Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
[ Bestand im SWB ]

Schweizer Lexikon


00-1/4-419
Schweizer Lexikon : in zwölf Bänden / [Chefredaktor: Wilhelm Ziehr]. - Volksausg. - Visp : Verlag Schweizer Lexikon Mengis + Ziehr. - Bd. 1 (1998) - 12 (1999). - Ill., graph. Darst., Kt. - 26 cm. - SFr. 588.00, SFr. 450.00 (Subskr.-Pr.)
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Vorgeschichte. Es dauerte gerade fünf Jahre, bis die in IFB 95-1-140 besprochene 1. Aufl. des Schweizer Lexikons in sechs Bänden vergriffen war.[1] 9000 Exemplare fanden damals einen Abnehmer, geplant war ein Drittel mehr. Der Verleger, Ferdinand Mengis, war gewillt und guten Mutes, die wiedererwachte lexikalische Tradition der Schweiz, die schon im 17. Jahrhundert ihren Anfang nahm, fortzusetzen. Die Zeit und die rasant zunehmende Informationstechnik (Internet, CD-ROM-Editionen) zeigten aber schon bald, dass dem gewagten Unternehmen ein rauher Wind entgegenblies. Gedruckt wurden von der neuen Auflage 4000 Exemplare, bestellt und verkauft wurde bis heute jedoch gerade die Hälfte, obwohl dieses Werk mit 600.000 Prospekten angekündigt wurde! Entmutigend war auch das eher geringe Interesse der Medien, welche die Neuauflage kaum wahrgenommen haben. Dazu kommt, dass für die Aktualisierung der Texte nicht wie geplant CHF 250.000,00 sondern 2,5 Mio Franken ausgegeben wurden.

Wichtiges in Kürze. Aus 6 gewichtigen Bänden der Erstauflage sind 12 kleinere, handliche Bände von jeweils 432 Seiten Umfang geworden. Der Inhalt, die 100.000 Stichwörter - und das ist wesentlich - wurden weder verringert noch inhaltlich gekürzt, im Gegenteil, zahlreiche Artikel (z.B. alle Kantone und Länder) wurden überarbeitet und aktualisiert. Ebenso sind neue Artikel dazugekommen (z.B. Martina Hingis, Xenotransplantation). Der Prospekt zeigt eine Auswahlliste von etwa 400 redigierten Beiträgen. Unberücksichtigt blieben kleine Mängel, die eifrige Rezensenten schon bei der 1. Aufl. entdeckt haben. Die Redaktion - unter der Leitung von Dr. Antje Ziehr (ehemalige stellvertretende Chefredaktorin) - arbeitete anderthalb Jahre an der Aktualisierung, Karten (Laufental jetzt im Kanton Baselland), Tabellen und Statistiken wurden oft auf den neuesten Stand gebracht. Die Bilder wurden für diese Ausgabe alle digitalisiert und dadurch konnte die Bildqualität ordentlich gesteigert werden, namentlich ist der Kontrast besser als 1991.

Das Äussere. Einem "edlen" Volk wurde hier eine prächtige Volksausgabe vorgelegt! Vermissen und bemängeln lässt sich nicht viel, umso mehr staunen darf der Benutzer. Gegenüber der Erstausgabe ist der Verkaufspreis auf rund einen Drittel gesunken. Die Kunststoff-Einbände wurden durch kartonierte Buchdeckel ersetzt. Auch die Volksausgabe zeichnet sich wiederum durch einen hohen künstlerischen Standard aus. Der Luzerner Altmeister Hans Erni (* 1909) verleiht dem Lexikon eine eigene Note und bereichert die Ausgabe innen und aussen. Der Einband zeigt ein frohes, schwunghaftes Symbol in den Farben Rot und Weiss. Der Einband des Folgebandes ist immer um eine Rückenbreite versetzt worden, so dass das Kunstwerk im Büchergestell über alle Buchrücken erneut dasselbe Symbol zum Vorschein kommt. Das Vorsatzblatt zeigt Ernis "Alphabetengemälde", ein Aktgemälde, wo Menschen einzeln, zu zweit oder zu dritt jeweils einen Buchstaben bilden. Wiederholt werden diese Darstellungen in den einzelnen Lexikonabschnitten. Das Schriftbild ist bei der Volksausgabe etwas verkleinert, der Silberschnitt fehlt.

Das Innere. Die 100.000 Artikel entstammen zu 85 % aus der eigenen Redaktion und sind auf schweizerische Verhältnisse zugeschnitten. Über 2500 namhafte Wissenschafter haben Beiträge geliefert. Die restlichen 15 % stammen aus dem zehnbändigen Meyers Lexikon, dessen Verlag sich für die Lizenzgebühren fürstlich honorieren liess (CHF 200.000)! Erwähnenswert ist die Tatsache, dass auch zahlreiche Erklärungen zu allgemeinen Themen um schweizerische Belange ergänzt worden sind. Ein illustratives Beispiel ist der Artikel Erdschwerefeld. 20 Zeilen erläutern den Begriff und 30 weitere Zeilen setzen sich mit der Anomalie im schweizerischen Alpengebiet auseinander. Das Lexikon enthält konsequent viele Bezüge zur Schweiz, so die bilateralen Beziehungen zu den Staaten. Der Artikel Schweiz (Geographie, Bevölkerung, Staat, Wirtschaft, Verkehr, Kultur, Geschichte) erstreckt sich über nicht weniger als 44 Seiten. Im übrigen sei auf die frühere Besprechung verwiesen.

