Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Bach-Werke-Verzeichnis


00-1/4-456
Bach-Werke-Verzeichnis . - Kleine Ausg., (BWV 2a) / nach der von Wolfgang Schmieder vorgelegten 2. Ausg. Hrsg. von Alfred Dürr und Yoshitake Kobayashi. Unter Mitarb. von Kirsten Beißwenger. - Wiesbaden [u.a.] : Breitkopf & Härtel, 1998. - XXVII, 490 S. : Notenbeisp. ; 27 cm. - ISBN 3-7651-0249-0 : DM 98.00
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Das Thematisch-systematische Verzeichnis der musikalischen Werke von Johann Sebastian Bach, auch Schmieder, kurz BWV,[1] verfolgt drei, bereits im Vorwort zur ersten Ausgabe 1950 formulierte Ziele: "Erstens soll festgestellt werden, was nach dem neuesten Stand der Forschung überhaupt an Werken von Bach vorliegt, zweitens sollen mit der Angabe alter handschriftlicher und gedruckter Vorlagen weitere Quellenstudien an Bachs Werken ermöglicht und drittens soll das in Form von Ausgaben oder von wissenschaftlichen (dieser Begriff wird absichtlich weit gefaßt) Betrachtungen Niedergelegte nicht nur für weitere Forschungen festgehalten, sondern auch für das Verzeichnis selbst ausgewertet werden." (Vorwort zur ersten Ausg. in der 2. Ausg. 1990, S. VII).

Im Gegensatz dazu wollen Dürr, Kobayashi und Beißwenger - alles ehemalige Mitarbeiter des Johann-Sebastian-Bach-Instituts Göttingen - mit ihrer auf etwa die Hälfte des Umfangs reduzierten Kleinen Ausgabe des Schmieder (XXVII, 490 S. gegenüber XLVI, 1014 S.) interessierten Laien und Berufsmusikern ein brauchbares Werkzeug, ohne den ihrer Meinung nach nur für Bachforscher notwendigen Ballast, an die Hand geben. D.h., die vorliegende Ausgabe "versteht sich als Kompromiß zwischen einem kommentarlosen Werkkatalog einerseits und einem Vollständigkeit anstrebenden Nachschlagewerk andererseits, wobei die unvermeidbare Folge, daß dem einen noch zu wenig, was dem anderen schon zu viel erscheint, notwendigerweise in Kauf zu nehmen" (S. VII) und "die anzustrebende Knappheit oberstes Gebot" (S. VIII) war.

Der Inhalt der 2. Auflage des Schmieder wurde zwar unter Berichtigung von Fehlern, jedoch ohne Revision, die dessen 3. Auflage überlassen bleibt, übernommen und lediglich auf den Forschungsstand zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses - das Vorwort wurde "Im Herbst 1997" (S. XI) verfaßt - gebracht.[2]

Der Band beginnt mit dem Vorwort, dem wie bereits im Schmieder eine englische Übersetzung beigegeben ist, sowie Allgemeinen und Literatur-Abkürzungen. In der Beschreibung der einzelnen Werke des Hauptteils wurden die Angaben zu Entstehungszeit, Textherkunft, Besetzung, Gesamtausgabe knapper gefaßt, indem z.B. auf die Angabe des Entstehungsortes oder die Ausformulierung in vollständigen Sätzen verzichtet wurde. Die Incipits wurden z.T. gekürzt, die bisher auf zwei Notenlinien wiedergegebenen Stimmen jetzt meist in einer Notenlinie zusammengefaßt. Sehr verknappt wurden die nach den Incipits aufgeführten Rubriken: 1. bei den Handschriften (jetzt: Quellen) werden keine Abschriften, für deren Datierung Schmieder eigens ein Zahlensystem mit den Ziffern 1 - 6 entwickelt hatte (vgl. Schmieder, S. XX), mehr angegeben; 2. die Drucke und 3. Drucke und Ausgaben besonderer Art wurden völlig eliminiert; 4. die Literaturangaben reduziert und aktualisiert. Die vorliegende Kleine Ausgabe wird somit nur noch dem ersten der drei oben genannten Ziele des ursprünglichen Werkverzeichnisses, entsprechend ihres ebenfalls bereits erläuterten Selbstzweckes, gerecht.

Den größten Eingriff stellt die Entscheidung dar, im Gegensatz zu Schmieder, der Werke mit zweifelhafter Urheberschaft Bachs im Hauptteil, im Anhang II: Zweifelhafte, J. S. Bach nicht zuzuschreibende Werke dagegen nur Werke anderer, unbekannter Autorschaft nachweist, sämtlich Werke, für die die Autorschaft Bachs nicht gesichert ist, in den Anhang II: Werke zweifelhafter Echtheit[3] zu verbannen.

