Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 7(1999) 1/4
[ Bestand im SWB ]
[ Bestand im SWB ]
[ Bestand im SWB ]
[ Bestand im SWB ]

Handbuch politische Theorien und Ideologien


99-1/4-363
Handbuch politische Theorien und Ideologien / hrsg. von Franz Neumann. - Opladen : Leske + Budrich. - 19 cm. - (UTB für Wissenschaft : Uni-Taschenbücher ; ...)
[4926]
Bd. 1. - 2., überarb. und erw. Aufl. - 1998. - 605 S. - (... ; 1810). - ISBN 3-8100-2113-X (Leske + Budrich) - ISBN 3-8252-1810-4 (UTB) : DM 26.80
Bd. 2 (1996). - 586 S. - (... ; 1854). - ISBN 3-8100-1404-4 (Leske + Budrich) - ISBN 3-8252-1854-6 (UTB) : DM 26.80

"Politische Theorie" ist einer der drei klassischen Teile der Politikwissenschaft, der allerdings in letzter Zeit von der Disziplin weniger gepflegt wird. Man kommt ab von den "Metatheorien" und knüpft theoretische Überlegungen enger an konkrete Sachverhalte an. Deswegen wird die politische Theorie in letzter Zeit eher unter dem Titel "politische Philosophie" von den Philosophen gepflegt. Gleichwohl ist die "Politische Theorie" immer noch in den Lehrplänen verankert und es ist gerade hinsichtlich der Lehre verdienstvoll, wenn es hierzu gute Handbücher gibt, die auch in annehmbaren Zeitabständen überarbeitet werden.

Die hier besprochene Veröffentlichung erfüllt dieses Bedürfnis voll und ganz. Sie hat eine lange Geschichte: die 1. Aufl. erschien u.d.T. Politische Theorien und Ideologien bereits 1974,[1] und die 2. Aufl. 1977. Es folgte dann eine erweiterte Ausgabe u.d.T. Handbuch politischer Theorien und Ideologien.[2] 1995 und 1996 erschien dann die 1. Aufl. des nunmehr zweibändigen Handbuchs politische Theorien und Ideologien, dessen jetzt in 2. Aufl. vorgelegter Bd. 1 Anlaß zur Besprechung des Werkes ist, dessen Umfang und Inhalt im Laufe der Zeit substantiell erweitert wurde.

Der Herausgeber und die meisten Autoren sind dem Gießener politikwissenschaftlichen Institut verbunden. Bei manchen Veröffentlichungen führt eine solche lokale Einschränkung auch zu thematischen Verengungen, was sich hier jedoch keineswegs feststellen läßt.

Das Werk ist mit seinen zusammen rund 1200 Seiten sehr umfangreich, die 24 Artikel sind durchschnittlich 45 Seiten lang. Die Gliederung wird jeweils zu Anfang in einer Übersicht dargestellt, wichtige Begriffe sind kursiv gesetzt, der Text ist mit Zitaten und Fußnoten versehen und den Schluß bildet jeweils ein umfangreiches Literaturverzeichnis. Von letzterem behauptet der Klappentext, daß es z.T. annotiert sei, was leider nicht zutrifft.

Eine Schwierigkeit der politischen Theorie als Fachgebiet besteht immer noch darin, ob sie als politische Ideengeschichte oder als aktuelle politische Theorie verstanden werden soll. Im Handbuch politische Theorien und Ideologien werden nur die politischen Theorien der letzten dreihundert Jahre behandelt, was einen gelungenen Kompromiß darstellt. Man findet also keine älteren Theoretiker, wie z.B. Locke, Hobbes oder Machiavelli. Diese Schwerpunktsetzung ist zu vertreten, gibt es doch andere Werke, welche die ganze politische Ideengeschichte abdecken.[3]

Die Artikel behandeln u.a.: Demokratietheorie, Liberalismus, Konservatismus, Staatstheorien, Sozialismus, Anarchismus, Kapitalismus, Nationalismus etc., also soz. die ganzen gewichtigen -Ismen des Faches. Man merkt bei der Auswahl sogleich, daß der Herausgeber sich bemüht hat, den neueren Diskussionen in der Politikwissenschaft Rechnung zu tragen, und so findet man beispielsweise Artikel wie Kommunitarismus, Neubeschreibungen der Demokratie, Vom Umgang mit der Natur, Feminismus u.a. Dies ist sehr verdienstvoll, da es bei manchen dieser Themen für Studierende immer noch schwierig ist, einen bündigen, gleichzeitig aber "gültigen" Zugang zu den Diskussionen zu bekommen, da sie entweder zerstreut in den Diskursen der Zeitschriften oder in umfangreicheren Monographien zu finden sind, was von Studierenden nicht immer als verarbeitbar angesehen wird.

Eher abwegig findet der Rezensent die Artikel zur politischen Bildung, politischen Psychologie, politischen Ethik oder politischen Partizipation, da es sich hierbei eigentlich um Teilgebiete der Politikwissenschaft handelt, die nicht zur politischen Theorie gerechnet werden können. Gleichwohl gilt auch hier, daß es angenehm ist, diese Gebiete zusammengefaßt in Artikeln behandelt zu finden.

Die Artikel sind durchweg sehr ausgewogen, das Bemühen um eine gute Einführung in das Sachgebiet ist stets zu spüren. Ebenso sind die Zitate sehr gut ausgewählt. Allenfalls bestehende Lücken sind vernachlässigbar.[4]

Die Erschließung ist zufriedenstellend. Die Artikel sind hervorragend gegliedert, so daß schon durch die Struktur Transparenz bezüglich des Inhalts besteht. Beide Bände bieten ein Personen- und Sachregister, das zwar nicht umfangreich, aber ausreichend ist. Es gilt lediglich für den jeweiligen Band, was einerseits ein Manko darstellt, andererseits aber wegen der unterschiedlichen Auflagen nicht zu vermeiden ist.

Die beiden Bände sollten in keinem Informationsbestand und in keiner Lehrbuchsammlung fehlen, da sie eine gute, ausgewogene und aktuelle Einführung in ein größeres Teilgebiet der Politikwissenschaft bieten.

Jürgen Plieninger


[1]
Politische Theorien und Ideologien : Einführung / hrsg. von Franz Neumann. [Mitarb.] Klaus Christoph ... - Baden-Baden : Signal-Verlag, 1974. - ISBN 3-7971-0104-X - ISBN 3-7971-0105-8. (zurück)
[2]
Handbuch politischer Theorien und Ideologien / hrsg. von Franz Neumann. [Autoren: Klaus Christoph ...]. - Reinbek : Rowohlt, 1977. - (rororo ; 6214 : rororo-Handbuch). - ISBN 3-499-16214-8. - Nachdrucke erschienen in 1978, 1981, 1983, 1984, 1987 und 1989, letzterer mit der Bezeichnung 56. Tsd. (zurück)
[3]
Z.B. Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart / Hans-Joachim Lieber (Hrsg.). - 2., durchges. Aufl. - Bonn : Bundeszentrale für Politische Bildung, 1993. - 1038 S. ; 21 cm. - (Schriftenreihe / Bundeszentrale für Politische Bildung ; 299 : Studien zur Geschichte und Politik). - ISBN 3-89331-167-X. (zurück)
[4]
Der Rezensent vermißte beim Artikel Anarchismus eine Behandlung der Theorie Murray Bookchins, die in den achtziger Jahren intensiv diskutiert wurde. Beim Artikel Gesellschaftstheorie fehlte bei der "Frankfurter Schule" der Literaturhinweis auf Martin Jays Buch Dialektische Phantasie. (zurück)

Zurück an den Bildanfang