Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 3(1995) 4
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Geflügelte Worte


95-4-548
Geflügelte Worte : der klassische Zitatenschatz / gesammelt und erläutert von Georg Büchmann. Fortges. von Walter Robert-tornow ... - 40. Aufl. / neu bearb. von Winfried Hofmann. - Frankfurt/M. ; Berlin : Ullstein, 1995. - IX, 613 S. ; 23 cm. - ISBN 3-550-06829-8 : DM 39.80
[1951]

95-3-549 Geflügelte Worte / Georg Büchmann. - Vollst. Taschenbuchausg., [21. Aufl.]. - München : Droemer Knaur, [1995]. - 320 S. ; 18 cm. - (Knaur ; 7502). - ISBN 3-426-07502-4 : DM 8.90

[2895] Ein gutes Beispiel für die in der vorstehenden Komplexrezension angesprochene Schwierigkeit der typologischen Einordnung der Zitatenwörterbücher gibt die zuerst 1864 mit dem Zusatz "Der Citatenschatz des Deutschen Volks" erschienene Sammlung Geflügelte Worte von Georg Büchmann (1822 - 1884) ab. Es handelt sich dabei um die am weitesten verbreitete, jetzt bereits in 40. Aufl.[1] vorliegende Sammlung dieser Art in den deutschsprachigen Ländern, an der nach dem Tode des Begründers zahlreiche weitere Bearbeiter gewirkt haben, deren stattliche Liste, da in der Titelaufnahme auf den ersten Namen verkürzt, hier angeführt werden soll: Walter Robert-tornow, Konrad Weidling, Eduard Ippel, Bogdan Krieger, Gunther Haupt, Werner Rust, Alfred Grunow und zuletzt nun Winfried Hofmann. Hierbei ist jedoch nur die sozusagen "offizielle" Entwicklungslinie des Büchmann beschrieben und nicht der zahlreichen anderen Bearbeitungen gedacht,[2] von denen eine weiter unten kurz vergleichend erwähnt werden soll.

Die im Büchmann versammelten "geflügelten Worte" sind "allerdings ... nicht Zitate im engeren Sinn, sondern solche, die, sozusagen losgelöst von ihrem Autor und ihrem ursprünglichen Zusammenhang, in übertragenem Sinne angewendet werden und dabei in den alltäglichen Sprachschatz eingehen, wobei sie auch ihren Wortlaut ändern können" (Einleitung, S. VII).

In Anlage und Präsentation der Zitate unterscheidet sich der Büchmann signifikant von anderen Zitatenwörterbüchern: Anlage nach der Herkunft der Zitate, angefangen bei der Bibel, folgen die volkstümliche Überlieferung, sodann die Schriftsteller (nach Sprachen), die Geschichte (nach Epochen und Ländern) und schließlich Zitate "Aus dem Zeitgeschehen". In dieser Rubrik findet sich die Masse der von der auf Aktualität bedachten Redaktion eingebrachten Neuaufnahmen.[3] Die Zitate werden im verbindenden Text aufgeführt, sind allerdings durch Fettdruck auf eigener Zeile hervorgehoben. Besonders positiv ist zu vermerken, daß die Fundstellen sorgfältig und genau (bis hin zur Seitenangabe in der zitierten Ausgabe) angegeben sind und daß häufig sogar Sekundärliteratur zitiert wird.

Nicht nur wegen der hier gewählten Anlage sind Register zur gezielten Benutzung erforderlich, wie überhaupt Art und Qualität der Register wesentlich über den Nutzen von Zitatenwörterbüchern entscheiden. 1. Namenregister (einschließlich biblischer Schriften und anonymer Werke) mit Eintragungen nicht nur für die Urheber von Zitaten sondern auch für die Namen sonstiger erwähnter Personen, ja sogar der Herausgeber sowie der Autoren von Sekundärliteratur. 2. "Register der Zitate und Schlagworte" und zwar sowohl unter dem ersten Wort als auch unter sinntragenden Stichwörtern; zum Register der deutschen Zitate, das unter deutschsprachigen Begriffen auch Eintragungen für fremdsprachige Zitate enthält, "deren deutscher Text nicht geflügelt ist", treten separate Register für englische, französische, italienische, spanische, griechische und lateinische Zitate (letztere übertreffen mit 4 Seiten die englischen bzw. französischen jeweils um das Doppelte).

