Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 5(1997) 1/2
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Goethe-Handbuch


97-1/2-136
Goethe-Handbuch : in vier Bänden / hrsg. von Bernd Witte ... Redaktion: Carina Janßen ... - Stuttgart ; Weimar : Metzler. - 25 cm. - ISBN 3-476-00923-8
[3628]
Bd. 1. Gedichte / hrsg. von Regine Otto und Bernd Witte. - 1996. - XVIII, 571 S. : Ill. - ISBN 3-476-01443-6 : DM 198.00, DM 168.00 (Subskr.-Pr.)
Bd. 2. Dramen / hrsg. von Theo Buck. - 1996. - X, 553 S. : Ill. - ISBN 3-476-01444-4 : DM 198.00, DM 168.00 (Subskr.-Pr.)

Zum dritten Male bringt der Metzler-Verlag ein Goethe-Handbuch heraus: Nach dem dreibändigen, von Julius Zeitler herausgegebenen (1916 - 1918), dem abgebrochenen, von Alfred Zastrau herausgegebenen (nur Bd. 1. 1961) nun ein auf vier Bände konzipiertes. Das Gesamtwerk wird Anfang 1998, also rechtzeitig vor dem Goethe-Jubiläum des Jahres 1999 (250. Geburtstag), vorliegen.

Hatten die beiden ersten Ausgaben von Zeitler und Zastrau in traditioneller Lexikonmanier durch Namen-, Sach- und Werkartikel in Goethes Leben und Werk eingeführt, so stellt die dritte Ausgabe in Konzeption wie Realisierung etwas grundsätzlich Neues dar. Das Vorwort von B. Witte umschreibt in barockem Akademikerdeutsch als Ziel, "ein handliches, die heute erreichbaren Informationen zusammenfassendes und die aktuellen Fragestellungen der Forschung herausarbeitendes Nachschlagewerk zu Goethes Werken und seinem Leben zu liefern" (Bd. 1, S. VIII). Damit folgt der Verlag einem neuen, seit etwa zwei Jahrzehnten präsenten Typ des Autoren-Handbuchs, das auch Metzler selbst[1] bereits praktiziert hatte. Dieser Handbuchtyp erschließt vor allem das Werk eines Autors durch Überblicks- und Einzelanalysen.

Eine solche Hinführung zum Werk geschieht im neuen Goethe-Handbuch, das von der Fritz-Thyssen-Stiftung und der Stiftung Weimarer Klassik gefördert wird, in den Bänden 1 - 3. Sie behandeln das lyrische, dramatische und Prosawerk. Der vierte Band wird das Biographische im engeren Sinne präsentieren und traditionell, aber auf neuestem inhaltlichen und methodischen Stand, Personen- und Sachartikel bieten. Auf diese Weise wird angestrebt, dem Kosmos des Goetheschen Werkes und dem Exemplarischen seines Lebens und Wirkens in einer Zeit säkularer Umbrüche gerecht zu werden.

Die Qualität des neuen Handbuchs - soweit bereits an den ersten beiden Bänden ablesbar und prüfbar - wird vor allem von drei konzeptionellen Grundprinzipien getragen:

1. Es wird nicht nur Textnähe angestrebt, sondern durchgehend praktiziert. Es kommt nicht nur Goethe selbst reichlich zu Wort, jedes Kapitel enthält auch differenzierte Bemerkungen zur jeweiligen Textüberlieferung, führt also auch in die editorischen und philologischen Probleme ein.

