Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Alexander von Humboldt


00-1/4-433
Alexander von Humboldt : Netzwerke des Wissens ; Haus der Kulturen der Welt, Berlin 6. Juni - 15. August 1999 ; Kunst und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 15. September 1999 - 9. Januar 2000 / [Hrsg.: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH. Katalogkonzeption: Frank Holl]. - Bonn : Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, 1999. - 237 S. : Ill., Kt. ; 28 cm. - DM 35.00. - (Kunst- und Ausstellungshalle ..., Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn, FAX 0228/234154)
[5693]
00-1/4-434
Alexander von Humboldts Schriften : Bibliographie der selbständig erschienenen Werke / Horst Fiedler ; Ulrike Leitner. - Berlin : Akademie-Verlag, 2000. - XXI, 499 S. : Ill., Kt., 25 cm. - (Beiträge zur Alexander-von-Humboldt-Forschung ; 20). - ISBN 3-05-002792-4 : DM 228.00
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Wohl kaum ein deutscher 'Klassiker' ist, was die Verzeichnung und Edition seiner Werke angeht, stiefmütterlicher behandelt worden als Alexander von Humboldt. Dazu mag beigetragen haben, daß Humboldt, der über Jahrzehnte sein Leben zwischen Berlin und Paris aufteilte, ebenso sehr dem deutschen wie dem französischen Sprachkreis angehörte und daß viele seiner Werke schon für die Zeitgenossen in deutscher Sprache entweder gar nicht oder nur als Übersetzung greifbar waren. Der universale Gelehrte Alexander von Humboldt ist über weite Strecken unbekannt, seine epochale Gestalt als exakter Wissenschaftler und wissenschaftlicher Pionier in vielen Disziplinen erscheint verzeichnet durch den breiten Erfolg der Ansichten der Natur und vor allem des Kosmos. Den 'ganzen' Humboldt einem breiten Publikum nicht ins Gedächtnis zurückgerufen, sondern überhaupt erst vorgestellt zu haben, darin besteht das Verdienst der Ausstellung Alexander von Humboldt : Netzwerke des Wissens im Humboldt-Jahr 1999, deren opulent ausgestatteter Katalog einen vorzüglichen Einblick gibt in die Spannweite seiner Forschungs- und Interessengebiete und nicht zuletzt seiner Biographie.

Für die heutige Humboldt-Forschung ist die Ausgangslage eher noch schlechter als für seine Zeitgenossen; sie sieht sich auf die seltenen Erstausgaben verwiesen, da vieles nicht in neuen Ausgaben vorliegt, neue Ausgaben einzelner Werke sich aber oft genug als Auszüge auf fragwürdiger Grundlage entpuppen - nie wurde auch nur der Versuch einer kritischen Gesamtausgabe nach den von Humboldt selbst für authentisch erklärten Drucken unternommen. Dafür fehlte auch eine sichere Grundlage, da bis heute ein zuverlässiges kritisches Verzeichnis seiner immensen Produktion und deren Nachwirkung aussteht. Die einzige nennenswerte Bibliographie von Humboldts Werk von Julius Löwenberg[1] datiert aus dem Jahr 1872, sie ist inkonsequent in der Anlage, unvollständig und von Irrtümern und Fehlern durchsetzt.

Aber welchen Schwierigkeiten sieht sich eine auf Vollständigkeit zielende Bibliographie der Schriften Alexander von Humboldts ausgesetzt. Humboldt umgab seine Hauptwerke mit einem Geflecht von Vorabdrucken und Auszügen, die z.T. als überarbeitete Fassungen selbst wieder den Rang des Eigenständigen haben; seine Schriften wurden in viele Sprachen, oft mehrfach, übersetzt, bearbeitet, "ausgezogen", in neuen Auflagen vorgelegt und nachgedruckt.

