Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Geschichte der Literatur in Österreich


00-1/4-170
Geschichte der Literatur in Österreich : von den Anfängen bis zur Gegenwart / hrsg. von Herbert Zeman. - Graz/Austria : Akademische Druck- und Verlagsanstalt. - 28 cm
[2590]
Bd. 2. Die Literatur des Spätmittelalters in den Ländern Österreich, Steiermark, Kärnten, Salzburg und Tirol von 1273 bis 1439 / von Fritz Peter Knapp
Halbbd. 1. Die Literatur in der Zeit der frühen Habsburger bis zum Tod Albrechts II. 1358. - 1999. - 567 S. - ISBN 3-201-01721-3 : ÖS 860.00, DM 118.00, ÖS 774.00 (Reihen-Pr.)

Der zweite Band der großen Geschichte der Literatur in Österreich gilt einer Epoche, für deren Gesamtdarstellung die Forschung weit geringere Vorarbeiten bereitgestellt hat, als dies beim ersten Band der Fall gewesen ist.[1] Die Defizite erstrecken sich zuerst, jedoch nicht nur, auf die lateinischen Texte und betreffen vor allem die editorische Situation. Denn trotz "unablässiger Bemühungen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen liegen unzählige spätmittelalterliche ... Texte noch nicht im Druck vor und etliche nur in alten unzureichenden Ausgaben, von denen viele zudem kaum leichter zugänglich sind als die mittelalterlichen Handschriften." Aus dieser Situation entspringen Vorzüge und Risiken des Werks zugleich: einerseits die große Fülle des Neuen, anderseits die Unsicherheit darüber, wieweit aus einzelnen Quellen abgeleitete Einsichten verallgemeinert werden dürfen.

Wegen des überraschenden Umfangs der Materialien ist der zweite Band in zwei Halbbände aufgeteilt, deren stattlicher erster auf über 500 Seiten die Literatur der frühen Habsburger Zeit zwischen 1273 und 1358 behandelt: eine nur kurze Zeitspanne, an deren Darstellung sich der territorialhistorische Ansatz erneut als eine besonders glückliche Wahl bestätigt. Erweist sich doch die Literatur der behandelten Zeitspanne in besonderem Maße als ein Spiegel allgemeiner Entwicklungen der Epoche, die politisch durch die Konsolidierung der Herzogtümer Österreich, Steiermark und Kärnten und der Grafschaft Tirol gekennzeichnet ist: etwa im Übergang immer weiterer Herrschaftsrechte des grundbesitzenden Landadels an den Landesherren einschließlich der Schirmvogtschaften über Kirchen und Klöster und in der dazu parallel verlaufenden Aufwertung der Landesfürstenhöfe, in der Ausbildung der sogenannten Rentengrundherrschaft und im Aufblühen der städtischen Wirtschaft - positiven Veränderungen, deren modernisierende Wirkungen allerdings durch Hungersnöte, Pestepidemien und den Geburtenrückgang retardiert wurden.

Wiederum, wie schon im ersten Band, steht der eigentlichen Literaturgeschichte eine Skizze des Bildungswesens voran, das in der hier in Rede stehenden Epoche bereits eine deutliche Verschiebung zugunsten weltlicher Inhalte und laikaler Trägerschaft aufweist, wenn auch alles in allem die geistlichen Institutionen noch überwiegen - freilich ist auch diese Aussage mit der Unsicherheit behaftet, ob die erhaltenen Quellen die Proportionen richtig erkennen lassen, weil "die geistlichen Gemeinschaften die alten Zeugnisse ihrer Bildungseinrichtungen und -materialien noch am besten bewahrt haben."

Die vier Kapitel des Hauptteils beziehen sich jeweils auf die Literatur in einem der oben genannten drei Herzogtümer bzw. der Grafschaft Tirol. Indem Knapp eine Vielzahl von Autoren hier zum erstenmal überhaupt - oft ausschließlich anhand der Manuskriptüberlieferung - einem literarhistorischen Kontext einfügt, mutet das Werk über weite Strecken wie eine Erkundungsfahrt in unbekannte Gegenden an - der seltene Glücksfall, daß Literaturgeschichtsschreibung nicht lediglich Altvertrautes wieder einmal umwendet, sondern tatsächlich völlig neue Erkenntnisse mitteilt: Das gilt etwa für die Abschnitte über den sogenannten Österreichischen Bibelübersetzer, der eine kommentierte Bibel in deutscher Prosa zu schreiben beabsichtigte und in der Forschung der frühen Bibelübertragungen in die Volkssprache noch keine angemessene Berücksichtigung gefunden hat - Knapp würdigt ihn auf zwanzig Seiten -, den Polyhistor Engelbert von Admont, mit dessen Brief an Ulrich von Wien sich ein einzigartiges bildungsgeschichtliches Zeugnis - etwa mit dem Bericht über den Besuch der Vorlesungen an der Domschule zu Prag - erhalten hat, oder zahlreiche Theologen wie Nikolaus von Heiligenkreuz, Rudolf von Stams, die Prediger Greculus und Sibote, schließlich für die Lyriker Christian von Lilienfeld und Konrad von Hainburg u.v.a.m.

Wie bereits der erste Band enthält auch dieser Teil einen Ausblick auf das hebräische Schrifttum. Mit der kurzen - wenn auch notgedrungen aus zweiter Hand schöpfenden - Würdigung der jüdischen Literatur, bei der sich Knapp auf die Studien von Shlomo Spitzer[2] stützt, wird die ganze Breite mittelalterlicher Literatur sichtbar.

Ein Profil der Epoche beschließt das Werk, das eine vorzügliche Bibliographie von 30 Seiten und ein Bildteil mit 49 Abbildungen abrunden. Ohne Übertreibung kann man die beiden bislang von Knapp vorgelegten Teile der Geschichte der Literatur in Österreich als eine Leistung der Literaturgeschichtsschreibung bezeichnen, die ihresgleichen nicht hat: Überall ist mit Händen zu greifen, welche Tiefe die Literaturgeschichte des Spätmittelalters dadurch gewinnt, daß lateinische und deutsche Literatur in gleicher Weise berücksichtigt werden: So schlägt die scheinbare Verengung der regionalistischen Darstellung in eine bisher nicht dagewesene Erweiterung des Horizontes unserer Kenntnisse um.

Hans-Albrecht Koch


[1]
Bd. 1. Die Literatur des Früh- und Hochmittelalters in den Bistümern Passau, Salzburg, Brixen und Trient von den Anfängen bis zum Jahre 1273 / von Fritz Peter Knapp. - 1994. - 666 S. - ISBN 3-201-01611-X : ÖS 565.00, DM 87.00. - Rez.: IFB 96-1-033.
Zu Bd. 7. Das 20. Jahrhundert / hrsg. von Herbert Zeman. - 1999 s.u. IFB 00-1/4-171. (zurück)
[2]
Bne chet : die österreichischen Juden im Mittelalter ; eine Sozial- und Kulturgeschichte / Shlomo Spitzer. - Wien ; Köln [u.a.] : Böhlau, 1997. - 281 S. : Ill., graph. Darst., Kt. - ISBN 3-205-98721-7. (zurück)

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