Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Die italienische Literatur der Gegenwart


00-1/4-199
Die italienische Literatur der Gegenwart : von Cesare Pavese bis Dario Fo / Johannes Hösle. - Orig.-Ausg. - München : Beck, 1999. - 301 S. ; 19 cm. - (Beck'sche Reihe ; 1285). - ISBN 3-406-42085-0 : DM 24.00
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In der nicht zuletzt durch ihre literaturgeschichtlichen Titel verdienstvollen Taschenbuchreihe des Beck-Verlags erschienen, stellt Johannes Hösles Band die erste deutschsprachige Einführung in die italienische Literatur der Gegenwart seit geraumer Zeit dar. Der letzte Gesamtüberblick über die zeitgenössische italienische Literatur, der sowohl die Lyrik als auch die Erzählliteratur berücksichtigte, geht bereits auf das Jahr 1974 zurück, nämlich die von Hösle zusammen mit Wolfgang Eitel herausgegebene Italienische Literatur der Gegenwart in Einzeldarstellungen.[1] Die danach erschienenen Darstellungen von Hans Hinterhäuser und Manfred Lentzen befassen sich ausschließlich mit der Lyrik.[2] Eine mit der von Hösle vergleichbare ausführliche Übersicht der zeitgenössischen italienischen Produktion ist allein, jedoch in den Kontext einer umfassenden Literaturgeschichte eingebettet, in Manfred Hardts Geschichte der italienischen Literatur[3] zu finden. Mit dem jetzigen Band schließt Hösle zudem an seine bereits 1994 ebenfalls in der Beck'schen Reihe erschienene und für einen breiteren Leserkreis gedachte Kleine Geschichte der italienischen Literatur[4] an.