Doch als wäre das nicht Herausforderung genug, türmen sich geradezu die bibliographischen Schwierigkeiten in Humboldts monumentalem Reisewerk: der Voyage de Humboldt et Bonpland, der Reise nach den Tropenländern des neuen Kontinents. Humboldt nahm es sofort nach seiner Rückkehr aus Südamerika in Angriff, es sollte mehr als dreißig Jahre dauern, bis es abgeschlossen war. Die Probleme liegen hier aber noch nicht einmal im Umfang und in der Zeitspanne seiner Veröffentlichung, sie stecken auch nicht in der Identifikation der am Text beteiligten Autoren (und Übersetzer). Das Hauptproblem ist vielmehr auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen. Erst bei näherer Beschäftigung mit der Publikations- und Verlagsgeschichte zeigt sich eine oft mehrjährige Erscheinungsweise einzelner Bände in Lieferungen verschiedenen Umfangs, ein Wust von Titeleien mit u.a. abweichenden Erscheinungsjahren, der sich aus Verlagswechseln und einer Serie von Verlegerbankrotten erklärt, und ein kompliziertes Gewirr von zugehörigen, abhängigen und selbständigen Schriften.

Sicher trägt Humboldt daran selbst einen Teil der Schuld: Er beabsichtigte von Beginn an, sein Reisewerk in einer parallelen französischen und deutschen Originalausgabe vorzulegen, und er verschätzte sich, was Umfang und Zeitaufwand angeht, grob - er hoffte, das Ganze in wenigen Jahren abfassen zu können -; darüber hinaus gab es im Laufe des Unternehmens, in dem die Erstellung des Manuskripts mit dem Druck parallel lief, manche Abänderung in den Plänen und in der Disposition des Ganzen. Ebenso sicher geht ein großer Teil der verlagsgeschichtlichen Kalamitäten auf Humboldts deutschen Verleger Johann Friedrich Cotta zurück. Als dieser sich sofort nach Humboldts Rückkehr um den Verlag des Reisewerks bemühte, mußte er feststellen, daß Humboldt Teile des deutschen wie des französischen Reisewerks schon bei dem Pariser Verleger Schöll untergebracht hatte. Daraufhin suchte Cotta die Verbindung mit Schöll. Erst Cotta hatte die Idee, alle zum Reisewerk gehörenden Schriften in einer ebenso großen wie splendiden Ausgabe - einem privat finanzierten Gegenstück zu Napoleons Description de l'Égypte - zu vereinigen und die französische und deutsche Ausgabe miteinander zu verzahnen. Humboldt hatte ursprünglich dazu keinen Anlaß gesehen, konnte er doch die einzelnen Teile besser verkaufen, auch sorgte er sich, das Ganze könne die Fonds eines Verlages überfordern. Überlegungen Humboldts folgend (Brief an Cotta 10.VIII.1805) und nach der Aufnahme noch der Statistik von Mexico, sollte sich die deutsche Originalausgabe (lt. dem Prospekt im Morgenblatt für gebildete Stände. - 1807, Nr. 100, Intelligenz-Blatt Nr. 4) - und entsprechend der französischen Voyage - in sechs Abteilungen mit oft mehreren Bänden gliedern.

Humboldt, der als Autor Honorar erhielt, spielte bei dieser Verlagsverbindung seinen eigenen Part, insofern er die aufwendigen Kupferstiche, die dann beiden Ausgaben beigegeben wurden, auf seine Kosten stechen ließ. Es lag wesentlich an den napoleonischen Kriegen, daß die deutsche Reise in die Tropenländer des neuen Kontinents, ein Mißerfolg wurde und zum Torso geriet. Das splendid ausgestatte Prachtwerk in Folio/Quart verkaufte sich schlecht. So kam es, daß Cotta eine deutsche Ausgabe der Abt. IV. Astronomie zum Leidwesen Humboldts als entbehrlich ansah, er wollte die Lieferungen dieser Abt. aus der französischen Ausgabe importieren (das hinderte Humboldt / Jabbo Oltmanns übrigens nicht, die deutsche Astronomie fertigzustellen und später auch drucken zu lassen). Und nachdem schon Abt. II. Zoologie nach der 3. Lieferung steckengeblieben und aufgegeben worden war, erschien dann die Abt. VI. Botanique in der deutschen Ausgabe gar nicht, obwohl die französischen Lieferungen der von Bonpland verfaßten Plantes équinoxiales und der Monographies des Melastomes seit 1805 resp. 1806 ausgegeben wurden. Zudem war Humboldt schon 1808 nicht mehr in der Lage, die deutsche Ausgabe, wie beabsichtigt, selbst zu verfassen. Für die Abt. III., den Essai politique sur le royaume de la Nouvelle Espagne, engagierte er einen Übersetzer, mußte aber, unzufrieden mit dessen Arbeit, den Bd. 1 eingreifend überarbeiten, bevor er die Übersetzung in Cottas Verantwortung übergab (Philipp Joseph Rehfues besorgte dann die Übersetzung der Bd. 2 - 5).

