Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
[ Bestand im SWB ]

Encyclopedia of American literature


00-1/4-184
Encyclopedia of American literature / Steven R. Serafin, gen. ed. - New York : Continuum Publishing Co., 1999. - XIV, 1305 S. ; 29 cm. - ISBN 0-8264-1052-9 : $ 150.00
[6035]

Das einbändige, umfangreiche Lexikon,[1] herausgegeben von Steven R. Serafin und Alfred Bendixen, beide Professoren und im Fall Serafins[2] bereits als Herausgeber wichtiger Lexika ausgewiesen, behandelt in über 1000 jeweils gezeichneten Personeneinträgen und 70 Topical articles, d.h. Sach- und Themenartikeln, den Gesamtbereich der amerikanischen Literatur und ihres Umfeldes. 300 Beiträger aus den USA und Kanada beschreiben in alphabetischer Folge die in ihren Augen wesentlichen Autoren und Elemente der amerikanischen Literatur- und Kulturgeschichte.

Das Werk verzichtet, abweichend von der Konzeption vergleichbarer Werke, auf viele eigenständige Artikel für Sacheinträge, und legt den Schwerpunkt auf Autoren, da es in der amerikanischen Literaturgeschichte "... in effect the story of its 'makers'" (S. V) sieht, schließt aber in den Sach- und Themenartikeln auch die Darstellung und Erläuterung von "genres and forms, ... trends and movements, ... critical theory and application, ... race, ethnicity, and gender" (S. VI) ein. Das stilistisch und typographisch gut lesbare Lexikon, zweispaltig gesetzt, mit lebenden Kolumnentiteln und ordentlich verarbeitet, enthält neben der Introduction, der Liste der Topical articles und einer mehrseitigen Übersicht der verwendeten Abkürzungen die ca. 1100 Einträge und endet mit einem knappen Index (S. 1283 - 1305). Die Personeneinträge bringen jeweils in einer Kopfzeile die Lebensdaten sowie die Geburts- und Sterbeorte der Autoren, umreißen ihre literaturgeschichtliche Bedeutung, bewerten und charakterisieren im Rahmen einer biographischen Darstellung der Hauptwerke, schließen die Rezeption ein und enden in einer auswählenden, nicht annotierten Sekundärbibliographie.

Die Sach- und Themenartikel erläutern in zum Teil erstaunlicher Breite und Tiefe unter anderem die Geschichte der Hauptgattungen, die ethnischen und regionalen Literaturen, die Literaturkritik, die Perioden und wesentliche kulturgeschichtliche Züge der amerikanischen Literatur. Autoren, die keine eigenen Artikel haben, erscheinen im Kontext dieser Themenartikel. Auch diese Sachartikel schließen mit einer, von Ausnahmen abgesehen, ordentlichen, wenn auch leider manchmal zu knappen Sekundärbibliographie.

Im folgenden sollen die für den Nachschlagewert bestimmenden Elemente kurz angesprochen werden.

Zur Bewertung der Autorenartikel

Die Auswahl und Darstellung der Autoren kann angesichts des in einem einbändigen Werk zur Verfügung stehenden Platzes das der Moderne viel Raum widmet ohne die Vergangenheit zu vernachlässigen, als weitgehend gelungen gelten. Das Lexikon ist speziell in diesem Punkt seinen direkten Konkurrenten, etwa dem deutlich preisgünstigeren Oxford companion to American literature,[3] zum Teil überlegen, allerdings den bekannten, reinen Autorenlexika der amerikanischen Literatur unterlegen. Daß freilich bei den bedeutendsten Autoren Übereinstimmung herrscht und die Aufnahme oder Nichtaufnahme bei den Lexika wechselseitig negativ angemerkt werden könnte, liegt auf der Hand.

