Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Slovar' poetov russkogo zarubez'ja


00-1/4-213
Slovar' poetov russkogo zarubez'ja / Russkij Christianskij Gumanitarnyj Institut, Institutio Rossica Christiana. Pod obscej red. Vadima Krejda. - Sankt-Peterburg : Izdat. Russkogo Christianskogo Gumanitarno Instituta, 1999. - 472 S. ; 21 cm. - ISBN 5-88812-094-4
[5862]

Das von Vadim Krejd, University of Iowa, herausgegebene und von ihm mit zwei weiteren russischen Lyrikern und Wissenschaftlern verfaßte Lexikon gibt Informationen über 393 emigrierte Dichter des 20. Jahrhunderts. Es ist das erste Handbuch dieser Spezialisierung. Grundsätzlich sollte die russische Literatur als eine Einheit gesehen werden, sollten in Literaturgeschichten und Handbüchern in Rußland verbliebene und emigrierte zunächst gemeinsam erfaßt werden, denn Literatur basiert auf der Sprache, und geographische, politische oder gattungsmäßige Betrachtungen sind dem unterzuordnen. Andererseits ist nach dem jahrzehntelangen sowjetischen Verschweigen und Diffamieren der Emigranten, dem kein geringer Teil der westlichen Presse und Wissenschaft sich anpaßte, ein so großer Nachholbedarf an Information entstanden, daß in der gegenwärtigen Übergangszeit auch auf die Emigration beschränkten Werke berechtigt sind, zumal da die Zahl jener anwächst, die von der Einheit der russischen Literatur ausgehen. Auch Vadim Krejd hat durch zwei Anthologien dazu beigetragen.[1] Die eine bildet den ersten Versuch, Gedichte zur Reinkarnation zusammenzustellen, die andere bietet eine Auswahl russischer geistlicher Lyrik.

Ein Teil der im neuen Lexikon behandelten Dichter ist als Lyriker bekannt, so z.B. Konstantin Bal'mont, Vladislav Chodasevic, Marina Cvetaeva, Lev Druskin, Georgij Ivanov oder Dmitrij Klenovskij, Gedichte von ihnen sind auch ins Deutsche übersetzt, und es liegen wissenschaftliche Arbeiten, auch Monographien vor. Andere Dichter haben in der Literaturgeschichte einen Namen als Prosaiker, haben aber auch Lyrik geschrieben, so Ivan Bunin oder Vladimir Nabokov. Eine dritte Gruppe ist vor allem durch wissenschaftliche Werke und Editionen im Bewußtsein von Slavisten, z.B. Boris Filippov, Vladimir Markov, Gleb Struve, Vladimir Vejdle und Vjaceslav Zavalisin. Lyriker und Wissenschaftler sind auch die Autoren des Lexikons selbst: Vadim Krejd, der Herausgeber, Valentina Sinkevic und Dmitrij Bobysev. Groß ist der Anteil der im Lexikon vertretenen fast unbekannten Lyriker, was sich weitgehend aus den erheblichen Publikationsschwierigkeiten in der Emigration erklärt.

Vadim Krejd und Valentina Sinkevic haben seit Jahren bedeutende Arbeit für die Erhaltung der russischen Emigrationslyrik und ihre Rückführung in die russische Literatur geleistet, indem sie entsprechende Lyrikanthologien veröffentlichten. Es sind die besten neueren in diesem Bereich. Valentina Sinkevic gibt seit 1977 jährlich in Philadelphia die Anthologie russischer emigrierter Dichter Vstreci heraus - eine hervorragende Leistung und bleibende Quelle für die Geschichte der russischen Literatur - und stellte 1992 mit Berega die erste Anthologie mit Gedichten der "Zweiten Welle" zusammen, Lyrik jener Emigranten, die wie sie selbst infolge des Zweiten Weltkrieges in den Westen geratenen sind.[2] Vadim Krejd ist Herausgeber der ältesten und führenden Literaturzeitschrift der Emigration, des Novyj zurnal (New York), und hat 1995 in Moskau einen Band mit Gedichten von 200 Lyrikern der zwischen 1917 und 1980 Emigrierten, also der Hälfte der Einbezogenen, veröffentlicht. Mit dem von Georgij Ivanov übernommenen Titel definierte er in nicht zu übertreffender Weise den Sinn jener Anthologie: "Zurückkehren nach Rußland im Gedicht ...".[3] Beide hatten ihren Editionen einen biobibliographischen Anhang beigefügt, auf den sie bei der Ausarbeitung des nun vorliegenden Lexikons zurückgreifen konnten. Krejd übernahm für seinen Teil - die Erste Emigration (275 Seiten) - manche Texte fast wörtlich, und Sinkevic nutzte für den ihren - die Zweite Welle (65 Seiten) - die von ihr für die Anthologie Berega erbetenen Autobiographien. Dmitrij Bobysev, dem Krejd die Bearbeitung der "Dritten Welle" (90 Seiten) übertragen hat, war auf eigene Forschung und vorhandene Lexika angewiesen. Bei Jurij Ivask und Igor' Cinnov konnte er dieselben Artikel wählen, die er kaum verändert in dem fast gleichzeitig in Moskau erschienenen Lexikon Russkie pisateli : XX vek[4] veröffentlichte. In diesem politisch und wissenschaftlich äußerst heterogenen Werk gehören seine zwei Beiträge zu denen, die ein positives Gegengewicht gegenüber den stalinistischen Verherrlichungen ehemaliger sowjetischer Literaturfunktionäre bilden.

