Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Der neue Pauly


00-1/4-372
Der neue Pauly : Enzyklopädie der Antike ; (DNP) / hrsg. von Hubert Cancik und Helmuth Schneider. - Stuttgart ; Weimar : Metzler. - 27 cm. - ISBN 3-476-01470-3 (Gesamtwerk, 15 Bd.) : DM 4020.00, DM 268.00 à Bd. (Subskr.Pr. bis 31.12.1997), DM 328.00 à Bd. (Vorzugspr. bis 31.12.1999)
[3612]
Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte
Bd. 13. A - Fo. - 1999. - LVI S., 1162 Sp. : Ill. - ISBN 3-476-01483-5 : DM 328.00

Mit der 1839 von August Pauly begründeten Real-Enzyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE), deren 1894 begonnene Neuausgabe 1980 mit dem 84. Band zum Abschluß gekommen ist, hat eine der ältesten Geisteswissenschaften avant la lettre der vermeintlich so modernen Forderung nach Interdisziplinarität von Anfang an genügt. Für Klassische Philologen, Althistoriker und Archäologen überall auf der Welt ist der Griff zur RE tägliche Übung. Die fünf Bände des sogenannten Kleinen Pauly (1964 -1975) haben den vielfach aktualisierten Extrakt dieser unvergleichlichen Enzyklopädie auch dem Lehrer und Studenten zugänglich gemacht. Das Lexikon der Alten Welt (1965) trat mit einer in mancher Hinsicht moderneren Konzeption daneben und berücksichtigte bereits stärker als der Kleine Pauly das antike Christentum. Beide Lexika sind erfreulicherweise auch als Taschenbuchausgaben erschienen; die vielbändige RE ist seit einiger Zeit auch als Mikrofiche-Edition greifbar.[1]

Nun erscheint mit dem Neuen Pauly (NP) eine Enzyklopädie der Antike, deren Konzept sich von den alten Werken wesentlich unterscheidet. Was das Äußere angeht, zielt der NP auf einen mittleren Umfang, ungefähr das Doppelte des Kleinen Pauly. Auf etwa 700 Spezialisten sind die rund 24.000 Artikel verteilt. Inhaltlich spiegelt die neue Enzyklopädie das vertiefte Verständnis der Antike, das in den letzten fünfzig Jahren die altertumswissenschaftliche Forschung heraufgeführt hat, deren fruchtbare Intensität freilich in krassem Mißverhältnis zu der geschwundenen Bedeutung der Antike im Bildungswesen unserer Schulen steht.

Zwar rückt auch der NP das klassische Altertum, die hellenische und römische Kultur, ins Zentrum, faßt aber allenthalben auch folgendes in den Blick: die altorientalischen Voraussetzungen dieser beiden Kulturen, ihre Wirkung auf die semitischen, keltischen, germanischen und slawischen Völker der Antike, die Interaktion zwischen Judentum, Christentum und Islam und die Transformationsprozesse von der Spätantike bis zur karolingischen Renaissance. Sosehr die karolingische Renaissance zur Ausbildung eines christlich bestimmten, durch die lateinische Sprache geeinten Europa beigetragen hat, sosehr hat sie andererseits die Abgrenzung vom griechischen Osten befördert. Da ist es verdienstvoll, daß der NP der Byzantinistik endlich den gebührenden Platz einräumt. Allein der Blick auf den Balkan beweist, daß es der Kenntnis der byzantinischen Geschichte bedarf, um die Genese der lange anhaltenden Konflikte in Südosteuropa zu verstehen.

Die eher mikrologische Orientierung auf möglichst enge Stichwörter, wie sie der Kleine Pauly aufweist, ist im NP - darin folgt er ganz dem Lexikon der Alten Welt - durch eher makrologische "Dachartikel" ausgeglichen: Der Artikel Architektur bietet ein gutes Beispiel für solch zusammenfassende Übersicht; auf vorgesehene Einzeleinträge zu Bauplastik, Bautechnik, Pyramide usw. wird dabei jeweils im Kontext verwiesen.

Neue Ansätze der Technik-, der Wirtschafts- und Sozialgeschichte (etwa in Artikeln zu modernen Begriffen wie Arbeitsvertrag und Arbeitszeit) kennzeichnen den die gesamte Antike als Einheit auffassenden Zuschnitt des NP ebenso wie die - auch aus den Forschungsinteressen des Herausgebers Hubert Cancik gespeiste - stärkere Berücksichtigung religionswissenschaftlicher Fragen, z.B. in der Ethnopsychoanalyse des griechischen Mythos oder der Religionsästhetik.

Am deutlichsten machen sich neue Paradigmata jedoch in dem hohen Anteil bemerkbar, den das neue Werk der Antikenrezeption einräumt. Von drei geplanten Bänden des Teils Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte, der die Wirkung der Antike in Alltag, Kunst, Erziehung, Wissenschaftsgeschichte, Film, Fernsehen, Werbung usw. behandeln soll, liegt inzwischen der erste vor. Bei der Koordination der Behandlung der Antike und ihrer Nachwirkung jedoch sind auch die größten Probleme des neuen Werks festzustellen, derer die Redaktion - wohl auch aus Zeitdruck - nicht Herr geworden ist.