2. Die vermeintliche "Objektivität" mancher traditioneller Lexika, d.h. die sowieso niemals einzuhaltende behauptete Abstinenz von Interpretation, wird mit Recht beiseite gelassen und im Rahmen des lexikalisch Möglichen bewußt auch Interpretation angeboten. Subjektive Sichtweisen sind damit nicht ausgeschlossen; der Anspruch der Herausgeber und Beiträger, die neueste Forschungslage auszuloten, aber durchaus akzeptabel und nützlich. Ausnahmen bestätigen die Regel; so vermißt man z.B. in den im übrigen vorzüglichen Einführungskapiteln Goethe als Lyriker bzw. Frühe Lyrik 1767 - 1779 (1, S. 1 - 17 bzw. 32 - 44) W. Dietzes Buch über Goethes Lyrik[2] bzw. seine Darstellung der Leipziger Lyrik,[3] eine der wenigen Spezialabhandlungen zu diesem Thema überhaupt.

3. Die bibliographische Information am Ende jedes Beitrags ermöglicht eigenes weiterführendes Studium. Es muß allerdings einschränkend bemerkt werden, daß in den ersten drei Bänden diese bibliographischen Zusammenstellungen zugleich als Zitatnachweis dienen, was zu solchen kuriosen Erscheinungen führen kann, daß eine mehrbändige, summarisch verzeichnete Kant-Ausgabe genannt wird, bloß weil eine winzige Zeile daraus im Text zitiert wird.[4] Und nicht immer sind Zitat und dessen Nachweis kongruent. Insgesamt sind die einzelnen Bibliographien aber, von Ausnahmen abesehen, durchaus gut ausgewählt und zuverlässig.

Diese soliden Grundprinzipien werden geschickt in einem adäquaten methodischen Grundraster vom Allgemeinen zum Besonderen verwirklicht. Vorangestellt werden nicht nur generelle Überblickskapitel wie Goethe als Lyriker (1, S. 1 - 17) und Goethe als Dramatiker (2, S. 1 - 20), letzteres stellenweise etwas langatmig, sondern auch präzise Informationsteile zur Textedition oder zu einzelnen Abschnitten des lyrischen Schaffens wie neben der frühen Lyrik zur Lyrik des ersten Weimarer Jahrzehnts 1776 - 1786, der Lyrik der klassischen Zeit 1787 - 1906 usw. bzw. zu Werkgruppen des dramatischen Schaffens wie Dramenfragmente und kleine Dramen; Singspiele; Dramen zum Thema der Französischen Revolution usw. All das natürlich chronologisch verbunden mit den Beiträgen über einzelne Gedichte, Gedichtzyklen bzw. Dramen. Dabei kommt es gelegentlich auch einmal zu Doppelungen; beispielsweise wird Des Epimenides Erwachen kurz im Überblickskapitel Festspiele (2, S. 338 - 340) und anschließend (von einem anderen Autor!) nochmals ausführlich (2, S. 341 - 351) behandelt.

Gewiß war es schwierig, für Bd. 1 aus dem lyrischen Gesamtwerk von etwa 3000 Gedichten nur ca. 100 für die Einzelinterpretation auszuwählen. Manches war nur summarisch in den Überblickskapiteln zu bewältigen. Die Spruchdichtung, vor allem nach 1800 ein wichtiger Part, scheint insgesamt zu kurz weggekommen zu sein (Erwählter Fels, Einsamkeit, Weissagungen des Bakis u.a.). Zu bedauern ist auch, daß Gedichte wie Hans Sachsens poetische Sendung, Der Schatzgräber oder Mignon keine eigenen Artikel erhielten, zumal z.B. zu Mignon vermerkt wird, daß es fast 100mal vertont wurde (1, S. 194). Bei Ilmenau und Auf Miedings Tod (1, S. 163 - 173) stimmt die Reihenfolge chronologisch nicht, zu letzterem fehlt der nicht unwichtige und zu interpretierende Hinweis, daß es das erste im klassischen fünfhebigen Jambus geschriebene Gedicht Goethes ist. Die Interpretation so aufeinander zu beziehender Gedichte wie Prometheus und Ganymed (Verselbstung - Entselbstung) hätte man wie im Falle Ilmenau und Auf Miedings Tod geschehen nur einem Autor übertragen sollen.