So bringt Serafin, etwa beim Drama, bereits John Guare (1938 -) und Tony Kushner (1956 -) ohne die modernen "Klassiker" wie Marsha Norman (1947 -), David Rabe (1940 -) oder Wendy Wasserstein (1950 -) zu vernachlässigen. Das Lexikon enthält auch Einträge für so verschiedene Autoren wie Ana Castillo (1953 -), Roberto G. Fernandéz (1952 -), Cristina García (1958 -), Ellen Gilchrist (1935 -), Gail Godwin (1937 -), Garrett Hongo (1951 -), Elías Miguel Mu¤oz (1954 -), Neil Simon (1927 -) oder Cathy Song (1955 -), die man alle etwa beim Oxford companion vermißte, bis hin zu Bret Easton Ellis (1964 -), Jay McInerney (1955 -) oder E. Annie Proulx (1935 -). Aufgrund eines deutlich erweiterten Literaturbegriffs werden auch Autoren aus dem Bereich der Kriminal-, Science-fiction- und Unterhaltungsliteratur aufgenommen, so daß beispielsweise Michael Crichton (1942 -), Harlan Ellison (1934 -), William F. Gibson (1948 -), Evan Hunter (1926 -, wohl bekannter als Ed McBain), Robert P. Parker (1932 -), Mario Puzo (1920 -) oder Jim Thompson (1906 - ?1977) rasch nachgeschlagen werden können. Bei anderen Autoren wiederum gibt das Lexikon einen wesentlichen Hinweis zur Neubewertung, so etwa im Fall des Prosaisten Andre Dubus (1936 - 1999) oder der Lyriker David Ray (1932 -) und Joel Oppenheimer (1930 - 1988), eines "Black mountain poet". Insbesondere in den Einzelfeldern der ethnischen Literaturen - einige Namen wurden oben bereits angesprochen - bringt das Lexikon einen merklichen Fortschritt, nicht zuletzt für die Kanonbildung, da es wichtige Autoren der Gegenwart bereits mit eigenständigen Einträgen berücksichtigt. Freilich sollte beispielsweise bei den Chicanos die Auswahl generell überprüft und bei den Afro-Americans an eigene Einträge beispielsweise für Octavia E. Butler (1947 -) und Alain Locke (1886 - 1954) gedacht werden. Auch wenn in Einzelfällen Kritik durchaus nötig wäre, etwa bei der relativen Gewichtung der Autoren innerhalb des Lexikons, bei gravierenden Inkonsequenzen in einzelnen Feldern, bei der Nichtaufnahme einzelner Namen oder bei falschen Schwerpunkten innerhalb von Artikeln, kann doch insgesamt festgestellt werden, daß die Autorenartikel in der Regel in wenigen Strichen im Rahmen der Gattungs- und Literaturgeschichte ein markantes Bild des Autors, seiner Werke und seiner Rezeption vermitteln und eine verläßliche Vielfalt an Wissen in der ausführlichen Beschreibung und Bewertung zugänglich machen.

Zur Bewertung der Topical articles

Die 70 Sach- und Themenartikel sind, bedingt durch die Konzeption des Bandes, seine problematische Gewichtung zwischen Autoren- und Sacheinträgen und nicht zuletzt auch durch die Auswahl der Sachartikel, auf die hier inhaltlich nur knapp eingegangen werden kann, in meinen Augen der eigentlich fragwürdige Teil dieses Lexikons. Einige kritische Punkte seien kurz angesprochen:

Wichtige Dichtergruppen, wie etwa die Black Mountain Poets, die Beat Generation, die Confessional School oder die Language Poets sind nur über das Register bzw. seine Verweisungen auffindbar und nach meiner Einschätzung nicht hinreichend dargestellt. Eigenständige Einträge schienen mir unabdingbar. Dasselbe gilt auch für wesentliche literaturkritische Termini, wie man etwa beim Nachschlagen von New critisism, New journalism, New (literary) historicism oder Narrative theory feststellen kann. Geistesgeschichtlich und literaturgeschichtlich grundlegende Begriffe wie Ethnicity, Frontier, Harlem renaissance, Local color, Lost generation oder Vietnam[4] werden natürlich in anderen Kontexten behandelt, aber nicht immer in der nötigen Tiefe erläutert, selbst wenn man die Raumverteilung eines einbändigen Lexikons bedenkt. Auch diese Begriffe sind zum Teil nicht einmal über den Index auffindbar.

