Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 7(1999) 1/4
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Lexikon der Politik


99-1/4-370
Lexikon der Politik / hrsg. von Dieter Nohlen. - München : Beck. - 23 cm. - ISBN 3-406-36904-9 (Gesamtwerk, Bd. 1 - 7)
[2279]
Bd. 5. Die Europäische Union / hrsg. von Beate Kohler-Koch und Wichard Woyke. - 1996. - 323 S. - ISBN 3-406-36909-X : DM 84.00, DM 68.00 (Fortsetzungspr.)

Die Anlage von Bd. 5 des Lexikons der Politik gleicht den anderen Bänden des auf sieben Bände angelegten und jüngst vollständig erschienenen Nachschlagewerks. Die Artikel sind im Vergleich zu anderen Nachschlagewerken zur Europäischen Union (EU) eher umfangreich, man verläßt sich beim differenzierteren Zugriff ganz auf das Register. Dies hat den konzeptionellen Vorteil, daß die Leser so eine bessere Möglichkeit haben, sich einzulesen und die Artikel in ihrem Kontext und mehr in der Tiefe kennenzulernen. Auch ist es so eher als in kürzeren Artikeln möglich, ambivalente Sachverhalte eingehender zu diskutieren. Andererseits findet man im Register Stichwörter, die auf mehr als zwanzig Stellen im Text verweisen. Da wird es schwer, sich den entsprechenden Sachverhalt aus so vielen Kontexten zusammenzustoppeln, zumal die Seitenzahlen nicht am Außen-, sondern am Innenrand zu finden sind, was zwar vornehm aussieht, die Benutzung aber durchaus erschwert.

Die Herausgeber sind beide angesehene Vertreter der EU-Forschung, sie haben andere Standardwerke zum Thema bzw. zu benachbarten Themen herausgegeben.[1] Ebenso sind die Beiträger bekannt, deren Liste sich über weite Strecken durchaus als eine der besten Vertreter des Faches verwenden ließe.

Der Band enthält 67 Artikel von durchschnittlich vier Seiten Umfang, die jeweils am Ende durch spärliche Verweisungen und knappe, aber ausreichende Literaturhinweise ergänzt werden. Im Anhang findet sich eine Chronik der EU und ein Autorenverzeichnis. Im Register sind Begriffe mit eigenem Artikel durch Kursivsatz markiert; es enthält auch Verweisungen, so etwa von Akronymen auf die Vollform.

Die Artikel behandeln: die internationalen Organisationen Europas wie z.B. OECD, OSZE, WEU, Nordischer Rat; die Institutionen der EU; die Politikfelder der EU; Gruppen und Verbände, die innerhalb der EU tätig sind sowie Übersichtsartikel über die theoretischen Ansätze zur Erklärung der europäischen Integration. Die Institutionen und die Politikfelder stellen eindeutig den Schwerpunkt des Nachschlagewerks dar. Als Lücke fällt vor allem das Europarecht auf, das weder als Stichwort vorkommt noch im Register aufgeführt wird.[2]

Bei der Lektüre fällt sofort das hohe Niveau der Artikel auf. Die Texte sind eindeutig politikwissenschaftlich geprägt und offensichtlich für Politikwissenschaftler geschrieben, die sich - z.B. während des Grundstudiums - mit der EU beschäftigen müssen. Die Diktion ist zwar durchweg verständlich, so daß die Texte auch für informierte Laien interessant wären, die primäre Funktion des Lexikons ist jedoch nicht die politische Bildung, sondern die Fachinformation.

Den Wert des Buches schmälert die Tatsache, daß es leider bereits etwas veraltet ist, da es vor dem Amsterdamer Vertrag (1997) erschienen ist. Auch wenn Änderungen dieses Vertrages nicht so gravierend waren wie jene des Maastrichter Vertrages von 1992 bleibt bei der Benutzung ein Gefühl der Unsicherheit.

Äußerst beklagenswert ist die schlechte Erschließung des Werkes, die seinen Gebrauchswert drastisch mindert. Allein schon die Konzeption, längere Artikel aufzunehmen und eine Suche nach Einzelbegriffen über das Register zu ermöglichen, erforderte eine sorgfältigere Erschließung. Mehr noch erfordert das Themengebiet EU einen höheren Aufwand als anderswo, da sich hier Institutionen öfter umbenennen, in der öffentlichen Diskussion aber sowohl der neue als auch der alte Name verwendet werden. Wenn man vermeiden will, daß Leser einen Teil der Informationen nicht finden, weil ihnen die Nomenklatur und Terminologie nicht bis ins einzelne geläufig ist, muß man einen entsprechenden Aufwand treiben. Dies ist hier nicht geschehen. Dafür zwei Beispiele: Im Artikel über den Ministerrat wird schon im ersten Satz darauf hingewiesen, daß der offizielle Name anders lautet: "Der Rat, zur genauen Kennzeichnung allgemein Ministerrat genannt, ist die bedeutendste Institution im Entscheidungsgefüge der EG." Andere Nachschlagewerke sind genauer und nennen den Rat denn auch mit seinem vollen Namen Rat der Europäischen Union. Im Sachregister fehlt der Begriff Rat der EU als Verweisung. Ebenso wird die Europäische Kommission, wie sie seit Dezember 1993 im offiziellen Sprachgebrauch genannt wird, unter dem Stichwort Kommission abgehandelt, ohne Verweisung von Europäische Kommission im Sachregister. Insgesamt ist das Register zu knapp, da mitunter wichtige Begriffe, die im Text vorkommen, nicht enthalten sind. Die Verweisungen innerhalb des Registers sind ausreichend.

Fazit: Die schlechte Erschließung, ein bereits etwas veralteter Inhalt und Lücken wie z.B. beim Europarecht lassen dieses Lexikon eher als zweite Wahl erscheinen, auch wenn es in der Lehre bei Einführungsveranstaltungen gute Dienste tut. An und für sich wären von einer Zweitauflage eines Standardwerkes,[3] von erfahrenen Herausgebern und einem ebensolchen Verlag mehr zu erwarten gewesen. Die Bibliotheken, die das Lexikon der Politik als Gesamtwerk beschafft haben, sollten es im Auskunftsdienst neben aktuelleren Titeln berücksichtigen.

Jürgen Plieninger


[1]
Etwa Handwörterbuch internationale Politik / hrsg. von Wichard Woyke. - S.o. IFB 99-1/4-366 - 367. (zurück)
[2]
Ironischerweise konstatiert Markus Jachtenfuchs in seinem Beitrag Politikwissenschaftliche Europaforschung (S. 216), daß der Vorwurf des Juristen Weiler, die Rolle des Rechts als Integrationsfaktor werde von der Politikwissenschaft systematisch vernachlässigt, nach wie vor eine gewisse Berechtigung habe. Dieses Lexikon ist zugleich der Beleg für diese Aussage. (zurück)
[3]
1. Aufl. u.d.T.: Pipers Wörterbuch der Politik. (zurück)

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