Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 5(1997) 3/4
[ Bestand im SWB ]
[ Bestand im SWB ]

Russkaja literatura v izgnanii


97-3/4-343
Russkaja literatura v izgnanii / Gleb Struve. - 3. izd. ispravl. i dopoln. Kratkij biograficeskij slovar' russkogo zarubez'ja / R. I. Vil'danova ; V. B. Kudrjavcev ; K. Ju. Lappo-Danilevskij. - Pariz : YMCA-Press ; Moskva : Russkij Put', 1996. - 445 S. : Ill. ; 26 cm. - ISBN 2-85065-052-8 (YMCA-Press) - ISBN 5-85887-012-0 (Russkij Put') : Preis nicht mitgeteilt
[4405]

Gleb Petrovic Struve (1898 - 1985) hat sich durch seine ab 1935 mehrfach in vielen Sprachen und jeweils erweitert aufgelegte Geschichte der Sowjetliteratur[1] einen Namen in der Slavistik der Welt gemacht. Die Fachleute wissen, daß er außerdem 1956 die auf lange Zeit einzige und recht ausführliche Darstellung der russischen Emigrationsliteratur geschrieben hat. Struve (1898 - 1985) stammt aus Sankt Petersburg und floh 1918 nach England, studierte in Oxford, arbeitete als Journalist 1921 - 1924 in Berlin und bis 1932 in Paris, übernahm dann in London das Lektorat für russische Literatur, das durch die Rückkehr D. Mirskijs in die UdSSR - die diesen das Leben kostete - frei geworden war, bis er 1946 als Professor endgültig nach Berkeley übersiedelte. Zu seinen über 900 Publikationen gehören auch gemeinsam mit Boris Filippov vorbereitete, wichtige Editionen von Werken bedeutender russischer Autoren wie A. Achmatova, N. Gumilev und O. Mandel'stam, die in der Sowjetunion unterdrückt waren.

Struves Geschichte der russischen Auslandsliteratur ist 1996 von den Sankt Petersburger Wissenschaftlern V. B. Kudrjavcev und K. Ju. Lappo-Danilevskij in einer sehr guten 3. Auflage ediert worden, die es erstmals wirklich erschließt. Sie wurde gemeinsam vom Moskauer Verlag Russkij Put' und dem Pariser YMCA-Verlag, der in der Zwischenzeit für die 2. Auflage gesorgt hatte,[2] veröffentlicht. In seinem ausführlichen Vorwort charakterisiert Lappo-Danilevskij Gleb Struve und dessen Schaffen, beurteilt auch die im Textteil unverändert gelassene Literaturgeschichte aus heutiger Sicht.

Seinerzeit war Struves Werk über die Russische Literatur in der Verbannung die erste umfassende Darstellung der russischen Emigrationsliteratur von 1917 bis in die Nachkriegszeit. Es zeichnet sich durch dieselbe Übersichtlichkeit und Ausgewogenheit der Anteile aus wie seine Geschichte der Sowjetliteratur. Es hatte aber den technischen Mangel, daß ein Register fehlte und die Schwäche, daß Struve bei vielen Autoren die genauen Lebensdaten noch nicht ermitteln konnte. Darüber hinaus hatte der Tatbestand, daß Struve gesonderte Literaturgeschichten über die Sowjetliteratur und über die Auslandsliteratur veröffentlichte, die verheerende Folge, daß diese vom Zentralkomitee der KPdSU angestrebte Spaltung durch ihn im Westen gegen seine politische Überzeugung fundamentiert wurde. Da das Werk über die Auslandsliteratur nicht übersetzt wurde und Marc Slonim ebenfalls die russische Emigration aus seiner Literaturgeschichte ausschloß, trugen beide wesentlich dazu bei, daß sich die westliche Slawistik bis zum politischen Wandel in Rußland mit Emigranten nur ausnahmsweise befaßte. Ohnehin standen auch im Westen viele Slawisten unter dem Einfluß sowjetischer Lehrbücher. Unter den deutschen Literaturgeschichten bilden die von Johannes von Guenther[3] und Vsevolod Setschkareff[4] rühmliche Ausnahmen. Johannes Holthusen[5] setzte die Grenze der Gegenwartsliteratur auf 1890, behandelt daher die wichtigen späteren Emigranten in der Zeit vor 1917 mit, aber im Prinzip schließt auch er die Emigration aus. Unter dem Einfluß der Westslawistik hatte der Alfred Kröner Verlag von mir ein Lexikon der Sowjetliteratur erbeten, erst in der Endredaktion erkannte ich den Fehler und bezog die Emigration noch ein, wählte für die 1. Auflage von 1976 den Titel Russische Literatur ab 1917 und für die erweiterte 2. Lexikon der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Struves Werk war mir eine wichtige Hilfe.

