Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Reclams Romanlexikon


00-1/4-181
Reclams Romanlexikon / hrsg. von Frank Rainer Max und Christine Ruhrberg. - Stuttgart : Reclam. - 15 cm. - (Universal-Bibliothek ; ...)
[5181]
Bd. 4. 20. Jahrhundert. - 2. - 1999. - 579 S. - (... ; 18004). - ISBN 3-15-018004-X : DM 24.00
Bd. 5. 20. Jahrhundert. - 3. - 2000. - 572 S. - (... ; 18005). - ISBN 3-15-018005-8 : DM 24.00
00-1/4-182
Reclams Romanlexikon : deutschsprachige erzählende Literatur vom Mittelalter bis zur Gegenwart / hrsg. von Frank Rainer Max und Christine Ruhrberg. - Stuttgart : Reclam, 2000. - 1183 S. ; 25 cm. - ISBN 3-15-010474-2 : DM 98.00
[6130]

Die Bände vier und fünf von Reclams Romanlexikon setzen den Bericht über das 20. Jahrhundert fort und folgen denselben Prinzipien, wie sie in der Besprechung der ersten drei Bände[1] bereits vorgestellt sind. Der erste behandelte Schriftsteller im vierten Band - Hans Fallada - gehört dem Geburtsjahrgang 1893 an, der letzte - Hermann Kant - ist 1926 geboren; der fünfte Teil beginnt mit Siegfried Lenz, der gleichfalls dem Geburtsjahrgang 1926 angehört und endet mit der jungen Schweizer Autorin Jenny ZoČ (Jahrgang 1974). Der abschließende Band, der sich bei den jüngsten Autoren eher auf die Literaturkritik als auf literaturwissenschaftliche Vorarbeiten stützen kann, erfreut nicht zuletzt durch die hohe und mutige Aktualität: So sind von den 1999 erschienenen Werken bereits berücksichtigt: Ein hinreißender Schrotthändler von Arnold Stadler, Im Licht der Lagune von Hanns-Josef Ortheil, Pawels Briefe von Monika Maron u.a.m. Erfreulich auch, daß das weite Verständnis von erzählender Literatur beibehalten ist, so daß auch die dokumentarische Fiktion seiner Entführung, die Jan Philipp Reemtsma unter dem Titel Im Keller geschrieben hat, vorgestellt wird.

Die folgenden Bemerkungen beziehen sich durchweg nur auf den vierten Band. In die Berichtszeit fallen die Namen bedeutender Erzähler, wie etwa Joseph Roth, Heimito von Doderer, Ernst Jünger, Elisabeth Langgässer, Hermann Kesten, Hans Erich Nossack, Reinhold Schneider, Elias Canetti, Wolfgang Koeppen, Alfred Andersch, Arno Schmidt, Wolfgang Hildesheimer, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt u.v.a.m.

Inhaltsangaben, die kurzen Deutungen und kritische Wertungen - durchweg meist aus der Feder vorzüglicher Kenner - sind verläßlich respektive plausibel und trotz der Kürze von großem Informationsgehalt. Zum Beleg sei der Artikel zu Kants Aula von 1965 herangezogen. Dem im Westen lange überschätzten Buch erteilt Manfred Jäger die Abfuhr, die es im Urteil verständiger Kritiker schon immer hätte finden können, daß nämlich "sein satirischer Anspruch nicht eingelöst [wird], weil alle erwähnten Mißstände entweder schon überwunden oder prinzipiell überwindbar sind. Auf dieser versöhnlichen Basis stellt Kant die Stalin-Zeit als historisch entfernte Episode dar. Seine Parteilichkeit läßt die Überlegung nicht zu, daß der Stalinismus dem System strukturell eingeschrieben blieb. Die harten Verfolgungen an der ABF [Arbeiter- und Bauern-Fakultät] Greifswald, an der Kant studierte, werden ausgeblendet. Ein Mitstudent, den ein sowjetisches Militärtribunal zu Zwangsarbeit im Lager Workuta verurteilte, hat mitgeteilt, daß Kant ein Gewährsmann für seine feindliche Einstellung zur DDR gewesen sei" (S. 557).