Da die tatsächlich aufgenommenen Bereiche aber viel ausführlicher als etwa im Oxford companion to American literature beschrieben sind und mit einem Literaturverzeichnis enden, stellt die getroffene Lösung, wenn man ein gerechtes Fazit ziehen will, einen Kompromiss dar, der freilich den Nachschlagewert des Bandes, insbesondere für den Nichtfachmann, stellenweise deutlich vermindert.

Zur Bewertung der Literaturangaben

Von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, so etwa bei den Artikeln Gotanda, Philip Kan oder Proulx, E. Annie, enden alle Artikel mit einer auswählenden Sekundärbibliographie, die nur englischsprachige selbständige und unselbständige Titel in verkürzten Aufnahmen nach dem Alphabet der Autoren bzw. Herausgeber aufführt. Leider fehlt eine Primärbibliographie der Erstveröffentlichungen sowie wesentlicher Einzel-, Teil- oder Gesamtausgaben.

In der überwiegenden Zahl der Fälle ist die wesentliche Sekundärliteratur in knapper, verlässlicher Auswahl verzeichnet, in einigen Artikeln allerdings ungleich gewichtet, nicht ganz aktuell und, auch in Relation zum gewiß knappen Platz, unvollständig. Da dieser Punkt den Nachschlagewert des Lexikons massiv tangiert, im folgenden der Hinweis auf einige gravierende Beispiele, die mir an verschiedenen Stellen auffielen, aber natürlich der subjektiven Einschätzung unterliegen:

So ist beispielsweise im Eintrag Puritanism P. Caldwells The Puritan conversion narrative : the beginnings of American expression (1983) nicht aufgenommen - eine grundlegende Arbeit zur vergleichenden Darstellung der Literaturformen. Im Artikel Dickinson, Emily fehlt überraschenderweise eines der besten Bücher, nämlich J. Farrs The passion of Emily Dickinson (1992).[5] Der Themenartikel zur Jewish American literature verzeichnet zwar D. Waldens Twentieth century American-Jewish fiction writers (1984) aus der für den Bestand fast unerläßlichen Reihe Dictionary of literary biography, nicht aber J. Shatzkys und M. Taubs Contemporary Jewish-American novelists : a bio-critical sourcebook (1997), das sich zwar mit Walden zum Teil überlappt, ihn aber auch beträchtlich erweitert. Im Eintrag African American literature vermißt man D. A. Williams' Contemporary African American female playwrights : an annotated bibliography (1998). In manchen Fällen wäre der Hinweis auf Speziallexika sehr hilfreich gewesen, wie etwa im viel zu knappen Abschnitt Regionalism die Angabe von J. Q. Andersons Southwestern American literature : a bibliography (1980), das den schnellsten Zugang auch zu den kleineren Autoren der Region inklusive der ausgewählten Primär- und Sekundärliteratur bietet. Neben den sicherlich unverzichtbaren Werken von B. Ellsworth und Y. Winters wäre im Artikel "Robinson, Edwin Arlington auch E. S. Fussells Edwin Arlington Robinson: The literary background of a traditional poet (1954, repr. 1970) aufzuführen gewesen. Bei der Native American literature fehlen, um nur zwei gravierende Desiderata zu nennen, die für die Erstinformation wie auch für die Vertiefung unabdingbaren A. Wiget: Native American literature (1985), und H. Jaskoski: Early native American writing : New critical essays (1996).