Allen (post)modernen Totsagungen zum Trotz bleibt die Literaturgeschichte als wissenschaftliche Gattung eine unerläßliche Orientierungshilfe in einer überwucherten und kaum überschaubaren literarischen Landschaft. Erst durch Epochenbegriffe, Gattungseinteilungen und andere Kategorien verwandelt sich diese in einen geordneten und überschaubaren Garten. Was sich mit der Vergangenheit gestalten läßt, wo wir auf festen überlieferten Grundrissen bauen können, läßt sich auf die Gegenwart jedoch viel schwieriger anwenden, die per Definition etwas Offenes ist und inmitten deren der Betrachter steht. In Ermangelung eines allgemein anerkannten Kanons muß er selber eine Auswahl treffen, die zwangsläufig nur partiell sein kann. Er kann versuchen, vor allem Wegmarken und Orientierungspunkte zu setzen und sich auf wenige exemplarische Erscheinungen konzentrieren, um mit deren Hilfe allgemeine Tendenzen herauszuarbeiten. Oder er überläßt sich der Fülle seines Gegenstandes und verzichtet dabei auf prinzipielle Erörterungen. Diesen letzteren Weg wählt Hösle, der einen Kompromiß zwischen Nachschlagewerk und Literaturgeschichte anstrebt und die einzelnen Autoren meist lexikonartig in monographischen Kapiteln behandelt, die in größere historische bzw. ästhetische Zusammenhänge geordnet sind. Dagegen fehlen fast gänzlich theoretische Kontextualisierungen wie auch allgemeine Erläuterungen über die Besonderheiten des Literaturlebens und -betriebs in Italien. Dieser die Information vor der Reflexion vorziehende Ansatz entspricht dem populärwissenschaftlichen Charakter der Beck'schen Reihe, die handliche und leicht verständliche Führer im Bereich der Nationalliteraturen bietet. Die Darstellung setzt mit der Nachkriegszeit ein und ist in elf Kapitel eingeteilt, die jeweils mehrere Unterkapitel bzw. Artikel über einzelne Autoren umfassen. Das erste Kapitel ist dem Neorealismus gewidmet und behandelt u.a. Schriftsteller wie Vittorini, Pavese, Carlo Levi, Fenoglio, aber auch weniger bekannte wie Lucio Mastronardi. Das elfte und letzte berücksichtigt die Lyrik der letzten Jahrzehnte und geht vor allem auf das Werk von Amelia Rosselli, Dario Bellezza und Valerio Magrelli ein, um mit den "Neuorphikern" Milo De Angelis und Roberto Mussapi abzuschließen. Allein zwei Autoren wird die Ehre zuteil, ein ganzes Kapitel zugewiesen zu bekommen: Italo Calvino und Dario Fo, das letztere wohl ein Tribut an die Verleihung des Nobelpreises im Jahre 1997. Ein bewußter Schwerpunkt des Bandes ist die Lyrik, der nicht weniger als drei Kapitel gewidmet sind (Die großen Lyriker der Vorkriegsjahre und ihre Reaktion auf das Debakel von 1943/45, Die posthermetischen Lyriker und die bereits erwähnte Lyrik der letzten Jahrzehnte). Die anderen Kapitel behandeln das Theater (Eduardo De Filippo und das Theater nach 1945), die experimentierfreudige Literatur der fünfziger und sechziger Jahre, die regional charakterisierte Literatur, die Autoren bis 1980, die in keine der erwähnten Kategorien passen (Traditionalisten, Außenseiter, Sonderfälle, Bestseller), und schließlich den Boom der Erzählliteratur seit 1980. Auf große Erfolge der letzten Jahre wie Va' dove ti porta il cuore (1994) von Susanna Tamaro oder Seta (1998) von Alessandro Baricco wird selbstverständlich eingegangen. Die Zahl der besprochenen Autoren ist groß: Die Hinweise auf der Umschlagrückseite sprechen von 70, es dürften jedoch noch mehr sein. Im Vorwort erklärt der Verfasser, er habe grundsätzlich Autoren berücksichtigt, "welche die literarischen Diskussionen der letzten fünfzig Jahre bestimmten" (S. 11 - 12), wobei er auch deren Rezeption in Deutschland Rechnung getragen habe. Aus diesem Grund seien beachtliche Autoren wie z.B. Romano Bilenchi und Antonio Delfini ausgeschlossen, die in Deutschland kaum bekannt seien. Jede Auswahl ist letzten Endes immer anfechtbar und das Ergebnis von mühsamen Kompromissen, und Hösle kommt das große Verdienst zu, den Versuch unternommen zu haben, so umfassend wie möglich zu sein. Man könnte sich dennoch fragen, ob eine solche Darstellung nicht auch die Aufgabe hätte, eben die Aufmerksamkeit auf zu Unrecht weniger rezipierte Autoren zu lenken, zumal Hösle andererseits in einem Buch, das bewußt Kontextinformationen ausspart, unter die Neorealisten auch Persönlichkeiten wie Danilo Dolci und Don Lorenzo Milani aufnimmt, deren Bedeutung eher politisch und kulturell als rein literarisch einzustufen ist. Wie auch immer, der Verfasser hält sich zum Glück nicht so streng an seine Kriterien und bespricht gelegentlich auch Autoren, die entweder wie Luciano Bianciardi selbst in Italien (ungerechterweise) in Vergessenheit geraten sind oder wie Luisa Adorno noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Als ein Eingeständnis an modische Tendenzen erscheint seine Entscheidung, die meisten Autorinnen unter Rubriken wie Dichtung von Frauen oder Neue erzählende Prosa italienischer Frauen (man beachte hier das Vermeiden von Ausdrücken wie "Autorinnen" oder "Schriftstellerinnen") einzugruppieren, die sich eher als Sammellager für die heterogensten literarischen Erscheinungen denn als signifikante gemeinsame Nenner erweisen.

In den Ausführungen zu den einzelnen Autoren verfährt Hösle im allgemeinen chronologisch. Dabei versucht er, auch wenn er sich oft nur mit wenigen Zeilen begnügen muß, nahezu auf jedes Werk einzugehen und fügt meist noch kurze biographische Informationen hinzu. Calvino werden die meisten Seiten (10) gewidmet, gefolgt von Pasolini und Zanzotto (8), Montale (7), Ungaretti (6,5). Um seine Darstellung lebendiger zu gestalten, greift Hösle gern und ausgiebig auf Textzitate, direkte Aussagen der Autoren sowie Kommentare bedeutender Kritiker zurück, die einen Eindruck von den Werken und ihrer Rezeptionsgeschichte vermitteln. Dagegen verzichtet er meistens - seinem Ansatz entsprechend - auf eine genauere literaturkritische Charakterisierung der jeweiligen Autoren. Man erfährt, ob ein Dichter seine Verse reimt oder nicht, ob er leicht oder schwer zu lesen ist, aber seltener, worin seine "Schwierigkeit" und die Besonderheit seines Stils bestehen und ihn von anderen unterscheiden. Diesen Verzicht versucht Hösle mit kompetenten zusätzlichen bibliographischen Angaben in den sich am Ende des Bandes befindenden Anmerkungen wettzumachen, die den interessierten Leser auf sowohl italienische als auch deutsche weiterführende Sekundärliteratur verweisen. Es stellt sich aber die grundsätzliche Frage, ob es nicht doch sinnvoller gewesen wäre, sich für jeden Autor auf wenige charakteristische Werke einzuschränken und diese ausführlicher zu besprechen, anstatt von jedem Werk oder Roman den Inhalt bzw. die Handlung notgedrungen sehr komprimiert wiedergeben zu müssen. Daß sich in eine solch umfassende Bestandsaufnahme der zeitgenössischen italienischen Literatur kleine Ungenauigkeiten, Versehen und Druckfehler einschleichen, ist unvermeidbar und schmälert nicht den Wert des Bandes.[5] Man findet in Hösles Band erste Informationen über das Werk und Wirken zahlreicher zeitgenössischer Autoren. Möchte man aber ein bißchen mehr über die einzelnen Werke und deren literarische Bedeutung erfahren, muß man nach wie vor zu Kindlers neuem Literatur-Lexikon oder einer ausführlicheren Literaturgeschichte greifen. Das Buch dokumentiert auf beeindruckende Weise in einem flüssig geschriebenen Stil die Vielfalt heutiger Produktion, versäumt aber leider, dem Leser einen Leitfaden mitzugeben, mit dem er sich schnell orientieren und die einzelnen Erscheinungen einordnen könnte, so daß er Gefahr läuft, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen.