Cottas schlagendes Argument bei der Verlagsverbindung mit Schöll war offenbar seine Finanzkraft gewesen, denn sofort leistete er Schöll Vorschüsse auf die Auslagen, doch schon bald sorgte sich Cotta um die Solvenz von Schöll. Die finanziellen Auseinandersetzungen führten Anfang 1810 dazu, daß sich Cotta aus dem Gemeinschaftsverlag zurückzog. Die beiden Humboldt-Ausgaben, die vorher durch das verwendete Velin und den aufwendigen Druck, der nur in Frankreich möglich war, nicht zuletzt auch durch die Kupfer auch in der Herstellung eng miteinander verschränkt waren, gingen getrennte Wege. Nach dem "Separations-Contrakt" vom 15. Februar 1810 einigte man sich darauf, daß Schöll die Verlagsrechte der französischen Titel, Cotta die der deutschen erhielt. Schöll tat sich nun mit Stone zusammen, und um ihre Selbständigkeit zu dokumentieren, lieferten sie für schon erschienenen Bände neue Titeleien aus, in denen Cotta nicht mehr vorkam.[2]

Es sollte nicht der letzte Verlagswechsel gewesen sein, denn auch Stone ging Bankrott. Cotta aber hatte das Reisewerk keineswegs ganz aufgegeben, auch weiterhin legte er das in Frankreich Erschienene in deutscher Übersetzung vor, allerdings beschränkte er seine deutsche Ausgabe auf abgegrenzte Teile, die - wie schon der Versuch über den politischen Zustand des Königreichs Neu-Spanien - ohne Hinweis auf die Abteilungen der Reise und im schlichten Großoktav erschienen. Wie sehr er an der Idee einer Gesamtausgabe festhielt, zeigte eine 1812 angekündigte (aber nicht erschienene) bearbeitete Ausgabe Reise nach den Tropenländern des neuen Continents von Alex. von Humboldt und Bonpland, in etwa 12 - 15 Groß-Oktavbänden".

Angesichts dieser so vertrackten Entstehungsgeschichte des Reisewerks, angesichts seiner weiteren Verästelung u.a. durch Titelauflagen und eine französische Oktav-Ausgabe, angesichts der selbständig erschienenen Beiwerke ist von einer Bibliographie der selbständig erschienenen Werke unbedingte Konsequenz nicht zu erwarten, letztlich wäre sie wohl auch nicht zweckmäßig. Es stellt sich nur die Frage, welche Inkonsequenzen im Interesse der Sache akzeptabel, welche tolerierbar und welche fragwürdig sind.

Zu den letzteren gehören einige der in der Einführung niedergelegten Grundsätze, die über die Aufnahme eines Titels in die Bibliographie oder seinen Ausschluß entschieden. Dem Rez. ist "die heute gängige Definition eines Buches als eine Schrift, die durch einen Umschlag oder Einband eine Anzahl (mind. 49) von Papierseiten umfaßt [...] und sich durch ein Titelblatt oder Impressum als nicht periodisch erscheinende kommerziell oder institutionell verlegte Publikation erweist", fragwürdig, wenn "durch diese äußeren Kriterien [...] hier eine Anzahl von kleineren selbständigen Schriften Humboldts" ausgeschlossen werden, auch wenn "deren Einordnung wegen der Art des Erscheinens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (häufig in mehrere Bogen umfassenden ungebundenen Lieferungen) sich als problematisch erweist" (S. XV). Mehr als fragwürdig ist aber der zusätzliche prinzipielle Ausschluß der "Privatdrucke von Zeitschriftenaufsätzen" sowie der "Separatabdrucke von Akademiereden u.a. Vorträgen Humboldts". Gilt eine Titelauflage einer Akademierede aus den Abhandlungen, gelten "Privatdrucke" - wohlgemerkt nicht "Sonderdrucke" -, die ja solche von bestimmten Texten und nicht "von Zeitschriftenaufsätzen" sind, nicht mehr als selbständige Texte, gelten sie auch nur als "Sonderfälle" (S. XV), so gerät der Sinn des Begriffs "selbständig erschienen" ins Wanken. Es sind beileibe keine Kleinigkeiten, die hier ausgeschlossen wurden. Das wohl prominenteste Opfer sind die 1806 veröffentlichten Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse, die, zunächst als "Privatdruck" eines Akademievortrags, dann mit einem Umfang von nur 28 Seiten bei Cotta in Tübingen erschienen, gleich unter alle Räder gekommen zu sein scheinen. Da kann die Einführung nur wenig trösten, daß auch dieser Text dann in eine Sammlung - in die Ansichten der Natur - Eingang fand, also mittelbar "bibliographisch erfaßt" ist (S. XV), und nur schwer kann sich Rez. vorstellen, wie sich die Ideen ... als "Grenzfall" in der etwas vage avisierten Bibliographie der unselbständig erschienenen Werke ausnehmen werden.

