Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 2(1994) 3/4
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Deutsches Literaturlexikon


94-3/4-434
Deutsches Literaturlexikon : biographisch-bibliographisches Handbuch / begr. von Wilhelm Kosch. Hrsg. von Heinz Rupp (Mittelalter) und Carl Ludwig Lang (Neuzeit). - 3., völlig neu bearb. Aufl. - Bern : Saur. - 25 cm. - ISBN 3-907820-00-2. - (K. G. Saur, München)
[2114]
Erg.-Bd.
1. A - Bernfeld. - ISBN 3-907820-16-9 : DM 348.00

Die 3., völlig neu bearb. Aufl. des Deutschen LiteraturLexikons, des nach seinem Begründer sogenannten Kosch, erscheint seit 1966. Es ist noch nicht abgeschlossen, die Bände (16 ff.) für die Buchstaben S - Z stehen noch aus. Die Kriterien für die Aufnahme haben sich während der Arbeit an der Neuauflage mit dem 6. Band geändert. Der Verlag will in Ergänzungsbänden die ungleiche Informationsdichte durch drei Ergänzungsbände zu den Buchstaben A - F ausgleichen. Die Ergänzungen erstrecken sich jedoch nur auf zusätzlich aufgenommene Autoren und Anonyma; Ergänzungen zu Artikeln in den ersten fünf Bänden werden nicht geliefert. Eine Begründung für diese Entscheidung erfährt man nicht. Die Stärke des Ergänzungsbandes liegt eindeutig bei den anonymen Werken des Mittelalters und bei den Artikeln zu frühneuzeitlichen Autoren, etwa aus der Feder Martin Birchers.

Je mehr man beim 19. und 20. Jahrhundert hinschaut, um so mehr drängt sich auch bei diesem Ergänzungsband der beim Kosch gleichsam immerwährende Eindruck auf: trotz der Fülle wird die Auswahl der dargebotenen Fakten und bibliographischen Informationen vom Zufall regiert. Da schwappen z. B. immer noch aus dem (seinerseits notgedrungen auf Selbstmeldungen angewiesenen) Kürschner entbehrliche Trivialautoren unkontrolliert herüber, die in einem Literaturlexikon nichts verloren haben. Was sollen wir mit Titeln wie Paradies der Lüste (1982), Meine hundert Ehemänner (1985), Scharf (1986), Hörig (1986) von Gerty Agoston. Für Derartiges genügt doch die entsprechende Rubrik in der DNB. Da erfahren wir zu Gerhard Basner diverse Pseudonyme, Geburtsdatum und Wohnort Detmold und können dann einer einspaltigen Liste mit Titeln wie Stern im Staub, Todesmelodie, Red-River-Ballade usw. entnehmen, daß der Autor alle Jahre drei Wildwestromane expektoriert.

So sehr man zustimmen mag, daß in ein Literaturlexikon auch Literaturwissenschaftler hineingehören, das Gespür für Proportionen und Bedeutung fehlt, wenn Günter Albrecht fast zwei Spalten Bibliographie - untergliedert nach "Schriften" und "Herausgebertätigkeit" - erhält, während Wilfried Barner oder Roger Bauer - nur mit "Schriften (Ausw.)" - gerade ein Viertel des Umfangs erhalten.

Der weite Literaturbegriff ist unbestritten. Er hat aber auch seine Tücken, und bei der Berücksichtigung von Historikern, Theologen, Politikern usw. in einem Literaturlexikon sollte der sprachliche (z. B. narrative/essayistische/rhetorische) Aspekt ihrer Arbeiten für die Auswahl Bedeutung haben. Warum wird uns Gerhard Bassarak, bis 1983 Professor für Ökumenik an der Humboldt-Universität, als "Verf. theol. Fachschriften" auf fast einer Spalte vorgestellt? Warum sind der österreichische Heerführer Moritz von Auffenberg, der Chemiker Heinrich Bechold, Gründer der populären Zeitschrift Umschau oder der Indologe Heinz Bechert aufgenommen? Werden Schauspieler nur durch die Veröffentlichung von Lebenserinnerungen zu Literaten? Unergiebig und entbehrlich sind Kurzeinträge zu Autoren, deren biographische Daten nicht ermittelt sind, von denen gerade ein Werktitel angeführt wird oder zu denen mehr auch der Goedeke (N.F.) nicht mitzuteilen weiß (z. B. Helene Alt, Karl Alt, Leopold Alt).

