Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Deutsche Literaturgeschichte


00-1/4-169
Deutsche Literaturgeschichte . - Orig.-Ausg. - München : Deutscher Taschenbuch-Verlag. - (dtv ; ...)
[3155]
Bd. 10. Drittes Reich und Exil 1933 - 1945 / Paul Riegel und Wolfgang van Rinsum. - 2000. - 302 S. - (... ; 3350). - ISBN 3-423-03350-9 (falsch) : DM 24.50

Den Prinzipien des Gesamtwerks entsprechend,[1] verzichtet der Band auf die explizite Auseinandersetzung mit dem fachwissenschaftlichen Schrifttum. Daß die Autoren sie als Vorarbeit aber geleistet haben, beweist ihre Darstellung in jedem Kapitel, mag auch alles in allem zum Gelingen des Bandes mehr noch beigetragen haben, daß beide Verfasser, die den Nationalsozialismus als Heranwachsende miterlebt haben, ihre Texte bewußt auch als späte Reflexion eigener Erfahrungen gestaltet haben.

Das erste Kapitel führt zunächst in die Elemente der nationalsozialistischen Ideologie ein, beschreibt die Literaturpolitik der Ausgrenzung mißliebiger Autoren und der frühen, von der Propaganda offiziell als "Aktion wider den undeutschen Geist" bezeichneten Bücherverbrennung und schildert die Maßnahmen des NS-Regimes zur Gleichschaltung der Schriftstellerorganisationen: Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, PEN-Club, Reichsverband Deutscher Schriftsteller (RDS), Reichsschrifttumskammer (RSK). Sodann werden die drei Existenzformen charakterisiert, in denen schriftstellerische Werke in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur in Erscheinung treten konnten: als nationalsozialistisch-ideologisches Schrifttum, als verdecktes oder - etwa in den Romanen der inneren Emigration - eskapistisches Schreiben und als Exilliteratur.

An diesen drei Unterscheidungen orientieren sich auch die folgenden Kapitel zu literarischen Formen: Die Darstellung der drei Hauptgattungen (Romane und Erzählungen, Lyrik, Dramatik) ist sinnvoll erweitert um die Publizistik in Zeitungen und Zeitschriften wegen ihrer spezifischen Wirkungsaspekte, um Tagebuch und Autobiographie wegen ihres besonderen Quellencharakters für die Zeit.

Mit der durchgängigen Berücksichtigung der eigentlichen NS-Literatur folgt der Band neueren Tendenzen der Forschung. Zu der Frage, ob es denn angesichts der ideologischen Durchsudelung und des Fehlens künstlerischer Qualität sinnvoll sei, daß sich die Literaturgeschichtsschreibung mit den Zeugnissen der Blut-und-Boden-Schriftstellerei überhaupt beschäftige, hat jüngst der Schweizer Germanist Martin Stern daran erinnert, daß die Literaturwissenschaft auch einen Beitrag zur allgemeinen Mentalitätsgeschichte zu leisten habe, die sie auch zur Analyse des Abstoßenden verpflichte. Mit Blick auf das "Dramenmaterial" von NS-Autoren schreibt er: "Es ist politisch-moralisch mehr als verständlich, dass alle, die sich literaturwissenschaftlich mit Produkten der NS-Kultur befassen, in den vergangenen fünfzig Jahren deutlich ihre Distanz zu ihren Gegenständen markierten. Niemand sollte meinen, ihre Wahl sei aus Sympathie erfolgt. ... Dennoch wäre es jetzt, zwei volle Generationen seit jenen katastrophalen zwölf Jahren, vielleicht richtig, wenigstens ... die Namen jener Autoren nicht weiterhin zu tabuisieren, deren Werke damals in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet, gelesen und aufgeführt wurden. Wie soll sonst die Nachwelt die (fatale) Mentalität und Ästhetik der Mehrheit der Deutschen zwischen 1933 und 1945 erkennen und kritisieren können?"[2] Die Autoren des dtv-Bandes haben aber recht daran getan, den nationalsozialistischen Texten nicht ebensoviel Platz einzuräumen wie dem Schrifttum der inneren Emigration oder des Exils, weil sich für den ins Auge gefaßten weiten Adressatenkreis die ästhetisch wertlosen Veröffentlichungen der braunen Unkultur als historisches Phänomen durchaus hinreichend nach dem Prinzip pars pro toto behandeln lassen.

Überall bezieht sich die Darstellung auf Beispieltexte, die entweder vollständig oder auszugsweise abgedruckt oder vorzüglich paraphrasiert werden, bevor über sie geredet wird, so daß dem Leser sukzessive eine trefflich gelungene Auswahl kleiner Autoren- und Werkporträts geboten wird. Nicht der unwesentlichste Vorzug des Bandes liegt darin, daß die Verfasser dabei neben Bekanntem oft auch auf Abgelegeneres zurückgreifen, wo es die Anschaulichkeit verstärkt. So wird z.B. in dem Abschnitt zur Lyrik kurz die Geschichte der naiven Rezeption des Deutschlandliedes von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben wiedergegeben, dessen Passus "Deutschland über alles" nicht nur der Verfasser, sondern noch der Reichspräsident Friedrich Ebert, als er das Lied 1922 zur Nationalhymne erklärte, nicht chauvinistisch verstanden haben. Erst die imperialistische Deutung des "zweideutigen Wortlauts" durch die Nationalsozialisten gab ihm seine aggressive Konnotation. Umgekehrt wird an geschickt gewählten Beispielen gezeigt, wie durch geringfügigste Veränderungen aus einem sozialistischen Arbeiterlied ein solches der NS-Propaganda gemacht werden konnte.

Ein wenig beschämend für viele Vertreter der Universitätsgermanistik, daß zwei Gymnasiallehrer der älteren Generation ihnen und ihren Studenten vormachen, wie man über Literatur anschaulich schreiben und viel Erhellendes mitteilen kann, ohne ungebührlich zu vereinfachen oder in verquälte Terminologie zu verfallen. Vor allem an fortgeschrittene Gymnasiasten und Studienanfänger wendet sich das Buch, doch wünscht man sich, die Examenskandidaten verfügten über die Kenntnisse, die es vermittelt.

Hans-Albrecht Koch


[1]
Bd. 11. Die Nachkriegszeit 1945 - 1968 / Heinz Forster und Paul Riegel. - 1995. - 489 S. - (... ; 3351). - ISBN 3-423-03351-7 : DM 19.90. - Rez.: IFB 96-1-032. (zurück)
[2]
Schweizertheater : Drama und Bühne der Deutschschweiz bis Frisch und Dürrenmatt ; 1930 - 1950 / Hans Amstutz ; Ursula Käser-Leisibach ; Martin Stern. - Zürich : Chronos-Verlag, 2000. - (Theatrum Helveticum ; 6.), S. 480. (zurück)

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