Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 3(1995) 2
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Schriftstellerinnen in Berlin 1871 bis 1945


95-2-217
Schriftstellerinnen in Berlin 1871 bis 1945 : ein Lexikon zu Leben und Werk / Petra Budke ; Jutta Schulze. - 1. Aufl. - Berlin : Orlanda-Frauenverlag, 1995. - 407 S. ; 24 cm. - (Der andere Blick). - Zugl. Teildr. von: Berlin, Freie Univ., Diss. - ISBN 3-929823-22-5 (Br.) : DM 58.00
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Berlin war über Jahrzehnte literarisches Zentrum. In der Topographie der europäischen Literaturgeschichtsschreibung liegt diese Stadt an einem exponierten Ort: eine Fülle von Darstellungen beschreiben das "geistige Berlin" des ausgehenden Jahrhunderts bis zur wiedervereinigten Stadt, bekannte Anthologien ergänzen das Bild, von der Berliner bunten Mappe (1886) über Hier schreibt Berlin (1929) bis - und damit wären wir beim Thema - Frauen in Berlin (1991). Staunen erregt das Literaturverzeichnis dieser von Barbara Gutt herausgegebenen Textsammlung (einer Neuausgabe der 1959 von Walter G. Oschilewski zusammengestellten Anthologie). Nach der Reichsgründung 1871 wird die Berlinerin ein beliebtes Thema, doch meist ist sie nur das Objekt der Beschreibung. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts führten Rahel Varnhagen und Henriette Herz berühmte Salons in Berlin; nach 1871 zieht die sich rasch zur Metropole entwickelnde Stadt durch ihr politisches Klima, die vielseitige Verlagslandschaft und die Möglichkeit, anonym und abseits von traditionellen Zwängen zu leben, vermehrt Autorinnen an.

Das vorliegende neue Lexikon Schriftstellerinnen in Berlin 1871 bis 1945 zeigt "die zentrale Funktion der Großstadt als Katalysator" (S. 7) für schreibende Frauen. Allerdings verzichten die Bearbeiterinnen auf eine Darstellung des literatursoziologischen Hintergrunds; das war Thema ihrer beider Dissertationen, aus denen dieses Lexikon hervorgegangen ist. Stattdessen dokumentieren sie den Werdegang und das literarische Schaffen von 200 ausgewählten Autorinnen. Mehr als 1000 Frauen seien im Berlin des Berichtszeitraums schriftstellerisch tätig gewesen, wegen des Recherche-Aufwands habe man sich aber beschränken müssen. Dies wird zum pragmatischen Kriterium einer letztlich subjektiven Auswahl: etliche Autorinnen sind in Berlin geboren, andere dort gestorben, viele aber, wie Marieluise Fleißer oder Ricarda Huch, haben nur eine Phase ihres Lebens in Berlin verbracht.

In einem längeren Vorwort sprechen die Bearbeiterinnen über die "Bedeutung des ausgewählten Zeitraums", sie erwähnen die spezifischen Probleme weiblicher Lebensdaten ("... jünger zu erscheinen, war Teil ihrer Selbstinszenierung als Künstlerin in einer männerdominierten Gesellschaft", S. 11) und die ebenso schwierigen Recherchen nach Geburts- und Ehenamen. Hinweise zu den Vorarbeiten in Archiven, deren Quellenlage beklagt wird, Erläuterungen zum Aufbau der Artikel, zu den Abbildungen und bibliographischen Angaben beschließen es. Nach den Schriftstellerinnen von A bis Z folgen eine - verdienstvolle - Aufstellung der Archive mit den dort vorhandenen Nachlässen und Sammlungen, Listen der, so ist zu vermuten, ausgewerteten Darstellungen, Handbücher, Lexika, Anthologien und Sammelwerke und - in Auswahl - der Zeitschriften und Zeitungen; hinzu kommen Abbildungsnachweise sowie ein alphabetisches Namensregister, in dem der Name, unter dem angesetzt wird, fett gedruckt ist.

