Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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A global encyclopedia of historical writing


00-1/4-365
A global encyclopedia of historical writing / ed. D. R. Woolf. - New York ; London : Garland, 1998. - Vol. 1 - 2. - XXXIV, 1047 S. ; 26 cm. - (Garland reference library of the humanities ; 1809). - ISBN 0-8153-1514-7 : $ 175.00
[5768]
00-1/4-366
Encyclopedia of historians and historical writing / Ed. Kelly Boyd. - 1. publ. - London ; Chicago : Fitzroy Dearborn, 1999. - Vol. 1 - 2. - L, 1562 S. ; 29 cm. - ISBN 1-884964-33-8 : $ 270.00, 175.00
[6104]

Wenn der Rez. bei der Besprechung von umfangreichen Informationsmitteln amerikanischen Ursprungs immer wieder seiner Bewunderung darüber Ausdruck verleiht, daß es dort (und wohl nur dort) möglich ist, hunderte Mitarbeiter zu gewinnen und in relativ kurzen Fristen solche umfangreichen Werke herauszubringen, so steigt seine Bewunderung im Fall der vorliegenden beiden je zweibändigen Lexika zur Geschichtsschreibung noch mehr, sind doch am ersten ca. 350, am zweiten rund 400 Personen als Mitarbeiter beteiligt.

Der Begriff global im Titel der Global encyclopedia of historical writing (GEHW) trifft zu: der Benutzer findet hier nicht nur Artikel über die Geschichtsschreibung und -wissenschaft in "exotischen" Ländern wie Burma (selbst Informationen etwa über Bulgarien wird man anderwärts nicht ohne weiteres finden), sondern auch Artikel über zahllose bisher noch nie (wiederum außer in Spezialpublikationen) behandelte Historiker aus allen Epochen (einschließlich noch lebender) und aus allen Weltgegenden, insgesamt ein gelungener Versuch, den sonst üblicherweise auf Europa und Nordamerika gerichteten Blick in die Weite zu lenken. Dieses Programm geht allerdings auf Kosten nicht nur der ganz großen Namen der Zunft, deren Artikel selten zwei Spalten überschreiten, sondern auch der "mittleren Größen", deren Artikel absichtsvoll knapp gehalten werden, um Platz für die zahlreichen (vermutlich auch von "Normal-"Historikern) bisher noch nie gehörten Namen zu schaffen: Ranke 2,5 Sp., Troeltsch 1,5 Sp., der noch lebende afrikanische Historiker Ajayi 2 Sp.; vier chinesische Historiker mit Namen mit Wang ... aus dem 18. und 19. Jahrhundert bekommen mit je einer knappen Spalte fast ebensoviel Platz wie Hans Baron[1] oder L. A. Muratori.

Während die Personenartikel insgesamt eher knapp sind, trifft das nicht auf die Artikel für bedeutendere Nationen zu, doch ist auch hier - sieht man von dem Heimvorteil für die USA ab - eine bewußte Bevorzugung der Historiographie außereuropäischer Länder bzw. bisher wenig beachteter Länder Europas nicht zu übersehen: American historiography (ungegliedert, 24 Sp.), Chinese historiography (in zahlreiche Abschnitte unterteilt, 28 Sp.), German historical thought, 1500 to present (14 Sp.), Greek historiography - ancient (6 Sp.), Greek historiography - modern (5 Sp.) Indian historiography (17 Sp.), Italian historiography (9 Sp.).

Die Artikel für Teilbereiche der Historiographie, Konzepte und Schulen sind überwiegend von mittlerer Länge; berücksichtigt ist auch die Historiographie anderer Fächer (Medicine, historiography of) ebenso wie deren Vertreter (etwa Vasari und Wölfflin für die Kunstgeschichte).

