Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 7(1999) 1/4
[ Bestand im SWB ]

Lexikon der internationalen Politik


99-1/4-369
Lexikon der internationalen Politik / hrsg. von Ulrich Albrecht und Helmut Volger. - München [u.a.] : Oldenbourg, 1997. - XV, 588 S. ; 24 cm. - ISBN 3-486-23313-0 : DM 68.00
[4228]

Herausgeber und ein Großteil der Autoren des Lexikons der internationalen Politik (LIP) gehören dem Fachbereich Politische Wissenschaft der FU Berlin (Otto-Suhr-Institut) an oder sind ihm verbunden. Sie sind zumeist Professoren, darunter z.T. bekannte Namen. Im Vorwort betonen die Herausgeber, daß die meisten Autoren sich der "kritischen Friedensforschung", bzw. allgemeiner der "Kritischen Theorie" verpflichtet fühlen. Es ist verdienstvoll, daß die Herausgeber gleich zu Anfang betonen, daß eher eine normative Ausrichtung als eine zweckfreie Behandlung im Vordergrund steht. Dies ist bei der Benutzung des Werkes zu berücksichtigen.

Anlage: Auf einen Überblick über die knapp 230 Artikel folgt der Hauptteil, der durch ein mit 12 Seiten sehr knappes Register erschlossen wird; das Verzeichnis der 119 Mitarbeiter enthält Angaben zu ihrer Qualifikation.

Vergleichende Gegenüberstellung

1. Inhalt

Die beiden ersten Lexika zeichnen sich durch eine ausgewogene Konzeption und demzufolge ein klares Profil aus.

HWBIP behandelt die Sachthemen, die allgemein zu den Internationalen Beziehungen gerechnet werden. Weitere Schwerpunkte sind die gängigsten internationalen Organisationen, die wichtigsten aktuellen Konflikte, wie z.B. der Balkankonflikt und die "Politikfelder" der Internationalen Beziehungen, wie z.B. Außenpolitik oder Energiepolitik. Dennoch gibt es einige Lücken: Ein Übersichtsartikel über die Internationalen Beziehungen fehlt, von den wichtigeren Internationalen Organisationen fehlt die UNESCO (was keineswegs einen Kavaliersdelikt darstellt, da es hier massive Konflikte bis hin zum Austritt einiger Länder, wie z.B. der USA gab) und von den Politikfeldern wird ausgerechnet die in letzter Zeit sehr dynamische internationale Umweltpolitik nicht behandelt. Abgesehen hiervon macht das Werk aber dennoch insgesamt einen abgerundeten Eindruck.

IB behandelt ebenfalls die grundlegenden Sachthemen, wobei die Themenbereiche internationale Organisationen und Sicherheitspolitik stärker als beim HWBIP berücksichtigt wurden. So findet man hier auch "regionale" internationale Organisationen wie z.B. die afrikanische OAU oder die südostasiatische ASEAN. Als weiterer Schwerpunkt wird die Außenpolitik einzelner Länder (China, Deutschland, USA u.a.) und Regionen (z.B. Osteuropa und Lateinamerika) behandelt. Artikel über Konflikte und Politikfelder sind ebenfalls in großer Zahl enthalten. Daß Artikel für die EG bzw. EU fehlen erklärt sich damit, daß diese in einem separaten Bd. 5 des Lexikons der Politik behandelt werden.[1] Der Artikel Europa in der internationalen Politik behandelt vor allem die Geschichte der europäischen Integration, bietet aber nur einen unzureichenden Ersatz.

Beide Lexika haben als Mitarbeiter Spezialisten auf ihrem Feld gewonnen, so daß manche Artikel in beiden vom selben Autor stammen. Beide Lexika bemühen sich auch, aktuelle Themen zu behandeln, was sich am Wechsel bzw. am Hinzunehmen neuer Artikel ablesen läßt: für die internationalen Organisationen versteht sich das vielleicht von selbst, während andere neue Artikel (z.B. Globalisierung im HWBIP) Ausfluß der aktuellen Diskussionen darstellen.

Das LIP behandelt neben den gängigen Themen der internationalen Beziehungen schwerpunktmäßig die internationalen Organisationen, Themen der Friedens- und Konfliktforschung und die Außenpolitik der Bundesrepublik. Andere Länder und Regionen fehlen dagegen. Ebenso fehlen Übersichtsartikel zu zentralen Themen: internationale Beziehungen, Globalisierung, internationale Kommunikation, Europäische Integration, Kriegsursachen, Konfliktbewältigung, UNESCO. Man sieht, daß selbst in Schwerpunktbereichen des LIP Lücken bestehen. Zugegebenermaßen können manche der fehlenden Themen über das Register gefunden werden, da sie sich teilweise hinter ungebräuchlich formulierten Stichwörtern verbergen. So gibt es z.B. keinen Artikel zur Internationalen Finanzpolitik, sondern nur einen zu Internationale Finanzmärkte, was jedoch nicht ganz dasselbe ist; Ähnliches gilt für die internationale Währungspolitik. Insgesamt gibt es aber zu viele Sachverhalte, die gar nicht behandelt werden.