Noch einmal: Angesichts der vertrackten Entstehungsgeschichte darf es nicht verwundern, daß auch die Fiedler/Leitnersche Bibliographie der selbständig erschienenen Werke nicht konsequent chronologisch organisiert ist. Schon die sechs Hauptgruppen stehen quer zur Chronologie: die Werkgruppen sind nur einmal explizit chronologisch (1. Schriften vor der Amerikareise), mehrfach aber nach einem Hauptwerk (z.B. 3. Ansichten der Natur, 4. Voyage ..., 6. Kosmos) gebildet, von welcher Ordnung 5. Schriften außerhalb des Reisewerks dann verlegen abweicht. Weshalb aber, man möchte sagen: apokryphen Schriften, die doch allenfalls in einen Anhang oder in den Abriß der Werkgeschichte gehören, eine Hauptgruppe gewidmet ist: 3. Frühe Darstellungen zur Amerikareise auf Grund authentischer Nachrichten Humboldts, obwohl sie nicht eigentlich von ihm verfaßt und noch weniger autorisiert sind, ist dem Rez. unerfindlich. Genau besehen, mischt die vorliegende Bibliographie die chronologische und eine filiative Anordnung, ja nur allzu willig gibt sie sich dem Prinzip der nur durch den Kommentar zugänglichen Filiation hin. Deren Medium ist eine "dekadische" Numerierung (XXI), die die Abhängigkeitsverhältnisse in Unternummern abbilden möchte. Ob sie allerdings der Weisheit letzter Schluß ist, ist mehr als zu bezweifeln (ein "flacher", neutraler numerus currens hätte es wohl auch getan). Nicht nur, daß die "dekadische Numerierung" vor Ungetümen wie 4.8.1.7.3.1 nicht zurückscheut; auch konstruiert ihre filiative Ordnung vor allem im Reisewerk manche Ungereimtheit. Daß das Reisewerk in seiner deutschen und französischen Ausgabe umstandslos unter der Voyage aufgeführt wird, ist aus pragmatischen Gründen verständlich, weil sie nach ihren Abteilungen vollständig erschienen ist und also den leichten Anschluß der deutschen Reise erlaubt. Trotzdem darf man darüber grübeln, ob die "dekadische" Numerierung die Abhängigkeit der noch von Humboldt verfaßten Teile der deutschen Reise als "Deutsche Übersetzungen" von den französischen wirklich abbildet, ob es sich nicht um buchstäbliche Original-Verfasserschriften handelt. Aus der Not verständlich, aber inkonsequent ist die eigene Aufführung des Kuba-Werks (4.2.1), das de facto eine bearbeitete Ausgabe von Teilen der Relation historique ist. Umgekehrt aber - wieder nur aus pragmatischen Gründen verständlich - werden Beischriften umstandslos "dekadisch", an die Abteilungen angeschlossen, die ohne Hinweis auf die Abteilungen der Voyage und also wirklich selbständig erschienen sind, so etwa der Conspectus (4.7.1.1), das Nivellement barométrique (4.7.1.2) und die Tables hypsométriques (4.7.1.3) an die Astronomie. Bei den beiden letzteren findet sich überdies die Merkwürdigkeit, daß sie bibliographisch nicht gleich behandelt werden - beide sind Titelauflagen von Teilen der Astronomie mit eigenen Titelblättern und eigener Paginierung.