Die Taschenbuchausgabe der Geflügelten Worte aus dem Knaur-Verlag nennt weder einen Bearbeiter noch einen Herausgeber. Die zusätzliche Bezeichnung als Vollständige Taschenbuchausgabe bezieht sich wohl auf eine zugrundeliegende gebundene Ausgabe mit Knaurs Copyright von 1959; nach der Auflagenleiste liegt hier die 21. Auflage vor. Im Vorwort bezeichnet sich das Werk zudem als Neue Ausgabe, im Waschzettel auf der Rückseite als modernisierte Auflage. "Auf gängige Ausdrücke aus der unmittelbaren Gegenwart wurde allerdings verzichtet, da erst die Zukunft zeigen wird, welche zu 'geflügelten Worten' werden" (Vorwort, S. 7). Nicht nur Gorbatschow hat da keine Chance, und sieht man genauer hin, nämlich in den letzten Abschnitt "Aus der Geschichte, 20. Jahrhundert", so enden die Zitate ziemlich genau mit dem Kriegsende 1945. Die Anordnung ist die oben beschriebene des klassischen Büchmann - wobei sich die Taschenbuchausgabe nicht einmal die Mühe eines Inhaltsverzeichnisses gemacht hat, sondern den Leser zwingt, sich allein an den Kolumnentiteln zu orientieren - jedoch wurden "die verbindenden Worte zugunsten der Übersichtlichkeit aufgegeben" (S. 7). Die Fundstellen sind zwar bei Dramen mit Akt und Szene identifiziert, ansonsten nur mit dem Titel des Werkes und seinem Erscheinungsjahr, jedoch ohne Bezug auf eine spezifische Ausgabe und somit auch ohne exakte Fundstelle. Daß auch keine Sekundärliteratur zitiert wird, ist dann schon selbstverständlich. - Register 1. der Namen der Urheber der Zitate und 2. der Anfänge und Stichwörter (erstere ordnen unter Berücksichtigung des Artikels am Anfang!).

Fazit: Für Bibliotheken und ernsthafte Nutzer kommt nur die "große" Ausgabe des Büchmann in Frage.

sh


[1]
Obwohl diese oben angeführt ist, stand dem Rezensenten nur die 39. Aufl. 1993 zur Verfügung, die jedoch denselben Umfang und sogar dieselbe ISBN aufwies, so daß er davon ausgeht, daß keine signifikanten Veränderungen vorgenommen wurden. (zurück)
[2]
Es wäre sicher lohnend, alle Ausgaben des Büchmann einmal sorgfältig zu bibliographieren und nach Autopsie zu beschreiben. Vermutlich ergäben sich dabei ähnliche Überraschungen wie bei einer Bibliographie von Konrad Dudens Rechtschreibwörterbuch. (zurück)
[3]
Hier auch der nicht mehr als Eintagsfliege abzutuende Ausspruch Gorbatschows (S. 474), der hier zur Illustration zitiert werden soll:
"In seiner Rede am 6. Oktober 1989 anläßlich des 40. Gründungstages der DDR sprach der damalige sowjetische Staatspräsident Michail Sergejewitsch Gorbatschow (*1931) das schnell geflügelt gewordene Wort: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. (M. Gorbatschow, "Meine Vision. Die Perestroika in den neunziger Jahren. So geht es weiter". 2. Aufl., Rosenheim 1990, S. 92)." Es folgen in kleinerer Schrift zwei Belege für die Verwendung in der Zeitungs-Werbung, jeweils mit genauen Fundstellen einschließlich Seitenangabe, sowie der Hinweis auf eine so betitelte Fernsehsendung mit Angabe von Programm und Sendedatum. (zurück)

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