Bei dieser Breite des Themenbereiches war es unerläßlich sich spezialisierter Mitarbeiter zu versichern. Daß es gleich ca. 350 sind, ist - wie gesagt - auch nur in den USA vorstellbar: ganz überwiegend sind sie nämlich im Mitarbeiterverzeichnis als Angehörige amerikanischer Universitäten ausgewiesen, und wenn man die aus anderen anglophonen Ländern dazurechnet, bleibt für den Rest der Welt (im Gegensatz zum Inhalt des Lexikons) nicht mehr viel Platz. Die Kehrseite dieser Medaille - und damit ist indirekt zugleich die linguistische Kompetenz der Zielgruppe der GEHW angesprochen - besteht allerdings darin, daß die jeden Artikel beschließende ausgewählte Primär- und Sekundärliteratur (ganz überwiegend sind es Monographien) Englischsprachiges bevorzugt, und nur dann Fremdsprachiges anführt, wenn nichts Englischsprachiges vorliegt. Das gilt nicht nur für die Sekundärliteratur, sondern auch für die Quellen: Jacob Burckhardt oder Benedetto Croce nur in Übersetzung und mit englischsprachiger Forschungsliteratur ist denn doch gewöhnungsbedürftig. Andererseits kann man daran leicht ablesen, welche Historiker in den anglophonen Ländern rezipiert wurden und welche nicht, sind bei letzteren doch selbstverständlich die originalsprachlichen Werke und Untersuchungen (dazu korrekt) zitiert (z.B. Kurt Breysing oder Franciszek Bujak). Das gilt aber z.B. auch für die zahlreich vertretenen chinesischen Historiker, für deren Werke keine Übersetzungen vorliegen und wo man dankbar ist, wenn eine englischsprachige Untersuchung nachgewiesen ist.

Die Sach- und geographischen Artikel sind mit Verweisungen auf verwandte Artikel versehen, nicht dagegen auf Personenartikel. Dies bietet auch nicht das Register (S. 993 - 1047), und um so mehr vermißt man eine thematische Übersicht über die enthaltenen Artikel, in der man etwa unter Chinese historiography nachschlagen könnte, für welche Historiker (in chronologischer Folge) das Lexikon Artikel bereithält.

Empfehlenswert für alle Bibliotheken wegen des "globalen" Inhalts, auch wenn man sich über die bekannteren Vertreter des Faches besser und detaillierter in nationalen oder speziellen Lexika informieren wird.

Klaus Schreiber

Die Encyclopedia of historians and historical writing (EHHW) ist nicht nur nach der Seitenzahl umfangreicher, sondern eine Spalte enthält wegen des größeren Formats beträchtlich mehr Text, was zu bedenken ist, wenn im folgenden Umfangsvergleiche zur GEHW angestellt werden. Deren Programm, die Geschichtsschreibung aller Epochen und Weltgegenden zu berücksichtigen, gilt auch für die EHHW, doch wird der Unterschied zwischen beiden rasch deutlich: während erstere versucht, möglichst viele Länder einzubeziehen (erinnert sei an Burma und Bulgarien), wird man Eintragungen hierunter in der EHHW vergeblich suchen, beschränkt diese sich doch auf die großen Länder, die dazu i.d.R. wesentlich ausführlicher behandelt werden (in Klammern ist der Einfachheit halber die von der GEHW vorgesehene Spaltenzahl wiederholt): China hat nicht weniger als 51 Sp. (28), Deutschland 26 (14), die Griechische Antike 5 (6), das moderne Griechenland 3 (5), die USA 60 (24), Italien 11 (9); eine Ausnahme macht Indien mit nur 4,5 (17) Spalten.

Dieses Prinzip - weniger (nämlich insgesamt ca. 880) und dafür längere Artikel zu bieten -, gilt in besonderem Maße für die Artikel zu einzelnen Historikern, deren Namen auf S. XXXV - XL in chronologischer Folge nach dem Geburtsdatum zusammengestellt sind: es sind insgesamt 648 Namen, wobei der hohe Anteil noch Lebender mit ca. 40 % auffällt. Auch hier ein Vergleich mit den in der vorstehenden Rezension der GEHW ausgewählten Namen: Ranke 3 (2,5), Troeltsch 3 (1,5), Ajayi 2 (2), statt vier chinesischen Historikern namens Wang ... nur einer mit 1,5 (0,5) Sp.; H. Baron[2] 2 (1), Muratori 2,5 (1); von den anderen dort erwähnten deutschen Emigranten fehlt Krautheimer auch hier, Kristeller, der in der GEHW fehlte, hat hier 3 Sp. und das Verhältnis bei Gombrich ist 2 zu (0,5) und bei Panofsky 3 zu (1). Die Personenartikel in der EHHW sind klar gegliedert: Auf den Artikelkopf mit Name, Geburts- und Todesjahr, Nationalität und Forschungsschwerpunkt folgt die ausführliche Würdigung; davon durch Kleindruck abgesetzt finden wir, übersichtlich zusammengestellt, knappe biographische Angaben (mit genauem Geburts- und Todestag und -ort). Die Literaturangaben gliedern sich nach Primär- und Sekundärliteratur und nennen in der ersten Rubrik nicht wie bei der GEHW die gängigen Ausgaben der wichtigsten Werke (und dazu häufig nur deren englischsprachige Übersetzungen), sondern zunächst die Originalausgabe mit dem Ersterscheinungsjahr (gefolgt von einer Übersetzung des Titels): Bei Croce etwa (dessen Artikel knapp 5 Sp. gegenüber 1,5 Sp. hat) sind statt drei Einzelschriften in englischer Übersetzung und der pauschalen Nennung der Opere complete[3] nicht weniger als 26 Einzelpublikationen im Original aufgeführt und wegen der komplizierten Editionsprobleme auch gleich noch die beiden maßgeblichen Personalbibliographien; die Rubrik Sekundärliteratur, die sich in diesem Fall in der GEHW auf drei englischsprachige Monographien beschränkt nennt in der EHHW 28 italienisch- und englischsprachige Monographien und Aufsätze (sogar einen französischsprachigen). Vergleichbares gilt für den Artikel J. Burckhardt (3 : 2 Sp.): von den in der GEHW genannten vier Titel Sekundärliteratur findet sich nur einer auch unter den 6 Titeln der EHHW, die auch die monumentale Burckhardt-Biographie von Kaegi aufführt.