Kritik. Vergleiche zeigen, dass Literaturhinweise mehrheitlich nicht ergänzt wurden. Eine gezielte (aber zufällige) Kontrolle von neuen Ortsgeschichten aus dem Jahre 1996, zeigten nur für Leissigen im Kanton Bern, nicht aber in 12 anderen Orten eine entsprechende Ergänzung. Im Artikel über den Künstler Jean Tinguely (1925 - 1991) ist vom 1996 eröffneten Museum in Basel noch nichts vermerkt. Peter Arbenz, nach dem aktuellen Lexikon-Prospekt zuständig für die Asylpolitik, im Autorenverzeichnis (Band 12) jedoch nicht aufgeführt (!), ist seit 1993 nicht mehr Delegierter des Bundesrates für Flüchtlingsfragen. Daraus ist ein Bundesamt für Flüchtlinge entstanden, das in der langen Reihe der aufgezählten Bundesämter in Band 2 aber ebenso fehlt. Auch den Begründer des schweizerischen Bauernverbandes, Prof. Dr. phil. Ernst Laur (1871 - 1964), sucht man vergeblich. Die Schweiz ist eben kein Agrarstaat mehr! Mit Querverweisen hätte man durchaus etwas grosszügiger umgehen können. Viel Interessantes erfährt man unter den Stichwörtern Bundesamt für ..., doch fehlen Verweisungen von zuzuordnenden Sachartikeln zum zuständigen Bundesamt. Unter Schweiz (Bd. 10, S. 198) ist eine vollständige Liste aller Bundesräte wiedergegeben, doch wer den Einstieg über den Artikel Bundesrat sucht, findet keine Verweisung auf die ausführliche Liste. Die alphabetische Ordnung entspricht - wie bei der Erstauflage - nicht den Normen. So folgt z.B. auf Bern, Stadt nicht Bern, Kanton. Dazwischen liegen alle Begriffe von Bernasconi bis Bernische Kraftwerke. Dafür kann man vermutlich den Computer haftbar machen. Nochmals falsch herausgekommen ist auch die ISBN-Nummer des ersten Bandes, die Erfahrungen bei der 1. Aufl. hatten keine Wirkung.

Fazit. Diese wenigen hier gezeigten Unvollkommenheiten sollen den Gesamtwert des grossen Werkes nicht schmälern. Es ist äusserst mühsam mit 2500 Autoren zu kommunizieren. Sicher war man oft froh, einen Artikel endlich erhalten zu haben und dann kam ein Blick ins Maul des erst eingetroffenen Gauls sicher nicht an vorderster Stelle. Zu bedenken gilt es auch, dass der private Verleger innert nützlicher Frist mit seinem Schweizer Lexikon viel Neues und Aktuelles geschaffen hat, eine überwältigende Arbeit für den kleinen professionellen Mitarbeiterstab von lediglich fünf Personen. Erfreuen soll man sich an den vielen nützlichen und leicht lesbaren Artikeln, dann übersieht man Lücken, die immerfort in einem solchen Werk enthalten sein werden.

Parallelen zum grossen Projekt des neuen Historischen Lexikons der Schweiz (IFB 98-1/2-169), dessen Redaktion 1988 mit den Arbeiten begonnen hat, von dem aber noch kein einziger Band erschienen ist, obwohl inzwischen über 30 Mio. Franken verbraucht worden sind, mögen dem Leser überlassen sein. Diejenigen Bibliotheken, welche die 1. Aufl. nur wegen des stattlichen Preises nicht anschaffen konnten, sollten jetzt nicht mehr zuwarten. Vielleicht ist es das letzte Schweizer Lexikon in der bewährten Manier Gutenbergs.

Mario von Moos


[1]
Schweizer Lexikon : in sechs Bänden. - Luzern : Verlag Schweizer Lexikon. - Bd. 1 (1991) - 6 (1993). - Ill., graph. Darst., Kt. - 26 cm. - Bd. 1 - 2 u.d.T.: Schweizer Lexikon 91. - SFr. 1595.00 [1801].
Die von Celestino Piatti gestaltete Luxusausgabe der 1. Aufl. wird verramscht: statt DM 4980.00 jetzt DM 1999.00 (Akademischer Lexikadienst, Rosenstr. 12/13, 48143 Münster, FAX 0251/48227-27. - Angebot 1999). (zurück)

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