Bibliographische Inkonsequenzen und Versehen sind bei Lexika dieser Größenordnung wohl unvermeidbar. Was bei Stichproben auffiel, sei kurz verzeichnet: Es wäre zum Einen im Interesse der Information nötig gewesen, bei allen Monographien konsequent auch den Untertitel aufzuführen. Zum Anderen sollten - auch dies auf der Basis weniger Stichproben - Versehen bei eventuellen Neuauflagen berichtigt werden.[6]

Zusammenfassend ergibt sich: Will man einen schnellen Überblick und eine Kontrolle der wichtigen Sekundärliteratur gewinnen, ist das Lexikon bei aller berechtigten Kritik sehr hilfreich, reicht aber allein nicht aus. Es empfiehlt sich zumindest partiell auch M. Hawkins-Dadys Reader's guide to literature in English (1996), der ebenfalls die wesentlichen amerikanischen Autoren behandelt, beizuziehen und die verfügbaren, allerdings sehr teuer gewordenen Bände des Dictionary of literary biography sowie neben anderen neuerdings auch Thomas Riggs' Reference guide to American literature (1999) zu nutzen.

Zum Register und zu den Verweisungen

Aufgrund der Konzeption des Bandes, der den Autoreneinträgen Vorrang gibt, sind der Index und die Verweisungen von besonderer Bedeutung. Die Verweisungen zwischen den Artikeln und Autoren sind, so weit ich sehen konnte, korrekt durchgeführt und auch die Namen beim jeweiligen ersten Auftreten in einem Artikel konsequent hervorgehoben. Der Index, wohl korrekt erstellt, ist leider recht knapp gehalten, erschließt aber als überwiegender Namenindex vorrangig Autorennamen und Autorengruppen und relativ wenige Themen- und Sachbereiche. Er enthält keine Werktitel, was um so kritischer ist, als das Lexikon keine eigenständigen Werkeinträge hat, und verzichtet auch darauf, wie bei vergleichbaren Lexika üblich, die Hauptstellen durch Fettdruck oder Kursive hervorzuheben.

Obwohl das Werk den Anspruch des "most extensive single-volume treatment of its subject available for the general and scholarly reader alike" (S. VI) nicht einlösen kann, sollte es trotz seiner fragwürdigen Konzeption und des recht hohen Preises als notwendige Ergänzung zu den allerdings unabdingbaren anderen einbändigen Lexika, also zu dem Oxford companion to American literature (1995), zu Benét's Reader's encyclopedia of American literature (1995, zuerst 1991), zu A. J. Hornungs Lexikon amerikanische Literatur (1992) und zu W. J. Burkes American authors and books : 1604 to the present day (zuletzt 1978), in philologischen Fachlesesälen angeboten werden. Für die Bestandskontrolle, für bibliographische Zwecke, wie etwa den Signierdienst, und die Fortbildung im Fachreferat hingegen bietet dieses Lexikon keine in allen Punkten verläßliche Hilfe.

Sebastian Köppl


[1]
Detaillierte Besprechungen liegen noch nicht vor. Die Kurzrezensionen in Choice. - Februar 2000 (eingesehen über ChoiceReviews.online), im Reference books bulletin. - 95 (1999),22, S. 2104 sowie im Library journal. - 124 (1999),6, S. 85 können der großen Leistung und Problematik des Lexikons nicht gerecht werden. (zurück)
[2]
So des Dictionary of literary biography, des Supplements zu Modern black writers und der neuesten Auflage der Encyclopedia of world literature in the 20th century. (zurück)
[3]
Vgl. IFB 97-1/2-149. Eine grundlegende Neukonzeption dieses Werks scheint mir unabdingbar. (zurück)
[4]
Bezeichnenderweise ist Michael Herr, dessen Dispatches (1977) zu den klassischen Vietnam-Texten gehören, nicht einmal im Index enthalten. (zurück)
[5]
Vgl. zu Patricia Caldwell und Judith Farr die zutreffende Bewertung bei Reader's guide to literature in English / ed. Mark Hawkins-Dady. - London [u.a.] : Fitzroy Dearborn, 1996, S. 636 und S. 184. (zurück)
[6]
Die richtige Form der Beispiele lautet jeweils: John Clute, ed. The encyclopedia of science-fiction (S. 1005; die Neuauflage von 1999 kam wohl zu spät), Laurence G. Avery, ed. A southern life: letters of Paul Green, 1916-1981 (S. 459) oder Enoch Brater, ed. Feminine focus: the new women playwrights (S. 393). (zurück)

Zurück an den Bildanfang