Angesichts der erheblichen Zahl wenig bekannter russischer Lyriker, die Krejd in sein Lexikon einbezogen hat, konnten die Autoren nur bei einem Teil auf ausgewählte Anthologien (12) und Handbücher (20) verweisen, in denen Gedichte abgedruckt sind oder sich Beiträge über sie befinden. Zu den wichtigsten gehören Dictionary of Russian women writers (1994),[5] Handbook of Russian literature[6] und Pisateli russkogo zarubez'ja.[7] Verwendet wurde auch mein Lexikon der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts,[8] allerdings meist nicht diese Ausgabe, sondern die weniger vollständige Londoner russische von 1988, sogar nicht die amerikanische der Columbia University Press, New York, von 1988. Die umfangreichere Moskauer russische Ausgabe von 1996 lag während der Ausarbeitung noch nicht vor.

Der Umfang der Artikel liegt zwischen wenigen Zeilen bei Lyrikern, die nur eine geringe Anzahl von Gedichten veröffentlichen konnten, manchmal nicht einmal einen einzigen Band, bis zu drei Druckseiten. Der Bearbeitungsstand reicht bis zum Jahr 1995. In den Artikeln überwiegt das Biographische, wobei die Geburtsdaten ggf. nach Julianischem und Gregorianischem Kalender angegeben werden und Wert auf Informationen über die Herkunft gelegt wird. Besondere Aufmerksamkeit wird der Anführung der Almanache, Anthologien und Zeitschriften gewidmet, in denen jeweils Gedichte erschienen sind. Beschreibungen und Beurteilungen des lyrischen Schaffens, seiner jeweils typischen Kennzeichen und seine Einordnung in die russische Literatur finden sich vor allem bei bekannten Dichtern, treten aber oft gegenüber biographischen Informationen zurück. (Ein Vorteil des erwähnten Dictionary of Russian women writers liegt darin, daß die Artikel mit einer knappen Definition des Wesentlichen der Schriftstellerin beginnen.) Überwiegend werden dafür Zitate anderer russischer Lyriker geboten. Das liegt daran, daß die Autoren selbst Lyriker sind und solche Äußerungen oft zu den gut treffenden Formulierungen gehören.

Einige Artikel heben sich durch größere Ausführlichkeit und stärkeres Eingehen auf die Eigenart des dichterischen Schaffens heraus. Bei Krejd sind das z.B. die über Konstantin Bal'mont, Georgij Ivanov und Ljubov' Stolica, bei Valentina Sinkevic, die sich um solche Abstraktionen besonders bemüht hat, die über Ivan Elagin, Oleg Il'inskij und Nikolaj Morsen, bei Dmitrij Bobysev die erwähnten über Cinnov und Ivask. Hier erkennt man die langjährige Beschäftigung oder das nahe persönliche Verhältnis der Autoren zu den Lyrikern. Bei diesen und bei ähnlich bekannten russischen Dichtern bereichern die Beiträge gut die vorhandene Literatur, zeigen Eigenes. Immer aber wird es ratsam sein, andere Lexika vergleichend und ergänzend heranzuziehen. Sehr lohnend ist z.B. das parallele Lesen der Artikel von Aleksis Rannit über Bal'mont (im Handbook ... von Terras), von Natal'ja Bank über Elagin (in Russkie pisateli von Skatov).