Der Zufall regiert auch bei den Recherchen: Da wird für einen 1974 gestorbenen Autor (Wilhelm Berger) zwar nach Mommsen[1] ein Staatsarchiv als Aufbewahrungsort seines Nachlasses genannt, der Sterbeort aber - statt bei dem Archiv anzufragen - mit "vermutl. ebd." angeführt. Ein anderes Beispiel: Es gibt nun einen an sich begrüßenswerten Artikel von einer Spalte zu Jakob Bernays (1824 - 1881), in dem auch manche einschlägige Veröffentlichung der um die Bernays-Forschung besonders verdienten Gelehrten Hans I. Bach (Bach ist sogar mit einem eigenen Eintrag vertreten) und Karlfried Gründer zitiert werden. Ausgerechnet die wichtigste Quellenveröffentlichung zu Bernays aus den letzten Jahren fehlt jedoch, nämlich die von Gründer aus dem Nachlaß von Bach besorgte Edition von Bernays' Aphorismen.[2]

Mit einem gewissen Spaß kann man beobachten, wie zur Zeit die Lexika hintereinander herjagen: Das Verfasserlexikon[3] und Killy[4] schlachtet der Ergänzungsband natürlich aus und zitiert beide immer mit Band und Seitenzahl und bietet damit zum erstenmal im ganzen Werk Seitenangaben (allerdings dort, wo man sie am wenigsten braucht; bei Aufsätzen aus Zeitschriften usw. fehlen sie nach wie vor durchweg).

Der Kosch ist zwar das - nach Zahl der Einträge - ausführlichste Lexikon zur deutschen Literatur, an Sorgfalt der Berabeitung steht er aber dem Killy weit nach. Gerade weil der Kosch wegen der Fülle des gebotenen Materials ein unentbehrliches Nachschlagewerk ist, muß man sich bei der Benutzung seiner Schwächen stets bewußt sein: die dargebotenen Informationen sind Anregungen zum eigenen Nachrecherchieren, ungeprüft darf man sie nicht übernehmen.

Hans-Albrecht Koch


[1]
Die Nachlässe in den deutschen Archiven / bearb. ... von Wolfgang A. Mommsen. - Boppard am Rhein : Boldt, 1971 - 1983. - Tl. 1 - 2. (zurück)
[2]
Aphorismen von Jacob Bernays aus Abschriften seiner verlorenen "Auszüge und Einfälle" / mitgeteilt von Karlfried Gründer. // In : Aratro corona messoria : Beiträge zur europäischen Wissenschaftsüberlieferung ; Festgabe für Günther Pflug ... - Bonn, Bouvier, 1988, S. 131 - 152). - Sie sind alle etwa von der Schärfe der drei hier zitierten Beispiele: "Candide ist ein burlesker Hiob"; "Die meisten Menschen behandeln öffentliche Gelder als herrenloses Gut"; "Mittel, Zeit zu sparen: Lerne recht viele Gelehrte persönlich kennen und du wirst keinen Antrieb mehr haben, ihre Bücher kennen zu lernen." (zurück)
[3]
Die deutsche Literatur des Mittelalters : Verfasserlexikon. - 2., völlig neubearb. Aufl ... Berlin : de Gruyter. - 1 (1978) - . (zurück)
[4]
Literaturlexikon. Autoren und Werke von A bis Z / hrsg. von Walther Killy. - Gütersloh [u.a.] : Bertelsmann. - Bd. 1 (1988) - 12 (1992). - Vgl. ABUN in ZfBB 36 (1989),1, S. 55 - 57. (zurück)

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