So sind im ersten Band zum Altertum selbst bereits rezeptionsgeschichtliche Aspekte in ganz unterschiedlicher Weise eingeschlossen. Von den sieben Spalten des Aischylos-Artikels ist eine der psychologisierenden Orestie-Adaption Trauer muß Elektra tragen von O'Neill, G. Hauptmanns Atriden-Tetralogie, Christa Wolfs Kassandra und Peter Steins Berliner Schaubühnen-Inszenierung der Orestie von 1980 gewidmet. In den Literaturangaben finden sich keine Hinweise auf Übersetzungen. Auch für Aristophanes werden einige Aspekte der Rezeption mitgeteilt, nichts jedoch zu der kongenialen und bis heute unübertroffenen Übersetzung, die der Vormärzautor Ludwig Seeger 1845 - 1848 herausgebracht hat, auch nichts zu den geglückten Bearbeitungen des DDR-Dramatikers Peter Hacks. Der Artikel zu Apuleius von Madaura (unglücklich und ohne Verweisung von der geläufigen Schreibung unter Appuleius eingeordnet, vermutlich wegen der republikanischen Form dieses Gentilnamens mit doppeltem p) teilt zu den Metamorphosen, in die das berühmte Märchen von "Amor und Psyche" eingelegt ist, zwar mit, daß das Werk den pikaresken Roman seit Lazarillo de Tormes (1554) beeinflußt hat, erwähnt aber nicht den Anteil, den es - u.a. dank der Übersetzung von August Rode (1783) - auf die Ägypten-Romantik gehabt hat, bis hin zu den Reflexen des Isis-Buches in der Zauberflöte. Ähnlich bei den Artikeln zu mythologischen Gestalten: Während für Achill reich belegt wird, wie Bildende Künstler, Musiker und Literaten den Sagenstoff aufgegriffen haben, fehlt bei Antigone oder Ariadne jeder entsprechende Hinweis auf die nachantike Wirkungsgeschichte.

All dies wird - soweit der erste Band des rezeptionsgeschichtlichen Teils (Bd. 13 des Gesamtwerks) erkennen läßt - dort nicht ausgeglichen. Im Gegenteil, der Eindruck chaotischer Anlage verstärkt sich: Erwartungsgemäß werden das Deutsche Archäologische Institut oder die École Française de Rome in eigenen Artikeln behandelt, nicht aber die verschiedenen amerikanischen Forschungsinstitute zur Altertumswissenschaft in Rom und Athen. Der Überblicksartikel Epos gliedert sich in die Hauptabschnitte I. Italien und Frankreich, II. Iberoromania, III. Deutschland, IV. Angelsächsische Länder. Indes traut man bei genauerem Hinsehen seinen Augen kaum: Wo der vierte Abschnitt stehen müßte, wo man auch etwas über den Essay on the original genius of Homer (1769) von Robert Wood zu finden hofft, dort steht lediglich eine Verweisung: "Epos IV. Angloamerika: siehe Klassik". Man denkt sich wohl schon das Richtige: Da mußte der Band pünktlich ausgeliefert werden, obgleich ein Beiträger mit der Ablieferung seines Textes säumig gewesen ist. Nur: kann es sich ein grundlegendes Nachschlagewerk mit vortrefflichen Artikeln (etwa dem zu Homer aus der Feder von Joachim Latacz, dem wohl besten lebenden Homer-Kenner) leisten, ganze Partien durch solche Willkür zu entwerten?

Unklar bleibt im Bd. 13 auch, wann eine Stadt einen eigenen Artikel erhält, wann nicht: Zu Basel, Berlin und anderen Orten mit großen Antikenmuseen finden sich längere Artikel, unter Den Haag. Münzkabinett aber wird auf Niederlande und Belgien / Museen verwiesen.

Eine wahre Zumutung - nach Inhalt und bibliographischen Hinweisen - stellt der Artikel Bibliothek dar, der sich weithin auf das zwar solide, aber äußerst knapp gehaltene Sammelbändchen Le biblioteche nel mondo antico e medievale[2] stützt, das für bibliotheksgeschichtliche Fragen jedoch noch immer (auch in seiner 1. Aufl.) unentbehrliche Handbuch der Bibliothekswissenschaft nicht einmal nennt und statt dessen nur einige inzwischen schon nicht mehr existierende Internet-Seiten anführt.

So ist der Neue Pauly zweierlei: oft ein sehr hilfreiches Informationsmittel, nicht seltener aber auch ein Zeugnis, daß auch die soliden Altertumswissenschaften inzwischen ihren sinnlosen Tribut an Hektik und Betriebsamkeit entrichten, die beide keine Bürgen für Qualität sind. Von solchen Werken kann man nicht gut zwei Bände per anno herausschleudern, höchstens herausschludern.

Hans-Albrecht Koch


[1]
Zur Vorgeschichte des neuen Pauly vgl. die ausführliche Rez. der ersten drei Bände 1 (1996) - 3 (1997) der Abteilung Altertum in IFB 98-1/2-148. - Stand der Abteilung Altertum im September 2000: Bd. 8. Mer - Op. - 2000. - XI S., 1276 Sp. : Ill., graph. Darst., Kt. - ISBN 3-476-01478-9.
Obowohl das Lexikon sich selbst mit DNP abkürzt, wird aus sprachlichen Gründen im folgenden die Sigle NP gewählt, da man sich andernfalls dieselben Schwierigkeiten wie mit DDB für Die Deutsche Bibliothek einhandelt. (zurück)
[2]
Le biblioteche nel mondo antico e medievale / a cura di Guglielmo Cavallo. - Bari : Laterza, 1988. (zurück)

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