Neben diesen Lücken fällt ein gewisses Ungleichgewicht bei der Auswahl der Artikel auf: So fehlt etwa ein Überblicksartikel über die Theorie der internationalen Beziehungen, während Einzelbereiche behandelt werden. Der EU sind lediglich fünf Artikel (EG, EU, EVG, Maastrichter Vertrag und AKP-Abkommen) gewidmet und auch die Darstellung der Vereinten Nationen in elf Artikeln ist unausgewogen und berücksichtigt kaum die gewiß nicht unwichtigen Sonderorganisationen oder die Abrüstungspolitik. Gerade im Hinblick auf die Zielgruppe der Studenten wäre eine umfassendere, stimmigere Behandlung dieser beiden internationalen Organisationen angebracht. Es ließen sich zu diesem Sachverhalt unschwer weitere Beispiele anführen.

Das LIP ist weder in der Artikelauswahl noch in seinen Schwerpunktsetzungen klar konzipiert. Es sollte daher im Auskunftsdienst nur zusätzlich verwendet werden und ebenso sollte man Studenten raten, es nur ergänzend zu den beiden anderen Lexika zu verwenden.

2. Artikel: Aufbau und Ausrichtung

Die Artikel des HWBIP sind gut strukturiert, enthalten teilweise graphische Darstellungen und Tabellen, Verweisungen auf andere Artikel und weiterführende Literatur. Sie variieren stark nach dem Umfang: der Autor der beiden Theorie-Artikel benötigt allein 70 S., so daß man eher von Abhandlungen sprechen muß denn von einer knappen Einführung, wie sie der Herausgeber in der Einleitung charakterisiert. Die Artikel sind inhaltlich ausgewogen, historische Zusammenhänge sind gleichfalls dargestellt und die Absicht des Herausgebers, "Sach- und Problembewußtsein sowie Kritik" zu wecken, findet sich bestätigt, wozu sich das Lexikon eines eher wissenschaftlich-seriösen Stils bedient.

Die Artikel von IB sind optisch schlecht strukturiert und enthalten weder graphische Darstellungen noch Tabellen. Auf Verweisungen im Text wurde zugunsten der Aufführung verwandter Stichwörter am Schluß der Artikel verzichtet. Jeder schließt mit relativ umfangreichen, wenngleich unstrukturierten Literaturangaben, unter denen englischsprachige Titel dominieren, was in dieser Disziplin dem Standard entspricht. Die Artikel sind verständlich geschrieben und enthalten in angemessenem Umfang statistische Zahlen und historische Daten.

Beim LIP sind die Artikel gut strukturiert, aber nur selten mit graphischen Darstellungen, Chronologien oder statistischen Tabellen versehen. Bei den internationalen Organisationen findet man des öfteren Organigramme, was sehr hilfreich ist. Die fünf bis zehn Literaturhinweise auf deutsch- und englischsprachige Monographien und Aufsätze berücksichtigen auch die "Klassiker". Dieses begrüßenswerte Verfahren zeigt, daß der im Vorwort angemeldete Anspruch, vor allem eine Einführung für Studierende zu bieten, durchweg realisiert wurde.

Die meisten Artikel des LIP sind knapp und verständlich formuliert. Viele Themen werden historisch hergeleitet, was bei politikwissenschaftlichen Veröffentlichungen sonst nicht üblich ist. Ein kleinerer Teil der Artikel enttäuscht jedoch durch unverständliches Politologen-Deutsch. Hierzu ein Beispiel: Im Vorwort wird der Artikel des Friedensforschers Johan Galtung gepriesen, der den von ihm geprägten Begriff der "strukturellen Gewalt" neu konzipiert habe. Der Artikel ist hoch theoretisch und verzichtet zudem auf die Darstellung des bisherigen Konzepts. Auf dieses aber wird von anderen Artikeln verwiesen, da das Konzept in der bisherigen Diskussion einen zentralen Stellenwert hatte. Folglich gehen diese Verweisungen teilweise ins Leere.

Die Länge der Artikel in den drei Lexika läßt sich nur schwer vergleichen, da das Druckbild stark variiert. Im HWBIP umfaßt ein Artikel durchschnittlich zehn Seiten, im IB sechs und im LIP etwas mehr als zwei Seiten. Für eine kurze Orientierung wäre demnach das LIP am besten geeignet, wenn es nicht so lückenhaft wäre. Da die Artikel der beiden anderen Lexika jedoch oft mit einer Definition beginnen, eignen sie sich gleichfalls für gezielte Recherchen.

3. Erschließung

Die allen drei Lexika gemeinsame alphabetische Ordnung erleichtert die punktuelle Recherche. Für eine themenbezogene Lektüre bieten HWBIP und IB Übersichten an, in denen die Artikel einer Grobsystematik zugeordnet sind: beim HWBIP sind es fünf, bei IB elf Themenbereiche, was völlig ausreicht, um einen Zusammenhang herzustellen. Diese thematischen Übersichten stellen eine nicht zu unterschätzende Hilfe für Studenten dar, die sich die Themen zusammenhängend erarbeiten möchten. Das LIP verzichtet darauf, was seinem Anspruch Abbruch tut, auch als Einführung für Studenten zu dienen.

