Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 7(1999) 1/4
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Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933 - 1945


99-1/4-439
Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933 - 1945 / hrsg. von Claus-Dieter Krohn ... In Zsarb. mit der Gesellschaft für Exilforschung. - Darmstadt : Primus-Verlag, 1998. - XIII S., 1356 Sp. ; 28 Sp. ; 28 cm. - ISBN 3-89678-086-7 : DM 128.00[1]
[5182]

Etwa eine halbe Million Menschen mußten zwischen 1933 - 1945 aus den deutschsprachigen Ländern und Gebieten aus politischen oder sogenannten "rassischen" Gründen emigrieren. Dennoch führte bis in die siebziger Jahre die Exilforschung ein Schattendasein, das von der Stigmatisierung vieler Emigranten in der Frühphase der Bundesrepublik geprägt war. Seit einigen Jahren kann jedoch eine gewisse Publikationswelle zu diesem Thema verzeichnet werden, nicht zuletzt angeregt durch die erneute öffentliche und publizistische Diskussion um die Zeit des Nationalsozialismus.

Das von Claus-Dieter Krohn, Patrick von zur Mühlen, Gerhard Paul und Lutz Winckler, allesamt ausgewiesene Exilforscher, in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Exilforschung herausgegebene Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933 - 1945 will den heutigen Stand der Exilforschung in einem Band zusammenfassen. Ein leichtes Unterfangen war dies keinesfalls: So steht neben der vielfach dokumentierten Wissenschaftsemigration und der Emigration von Schriftstellern und Künstlern, die Exilerfahrung vieler einzelner, niemals beschriebener Emigrantenschicksale. Schließlich läßt sich mit dem Begriff der Emigration, auch wenn nur auf die Zeit von 1933 - 1945 und auf den deutsch beherrschten Raum bezogen, keineswegs ein einheitliches Phänomen umschreiben: Der Alija, der jüdischen Masseneinwanderung nach Palästina, die sich nicht alleine auf diese zwölf Jahre beschränkte, steht die individuelle Emigration in viele entlegene und zerstreute Winkel dieser Erde gegenüber. Zudem läßt sich bei den nichtjüdischen Emigranten die Abgrenzung zwischen freiwilligem Auslandsaufenthalt und unfreiwilligem Exil nicht immer eindeutig vornehmen: Nicht wenige deutsche und österreichische Wissenschaftler und Künstler hatten ihr Heimatland schon vor der nationalsozialistischen Machtübernahme verlassen,[2] waren dann aber aus politischen Gründen in ihrem Aufnahmeland verblieben.

Das in über vierjähriger Arbeit entstandene Handbuch hat angesichts dieser Heterogenität der zur Flucht gezwungenen Personenkreise, der Unterschiedlichkeit der Lebensbedingungen in den Aufnahmeländern und der differenzierten Emigrationsmotive von vornherein darauf verzichtet, Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Vielmehr sollte die deutschsprachige Emigration durch eine Sammlung von über 100 Einzelartikeln unter den verschiedenen Aspekten dargestellt werden, ergänzt von jeweils einleitenden Übersichtsartikeln der Herausgeber.

Der Band gliedert sich in sechs, jeweils mehrere Einzelartikel enthaltende Kapitel: Ein Kapitel zu den Anlässen und Rahmenbedingungen der Emigration bildet gleichsam eine Einführung, dem sich ein Kapitel zu den Fluchtländern anschließt. Drei weitere Kapitel widmen sich den unterschiedlichen Emigrantengruppen: dem politischen Exil, der Wissenschaftsemigration sowie dem literarischen und künstlerischen Exil; ein abschließendes Kapitel beschäftigt sich mit der Rückkehr aus dem Exil sowie der Rezeptionsgeschichte der Exilforschung.

Bei einem so umfassenden Sammelwerk wird sich eine gewisse Ungleichgewichtigkeit der einzelnen Teile nicht vermeiden lassen. So mag eingewendet werden, daß das literarische und künstlerische Exil, dem sich alleine 17 Artikel widmen, oder die Wissenschaftsemigration, mit der sich 19 Artikel befassen, überproportional ausfällt, im Vergleich zu dem Anteil von Künstlern und Wissenschaftlern an der Gesamtzahl der Emigranten. Wohingegen sich mit Recht vorbringen läßt, daß die massenweise Vertreibung von Künstlern und Wissenschaftlern gerade ein Spezifikum der Nazi-Herrschaft darstellt; dazu kommt, daß dieser Bereich bisher am besten erforscht ist.

Wie breit das Spektrum der Aufnahmeländer war, zeigt das 2. Kapitel, das 36 Ländern oder Ländergruppen jeweils einen eigenen Artikel widmet; in dieser Hinsicht dürfte nahezu Vollständigkeit erreicht worden sein. Eine gewisse Ungleichgewichtigkeit fällt allerdings auch hier auf: Der Artikel zu Palästina/Israel fällt mit 9 Spalten knapper aus als die Einträge zu Südafrika oder zu Brasilien, die mit jeweils etwa 6000 aufgenommenen deutschsprachigen Emigranten in der Bedeutung weit hinter Palästina zurückfallen. Shanghai, das für etwa 20.000 überwiegend deutschsprachige Emigranten zur letzten Zufluchtsstätte wurde, wird in einem Artikel unter Ostasien rubriziert - auch dies erscheint nicht ganz gerechtfertigt, wenn zugleich dem als Aufnahmeland kaum in Erscheinung getretenen Indien ein eigener Artikel zugestanden wird. Ein Mangel läßt sich darin jedoch kaum erblicken, im Gegenteil: Die von den Herausgebern angestrebte Gesamtschau des Emigrationsphänomens wird durch die vergleichsweise ausführliche Beschreibung der weniger bekannten Emigrationsziele unterstrichen. An Literatur zu den klassischen Aufnahmeländern herrscht in der Tat kein Mangel, so daß auf eine umfassende Darstellung in diesem Band guten Gewissens verzichtet werden konnte.

