Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 7(1999) 1/4
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Reclams Romanlexikon


99-1/4-195
Reclams Romanlexikon / hrsg. von Frank Rainer Max und Christine Ruhrberg. - Stuttgart : Reclam. - 15 cm. - (Universal-Bibliothek ; ...)
[5181]
Bd. 1. Deutschsprachige Vers- und Prosadichtung vom Mittelalter bis zur Klassik. - 1998. - 462 S. - (... ; 18001). - ISBN 3-15-018001-5 : DM 20.00
Bd. 2. Von der Romantik bis zum Naturalismus. - 1999. - 558 S. - (... ; 18002). - ISBN 3-15-018002-3 : DM 22.00
Bd. 3. 20. Jahrhundert
1 (1999). - 574 S. - (... ; 18003). - ISBN 3-15-018003-1 : DM 22.00

In chronologischer Folge - die anonym überlieferten Werke des Mittelalters sind nach ihren Entstehungsdaten eingereiht, die behandelten Werke der namentlich bekannten Verfasser sind an einer Stelle versammelt, die Autoren nach dem Jahr ihrer Geburt angeordnet - bieten die Bändchen knappe, aber nicht stichwortartig formulierte Informationen zu wichtigen Erzähltexten. Der Gattungsbegriff Roman, den der Titel verwendet, ist irreführend und wird weit überschritten durch die Einbeziehung von Verserzählungen, Novellen, Fabeln, Märchen, Reiseberichten usw., so daß es sich tatsächlich um ein Lexikon zu Erzähltexten handelt.

Während sich die Auswahl der Werke für den ersten Band noch fast zwanglos aus der Kanonisierung ergibt, haben sich die Herausgeber bei den Bänden 2 und 3 für eine sehr weitgezogene Selektion entschieden. Man sucht kaum irgendwo nach auch nur halbwegs wichtigen Titeln vergebens. Ein paar Beispiele mögen genügen, um die Fülle der verzeichneten Werke zu belegen: Von H. Clauren ist nicht nur die Erzählung Mimili, sondern auch Das Raubschloß berücksichtigt, von Hermann Sudermann nicht nur Der Katzensteg, sondern auch Frau Sorge. Von Gerhart Hauptmann werden sieben Werke behandelt, die von Bahnwärter Thiel bis zur Insel der großen Mutter reichen, Hauptmanns "weiblicher Spielart der Robinsonade" nach Johann Jakob Bachofen. Diese Auswahl dürfte eher der Präsenz des Autors im Bewußtsein des an Literatur, freilich nicht an Literaturwissenschaft interessierten Publikums entsprechen als die wegen ihrer eingängigen Flapsigkeit gern[1] kolportierte, aber nie nachgeprüfte Behauptung, außer dem "Thiel" sei nichts mehr bekannt, gegen die allein schon die Verfügbarkeit des Hauptmannschen Oeuvre im Taschenbuch spricht. Angesichts der verstärkten Einbeziehung der NS-Literatur in die Forschung, die sich inzwischen auch im Lehrbetrieb der Universitäten spiegelt, ist nur zu begrüßen, wenn mit der entsprechenden Wertung auch über einen Blut-und-Boden-Autor wie Erwin Guido Kolbenheyer berichtet wird.

Aber das Werk orientiert sich nicht so sehr an den Erwartungen der Forschung wie an denen solcher Leser, die aus Vergnügen lesen und nach ein wenig systematischer Übersicht suchen, ohne ihre kostbare Lesezeit für die Beschäftigung mit germanistischen Arbeiten drangeben zu wollen.

Die durchweg von ausgewiesenen Kennern formulierten kleinen Artikel, deren Umfang von einer bis zu wenigen Seiten reicht, fassen den Inhalt zusammen, unterrichten über wichtige Fragen der Überlieferung oder der Wirkung und bieten erste interpretatorische Ansätze. Abgesehen von der Anführung der Erstausgaben (gegebenenfalls zusätzlich der Erstdruck in einer Zeitschrift) finden sich keine bibliographischen Hinweise.

Die Artikel sind wesentlich kürzer als im Kindler, aber deutlich ausführlicher als im Werkteil von Wilperts Lexikon der Weltliteratur[2] (wo sich freilich Literaturhinweise finden). Ein Notbehelf - zugleich aus dem Zeitgeist und gegen denselben. Dennoch wäre man froh, die Studenten der Germanistik wüßten wenigstens einiges davon, was sie aus diesem Bändchen schon beim bloßen Schmökern in den sehr unprätentiös geschriebenen Artikeln verständlich erfahren können, z.B. über das hübsche Märe von Aristoteles und Phyllis. Sie können die Bände auch als eine erweiterte "Leseliste" nutzen.

Hans-Albrecht Koch


[1]
Zuletzt wieder von Erhard Schütz in Die literarische Welt vom 7.8.1999, S. 6: "Sehnsucht nach dem mächtigen Mann". (zurück)
[2]
S. zuletzt IFB 99-B09-089. (zurück)

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