Verweisungen bieten alle drei Lexika; beim HWBIP und LIP findet man sie im Text, was optimal ist, IB faßt sie - weniger praktisch - am Ende der Artikel zusammen. Höchst ärgerlich ist beim LIP, daß Herausgeber und Lektorat versäumt haben, die Stimmigkeit der Verweisungen zu überprüfen, zielen manche doch auf nicht vorhandene Artikel, andere auf Artikel, die dann offensichtlich nochmals umbenannt wurden und somit an anderer Stelle zu finden sind.

Zur generellen Bedeutung von Registern zum Nachweis von Sachverhalten, die, ohne eigene Eintragung, nur innerhalb anderer Artikel behandelt werden, kommt im Falle der Politikwissenschaft im allgemeinen und der internationalen Beziehungen im besonderen die Notwendigkeit, für den bequemen Nachweis der in der Fachterminologie besonders zahlreich verwendeten Komposita (z.B. der mit international beginnenden) und Akronyme zu sorgen, was sich durch Verweisungen innerhalb der Sachregister erreichen läßt. Diese an sich selbstverständliche Hilfe bieten leider nicht alle drei Lexika in gleichem Maße: Das Sachregister von IB enthält zwar viele Verweisungen, aber nur von den Akronymen auf die aufgelöste Form, unter der der Artikel angesetzt wird, nicht dagegen aber von den alternativen Ansetzungsmöglichkeiten von Komposita. Das Sachregister des HWBIP enthält gar keine Verweisungen, jenes des LIP vereinzelt und ohne Konzept. Damit hat man Mühe, bestimmte Begriffe zu finden. Woher soll man wissen, daß die Nicht-Regierungsorganisationen im einen Lexikon unter NGOs (nongovernmental organizations) angesetzt sind, im anderen aber unter INGOs (international nongovernmental organizations)? Die fehlenden oder ungenügenden Verweisungen in den Sachregistern aller drei Lexika (insbesondere aber beim LIP) beeinträchtigen deren Gebrauchswert.

4. Fazit

Wollte man wie bei Autotests ein ranking vornehmen, so sähe dieses für die drei Lexika folgendermaßen aus:

Testsieger ist eindeutig das HWBIP, das nur wenige Lücken aufweist, vom Inhalt her ausgewogen und am preisgünstigsten ist. Zudem ist es im Moment aktuell und universell für Auskunftszwecke und Studium verwendbar. Es sollte daher von Bibliotheken mit entsprechendem Bestandsprofil mehrfach angeschafft und möglichst an verschiedenen Stellen für differenzierte Nutzung vorgesehen werden. In wissenschaftlichen Bibliotheken kommen hier Ausleih-, Lesesaal- und Lehrbuchsammlungsexemplare in Betracht. In öffentlichen Bibliotheken sollte zumindest ein Exemplar im Informationsbestand stehen. Ältere Auflagen sollten nicht ausgesondert werden, da sie z.T. eine andere Ausrichtung besitzen.

An zweiter Stelle kommt das weniger aktuelle und teurere IB. Es wird in den meisten Bibliotheken bereits im Rahmen des Gesamtwerks beschafft worden sein. Da sich auch dieses Lexikon sowohl für die Auskunft als auch für die Studienlektüre eignet, sollte neben vorhandenen Präsenzexemplaren auch ein ausleihbares Exemplar vorhanden sein. Der relativ hohe Preis ist wegen der hochwertigen Ausstattung angemessen.[2]

Das Schlußlicht bildet das LIP. Unausgewogener Inhalt und schlechte Erschließung lassen es als zweite Wahl erscheinen. Positiv zu vermerken ist die große Zahl der Artikel, die sehr gut ausgewählten Literaturangaben und die gute Ausstattung (Fadenheftung). Eine Beschaffung des LIP ist - wegen der Aktualität und auch wegen der besonderen inhaltlichen Ausrichtung - als Ergänzung zu den beiden anderen zwei Lexika gleichwohl sinnvoll.

Jürgen Plieninger


[1]
Bd. 5. Die Europäische Union / hrsg. von Beate Kohler-Koch und Wichard Woyke. - 1996. - 323 S. - ISBN 3-406-36909-X : DM 84.00, DM 68.00 (Fortsetzungspr.). - Rez.: IFB 99-1/4-370. (zurück)
[2]
Dagegen war die Vorauflage u.d.T. Pipers Wörterbuch zur Politik unter dem Aspekt der Gebrauchstüchtigkeit ein reines Ärgernis, da sich das Buch binnen kurzem in eine Loseblattsammlung verwandelte. Die hier besprochene Ausgabe ist aufgrund der Fadenheftung fast unverwüstlich: sie wird in der Bibliothek des Rezensenten seit Jahren fast täglich benutzt und oft kopiert, hat aber dennoch die Façon bewahrt. (zurück)

Zurück an den Bildanfang