Im Bd. 2 bleibt kein Werk ohne angemessene Interpretation, wobei neben der Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte auch die Bühnengeschichte einbezogen wird. Großen Raum nimmt die Darstellung zur Faust-Dichtung ein (2, S. 352 - 538), die neben der ausführlichen Einführung in die Teile der Dichtung vom Urfaust bis zu Faust II und deren Bühnengeschichte auch spezielle Überblicke zur allgemeinen Faust-Rezeption und im besonderen zur Widerspiegelung in der bildenden Kunst umfaßt. Angesichts einiger verfügbarer guter Einführungen in die Faust-Dichtung fragt man sich allerdings, ob solcher Aufwand gerechtfertigt ist, zumal er auf 5 Autoren verteilt wurde. Auch die verschiedenen bibliographischen Zusammenstellungen zu den Faust-Kapiteln hätten besser koordiniert werden können.

Die Vielzahl der Mitarbeiter - insgesamt werden über 200 beteiligt sein - und ihre individuellen Verfahrensweisen, zum anderen die in der Materie selbst begründeten Ansprüche bringen es naturgemäß mit sich, daß dem Leser und Nutzer an verschiedenen Stellen besondere Konzentration abverlangt wird. Doch insgesamt ist die einem Nachschlagewerk angemessene präzise Übersichtlichkeit sowie verständliche sprachliche Form und Lesbarkeit hervorzuheben.

Jeder Band ist mit Registern der jeweils behandelten Goetheschen Werke und der erwähnten Personen (ohne Autoren von Sekundärliteratur) versehen; ein kumulierendes Register im Bd. 4 ist allerdings nicht vorgesehen. Ein Mangel der Werkregister besteht darin, daß die Seitenzahlen aller Erwähnungen undifferenziert, d.h. ohne typographische Heraushebung der jeweiligen speziellen Werkkapitel, angegeben werden. Im Lyrik-Werkregister fehlen leider auch die Titel der Gedichtzyklen (Chinesisch-deutsche Jahres- und Tageszeiten, Trilogie der Leidenschaft, West-östlicher Divan). Die für alle Bände geltende Sigelliste ist akzeptabel; es fehlt aber eine Sigle zur Regestausgabe der an Goethe gerichteten Briefe.

Die beiden hier zu betrachtenden ersten Bände erwecken Vertrauen. Das durchdachte Konzept wird gut umgesetzt; das redaktionelle Niveau verrät Professionalität im einzelnen. Das neue Goethe-Handbuch wird sehr bald nicht nur für Germanisten und Goetheforscher, sondern vor allem auch für Wissenschaftler vieler weiterer Fachgebiete, Studenten, Pädagogen, Journalisten, Redakteure usw. und für die Liebhaber des Goetheschen Werkes aller Couleurs zu einem unentbehrlichen Hilfsmittel und Nachschlagewerk werden.

Siegfried Seifert


[1]
Z.B. mit dem Heine-Handbuch : Zeit, Person, Werk / Gerhard Höhn. - Stuttgart : Metzler, 1987. - XV, 446 S. - Eine 2., aktualisierte und erw. Aufl. ist für Mai 1997 angekünigt (ISBN 3-476-01441-X : ca. DM 68.00); eine Rezension in IFB ist vorgesehen. (zurück)
[2]
Poesie der Humanität : Anspruch und Leistung im lyrischen Werk Johann Wolfgang Goethes / Walter Dietze. - Berlin ; Weimar : Aufbau-Verlag, 1985. - 521 S. (zurück)
[3]
Episode oder Prolog? : Goethes Leipziger Lyrik ; Gedenkrede gehalten am 19. Oktober 1965 ... / von Walter Dietze. - Leipzig : Barth, 1966. - 32 S. - (Leipziger Universitätsreden ; N.F. 27). (zurück)
[4]
S. Einführungsbeitrag zur Lyrik, Bd. 1, S. 10 bzw. 17. (zurück)

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