Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16.


00-1/4-168
Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart / begr. von Rolf Grimminger. - München : Deutscher Taschenbuch-Verlag. - 19 cm. - (dtv ; ...). - Geb. Ausg. erscheint im Hanser-Verlag, München
[5570]
Bd. 7. Naturalismus, Fin de siècle, Expressionismus 1890 - 1918 / hrsg. von York-Gothart Mix. - 2000. - 760 S. - (... ; 4349). - ISBN 3-423-04349-0 (dtv) : DM 55.00 - ISBN 3-446-12782-8 (Hanser)

Angesichts vieler Literaturgeschichten der letzten Jahre, die sich als historische Darstellungen ausgeben, scheint die Frage legitim, ob die Bezeichnung Geschichte nur aus kommerziellen Gründen auf dem Titelblatt steht oder ob das Wort in einer Zeit, die mit unaufhaltsamer Phrenesie nach dem Neuen sucht und das Geschehene als Prämisse immer öfter - vielleicht aus unbewußter Angst, sich selbst zu dementieren - ignoriert, seine Bedeutung völlig eingebüßt hat, d.h. zu jenen Substantiven gehört, die einem endgültigen Prozeß der Entsemantisierung unterzogen worden sind. Als Beispiel sei nur die von Donald G. Daviau und Herbert Arlt 1996 herausgebrachte Geschichte der österreichischen Literatur[1] erwähnt, die Diskussionsbeiträge zu allen möglichen thematischen Aspekten ihres vorgeblichen Sujets enthält, die durch die Titelformulierung versprochenen Erwartungen jedoch keineswegs erfüllt, nach der sich der Leser mit Recht eine in chronologischer Ordnung folgende Behandlung der literarischen Erscheinungen vorstellen muß.

Mit einer Geschichte im herkömmlichen Sinne des Wortes hat auch der siebte der auf zwölf Bände angelegten Sozialgeschichte der deutschen Literatur des Hanser-Verlags[2] nichts gemeinsam, obwohl die zeitlichen Konturen des Buches kaum drei Jahrzehnte umspannen und sich auf drei vermeintlich klar umrissene Strömungen beziehen: Naturalismus, Fin de siècle, Expressionismus 1890 - 1918. Denn trotz der scheinbar strikten Einteilung des Bandes in drei sukzessive Sektionen sind die Plätze der vierzig Aufsätze nicht selten austauschbar: es handelt sich also um einen Sammelband zu verschiedenen Themen der literarischen Produktion in der Epoche zwischen der Geburt der Moderne und dem katastrophalen Ende des Ersten Weltkriegs, aber eben um keine deutlich profilierte Sozialgeschichte der Literatur jener Zeit.

Der Beitrag von Harro Segeberg z.B., der von Film und Tele-Medien als technischen Konkurrenten der Literatur handelt, oder derjenige von Walter Fähnders zu Anarchismus und Literatur, die dem Teil Fin de siècle zugewiesen sind, hätten ihren Ort genauso gut in der Rubrik Expressionismus finden können. Die Merkmale, die Armin A. Wallas als typisch für die Expressionistische Novellistik und Kurzprosa deklariert - Ambivalenz und Dynamik, Wahnsinn, Krankheit, Außenseiter und Schwebende Identitäten (wie der Autor die ersten drei der vier Abschnitte betitelt, in die sein Aufsatz gegliedert ist) -, charakterisieren ohne weiteres auch viele Erzählwerke von Impressionismus und Dekadenzliteratur; umgekehrt ist Die Nietzsche-Rezeption (John McCarthy) für das Fin de siècle nicht weniger von Belang als für die Expressionisten (es genügt, auf den entsprechenden Rückblick Gottfried Benns zu verweisen).

Das Resultat ist, daß verschiedene Beiträge (im übrigen nicht selten reinen Dejà-vu-Charakters, wie etwa der Artikel von Wolfgang Bunzel über Kaffeehaus und Literatur im Wien der Jahrhundertwende) ähnliche oder gar gleiche Informationen vermitteln, sich überschneiden und wiederholen, aber auch dieselben Lücken offenlassen. Schade, weil unter den qualitativ sehr unterschiedlichen Essays auch solche sind, die neue Forschungsperspektiven auftun könnten: so der Beitrag Hansgeorg Schmidt-Bergmanns, welcher der Wechselwirkung von italienischem Futurismus und deutschem Expressionismus nachgeht; derjenige von Hermann Korte zur Autobiographik des Expressionismus, der die Fragwürdigkeit von Briefen und Tagebücher als Vermittlern psychischer Authentizität hervorhebt, oder noch derjenigen Günter Häntzschels, der den Anteil der "modernen" Frauen an der Rückgewinnung eines hohen Niveaus in der Gattung Lyrik betont - nach einer Phase auffallender Trivialisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Die Anmerkungen stehen getrennt von den Texten auf ca. 100 Seiten in einem Anhang, der außerdem eine ca. 50 Seiten lange, nicht gerade aktuelle und ärgerlicherweise völlig ungegliederte, nämlich nur alphabetisch geordnete Auswahlbibliographie und ein Register der Personennamen und Zeitschriftentitel enthält.

Aus der Agglomeration der verschiedenen "bunten Steine" gewinnt der Leser dieses Bandes nicht ein klar überschaubares Mosaik, sondern ein verschwommenes, wenn nicht gar verwirrendes Bild. Labyrinthe haben sicher ihren Reiz; eine Geschichte der Literatur sollte aber zu einer minimalen Systematik verhelfen, sie sollte ein Führer sein, und zwar nicht zu immer neuen Irr- und Seitenwegen, sondern zu den Hauptwegen.

Gabriella Rovagnati


[1]
Geschichte der österreichischen Literatur / Donald G. Daviau ; Herbert Arlt (Hrsg.). - St. Ingbert : Röhrig, 1996. - Teil 1 - 2. - 758 S. ; 21 cm. - (Österreichische und internationale Literaturprozesse ; 3). - ISBN 3-86110-107-6 : DM 78.00 [4052]. - Rez.: IFB 97-1/2-130. (zurück)
[2]
Bereits in IFB 99-1/4-164 besprochen wurde:
Bd. 2. Die Literatur des 17. Jahrhunderts / hrsg. von Albert Meier. - 1999. - 776 S. - (... ; 4344). - ISBN 3-423-04344-X (dtv) : DM 42.00 - ISBN 3-446-12776-3 (Hanser). (zurück)

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