Die Bibliographien zeigen, daß Herausgeber und Autoren vor allem an russische Benutzer gedacht haben. Sie sind daher im Prinzip weniger umfassend als vergleichbare in deutschen oder manchen amerikanischen Lexika und nicht nur weitgehend auf russische Titel beschränkt (es fehlen wichtige Monographien in anderen Sprachen), sondern sie führen sogar westliche Städte (nicht nur New York, Frankfurt a. M., München, sondern auch kleine, wenig bekannte) in kyrillischer Schrift an. Lediglich wenn einmal eine englische Zeitschrift genannt wird, erfolgt dies im Original. Die technischen Möglichkeiten der heutigen Computerherstellung hätten die in Bibliotheken übliche Form ermöglicht. Es wäre auch nützlich gewesen, die jeweilige lateinische Schreibweise der Lyriker in den USA, Frankreich oder Deutschland anzugeben. Das vorliegende Lexikon bildet hier keine Ausnahme, es hat lediglich eine sowjetische Praxis übernommen. Schwierigkeiten entstehen insbesondere bei seltenen Namen im Rahmen der Beschreibung des Lebens im Westen. Zu begrüßen ist es, daß Krejd für seine Edition das System des Hinweises auf die verwendeten Handbücher mit Siglen übernommen hat, zu bedauern, daß die Verweisungen unvollständig sind. Da zu den ausgewählten 20 Handbüchern sechs westliche Werke gehören, wird wenigstens in dieser Weise auch auf nichtrussische Forschung verwiesen. Es wäre ein Gewinn gewesen, wenn man auch Jan Paul Hinrichs Buch Verbannte Muse[9] einbezogen hätte, denn dessen Auswahl ist ausgezeichnet, die Sicht eigenständig und Literatur zu einigen dieser Lyriker sehr selten.

Die Ordnung der Lyriker erfolgt für jede Emigrationswelle getrennt. In einem solchem Lexikon hätten alle Lyriker in alphabetischer Reihenfolge stehen sollen, denn der Benutzer, der sich über einen Dichter informieren will, weiß nicht immer, zu welchem Zeitpunkt dieser ausgereist ist. Es hilft das Register, das den Vorteil hat, alle im Lexikon erwähnten Namen aufzuführen, doch den Nachteil, die Lyriker mit eigenem Artikel nicht herauszuheben. Dem historisch Forschenden erleichtert die gewählte Gliederung die Arbeit, zumal die Lyriker der einzelnen "Wellen" im Inhaltsverzeichnis zusammengefaßt sind. Wie sehr Krejd eine solche Edition als Beitrag zu künftiger literaturhistorischer Forschung ansieht, zeigte schon seine Edition Dal'nie berega, in der er erstmals Beiträge von Emigranten über Schriftsteller der ersten Emigrationswelle vereint hat - 50 Texte über 36 bedeutende Autoren.[10] Krejds ausführliche Kommentare (35 Seiten) erhöhen den Wert dieser Edition für künftige Forschung. Das zentrale Werk, das durch die Anthologien und Handbücher von Krejd und anderen Wissenschaftlern ergänzt wird, schrieb John Glad mit seiner umfassenden literarhistorischen Abhandlung Russia abroad für die Zeit von 906-1991.[11]

Krejd hat mit seinen beiden Mitarbeitern ein gutes Werk getan: Sie haben das Arbeiten über mehr oder weniger bekannte russische Lyriker erleichtert und sie haben viele Namen vor dem Vergessen bewahrt. Zusammen mit den Anthologien Vstreci, Berega und Vernut'sja v Rossiju - stichami ... wird das neue Lexikon jedem der über russische Lyrik des 20. Jahrhunderts arbeitet, zum unentbehrlichen Handbuch werden.