Struve gliedert seine Geschichte der russischen Auslandsliteratur zunächst chronologisch in zwei Teile, wobei der Schnitt auf 1925 gelegt ist. Dieser Einschnitt ist bei der Geschichte der Sowjetliteratur berechtigt, in der Entwicklung der Literatur der Emigration spielt er keine solche Rolle. Jeder Teil ist in Kapitel und Unterkapitel klar gegliedert, von denen kaum die Hälfte einzelnen Autoren gewidmet ist. Der erste Teil beginnt mit je einem Unterkapitel über die wichtigen europäischen Zentren der Emigration: Paris, als dem unpolitischen und Berlin als dem literarischen Zentrum bis Anfang 1924, wie Struve entgegen seiner Gliederung richtig herausstellt. Die anderen Zentren wie Prag und Belgrad werden genannt, aber nicht gesondert beschrieben. Die nächsten beiden Kapitel sind zwei ideologisch geprägten Gruppen gewidmet, den "Wegmarkenwechslern" (Smenovechovcy), die Mitte der zwanziger Jahre in die UdSSR zurückkehrten, die an eine Normalisierung des Systems glaubten und den "Eurasiern", die das Unmenschliche und Atheistische des Bolschewismus anprangerten und eine Überwindung der alten Spaltung in Westler und Slawophile durch das Ideal der Verschmelzung europäischen und asiatischen Geistesguts anstrebten. Sechs Zeitschriften hat Struve für gesonderte Darstellungen ausgewählt, in denen er ihre grundsätzliche Richtung charakterisiert, Herausgeber und Autoren beschreibt und mit Zitaten das Bild abrundet. Vierzehn Autoren wie Bunin, Merezkovkij, Smelev, Aldanov, Bal'mont, Chodasevic stellt er in eigenen Unterkapiteln in ausgewogenem Umfang dar, andere faßt er in solchen Unterkapiteln zusammen. Etwas unübersichtlich ist die Vereinigung der Autoren der "Jüngeren Generation" in einem Kapitel ohne Hervorhebung der Namen. Im Abschlußkapitel des ersten Teils geht Struve auf Kritik, Literaturwissenschaft, Philosophische Prosa und Publizistik ein.

Der zweite Teil erfaßt den Zeitraum von 1925 bis 1939. Struve beginnt diesen mit einem Kapitel, das diese Periode generell charakterisiert, und behandelt darin jeweils für sich Gruppierungen, Zeitschriften und "Streitigkeiten um die Auslandsliteratur", also auch selbst erlebte Probleme, was aus späterer Sicht besondere Bedeutung erhält. Die Schriftstellerkapitel betreffen zur Hälfte dieselben Autoren wie im ersten Teil, einige wenige der jüngeren Generation sind wieder in eigenen Unterkapiteln herausgehoben. Erst hier finden sich gesonderte Abhandlungen über die "Prager Lyriker" und die "Fernöstlichen Lyriker". Offensichtlich waren die Kenntnisse über diese Zentren außerhalb von Berlin und Paris noch zu gering, als daß alle diese Zentren in gleicher Weise hätten dargestellt werden können. Heute könnte man über Harbiner Lyriker wie Perelesin und Nesmelov eigene Kapitel schreiben. Als Anhang wirft Struve noch einen Blick auf einige wichtige Schriftsteller, die im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg in den Westen geflohen waren, also die Zweite Emigration, deren Einbeziehung in die Forschung in Rußland selbst erst in letzter Zeit beginnt. In diesem Zusammenhang nennt er auch die Namen der von der Sowjetregierung 1945 in Prag ermordeten oder von dort verschleppten Emigranten.

Struve hatte der Literaturgeschichte keine Bibliographie hinzugefügt, weder insgesamt noch zu einzelnen Autoren, aber ein Teil der Titelangaben findet sich im Text oder in Anmerkungen. Er hatte in einer Namenliste von 1956 die Lebensdaten, soweit er sie ermitteln konnte, angegeben und die Unvollkommenheit war ein anschaulicher Beweis, wie schwer es ist, über Emigranten Informationen zu sammeln.

