Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Das gemeinsame Haus Europa


00-1/4-383
Das gemeinsame Haus Europa : Handbuch zur europäischen Kulturgeschichte / hrsg. von Wulf Köpke und Bernd Schmelz. Museum für Völkerkunde Hamburg. - Orig.-Ausg. - München : Deutscher Taschenbuch-Verlag, 1999. - 1247 S. : Ill., Kt. ; 24 cm. - (dtv ; 30722). - ISBN 3-423-30722-6 : DM 48.00
[5707]
00-1/4-384
Das gemeinsame Haus - Fundgrube Europa : Bibliographie zur europäischen Kulturgeschichte / hrsg. von Wulf Köpke und Bernd Schmelz. Museum für Völkerkunde Hamburg. - Bonn : Holos-Verlag, 1999. - 428 S. ; 21 cm. - ISBN 3-86097-462-9 : DM 49.00
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Das Museum für Völkerkunde in Hamburg zeigte 1999 die Ausstellung Das gemeinsame Haus Europa, welche von einer Trilogie von Veröffentlichungen begleitet wurde. Neben den Textbänden Unser Europa und Das gemeinsame Haus Europa : Handbuch zur europäischen Kulturgeschichte wurde die Bibliographie Das gemeinsame Haus : Fundgrube Europa veröffentlicht. Die letzten beiden, in Verlagen erschienenen Titel werden hier besprochen.

Der Textband Das gemeinsame Haus Europa bezeichnet sich zwar im Untertitel als Handbuch, vermag diesen Anspruch jedoch allenfalls vom thematischen Umfang her einzulösen. Zum Thema Europa sind hier auf gut 1200 Seiten knapp 130 Beiträge von z.T. namhaften Beiträgern aus den Gebieten Ethnologie, Volkskunde, Kunst, Geographie, Philosophie, Geschichte, Politologie und Soziologie versammelt. So bekommt man ein sehr breites kulturgeschichtliches Bild dieses geographischen Raumes. Da derselbe allerdings seit der frühen Neuzeit der übrigen Welt nicht nur den politischen, sondern auch den kulturellen Stempel aufgedrückt hat, fragt man sich bei vielen Themen, worin denn konkret der Bezug zu Europa besteht, da meist allgemeine Phänomene abgehandelt werden, z.B. dann, wenn es um die Geschichte des Massensports oder um den Tourismus geht.

Jedenfalls würde zu einem Handbuch nicht nur die breite Abhandlung des Themas gehören, sondern auch eine besondere Erschließung, die neben einem gut strukturierten Überblick auch einen punktuellen Zugriff auf Themen ermöglichen müßte. In dieser Hinsicht hat der Band nichts zu bieten, da auf Register und gute Strukturierung der Artikel ganz verzichtet wurde. Daher wäre es besser, man griffe bei Sachfragen zu den richtigen Handbüchern der einzelnen Themengebiete, anstatt sich darauf zu verlassen, in den Überblicksartikeln dieses Sammelbandes etwas Spezifisches zu finden, zumal auf die Aufführung von weiterführender Literatur zugunsten der im folgenden besprochenen Bibliographie verzichtet wurde.

Die Bibliographie Das gemeinsame Haus : Fundgrube Europa, die die Literatur zu den beiden Textbänden verzeichnet und darüber hinaus noch weitere Literaturangaben enthält, ist notwendigerweise thematisch ebenso breit gefaßt. Daraus zieht der Herausgeber im Vorwort den Schluß, daß hiermit "derzeit die wohl vielseitigste und aktuellste kulturgeschichtliche Bibliographie zu Europa, ..." entstanden sei. Wahrhaft ein hoher Anspruch!

Die Bibliographie enthält zunächst ein 80seitiges Themenregister, das dieselbe Struktur wie der besprochene Textband hat und innerhalb dieser Struktur die Beiträger beider Textbände samt Titel des betreffenden Aufsatzes nennt. Hier wird dann die Literatur zum betreffenden Aufsatz in Kurzform (Name, Erscheinungsjahr) aufgeführt. Diese kurzen Notate verweisen auf den folgenden zweiten, 345 Seiten umfassenden Teil, Gesamtbibliographie genannt. Laut Vorwort enthält diese jedoch mehr Titel als die Literaturangaben der Aufsätze, so daß das Themenregister nur einen nicht näher bezifferten Teil der Gesamtbibliographie erschließt. Wollte man also die Literatur zu einem Thema anhand dieser Bibliographie möglichst vollständig ermitteln, so wäre man gezwungen, neben dem systematisch geordneten Themenregister sämtliche Titel der Gesamtbibliographie durchzusehen: ein überaus ineffizientes Erschliessungskonzept, das den Leser Zeit kostet oder die Suche aufgeben läßt.