Eine gut ausgewogene Gesamtschau kann dem Kapitel über die Wissenschaftsemigration attestiert werden: Neben 17 Wissenschaftsdisziplinen wird den von der Vertreibung besonders betroffenen Vertretern der "Kritischen Theorie" und des "Wiener Kreises" jeweils ein eigener Artikel gewidmet. Zu den meisten Wissenschaftsdisziplinen sind in den letzten Jahren sowohl monographische Darstellungen als auch biographische Lexika erschienen,[3] so daß das vorliegende Handbuch eine erste summarische Gesamtübersicht über den augenblicklichen Forschungs- und Publikationsstand bieten kann. Ähnliches gilt für das künstlerische und literarische Exil,[4] wobei hier die Gliederung, die jeweils eigene Kapitel für Roman, Drama, Lyrik, Kinder- und Jugendliteratur aufweist, im Vergleich zu der Gesamtkonzeption des Handbuches ausgesprochen fein ausfällt.

Für die Recherche zu emigrationsbezogenen Themen dürfte der Abschlußartikel zu den weit verstreuten Quellen der Exilforschung besonders instruktiv sein.

Ein Sammelwerk mit über hundert Einzelbeiträgen kann weder ein spezielles noch ein enzyklopädisches Lexikon ersetzen, doch wird durch das mitgegebene Registerwerk dem Handbuch ein gewisser Nachschlagewerkcharakter verliehen. Das Personen- und das Institutionenregister haben mit Sicherheit eine nutzbringende Erschließungsfunktion, wenngleich für biographische Recherchen regelmäßig das Standardwerk von Roeder/Strauss[5] mit seinen achttausend Biographien heranzuziehen ist. Dagegen scheint das geographische Register eher ein Zufallsprodukt der Textverarbeitung zu sein. So wirkt die Verweisung von Neuengamme (Konzentrationslager) auf den Artikel über die Romanistik und von dort auf den Romanisten Percy Gothein, der dort als einer von vielen zu Tode kam, etwas zufällig dahingeworfen; gleiches gilt für eine ganze Reihe anderer geographischer Stichwörter.

Auf ein ausführliches Literaturverzeichnis, das wenn es Vollständigkeit anstreben wollte, den Umfang des vorliegenden Bandes leicht verdoppelt hätte, wurde ausdrücklich verzichtet. Stattdessen wurde dem Handbuch eine knappe, 7 Seiten umfassende Auswahlbibliographie mitgegeben, die aufgrund ihrer Übersichtlichkeit einer umfassenden Bibliographie vorzuziehen ist. Die einzelnen Artikel geben dagegen Hinweise auf Spezialliteratur zum jeweils behandelten Thema, wobei auch hier eine weitgehende Beschränkung auf die grundlegende Literatur erfolgt.

Angesichts der Bedeutung der Emigrationsgeschichte kann die Anschaffung des Handbuches nicht nur jeder wissenschaftlichen, sondern auch jeder öffentlichen Bibliothek empfohlen werden. Dem Handbuch ist die in der Tat nicht einfache Aufgabe geglückt, die deutschsprachige Emigration von 1933 - 1945 in allen wesentlichen Aspekten zu behandeln und dabei dennoch ein Werk zu schaffen, das durch seine leichte Lesbarkeit ein breites Publikum ansprechen wird und dabei noch zu einem akzeptablen Preis erhältlich ist.

Klaus-Rainer Brintzinger


[1]
Ausg. für Mitglieder der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt: Best.-Nr. B 13723-X : DM 98.00. (zurück)
[2]
Prominente Beispiele sind u.a. die bedeutenden österreichischen Wirtschaftswissenschaftler Schumpeter und v. Hayek. (zurück)
[3]
Man vgl. das ganz neue, im Oktober 1999 nach langer Vorankündigung erschienene bio-bibliographische Lexikon Biographisches Handbuch der deutschsprachigen wirtschaftswissenschaftlichen Emigration nach 1933 / hrsg. von Harald Hagemann und Claus-Dieter Krohn. Unter Mitarb. von Hans Ulrich Eßlinger. - München : Saur, 1999. - Bd. 1 - 2. - XLV, 773 S. ; 25 cm. - ISBN 3-598-11284-X : DM 498.00, DM 398.00 (Subskr.-Pr. bis 31.12.1999) [5680]. - Eine Rez. in IFB ist vorgesehen. (zurück)
[4]
Vgl. auch hierzu zwei neue bio-bibliographische Lexika:
Biographisches Handbuch deutschsprachiger Kunsthistoriker im Exil. - Rez.: IFB 99-B09-384.
Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933 - 1945. - Rez.: IFB 99-B09-384. (zurück)
[5]
Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933 = International biographical dictionary of central European emigrés 1933 - 1945 / hrsg. vom Institut für Zeitgeschichte München ... unter der Gesamtleitung von Werner Röder ... - München : Saur. 1 (1980) - 3 (1983). (zurück)

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