Die dritte Kategorie von Artikeln gilt einzelnen Perioden, Themen und Teildisziplinen, die mit insgesamt 99 mittel- bis sehr langen Artikeln vertreten sind, die mit z.T. sehr langen Literaturlisten schließen.

Daß der Rezensent für die EHHW mit genauen Zahlenangaben aufwarten kann, liegt daran, daß diese im Gegensatz zur GEHW zu Beginn von Bd. 1 thematische Übersichten über die Artikel enthält, in denen etwa unter den Ländernamen auch die zugehörigen Historiker vermerkt sind. Dadurch ist es leicht möglich, das Lexikon zur Information über zusammenhängende Komplexe zu nutzen, wozu auch die jeden Artikel beschließende Zusammenstellung von Verweisungen auf andere einschlägige Artikel hilfreich ist. Dafür fehlt der EHHW ein Sach- und Personenregister, das zur Erschließung der nur innerhalb der Artikel erwähnten Sachen und Namen unabdingbar wäre. Ein solches Register wäre wichtiger gewesen als die langen und wenig nützlichen Register der Sachtitel von Primärliteratur aus den Personenartikeln und insbesondere aller Sekundärliteratur-Titel im Verfasseralphabet.

Das Verzeichnis der Berater und Mitarbeiter am Schluß (S. 1537 - 1562) ist deswegen so ausführlich, weil es nicht nur wie in der GEHW Namen und Universität nennt, sondern zusätzlich Forschungsschwerpunkt mit einschlägigen Publikationen sowie die beigesteuerten Artikel. Auch hier kommt die überwältigende Mehrheit aus anglophonen Ländern, allen voran der USA, womit sich der Bogen zu der einleitenden Bemerkung schließt.

Eine vergleichende Bewertung ist unproblematisch: beide Werke gehören in die Informationsapparate aller größeren wissenschaftlichen Bibliotheken: trotz großer Überschneidungen ergänzen sie sich. Bei der Recherche nach "großen" Historikern wird man zunächst in der EHHW suchen und die GEHW ergänzend benutzen, während man bei "kleineren" Historikern eher in letzterer fündig werden wird. Deren Stärke liegt nicht zuletzt in der Berücksichtigung der Geschichtsschreibung in kleinen Ländern, insbesondere auch solchen außerhalb des abendländischen Kulturkreises samt den von dort stammenden Historikern.

Klaus Schreiber


[1]
Immerhin wird er hier als "one of the most influential of the scholars to emigrate to the United States ..." bezeichnet. Daß seine These vom Florentiner Bürgerhumanismus, der als civic humanism in der amerikanischen Renaissanceforschung einen festen Platz einnahm, inzwischen "dekonstruiert" worden ist, hätte nicht unerwähnt bleiben dürfen, ebensowenig wie die einschlägige Monographie The Machiavellian moment : Florentine political thought and the Atlantic republican tradition / J. G. A. Pocock. - Princeton, NJ, 1975 (sie fehlt auch im Artikel Machiavelli). - Ein anderer deutscher Emigrant - Richard Krautheimer - hat keinen Artikel, wohl aber Ernst Gombrich und Erwin Panofsky. (zurück)
[2]
Hier wird auch - allerdings in anderem Kontext - das oben erwähnte Buch von Pocock zitiert und zusätzlich auf die "shortcomings" in Barons Konzeption des italienischen Bürgerhumanismus hingewiesen. (zurück)
[3]
Als Opera complete, einer der relativ wenigen Fehler bei fremdsprachigen Titeln. (zurück)

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