Was den Inhalt betrifft, so wurde oben bereits auf die ungewöhnlich breite Anlage der Bibliographie hingewiesen. Jedoch zeigt sich bei näherem Hinsehen, daß nicht alle relevanten Titel aufgenommen wurden. Offensichtlich haben die Autoren hier nicht alles genannt und auch beim Nachrecherchieren wurden diese Lücken nicht geschlossen. Einige Beispiele: Im Gebiet der Volkskunde wurden nur Werke aufgenommen, die der konservativeren Richtung dieses Faches zuzurechnen sind. Die - wenn schon nicht bahnbrechenden, so doch auf jeden Fall beachtenswerten - Studien zur Dorfkultur[1] der Tübinger "Empirischen Kulturwissenschaft" sind nicht aufgenommen worden. Autoren dieser "Schule" der zeitgenössischen Volkskunde sind lediglich mit Arbeiten vertreten, die in den konservativen "Kanon" passen. Sonderbar, daß man sich einerseits interdisziplinär gibt, andererseits unbeliebte Richtungen des eigenen Faches ausgrenzt. Aber es wurden auch Titel nicht aufgenommen, die dem "Kanon" entsprechen: So fehlt z.B. bei der Geräteforschung die bahnbrechende Studie von Fél/Hofer[2] über die Gerätekultur eines ungarischen Dorfes. In dem Einführungswerk Grundzüge der Volkskunde[3] beispielsweise ist das Werk in der Literatur aufgeführt. - Wen wundert es, wenn sich auch in anderen Fachgebieten dasselbe Bild ergibt? Wo man hinschaut, fragt man sich, warum jene Monographie aufgenommen wurde, jene aber nicht, dieser Autor, jener nicht. Ebenso, wenn man nur auf die Sprachen achtet: Die deutschen Titel überwiegen bei weitem, englische und französische Titel sind immerhin in nennenswerter Zahl aufgeführt, spanische und italienische kaum zu finden, von anderen Sprachen ganz zu schweigen. Haben vor allem Deutsche zu Europa gearbeitet? Insgesamt zeigt sich so ein Bild der Unausgewogenheit, wenn nicht gar Beliebigkeit, das um so schwerer wiegt, als die Kriterien für die Aufnahme eines Titels in diese Bibliographie nirgends genannt sind.

Der im Vorwort formulierte hohe Anspruch ist weder inhaltlich noch von der Erschließung her eingelöst. Eine Beschaffung der Bibliographie empfiehlt sich nur, wenn es um Vollständigkeit des kulturgeschichtlichen, völker- oder volkskundlichen Bestandes geht. Der Sammelband hingegen ist breiter zu empfehlen, da die Lektüre sehr anregend ist, aber auch hier ist von einer vorrangigen Beschaffung (gar für den Informationsbestand) abzuraten, da dieselben Inhalte auch in anderen kulturgeschichtlichen Werken zu finden sind.

Jürgen Plieninger


[1]
Kiebingen - eine Heimatgeschichte : zum Prozeß der Zivilisation in einem schwäbischen Dorf / Utz Jeggle. - Tübingen : Tübinger Verein für Volkskunde, 1977. - (Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen ; 44). - Dörfliches Überleben : zur Geschichte materieller und sozialer Reproduktion ländlicher Gesellschaften im 19. und frühen 20. Jahrhundert / Wolfgang Kaschuba ; Carola Lipp. - Tübingen : Tübinger Verein für Volkskunde, 1982. - (Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen ; 56). (zurück)
[2]
Geräte der Atányier Bauern / Edith Fél ; Tamás Hofer. - Kopenhagen, 1974. - (Kommission der Kgl. Akademie der Wissenschaften zur Erforschung der Geschichte der Ackerbauern und Feldstrukturen ; 2). (zurück)
[3]
Rez.: IFB 99-1/4-349. (zurück)

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