Die neue Ausgabe kann zwar Forschungsergebnisse aus den vergangenen vier Jahrzehnten nicht nachholen, aber es wird auf ergänzende Nachschlagewerke bis 1994 verwiesen. Vor allem haben V. B. Kudrjavcev, K. Ju. Lappo-Danilevskij und R. I. Vil'danova die Ausgabe um ein zweiteiliges Lexikon erweitert. Der Personenteil dieses Lexikons ist auf die wichtigsten Jahresangaben der Lebensläufe konzentriert, nennt Funktionen in Redaktionen oder Vereinigungen und führt sogar die Periodika und Almanache auf, in denen die einzelnen Emigranten publizierten. Wenn wir als Beispiel Dmitrij Cizevskij als einen der bedeutenden Slawisten wählen, der seinen Schwerpunkt in Deutschland hatte, sehen wir, daß im Lexikon sein wissenschaftlicher Werdegang angegeben ist (von Kiew über Heidelberg, Prag, Halle, Marburg, Boston/Harvard, bis Köln und Heidelberg) und auf seine Personal-Bibliographien verwiesen wird. Struves Informationen zu ihm im Text sind wichtig, aber inkonsequent. Cizevskijs Name fehlt z.B. im Zusammenhang mit dem Abschnitt über Prag, aber sein Werk über Hegel in Rußland, seine Gogol'-Aufsätze, so wie seine Mitarbeit in den Sovremennye zapiski werden lobend erwähnt. Andererseits ist das Personallexikon auf die wichtigsten Fakten beschränkt. Jetzt ergänzen die Teile einander ausgezeichnet. Ausführlicher sind die bedeutenden Emigranten gleichzeitig in anderen Lexika dargestellt worden.[6] Der zweite lexikalische Teil enthält drei gesonderte Verzeichnisse von insgesamt 529 Almanachen/Anthologien, Zeitschriften und Zeitungen mit maximaler bibliographischer Präzision - Erscheinungsweise, Erscheinungsort, Herausgeber, Dauer, Umfang. Er erfaßt also ganz erheblich mehr als die in Struves Text genannten Titel. Auch ist er nicht auf die Erste und Zweite Emigration beschränkt, sondern verzeichnet zusätzlich Publikationen der Dritten Emigration wie V. Maksimovs Zeitschrift Kontinent, die seit 1992 in Moskau herausgegeben wird, oder V. Sinkevics seit zwanzig Jahren in Philadelphia erscheinende Lyrikanthologie Vstreci. Auch der Bereich der Periodika und Almanache der Emigration wird zur Zeit in Moskau für ein Lexikon ausführlicher bearbeitet.[7] Die lexikalischen Ergänzungen zu Struves Literaturgeschichte umfassen fast die Hälfte der dritten Auflage. Das Namenregister verbindet die Teile.

Die neue Ausgabe von Struves Werk ist ein wertvoller Beitrag zu den aktuellen Bemühungen, die sowjetischen Verfälschungen des Bildes der russischen Literatur zu bereinigen. Für die künftige Forschung über die Emigration bildet diese Ausgabe von Struves Literaturgeschichte neben den Veröffentlichungen seit Jahrzehnten unterdrückter Werke und neuen Lexika eine bleibende Grundlage.[8]

Wolfgang Kasack


[1]
IFB 96-4-542. (zurück)
[2]
IFB 96-4-543. (zurück)
[3]
IFB 96-4-557. (zurück)
[4]
IFB 96-4-554. (zurück)
[5]
IFB 96-4-541. (zurück)
[6]
Pisateli russkogo zarubez'ja (1918 - 1940) : spravocnik / [glavnyj red. A. N. Nikoljukin]. - Moskva : Rossijskaja Akademija Nauk, INION. - 1 (1994) - 3 (1966). - (Literaturnaja enciklopedija russkogo zarubez'ja (1918 - 1940) ; 1). - Die Schriftsteller sind - zusammen mit Personen aus anderen Bereichen - inzwischen auch in folgendem Werk brücksichtigt: Russkoe zarubez'e : zolotaja kniga emigracii ; pervaja tret' XX veka ; enciklopediceskij biograficeskij slovar' = Russia abroad. - Moskva : Rosspen, 1997. - 742 S. : Ill. ; 26 cm. - ISBN 5-86004-038-5 [4217]. (zurück)
[7]
Literaturnaja enciklopedija russkogo zarubez'ja (1918 - 1940) / [glavnyj red. A. N. Nikoljukin]. - Moskva : Rossijskaja Akademija Nauk, INION. - T. 2. - C. 1 (1996). - 299 S. - C. 2 (1997). - 320 S.
Der Inhalt von T. 2, der nicht auf dem Titlblatt von C. 1 steht, betrifft: Periodiceskie izdanija, al'manachi, literaturnye centry, izdatel'stva. (zurück)
[8]
Eine ausführlich kommentierte Gesamtübersicht enthält mein Buch Russische Literaturgeschichten und Lexika der russischen Literatur : die Handbücher des 20. Jahrhunderts ; Überblick, Einführung, Wegführer / Wolfgang Kasack. - Konstanz : UVK, Universitätsverlag Konstanz, 1997. - 278 S. ; 23 cm. - ISBN 3-87940-585-9 : DM 48.00 [4471]. (zurück)

Zurück an den Bildanfang