Kurzrezensionen / Torsten Passie. Mit einem Beitr. von Christian Scharfetter. - 3. erw. Aufl. - Hannover : Laurentius-Verlag, 1999. - 128 S. : Ill. ; 19 cm. - (Kleine bibliographische Reihe der Zeitschrift Laurentius ; 1). - ISBN 3-931614-81-6 : DM 38.00 [5739].
Encyclopedia of native American shamanism : sacred ceremonies of North America / William S. Lyon. - Santa Barbara, CA ; Oxford : ABC-Clio, 1998. - 468 S. - ISBN 0-87436-933-9 : $ 65.00.
Native North American shamanism : an annotated bibliography / comp. by Shelley Anne Osterreich. - Westport, Conn. : Greenwood Press, 1998. - 109 S. - (Bibliographies and indexes in American history ; 38). - ISBN 3-313-30168-9 : $ 55.00. (zurück)

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