Wie aber schon die Rubrik Kleinere Auszüge verheißt, in der die Tables hypsometriques als 4.7.1.3 firmieren, liegt hier das Einfallstor für einige dem Grundsatz nach doch ausgeschlossene unselbständige Schriften, die nun, mit "dekadischen" Nummern versehen, in der Bibliographie der selbständig erschienenen Werke ein erstes Leben bekommen, bis sie in der Bibliographie der unselbständigen Schriften zu eigentlichem Leben erwachen werden. Ein Menetekel ist hierfür die verzeichnete "Neubearbeitung" des Essai sur la géographie des plantes, die nie erschien und so aus einem Druck eines "Vortrags 1816" (4.8.1.7.1), einem Lexikonartikel (4.8.1.7.2), einem "Prospekt 1826" (4.8.1.7.3) und einem Auszug in einer Zeitschrift (4.8.1.7.3.1) besteht. (Aus diesem Grunde sollte man es auch nicht nachtragend vermerken, daß eine Reihe von in Cottas Morgenblatt für gebildete Stände erschienenen Auszügen aus Humboldts Reisewerk hier gar nicht verzeichnet ist; allerdings sei auf die vielen hier und im Literatur-Blatt veröffentlichten Rezensionen hingewiesen).

Vertieft man sich in die vorliegende Bibliographie, so rücken alle diese Bedenken, die sich aus der Disposition und "dekadischen Numerierung" ergeben, in den Hintergrund, nicht zuletzt deshalb, weil ein ungemein ergiebiger, dabei nie umständlicher oder weitschweifiger Kommentar in jedem Fall die tatsächlichen Verhältnisse aufklärt, und die Chronologie der Erscheinungsdaten (S. 437 - 449) sowie das alphabetische Titelverzeichnis (S. 450 - 455), die das detaillierte Inhaltsverzeichnis ergänzen, die Benutzbarkeit in beiden Hinsichten sicherstellen. Bewunderungswürdig ist die Akribie der Verzeichnung, die Hartnäckigkeit eines Detektivgeists, der Spuren in Verlagsverzeichnissen und -anzeigen, in Zeitschriften und nicht zuletzt in archivalischen Quellen aufnahm, auswertete und zu einem Bild zusammensetzte, staunenswert und mustergültig ist der Rechercheaufwand, der die "Jagd" nach Drucken, nach Varianten, nach Titelblättern und den für die Feststellung der einzelnen Lieferungen des Reisewerks unabdingbaren "Lieferungsbrochuren" über den halben Globus hin betrieb, und dem es schließlich gelang, eine Vielzahl von Rätseln zu lösen.

Der Benutzer, genauer: der Leser der vorliegenden Bibliographie erhält mit jedem Werk ein neues bibliographisches Tableau, das an Vollständigkeit und erschließendem Kommentar keine Wünsche offenläßt. Die einzelnen Einträge bieten nach einem Abriß der Entstehungs- und Druckgeschichte, unter dem in diplomatischer Aufnahme dargebotenen Haupttitel die detaillierte Kollation, ggf. Angaben zum Autor, die benutzten Exemplare, die genaue Beschreibung der Größe des Blatts und des Satzspiegels und der Bogenzählung, bevor dann - wieder diplomatisch - die Titelei Blatt für Blatt wiedergegeben wird, ggf. mit Angaben zur Blattfolge bei den benutzten Exemplaren. (Angemerkt sei nur, daß die diplomatische Wiedergabe der Titeleien sich allzu leicht dem in den Bibliotheken Überlieferten überläßt, wodurch zu verschiedenen Zeitpunkten ausgegebene Titeleien ineinander beschrieben, anstatt gesondert werden - zu bedenken bei diesem Einwand allerdings, daß ohne druckanalytische Untersuchung der Typographie die Zugehörigkeit verschiedener Blätter zu einer Titelei nicht leicht postuliert werden kann.) Es folgen unter Inhalt das Inhaltsverzeichnis sowie ggf. eine Auflistung der Tafeln, dann Angaben zur Erscheinungsweise, Rezensionen (verständlicherweise nur kursorisch), Forschungs-Literatur. Der Erstausgabe angehängt sind die weiteren Ausgaben - hier leidet die Terminologie allerdings an den unpräzise verwendeten Begriffen "Nachdruck" und "Titelauflage", wo es sich um eine mittels Stereotypie hergestellte neue Auflage handelt -, auf die dann die "Auszüge" und "Bearbeitungen" folgen, bevor dann die Übersetzungen, geordnet nach Sprachen, mit ihren Folgeauflagen etc. auftreten. Ergänzt wird das Ganze dann noch durch Abbildungen von Titelblättern und Faksimiles von Handschriften sowie durch das erwähnte chronologische und alphabetische Titelverzeichnis, zu denen noch neben den technischen Verzeichnissen (Abkürzungen, Bibliotheken und Archive) ein Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Namen-Register kommen.

