Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 7(1999) 1/4
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Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16.


99-1/4-164
Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart / begr. von Rolf Grimminger. - München : Deutscher Taschenbuch-Verlag. - 19 cm. - (dtv ; ...). - Geb. Ausg. erscheint im Hanser-Verlag, München
[5570]
Bd. 2. Die Literatur des 17. Jahrhunderts / hrsg. von Albert Meier. - 1999. - 776 S. - (... ; 4344). - ISBN 3-423-04344-X (dtv) : DM 42.00 - ISBN 3-446-12776-3 (Hanser)

Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur, die vor über 20 Jahren mit einem Band zur Aufklärung eröffnet worden ist, stand wiederholt in der Gefahr, als Torso zu enden. Dafür gab es außer der Säumigkeit zahlreicher Beiträger der epochenbezogenen Sammelwerke vor allem wissenschaftsinterne Gründe: Nach einer langen Phase, in der sich die Methode werkimmanenter Interpretation meist allzu ausschließlich der ästhetischen Seite der Literatur gewidmet und deren Geschichtlichkeit aus den Augen verloren hatte, war der Beschäftigung mit allen Fragen, die im weitesten Sinne zum literarischen Leben gehören, der Reiz des ganz Neuen eigen, egal worauf auch immer der Blick des Wissenschaftlers sich richtete. Themen gab es genug: Autorenvereinigungen, die Rolle von Verlagen und Buchhändlern, Autorenhonorare, Auflagenhöhen, Nachdruck, Zensur, die Interaktion zwischen literarischer Produktion und veränderten Möglichkeiten medialer Präsentation (vom Buch über Zeitschrift und Rundfunk bis hin zur Literaturverfilmung). Da sich in den Jahrzehnten des reichlich fließenden Geldes auch in den Geisteswissenschaften die Zahl der am Forschungsprozeß Beteiligten merklich erhöht hatte, liefen auch neue Paradigmata Gefahr, binnen kurzer Frist "überforscht" zu sein - wie Heinz Schlaffer das Phänomen mit einem treffenden Ausdruck einmal benannt hat: Rezeptionsästhetik, Dekonstruktion, New Historicism - im schnellen Taumel der wechselnden Moden war auch die Sozialgeschichte der Literatur rasch zum "alten Hut" geworden. Immer ähnlicher wurden einander die Bücher, die das Schlagwort im Titel führten, ja eine Zeitlang war eine "Sozialgeschichte der Literatur des 18. Jahrhunderts" von einer "Sozialgeschichte des 18. Jahrhunderts" kaum noch zu unterscheiden.

Der hier anzuzeigende Band hat die Konsequenzen aus dieser unerfreulichen Entwicklung gezogen - und ist deshalb zu einem der besten in der ganzen Reihe geworden. Er macht Ernst mit dem Grundsatz, daß eine "Sozialgeschichte der Literatur" von Literatur zu handeln hat, ohne den Blick auf Literatur als soziales Phänomen zu vernachlässigen. Kurz: die Proportionen stimmen wieder. Den Horizont umreißt ein knapp 80 Seiten umfassender Überblick von Michael Maurer zu den gesellschaftlichen Strukturen des 17. Jahrhunderts, in dem auch die Ereignisgeschichte angemessen berücksichtigt wird. In sinnvoller Vergrößerung der Optik folgen drei Beiträge zu den philosophisch-anthropologischen Grundlagen, die sich auf Philosophie und Jurisprudenz (Christoph Deuptmann gen. Frohues), die (für das barocke Drama grundlegende) Affektenlehre (Claus-Michael Ort) und die Sprachtheorien (Steffen Martus) erstrecken.

Die nächste Vergrößerung macht literaturbezogene Institutionen sichtbar, zum einen als handelnde Institutionen in Kapiteln zur sozialen Stellung und zum Selbstverständnis der Autoren (Anke-Marie Lohmeier), zum Buchwesen (Peter Cersowsky) und zu literarischen Sozietäten (Ingo Breuer), zum anderen als literarische Formen mit Beiträgen zu Rhetorik und Poetik (Boy Hinrichs), zu Dedikationen in Text und Bild (Jutta Breyl) und zu Briefkultur und Briefstellern (Kirsten Erwentraut). Ein ausgesprochenes Glanzstück stellt die gehaltvolle, auf gerade zwanzig Seiten komprimierte Einführung in die Emblematik aus der Feder von Ernst Osterkamp dar. Der Beitrag von Guillaume van Gemert zu Latinität und Übersetzungen dagegen bagatellisiert sein Thema allzusehr. Zur Begründung dieser Kritik sei nur erwähnt, daß in diesem Kapitel Seneca nicht einmal vorkommt, während ihm in den Kapiteln zur Affektenlehre und zum Kunstdrama (im Zusammenhang mit der Übersetzung seiner Troades durch Martin Opitz) der gebührende Platz eingeräumt wird.