Wolfgang Kasack


[1]
Prapamjat' : antologija russkich stichotvorenij o perevoploscenii / Vladim Krejd. - Orange, Conn. : Antiquary, 1988. - 135 S. - Istocnik : antologija russkoj duchovnoj liriki. - Chicago : "Slavic Gospel", 1989. (zurück)
[2]
Vstreci : al'manac ; ezegodnik / Hrsg.: Valentina Sinkevic. - Philadelphia, Pa. - 1 (1977) - 23 (1999). - Die Bände 1 - 8 erschienen u.d.T. Perekrestki. - Vgl. Wolfgang Kasack, in: Zeitschrift für Slawistik. - 41 (1996),2, S.235 - 237 und russisch in: Novyj zurnal. - New York. - 201 (1995), S. 330 - 334.
Berega : stichi poetov vtoroj emigracii / pod. redakciej Valentiny Sinkevic. Sostavlenie Valentiny Sinkevic i Vladimira Satalova. - Philadelphia, Pa : Encounters, 1992. - 290 S. - Vgl. Wolfgang Kasack, in: Osteuropa. - 43 (1993),8, S. 798 - 799.
Beide Rezensionen auch in: Die russische Schriftsteller-Emigration im 20. Jahrhundert : Beiträge zur Geschichte, den Autoren und ihren Werken / Wolfgang Kasack. - München : Sagner 1996. - 360 S. - (Arbeiten und Texte zur Slavistik ; 62).
Der Bezug von der Zeitschrift und der Anthologie ist bei der Herausgeberin möglich: Valentina Sinkevic, 7738 Woodbine Av., Philadelphia, PA 19151, USA. (zurück)
[3]
Vernut'sja v Rossiju - stichami ... : 200 poetov emigracii ; antologija / sostavitel', avtor predislovija, kommentariev i biograficeskich svedenij o poetach Vadim Krejd. - Moskva : Izdat. "Respublika", 1995. - 687 S. - ISBN 5-250-02310-X. - Vgl. Wolfgang Kasack, in: Zeitschrift für Slawistik. - 41 (1996), 2, S.237 - 238 und russisch in: Novyj zurnal. - New York. - 202 (1996), S. 326 - 328. (zurück)
[4]
Russkie pisateli : XX vek ; biobibliograficeskij slovar' ; v 2 c. / pod red. N. N. Skatova. - Moskva : Prosvescenie, 1998. - 22 cm. - ISBN 5-09-006994-8 (Gesamtwerk) : DM 120.00. - (Kubon & Sagner, München) [5264]. - C. 1. A - L. - 1998. - 783 S. - ISBN 5-09-006993-X. - C. 2. M - Ja. - 1998. - 656 S. - ISBN 5-09-006995-6. - Vgl. meine Rez. in IFB 99-B09-738. (zurück)
[5]
S.u. IFB 00-1/4-214. (zurück)
[6]
Handbook of Russian literature / ed. by Victor Terras. - New Haven ; London : Yale University Press, 1985. - XIX, 558 S. ; 29 cm. - ISBN 0-300-03155-6 : $ 30.00 [0166]. - Rez.: ABUN in ZfBB 33 (1986),1, S. 34 - 35. (zurück)
[7]
Pisateli russkogo zarubez'ja : (1918 - 1940) / Rossijskaja Akademija Nauk, Institut Naucnoj Informacii po Obscestvennym Naukam. [Glav. red. A. N. Nikoljukin]. - Moskva. - 1 (1994) - 3 (1995). - (Literaturnaja enciclopedija russkogo zarubez'ja ; 1). - Inzwischen liegt eine leicht überarbeitete, gebundene Ausgabe vor: Moskva : ROSSPEN, 1997. - 511, [32] S. : Ill. - (Literaturnaja enciclopedija russkogo zarubez'ja ; 1). - ISBN 5-86004-086-5. (zurück)
[8]
Lexikon der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts : vom Beginn des Jahrhunderts bis zum Ende der Sowjetära / Wolfgang Kasack. - 2., neu bearb. und wesentlich erw. Aufl. - München : Sagner, 1992. - XVIII S., 1508 Sp. ; 20 cm. - (Arbeiten und Texte zur Slavistik ; 52). - ISBN 3-87690-459-5 : DM 98.00 [1418]. - Rez.: ABUN in ZfBB 39 (1992),6, S. 542 - 543. - Dazu jetzt:
Lexikon der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts : bibliographische und biographische Ergänzung / Wolfgang Kasack. - München : Sagner, 2000. - 88 S. ; 20 cm. - (Arbeiten und Texte zur Slavistik ; 68). - ISBN 3-87690-716-6 : DM 22.00. (zurück)
[9]
Verbannte Muse : zehn Essays über russische Lyriker der Emigration ; A. Nesmelov, G. Ivanov, V. Lebedev, D. Knut, V. Lourié, B. Poplavskij, A. Stejger, V. Perelesin, N. Morsen, I. Elagin / Jan Paul Hinrichs. - München : Sagner, 1992. - 139 S. - (Arbeiten und Texte zur Slavistik ; 55). - ISBN 3-87690-513-3 : DM 24.00. - Vgl. Rainer Goldt in: Zeitschrift für slavische Philologie. - 1997,2, S. 436 - 438. (zurück)
[10]
Dal'nie berega : portrety pisatelej emigracii ; memuary / sost. ... Vladim Krejd. - Moskva : Izdat. "Respublika", 1994. - 383 S. (zurück)
[11]
Russia abroad : writers, history, politics / by John Glad. Foreword by Victor Terras. - Tenafly, NJ : Hermitage Publishers ; Washington, DC : Birchbark Press, 1999. - 739 S. ; 22 cm. - ISBN 1-55779-115-5 (Hermitage Pr.) : $ 59.90 [5592]. - Rez.: IFB 99-1/4-215. (zurück)

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