In das Lexikon wurden Schriftstellerinnen aller Genres aufgenommen, die Kinderbuch- und Märchenautorin Lisa Tetzner ebenso wie die Vielschreiberin Hedwig Courths-Mahler und Helene Stöcker, die neben ihren sozial- und frauenpolitischen Büchern nur einen einzigen Roman geschrieben hat. Laut Vorwort wurden "Verfasserinnen von ausschließlich 'privater' Literatur wie Autobiographien, Memoiren, Tagebücher und Briefen einerseits und Autorinnen von theoretischen, politischen und journalistischen Texten andererseits" (S. 7) nicht berücksichtigt. Dennoch findet man einige, die neben ihrem eher unbedeutenden belletristischen Werk vor allem Sachbücher geschrieben haben, wie Elisabeth Gnauck-Kühne, die Begründerin des Katholischen Frauenbunds, die an Fragen der Sexualreform interessierte Gretel Meisel-Hess und die Kulturkritikerin Ella Mensch.

Fast jedem Eintrag ist ein Porträt beigegeben, die Frauen nehmen Gestalt an und treten aus der Vergessenheit heraus. Namen und Lebensdaten sind sorgfältig ermittelt; sofern ein Nachlaß existiert, ist der Aufbewahrungsort genannt. Die Bibliographie führt in ausführlichen Titelaufnahmen nur die selbständig erschienenen Werke in chronologischer Folge auf, einschließlich aller Nachauflagen und Titeländerungen. Bei Veröffentlichung unter Pseudonym wird dieses angegeben, auf vorhandene Personalbiographien vernünftigerweise verwiesen. Sekundärliteratur und biographische Darstellungen sind so knapp ausgewählt, daß man mitunter wichtige Titel vermißt, wie z.B. die Dissertation von Erika Seidl über Anselma Heine (1957), die der Kosch nennt. Mit Überraschung stellt man fest, wie produktiv und offensichtlich erfolgreich viele Schriftstellerinnen waren. Auf die Ermittlung unselbständiger Beiträge wurde verzichtet; stattdessen gibt es Hinweise auf ihre Mitarbeit an Zeitungen und Zeitschriften. Die Verzeichnung unselbständiger Beiträge hätte die Titelliste vieler Autorinnen verdoppelt und dazu ein differenzierteres Bild ergeben.

Das Lexikon enthält viele Schriftstellerinnen, die weder im Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen 1800 -1945,[1] noch im Kosch[2] oder im Killy[3] vorkommen; und wenn die Namen in den genannten Werken vorkommen, so gehen die entsprechenden Artikel im vorliegenden Lexikon oft weit über den dortigen Umfang hinaus. Daß Marie von Olfers fehlt und ausgerechnet im Eintrag über Ricarda Huch mehrere kleine Fehler stecken, schmerzt die Rezensentin, dämpft aber nicht ihre Begeisterung, mit der sie dieses Lexikon wie ein Buch gelesen und weiter empfohlen hat.

Jutta Bendt


[1]
Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen : 1800 - 1945 / Gisela Brinker-Gabler ; Karola Ludwig ; Angela Wöffen. - München : Deutscher Taschenbuch-Verlag, 1986. - 363 S. ; 18 cm. - (dtv ; 3282). - ISBN 3-423-03282-0 : DM 16.80 [0231]. - Vgl. ABUN in ZfBB 34 (1987),2, S. 161 - 163. (zurück)
[2]
Deutsches Literaturlexikon : biographisch-bibliographisches Handbuch / begr. von Wilhelm Kosch. Hrsg. von Heinz Rupp (Mittelalter) und Carl Ludwig Lang (Neuzeit). - 3., völlig neu bearb. Aufl. - Bern ; München : Saur. - 25 cm. - ISBN 3-907820-00-2 [2114]. - Bd 1 (1968) - . - Erg.-Bd. 1 (1994) - . - Vgl. zuletzt IFB 94-3/4-434. (zurück)
[3]
Literaturlexikon : Autoren und Werke deutscher Sprache / hrsg. von Walther Killy. - Gütersloh ; München : Bertelsmann Lexikon Verlag. - 25 cm. [0482]. - 1988 - 1992. - Bd. 1 - 12. - Vgl. ABUN in ZfBB 36 (1989),1, S. 55 - 57. (zurück)

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