Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
[ Bestand im SWB ]
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Rocklexikon der DDR


00-1/4-292
Rocklexikon der DDR / von Götz Hintze. - Berlin : Schwarzkopf & Schwarzkopf, 1999. - 347 S. : Ill. ; 21 cm. - ISBN 3-89602-303-9 : DM 29.80
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Vor gar nicht allzu langer Zeit war es in der Bundesrepublik riskant, die Begriffe BRD oder DDR zu verwenden. Die Abkürzung für die Bundesrepublik wurde strafrechtlich geahndet und wer DDR ohne die Anführungszeichen der Springerpresse verwendete oder nicht das Adjektiv "sogenannte" benutzte, galt als Sympathisant des ungeliebten zweiten deutschen, kommunistischen Staates. Heute, über 10 Jahre nach der Wiedervereinigung, bezeichnet der Begriff DDR einen historischen Zeitraum und darf ungestraft verwendet werden. Das vorliegende Werk bezeichnet sich selber mal als Lexikon der DDR-Rockmusik, mal als Rocklexikon der DDR und leitet den Umschlagtext mit dem Statement ein: "Die Entwicklung der DDR-Rockmusik ist abgeschlossen."

Der Autor, Götz Hintze, Jahrgang 1961, ist Diplom-Dokumentar und war von 1983 bis 1991 als Musikdokumentar beim DDR-Rundfunk tätig. Heute arbeitet er in derselben Funktion beim Deutschland-Radio Berlin. Seit 1995 hat er im Pop-Archiv international des Munzinger-Archivs[1] über 50 Artikel über DDR-Musiker (Karat, Pankow, Silly, Puhdys, Die Prinzen, City, Rammstein, Renft usw.), aber auch über internationale Künstler wie Eric Burdon, CCR, Janis Joplin, Chicago, Aretha Franklin, Joan Baez, Chuck Berry, Frank Sinatra, Brian Auger usw. veröffentlicht.

Das Lexikon beginnt nach dem Vorwort mit einer spannend geschriebenen Geschichte der DDR-Rockmusik auf 14 Seiten. Gerne hätte man noch mehr und ausführlicher gelesen, wie sich die Rockmusik im zweiten deutschen Staat unter Ulbricht und Honnecker (ob er die "Pilzkopfstudien" gelesen hat?) entwickelte. Erwähnt werden die Auswirkungen des Mauerbaus und der Repertoirequotenregelung (war da nicht Mitte der neunziger Jahre von einer Quotenregelung für deutsche Popmusik im Rundfunk die Rede?) sowie die Einflüsse von FDJ und Amiga auf die Entwicklung der ostdeutschen Rockmusik. Den Begriff Rockmusik definiert Hintze im übrigen nicht, sondern verwendet ihn übergreifend auch für Popmusik, Schlager und Folklore, zumal viele DDR-Künstler wiederholt Genregrenzen überschritten haben. Für den westdeutschen Leser entsteht der begründete Eindruck, daß neben den bekannten und in der Presse verbreiteten Repressionen der DDR auf ihre Künstler sich (trotz oder wegen?) der Abgrenzung des Staates eine eigenständige Rockmusik entwickelt hat. Mögen sich Hellmuth Karasek und Marcel Reich-Ranicki lange darüber streiten, ob es eine DDR-Literatur gab oder nicht: es gab eine eigenständige DDR-Rockmusik und es gab höchste staatliche Einrichtungen, die die Rockmusik zumindest in den beiden letzten Jahrzehnten gefördert haben. Ich erinnere mich noch an eine Besichtigung der DDR-Volkskammer Mitte der achtziger Jahren, als aus den Lautsprechern Heavy Metal in hoher Lautstärke herausschallte. Man stelle sich so etwas im Deutschen Bundestag vor! Der Rundfunksender DT 64 wurde auch im Westen gehört. Als er aufgelöst werden sollte, gab es lautstarke Proteste, Streiks und Demonstrationen, bis er beim MDR weitergeführt wurde. Für Bayern 3 würde niemand auf die Straße gehen.

"Die DDR-Rockmusik war in den 80er Jahren längst ein Bestandteil des sozialistischen Kultursystems geworden". Trotz Verfolgungen, Razzien, Einzug zum Militär und Schikanen gab es in der DDR auch Freiräume wie z.B. die Kirche, in denen der Staat "machtlos" war (siehe Beitrag Bluesmesse). Die Resolution von Rockmusikern und Liedermachern zur inneren Situation und zum Aufruf des Neuen Forums vom 18.09.1989 ging daher auch vom Weiterbestehen einer reformierten, aber sozialistischen DDR aus. Anfang der 90er Jahre verschwanden viele DDR-Bands; nur wenige konnten sich nach der Wiedervereinigung behaupten oder bekannt werden wie z.B. Die Prinzen. "In den Jahren 1990/1991 war von den etablierten Bands weder im Osten noch im Westen etwas zu hören". Wenn Künstler schweigen, sollten Politiker merken, daß etwas nicht stimmt.

Das Lexikon enthält neben ca. 500 Bands und Interpreten (enthalten sind auch Texter, Komponisten, Produzenten und Redakteure sowie Musiker, die in der DDR keine Platten produzieren konnten oder durften, die sog. Anderen Bands aus der Punk- und Independentszene der DDR) ca. 100 Sachbegriffe, so daß dem westdeutschen Leser zu raten ist, einfach mal querzulesen und nicht nur nachzuschlagen. Begriffe wie AWA, Berufsausweis, Einstufung, Repertoirequotenregelung, Schallplattenunterhalter (SPU), Singebewegung oder Spielerlaubnis zeugen vom eigenständigen DDR-Jargon. Artikel über Amiga, FDJ-Liedersommer, FDJ-Werkstattwoche der Jugendtanzmusik, Forschungszentrum Populäre Musik, Freie Deutsche Jugend, Goldene Amiga, Jugendradio DT 64, Komitee für Unterhaltungskunst der DDR, Konzert- und Gastspieldirektion, Künstleragentur der DDR, Osteuropäische Rockmusik, Künstlerisches Volksschaffen lassen die Strukturen der DDR-Musikszene wieder lebendig werden. Der Staat DDR trat auch als Veranstalter und Promoter von Rock- und Musikfestivals auf und sorgte für eine solide Ausbildung (vielleicht ist dies auch der Grund dafür, warum ostdeutsche Sänger in der Regel besser singen als manche westdeutsche). Ausführlich werden die Aktivitäten, Festivals, Veranstaltungen und Medien in den Artikeln Bluesmesse, Chansontage, DT Metronom, ELF 99, Festival des politischen Liedes, Flüstern und Schreien, Goldener Rathausmann, Internationales Schlagerfestival in Dresden, Jugend Im Palast, Leistungsschau der Unterhaltungskunst, Nationales Popfestival, Neues Leben, Rock für den Frieden und Schlagerstudio beschrieben.

Listen der DDR-Hitparaden von 1975 bis 1990 sowie ein Stichwortverzeichnis schließen das Werk ab. Der Band ist durch zahlreiche Schwarzweißabbildungen illustriert. Ob unter den DDR-Rock wirklich auch ein musikalischer Schlußstrich zu ziehen ist, wie im Covertext des Rocklexikons der DDR behauptet, bleibt abzuwarten.

Bernhard Hefele


[1]
Vgl. IFB 96-1-007. (zurück)

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