Giovanni di Stefano


[1]
Italienische Literatur der Gegenwart in Einzeldarstellungen / hrsg. von Johannes Hösle und Wolfgang Eitel. - Stuttgart : Kröner, 1974. - XLII, 488 S. - (Kröners Taschenausgabe ; 436). (zurück)
[2]
Italienische Lyrik im 20. Jahrhundert : Essays / Hans Hinterhäuser. - Orig.-Ausg. - München [u.a.] : Piper, 1990. - 251 S. - (Serie Piper ; 967). - Italienische Lyrik des 20. Jahrhunderts : von den Avantgarden der ersten Jahrzehnte zu einer "neuen Innerlichkeit" / Manfred Lentzen. - Frankfurt am Main : Klostermann, 1994. - 417 S. - (Analecta romanica ; 53). - ISBN 3-465-02654-3 : DM 48.00. (zurück)
[3]
Geschichte der italienischen Literatur : von den Anfängen bis zur Gegenwart / Manfred Hardt. - Düsseldorf ; Zürich : Artemis & Winkler, 1996. - 960 S. ; 25 cm. - ISBN 3-538-07040-7 : DM 88.00 [3622]. - Rez.: IFB 97-1/2-159. - Dagegen fällt der Anteil, der der Gegenwart gewidmet wird, im folgenden Werk viel knapper aus: Italienische Literaturgeschichte / unter Mitarb. von Hans Felten ... hrsg. von Volker Kapp. - 2., verb. Aufl. - Stuttgart [u.a.] : Metzler, 1994. - X, 427 S. : Ill. ; 25 cm. - ISBN 3-476-01277-8 : DM 45.00 [1685]. - Rez.: IFB 95-2-307. (zurück)
[4]
Kleine Geschichte der italienischen Literatur / Johannes Hösle. - Orig.-Ausg. - München : Beck, 1995. - 259 S. ; 18 cm. - (Beck'sche Reihe ; 1080). - ISBN 3-406-37470-0 : DM 19.80 [2820]. - Rez.: IFB 95-2-305. (zurück)
[5]
Folgende kurze Auflistung soll daher vornehmlich einer möglichen revidierten zweiten Auflage des Bandes dienen.
Die Handlung von Diego Fabbris einst erfolgreichem Stück Processo a Gesó ist nicht ganz korrekt wiedergegeben (S. 56): Die Gruppe von Juden, die das Geschehen um Jesu Verurteilung von neuem aufrollt, wird nicht "von Zuschauern dazu gebracht", sondern sie lädt selbst das Publikum ein, an dem Prozeß teilzunehmen, den sie seit fünfzehn Jahren jeden Abend spielt, um die Gründe für die Verfolgung der Juden zu verstehen. - Brancatis Roman Gli anni perduti spielt in Nataca und nicht in Nàtica (S. 167). - Der Fluß Imera in Sizilien mündet nicht bei Syrakus ins Ionische Meer, sondern bei Termini ins Tirrenische Meer (S. 199). Hier mißdeutet Hösle eine Stelle in Sciascias Occhio di capra. - Dario Fo und Franca Rame arbeiteten kurze Zeit für das italienische Fernsehen im Jahre 1962 und nicht 1952 (S. 218). - Das im Artikel über Tabucchi erwähnte Aufspüren eines ehemaligen KZ-Mörders in Indien steht im Mittelpunkt nicht der Novelle Notturno indiano, sondern einer anderen Novelle: I treni vanno a Madras (S. 248). - Dacia Marainis La lunga vita di Marianna Ucría erschien 1990 und nicht 1970 (S. 265). (zurück)

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