Wenn im Artikel zu Doderers Dämonen Wendelin Schmidt-Dengler von Bruchlinien der Entstehungsgeschichte schreibt und mitteilt, der Autor habe die Arbeit unterbrochen, "da es Schwierigkeiten mit der Publikation gab; wie verhängnisvoll sich sein - wenngleich nur peripheres Engagement - für den Nationalsozialismus ausgewirkt hat, kam ihm nach dem Anschluß Österreichs allmählich zu Bewußtsein", so ist das allerdings eine sehr euphemistische Umschreibung sowohl von Doderers opportunistischer Anbiederung an die NS-Machthaber, die sein einstiger Sekretär Wolfgang Fleischer in der gründlichen Biographie des österreichischen Schriftstellers aufgezeigt hat,[2] als auch der höchst bemerkenswerten Volte des flexiblen Romanciers, dem das 'Kunststück' gelungen war, aus seinem ursprünglich pro-nazistischen Text bei Wiederaufnahmen nach dem Zweiten Weltkrieg einen anti-nazistischen zu machen. Man hat Doderer nicht ohne Grund als Autor der Ära der Großen Koalitionen im Nachkriegs-Österreich bezeichnet, die im tiefsten aufs Zuschmieren, nicht aufs Aufdecken von Widersprüchen angelegt war. (Damit ist kein negatives Urteil über die unvergleichliche Erzählkunst des Autors gesprochen, nur die Biographie eines Angepaßten als solche bezeichnet.)

Der Wert des Bandes liegt indes vor allem darin, daß zahlreiche zu Unrecht vergessene Autoren bzw. Werke berücksichtigt sind: So wird z.B. von Ernst Kreuder (1903 - 1972) nicht nur die unter Belesenen allenfalls noch als erster deutscher Nachkriegsroman bekannte Gesellschaft vom Dachboden (1946) behandelt, vielmehr werden auch die anderen Romane des Autors - Die Unauffindbare (1948), Herein, ohne anzuklopfen (1954) und Der Mann im Bahnwärterhaus (1973) - dargestellt. Schade, daß der großartige Zyniker und Wahrheitsfanatiker Jörg Mauthe (1924 - 1986), der eine Zeitlang mit Ingeborg Bachmann zusammengearbeitet hatte, nicht einmal mit seinem Österreich- und Beamtenroman Die große Hitze oder Die Errettung Österreichs durch den Legationsrat Dr. Tuzzi (1974) berücksichtigt ist.

Hans-Albrecht Koch

Bibliotheken (oder Privatleute), die die fünf Reclam-Bände bisher nicht erworben haben, können jetzt die im September 2000 erschienene gebundenen Gesamtausgabe kaufen, welche die ca. 1700 Artikel der "chronologisch angelegte(n) fünfbändige(n) Taschenbuchausgabe ... in einem aktualisierten, alphabetisch nach den Autoren geordneten und mit einem Gesamtregister versehenen Großband ..." zusammenführt, der dazu noch weniger kostet, als die Summe der einzelnen Bände der Universal-Bibliothek. Worin die in der Werbung und in der Vorbemerkung versprochene Aktualisierung besteht, konnte der Rezensent nicht feststellen und hat, offen gestanden, auch die Mühe einer größeren Stichprobe gescheut. Das Gesamtregister enthält die Werktitel (samt Verweisungen). Dazu kommt ein Verzeichnis der knapp 300 Mitarbeiter (ohne Angabe der von ihnen stammenden Artikel). Bibliotheken, die aus Sicherheitsgründen die kleinformatigen Bände nicht in den Informationsapparaten aufgestellt haben, werden dies jetzt mit der gebundenen Ausgabe tun und zugleich den alten Reclams-Romanführer[3] ins Magazin zurückstellen.

Klaus Schreiber


[1]
Bd. 1. Deutschsprachige Vers- und Prosadichtung vom Mittelalter bis zur Klassik. - 1998. - 462 S. - (... ; 18001). - ISBN 3-15-018001-5 : DM 20.00. - Bd. 2. Von der Romantik bis zum Naturalismus. - 1999. - 558 S. - (... ; 18002). - ISBN 3-15-018002-3 : DM 22.00. - Bd. 3. 20. Jahrhundert. - 1. 1999. - 574 S. - (... ; 18003). - ISBN 3-15-018003-1 : DM 22.00. - IFB 99-1/4-195. (zurück)
[2]
Das verleugnete Leben : die Biographie des Heimito von Doderer / Wolfgang Fleischer. - Wien : Kremayr und Scheriau, 1996. - 573 S. ; 25 cm. - ISBN 3-218-00619-8 : DM 67.00. (zurück)
[3]
Reclams Romanführer. - Stuttgart : Reclam. - Bd. 1 (1962). - Zuletzt 6. Aufl. - 1981. - Bd. 2 (1963). - Zuletzt 6. Aufl. - 1981. (zurück)

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