Korrigiert seien an dieser Stelle kleinere Flüchtigkeiten, wie die Mitteilung, die "Platten der Kupfer wurden ausschließlich in Paris gestochen" (S. 68), obwohl die Aufführung der Kupferstichtafeln im Falle der Vues des Cordillères et monumens des peuples indigènes de l'Amérique Kupferstecher in Berlin, Stuttgart und vor allem Rom ausweist (u.a. Arnold, Gmelin, Pinelli, Duttenhofer) - im übrigen waren die Tafeln für die Bezieher der Pittoresken Ansichten bei Cotta ebenso zu beziehen wie die Karten für Neu-Spanien. Ebenso handelt es sich bei den farbigen Kupferstichen nicht um illuminierte Stiche, sondern durchweg um Farbstiche. Unrichtig ist, daß Cotta den Text der von ihm verlegten Bände der Reise in 4/2 in Deutschland drucken ließ (S. 68) - er wurde in denselben französischen Druckereien gedruckt, die auch den französischen Text druckten - , oder daß sich die Trennung Cottas und Schölls nicht exakt datieren ließe (S. 260): ihr "Separations-Contract" datiert vom 15. Februar 1810. Fehlerhaft ist im Falle des Receuil d'observations de zoologie (4.5/4.5.2) die Angabe der mit Lieferung 5/6 ausgegebenen Kupfer, anstatt der Angabe "XIX-XXV" muß es heißen: "XIX-XXV und XXVII", insofern aber auf der Lieferungsbrochur mitgeteilt wird, daß die Planche XXVI mit der folgenden Lieferung ausgegeben werde, erschließen sich evident für die Lieferung 7 die Kupfertafeln: XXVI und XXVIII-XXX. Zu ergänzen ist ferner bei der Erscheinungsweise der Monographie des Melastomacées, daß jede der Lieferungen 1 - 10 nach der Mitteilung auf den Lieferungsbrochuren z.B. des Essai politique de la Nouvelle Espagne fünf Tafeln enthielt ("chacune ornée de cinq planches imprimées en couleur").

Interessant ist übrigens, daß sich der zwischen Humboldt und Cotta abgeschlossene Vertrag der Übersetzung der Relation historique (datiert 13./23. März 1810) im Cotta-Archiv (Stiftung der 'Stuttgarter Zeitung') im Deutschen Literaturarchiv in Marbach erhalten hat, das neben einer Vielzahl von Zeugnissen zur Druckgeschichte auch eine große Sammlung von Humboldtiana (z.T. mit den Original-Lieferungsbrochuren) beherbergt, die leider in der vorliegenden Bibliographie gar nicht erwähnt wird.

Bleibt nur zu wünschen, daß die ausgeschlossenen selbständigen Kleinschriften alsbald - beispielsweise als Beiheft - nachgeliefert werden, und daß es der Humboldt-Arbeitsstelle bald gelingen möge, eine Bibliographie der unselbständigen Schriften (vielleicht mit einem chronologischen Verzeichnis aller von Humboldt gehaltenen Vorträge?) ebenso wie ein Verzeichnis der Briefe Humboldts vorzulegen.

Bernhard Fischer


[1]
Alexander von Humboldt : bibliographische Übersicht seiner Werke, Schriften und zerstreuten Abhandlungen / von Julius Löwenberg. - Stuttgart : Brockhaus-Antiquarium, 1960. - 68 S. - Unveränderter Neudr. aus dem 1872 ersch. Werk: Alexander von Humboldt : eine wissenschaftliche Biographie / hrsg. von Karl Bruhns. (zurück)
[2]
Eine auf den 15.III.1810 datierte Anzeige der Reise von Schöll findet sich in: Hallische Allgemeine Literatur-Zeitung. - 1810, 1, Intelligenz-Blatt Nr. 106. Eine Anzeige des bis 1810 bei Cotta Erschienenen und noch Projektierten findet sich im Morgenblatt für gebildete Stände. - 1810, Nr. 91 vom 16. April, S. 361 - 362. (zurück)

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