Beim Blick ins Inhaltsverzeichnis fällt für die Einteilung ansonsten lediglich auf, daß die vorliegende Kleine Ausgabe im Thematischen Verzeichnis die Konzerte und die Ouvertüren, Sinfonien unter der Überschrift Orchesterwerke zusammenfaßt.

Wesentlich stärker unterscheiden sich die Register. Zeichnet sich ein Werkverzeichnis nicht zuletzt durch möglichst zahlreiche und vielfältige Register aus, so ist, zumindest was 1. und 3. betrifft, unverständlich, weshalb sie in der Kleinen Ausgabe entfallen: 1. Zeittafel; 2. Übersicht über die bis zum Jahre 1750 in Handschriften oder Drucken zusammengefaßten Werke und 3. Themenverzeichnis der Instrumentalwerke. Neu ist dafür ein nützliches Verzeichnis der von Bach komponierten Kirchenliedmelodien, das Kirchenliedbearbeitungen mit gesicherter Autorschaft Bachs, deren Musik erhalten ist - also nicht die Anhänge des BWV - , ohne "Einzelsätze in Choralkantaten" (S. 471) berücksichtigt. Zugrunde gelegt sind die bei Zahn[4] nachgewiesenen Textanfänge, ggf. mit Verweisung von den bei Bach vorkommenden anders lautenden Textanfängen. Die Systematische Übersicht über die Verwendung der Kantaten, die diese in neun Systematikgruppen einteilt und außer Bestimmung und BWV-Nummer auch den Textanfang nennt, wurde in der Kleinen Ausgabe reduziert auf eine in zwei Gruppen Geistliche und Weltliche Kantaten gegliederte Übersicht über die Bestimmung der Kantaten mit Angabe von Bestimmung und BWV-Nummer.

Das Alphabetische Verzeichnis der Textanfänge "enthält die Textanfänge (Werkanfänge und Eingangssätze) samt BWV-Nummer der Kantaten, Motetten, Passionen, Oratorien und der lateinischen Kirchenmusik sowie die unter einer Nummer genannten Vokal-Einzelsätze. Nicht aufgenommen sind die Textanfänge der Choräle und Lieder, da diese innerhalb des Werkverzeichnisses ohnehin alphabetisch (außer den Trauungschorälen BWV 250 - 252) geordnet sind" (S. 484). Tatsächlich trifft die alphabetische Anordnung innerhalb des BWV sowohl auf die Choräle für vier Stimmen BWV 253 - 438 als auch auf Die geistlichen Lieder und Arien mit Generalbaß. Aus Schemellis Gesangbuch BWV 439 - 507 und die Arien und Lieder. Aus dem zweiten Notenbuch für Anna Magdalena Bach BWV 508 - 518 zu, die allerdings allein schon drei Alphabete darstellen, jedoch nicht auf die übrigen in den zwei Gruppen Vierstimmige Choräle und Lieder, Arien, Quodlibet verzeichneten Werke: eben die Trauungschoräle BWV 250 - 252, die "Choräle anderer Herkunft" BWV 500a, 1084, 1089, 1122 - 1126, "Fünf geistliche Lieder" BWV 519 - 523, das "Quodlibet (Fragment). Zu einer Hochzeitsfeier" BWV 524. Überdies wurden leider die bei Schmieder[5] in der entsprechenden Übersicht nachgewiesenen Textanfänge der Folgesätze eines Werkes eliminiert. Folglich ist die alphabetische Auswertung der Textanfänge der vorliegenden Ausgabe nicht vollständig und nur unter Vorbehalt zu gebrauchen.

Aus dem früheren Namen- und Sachregister ist nunmehr ein Personenregister - wie bisher ohne die Namen der Rubrik Literatur - geworden,[6] wodurch nun die Möglichkeit des Einstiegs unter Sachbegriffen wie z.B. "Matthäuspassion" entfällt.