Etwa die zweite Hälfte des Bandes handelt unter der Überschrift Literarische Institutionen: Funktionsbereiche und Gattungssystem die literarische Produktion i.e.S. in drei Durchläufen ab. Was auf den ersten Blick ein wenig verwirrend anmutet, daß nämlich dieselben Gattungen mehrfach vorkommen, ist in sozialgeschichtlicher Perspektive durchaus sinnvoll: So werden der heroische Roman (Albert Meier), die Lyrik (Michael Schilling) und Oper, Festspiel und Ballett (Markus Engelhardt) als höfische Repräsentationsliteratur vorgestellt, Geistliche Lyrik (Irmgard Scheitler), Geistliches Drama (Helmuth Thomke), Predigt und Erbauungsliteratur (Franz Eybl) und die für das 17. Jahrhundert so charakteristische pansophische Literatur (P. Cersowsky) als Gattungen des religiösen Funktionsbereichs behandelt. Der dritte Durchgang gilt der bürgerlich-weltlichen, großenteils städtisch bestimmten Literatur, bei der Gebrauchs- und Massenliteratur - Kasuallyrik (Claudia Stockinger), Pikaro-Roman (G. van Gemert), Ökonomieliteratur (Helga Brandes) - und Kunstliteratur unterschieden werden.

Mit diesem Aufbau hat Sozialgeschichte der Literatur tatsächlich zur Literatur zurückgefunden. Nicht nur äußerlich den Beschluß, sondern auch das Ziel des Bandes stellen die drei kunstliterarischen Gattungen Lyrik, Drama und Roman dar, in die Rainer Baasner, Peter J. Brenner und Ingo Breuer so instruktiv wie lesbar einführen. Die zuletzt genannten drei Beiträge, die großenteils von solchen Texten handeln, die in erschwinglichen Ausgaben leicht greifbar sind, eignen sich vorzüglich als Zugang zur Barockliteratur überhaupt, d.h. auch zur anschließenden näheren Beschäftigung mit den hier nicht zur Kunstliteratur gerechneten Gattungen. Die Parallelveröffentlichung bei Hanser und dtv ermöglicht den preiswerten Erwerb des Buches auch für Studenten. Daß die neuere deutsche Literaturgeschichte nicht erst 1680 beginnt, wie die eine oder andere noch heute verkaufte Literaturgeschichte suggeriert, weil alles Ältere nichts mehr zu sagen habe oder nicht mehr lesbar sei, gehört zu jener inzwischen auch schon wieder reichlich abgeschmackten Bushaltestellendidaktik, die uns glauben machen will, man müsse "die Leute dort abholen, wo sie stehen". (Ja, wo stehen sie denn überhaupt, wenn sie vielleicht noch im Bette liegen?)

Daß der Barock-Band dieser literaturgeschichtlichen Reihe - man muß hinzufügen: fast wider Erwarten - noch zum Abschluß gekommen ist, erfreut um so mehr, als die ja erst rund 70 Jahre zurückreichende Barockforschung unter ihren führenden Köpfen von Anfang an (avant la lettre) sozialgeschichtlich interessierte und versierte Gelehrte aufzuweisen hatte, wie etwa Richard Alewyn, dessen Arbeiten bis ins Alter von jugendlicher Unbefangenheit zeugen. Vielleicht hat zum Gelingen dieses Bandes auch die umfängliche Beteiligung junger Wissenschaftler beigetragen.

Eine Fundgrube stellen die 70 eng bedruckten Seiten der Bibliographie dar. Unter den rund 1000 nachgewiesenen Titeln (selbständig wie unselbständig erschienenen) stammen sehr viele aus den letzten Jahren. Wäre die Bibliographie doch nur systematisch geordnet! Die rein alphabetische Anlage hat ihren Grund wohl darin, daß in den Anmerkungen in knappster Zitation auf die Namen der Autoren verwiesen wird.

Hans-Albrecht Koch


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