Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 9(2001) 2
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Prager Professoren 1938 - 1948


01-2-384
Prager Professoren 1938 - 1948 : zwischen Wissenschaft und Politik / Monika Glettler ; Alena Mísková. - 1. Aufl. - Essen : Klartext-Verlag, 2001. - 682 S. ; 23 cm. - (Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa ; 17). - ISBN 3-88474-955-2 : DM 42.10
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Prag, die 1348 von Kaiser Karl IV. gegründete älteste deutsche Universität und eine der ältesten Europas überhaupt, wurde im Jahr 1882 in eine selbständige deutsche (K.K. Deutsche Karl-Ferdinands-Universität) und eine tschechische (K.K. Tschechische Karl-Ferdinands-Universität) geteilt. Sechzehn Monate nach der Staatsgründung erklärte die ,Lex Mares' vom 19. Februar 1920 die tschechische Karls-Universität zur legitimen Erbin der Prager Universitätstradition. 1934 kam es zum sog. Insignienstreit. Das tschechoslowakische Ministerium für Schulwesen und Volkskultur verpflichtete die Deutschen zur Aushändigung der mittelalterlichen Universitätsinsignien, ein Vorfall, der im nationalsozialistischen Deutschen Reich in der Welt der Universität für große Aufregung sorgte. Am 2. August 1939, fast fünf Monate nach der Schaffung des sog. Protektorats Böhmen und Mähren, in das die bereits im September 1938 um das Sudetenland und im März 1939 um die Slowakei amputierte Tschechoslowakei verwandelt worden war, wurde die Deutsche Universität in die Reichsverwaltung übernommen. Nach studentischen Unruhen wurde im November die tschechische Karls-Universität geschlossen, neun ,Rädelsführer' standrechtlich erschossen und etwa 1200 Studenten und jüdische Professoren in Konzentrationslager überführt. Die Deutsche Universität wurde in Konkurrenz zu Posen und Straßburg zur Frontuniversität und arbeitete bis zum März 1945. Das Dekret Nr. 112 des Präsidenten der Tschechischen Republik vom 18. Oktober 1945 verfügte die Auflösung der Deutschen Universität in Prag, nachdem die Karlsuniversität im Sommer wieder eröffnet worden war. Damit endete endgültig das Nebeneinander der beiden Prager Universitäten, und damit endete auch ein wichtiges Stück tschechisch-deutscher Gemeinsamkeit.

Der vorliegende Sammelband versucht einen erneuten Brückenschlag und ist ein deutsch-tschechisches joint venture, zu dem achtzehn tschechische und dreizehn deutsche Autoren beigetragen haben. Die Endredaktion erfolgte in Freiburg am Lehrstuhl von Frau Glettler. Alle tschechischen Beiträge wurden ins Deutsche übersetzt, den Großteil der Druckkosten übernahm der ,Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds'.

Der Band vereinigt 28 personengeschichtliche Beiträge zu tschechischen, jüdischen und deutschen Professoren im Prag der Jahre 1938 bis 1948. "Opfer und Täter werden hier nicht isoliert betrachtet, sondern das Beziehungsgeflecht der Prager Professoren und dessen Wandel im nationalsozialistischen Alltag und der Nachkriegszeit stehen im Mittelpunkt der Beiträge. Durch eine Verbindung von wissenschafts-, alltags- und personengeschichtlichen Fragestellungen werden die Möglichkeiten, Grenzen und Versuchungen wissenschaftlichen Arbeitens ausgelotet" (Umschlagrückseite). Anhand der erstellten Biographien lassen sich Verhaltensweisen, die von Kollaboration bis hin zu Formen des Widerstandes reichen, rekonstruieren. Brüche und Diskontinuitäten sind angesichts der politischen Einschnitte dominant.

So anerkennenswert der Versuch einer Parallelisierung deutscher und tschechischer Professorenbiographien ist, so fragwürdig ist er gleichzeitig. Er insinuiert eine Parallele zwischen NS-Zeit und Kommunismus, die sich nur schwer aufrechterhalten läßt, zu unterschiedlich waren die Rahmenbedingungen. Da die Auswahl der Lebensläufe von Zu- oder Absagen der Bearbeiter abhängig ist, ist sie zudem zufällig. Es sollten offenkundig solche Biographien präsentiert werden, die das Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik einerseits, aber auch von deutscher und tschechischer Loyalität andererseits dokumentieren. Allen Lebensbildern ist zu bescheinigen, daß sie auf einem dreifachen Gerüst aufbauen, d.h. die Lebensgeschichte mit dem Werk und dem institutionellen Umfeld verknüpfen und somit der Individualität, der Institutionalität und der Ideologie Rechnung tragen. Besonders wichtig für die deutschsprachige Wissenschaftsgeschichte ist die umfassende Nutzung der Prager Archivbestände, und zwar nicht nur der Karls-Universität, sondern vor allem des Archivs der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik in Prag, Gesellschaft zur Förderung Deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen. Es könnte sogar sein, daß die letztgenannten Materialien, die Frau Glettler erstmals für die deutschsprachige Wissenschaftsgeschichte erschlossen hat, auch die Auswahl der Porträtierten beeinflußt haben.[1]