Für problematisch erachtet die Rezensentin die veränderte Angabe der BWV-Nummer[7] bei Werken, die in der zweiten Ausgabe des Schmieder neu aufgenommen worden waren. Sie hatten die Nummern 1081 - 1120 erhalten, von denen auf die eigentlich richtigen verwiesen wird, indem nach einem Schrägstrich die Stelle im BWV angegeben wurde, an die die Werke tatsächlich gehören und auch zu finden sind, z.B. 246/Anh. II 30 --> (Lukaspassion), d.h. nach Anh. II 30. Zwar ist die Lösung mit Pfeil, dessen Darstellung beispielsweise in EDV-Programmen beim Zitieren einer betreffenden BWV-Nummer (obwohl die Nummer vor dem Schrägstrich die maßgebliche ist) sicherlich häufig nicht möglich ist, etwas ungeschickt,[8] doch gliedert sie sich hervorragend in den Aufbau des Schmieder ein. Diese Darstellungsweise wurde nun in der Kleinen Ausgabe dahingehend vereinfacht, daß lediglich die eigentliche BWV-Nummer ("eine ein- bis vierstellige Nummer allenfalls mit angehängtem Kleinbuchstaben als Variantenkennzeichen)" (S. IX) , also die Zahl vor dem Schrägstrich, angegeben wird: an der eigentlichen Stelle der BWV-Nummer mit Verweisung auf die tatsächliche Fundstelle, an dieser führt dies jedoch zu einer inkonsequenten, d.h. nicht fortlaufenden und auf den ersten Blick verwirrenden Nummernabfolge, z.B. S. 438 - 443: BWV 1077, 1078, 1086, 1087, 1079, 1080; S. 246 - 251: BWV 243, 243a, 1082, 1083, 244; S. 270 - 272: BWV 247, 1088, 248. - Ferner wurde auch der Buchstabe R, der sich bei Schmieder gelegentlich im erläuternden Text als Zusatz zur BWV-Nummer bei Rekonstruktionen findet (z.B. bei den Sieben Konzerten BWV 1052 - 1058), nicht verwendet.

Die Kleine Ausgabe des Bach-Werke-Verzeichnisses stellt eine für Studienzwecke nützliche und erschwingliche Ausgabe dar, die aufgrund aktuelleren Forschungsstandes auch Bibliotheken besitzen sollten, obwohl sicher nach wie vor die 2. Auflage des Schmieder bis zu dessen überarbeiteter Neuauflage das maßgebliche Werkverzeichnis sein und bleiben wird. Für vollständige Literaturangaben, die jeweils nur in Auswahl übernommen wurden, sollten jedoch alle 3 Ausgaben des Bach-Werke-Verzeichnisses, die 1. Ausgabe 1950, die 2. Ausgabe 1990 sowie die vorliegende Kleine Ausgabe, ausgewertet werden.

Martina Rommel


[1]
Thematisch-systematisches Verzeichnis der musikalischen Werke von Johann Sebastian Bach : Bach-Werke-Verzeichnis ; (BWV) / hrsg. von Wolfgang Schmieder. - 2., überarb. und erw. Ausg. - Wiesbaden : Breitkopf & Härtel, 1990. - XLVI, 1014 S. : zahlr. Notenbeisp. - ISBN 3-7651-00255-5 : DM 328.00. (zurück)
[2]
Ein Beispiel: da BWV 1096 von Johann Pachelbel komponiert wurde, wurde der bisherige Eintrag: "1090-1120/598 --> Einunddreißig Choralbearbeitungen" abgeändert: "1090-1095, 1097-1120 31 (!) Choralbearbeitungen" (Verweisung S. 448), "1090-1095, 1097-1120 Dreißig Choralbearbeitungen" (Haupteintrag S. 349); BWV 1096 ist selbständig verzeichnet. (zurück)
[3]
Meist verzichten die Anhänge der Kleinen Ausgabe (im Gegensatz zum Schmieder) auf die Incipits, so u.a. bei BWV 598: Pedal-Exercitium (Fragment), das in den Anhang II (S. 462) verschoben wurde, da die Quelle, eine Abschrift, nur "Bach" ohne Vornamen als Urheber nennt. (zurück)
[4]
Die Melodien der deutschen evangelischen Kirchenlieder / aus den Quellen geschöpft und mitgeteilt von Johannes Zahn. - Gütersloh : Bertelsmann. - 1 (1889) - 6 (1893). - Reprogr. Nachdr. Hildesheim [u.a.] : Olms, 1963. - Der 2. Nachdr. 1997 desselben Verlages (Bd. 1: ISBN 3-487-09314-7) ist im Literaturverzeichnis (Literatur-Abkürzungen) noch nicht erwähnt. (zurück)
[5]
Es sei darauf hingewiesen, daß Schmieder darüber hinaus eine alphabetische Übersicht über Bachs vierstimmige Choräle und deren Verwendung in anderen seiner Werke (S. 461 - 469) bietet. (zurück)
[6]
Nicht mehr enthalten ist beispielsweise Christian Ferdinand Abel, da bei den Sechs Suiten für Violoncello solo BWV 1007 - 1012 der Hinweis darauf, daß diese evtl. für Abel komponiert wurden, weggefallen ist. (zurück)
[7]
Grundsätzlich wurde jedoch, da diese sich durchgesetzt hat, an der ursprünglichen BWV-Numerierung festgehalten, obwohl sie, weil an der alten Bach-Gesamtausgabe orientiert, die Werke nicht immer absolut systematisch anordnet. (zurück)
[8]
Vgl. auch die vorstehend (IFB 00-1/4-448) besprochene Introduction to Bach studies: "We do not know how these new sigla are pronounced" (S. 5). (zurück)

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