Für die deutsche Fachgeschichtsforschung sind die Personen am interessantesten, die vor und/oder nach 1939 in Prag gelehrt haben. Am bekanntesten dürften Karl Maria Swoboda (Kunsthistoriker), Edmund Schneeweis (Slawist und Volkskundler), Josef Hanika (Volkskundler), Gustav W. Becking (Musikwissenschaftler), Herbert Cysarz (Germanist - er wurde allerdings bereits 1938 nach München berufen und fällt damit aus den chronologischen Eckdaten heraus), Erich Trunz (hier ist zu ergänzen, daß Trunz im Mai 2001 verstorben ist), Eugen Rippl (Slawist), Gerhard Gesemann (Slawist), Wilhelm Weizsäcker (Jurist). Nicht vertreten sind die Neuphilologien, wo mit dem Romanisten Erhard Preißig eine sehr interessante Persönlichkeit in Prag lehrte. Er war Vorsitzender des Deutschen Kulturverbandes, ein alter deutscher Volkstumskämpfer und Nationalist, der die Meinung vertrat, man müsse das tschechische Volk von unten her zersetzen, rassisch geeignete Tschechen in die NSDAP aufnehmen, Schwächen des tschechischen Volkes ausnutzen und dadurch seine Zerstörung herbeiführen.[2] Auch einer der deutschen Rektoren nach Protektoratsgründung (Ernst Otto, Wilhelm Saure, Alfred Buntru, Friedrich Klausing, Kurt Albrecht) hätte porträtiert werden sollen, um zu zeigen, wie man im Berliner REM mit Prag umsprang. Helmut Heiber[3] hat dies gewohnt farbig beschrieben. Jeder der Herren hatte ein besonderes Schicksal. Am eindringlichsten ist das von Klausing, ehemals ein Frankfurter Polit-Aktivist, der seiner Entlassung durch Selbstmord zuvorkam, als sein Sohn als Hauptmann im Stab des Allgemeinen Heeresamts nach der Urteilsverkündung im ersten Volksgerichtshof-Prozeß gegen die Juli-Attentäter 1944 in Plötzensee gehängt worden war.

Der vorliegende Band ist sorgfältig gemacht, durch Register und Tabellen gut erschlossen. Eine Gesamtbibliographie wäre praktisch gewesen, doch kann man viele Angaben aus den einzelnen Beiträgen herauslesen. Die Herausgeberin sagt am Ende des Vorworts, der vorliegende Band richte sich nicht nur an Fachkollegen, sondern an ein breiteres Lesepublikum. In der Tat kann man sich in einzelnen Beiträgen festlesen und bekommt ein Gespür dafür, welche Chance letztlich vertan wurde, in einer Stadt zwei Universitäten mit unterschiedlichen Kulturen friedlich miteinander arbeiten und ein Stück weit auch miteinander rivalisieren zu lassen.[4] Prag war dafür besser geeignet als die gleichzeitig entstandenen ,Reichsuniversitäten' Posen und Straßburg, wo sich die jeweiligen Landesherren abgewechselt hatten, d.h. mal nur deutsche, dann wieder ausschließlich französische oder polnische Wissenschaft betrieben wurde.[5] Zum besseren Verständnis wäre jedoch ein längerer Einleitungsessay über die Universität Prag in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts nützlich gewesen. Die Geschichte der deutschen Universität Prag unter dem Hakenkreuz bleibt nach wie vor zu schreiben.

Frank-Rutger Hausmann


[1]
Vgl. Die Gesellschaft zur Förderung Deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen (Deutsche Akademie der Wissenschaften in Prag) : Materialien zu ihrer Geschichte und Inventar des Archivbestandes ; 1891 - 1945 / bearb. von Alena Mísková ; Michael Neumüller. - Praha : Archiv Akademie Ved Ceské Republiky, 1994. - (Studia historiae Academiae Scientiarum Bohemicae : Seria B, editiones ; 7). - Hauptsacht. tschechisch. (zurück)
[2]
Slawistik an der Deutschen Universität in Prag (1882 - 1945) / Wilhelm Zeil. - München : Sagner, 1995. - 150 S. - (Beiträge zur Geschichte der Slawistik ; 1) - (Osteuropastudien der Hochschulen des Landes Hessen : Reihe 2, Marburger Abhandlungen zur Geschichte und Kultur Osteuropas ; 35), hier S. 124. - "Vom Strudel der Ereignisse verschlungen" : deutsche Romanistik im "Dritten Reich" / Frank-Rutger Hausmann. - Frankfurt am Main : Klostermann, 2000. - XXIII, 741 S. - (Analecta romanica ; 61), hier S. 732. (zurück)
[3]
Universität unterm Hakenkreuz / Helmut Heiber. - München. - Teil 2. Die Kapitulation der Hohen Schulen. - Bd. 2 (1994), S. 101 - 107. (zurück)
[4]
Vgl. dazu jetzt auch: Deutsche und Tschechen : Geschichte - Kultur - Politik / hrsg. von Walter Koschmal ... Mit einem Geleitwort von Václav Havel. - Orig.-Ausg. - München : Beck, 2001. - 727 S. - (Beck'sche Reihe ; 1414). (zurück)
[5]
Vgl. jetzt: Die Reichsuniversitäten Posen, Prag und Strassburg als Modelle nationalsozialistischer Hochschulen in den von Deutschland besetzten Gebieten / Teresa Wróblewska. - Torun, 2000. - 308 S. : Ill. - Die Arbeit, die auf älteren Materialien beruht, vermittelt nur wenig neue Erkenntnisse. (zurück)

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