Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Metzler-Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur


00-1/4-159
Metzler-Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur : jüdische Autorinnen und Autoren deutscher Sprache von der Aufklärung bis zur Gegenwart / hrsg. von Andreas B. Kilcher. - Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2000. - XX, 664 S. ; Ill. - ISBN 3-476-01682-X : DM 78.00
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Knapp 300 biographische Artikel von durchschnittlich zwei bis drei Seiten Länge bringt das Metzler-Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Besonnen sichert der Herausgeber in seiner Einleitung den Begriff "deutsch-jüdische Literatur" als beschreibende Kategorie gegen die naheliegenden Mißverständnisse, mit dem Ausdruck ungewollt einer Ausgrenzung das Wort zu reden, gerade auch wenn diese frei von antisemitischer Tendenz ist. Es ist dem Herausgeber gelungen, für die meisten Artikel vorzügliche Kenner als Beiträger zu gewinnen.

Der Auswahl liegt - auch aus Rücksicht auf den Umfang - ein sehr enger Literaturbegriff zugrunde, so daß Philosophen und Essayisten auch dann nicht aufgenommen sind, wenn sie allein ihrer Sprache wegen zugleich Literaten sind. Man findet also nicht Hannah Arendt, nicht Ernst Bloch, den Expressionisten unter den Utopisten, auch nicht Jacob Bernays (1824 - 1881), Autor einer Aphoristik, die "in ihrem eigenen Rang erst noch zu entdecken ist".[1] Leider ist auch dieses Lexikon trotz der hohen Qualität der meisten Artikel offensichtlich durch eine von Vertriebsterminen diktierte Hektik der Produktion beeinträchtigt - eine Bobachtung, die man an den Nachschlagewerken aus dem Haus Metzler seit der Holtzbrinck-Ära des öfteren machen kann. Mit Blick auf die jüngsten Debakel in den Häusern Fischer und Rowohlt weiß man nicht mehr so recht, ob man dergleichen noch kritisieren oder lieber dankbar sein sollte, daß der zur Zeit durch den Holtzbrinck-Kontinent tobende Taifun McKinsey in der Provinz Metzler noch keine Vernichtungsspur gezogen hat.

Aber sei's drum. Bei der Kennerschaft des Herausgebers verwundern die folgenden Mängel doch: Der als Dichter früh verstummte Diplomat Leopold von Andrian - 1895 mit dem Garten der Erkenntnis zu frühem und kurzem Ruhm gelangt, Mitarbeiter an Stefan Georges Blättern für die Kunst und befreundet mit Hermann Bahr, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und anderen Autoren des Jungen Wien, 1918 für kurze Zeit Generalintendant des Hoftheaters - wurde wegen seiner jüdischen Herkunft im Wiener Außenministerium allgemein "der schöne Semit" genannt - und kommt nicht vor. Jüdisches Herkommen ist allenthalben in der Lyrik des immer wieder - zuletzt auch in der Deutschen Biographischen Enzyklopädie (recensoris culpa!) - sträflich übersehenen Dichters und langjährigen Leiters der Bibliothek des Marbacher Literaturarchivs Ludwig Greve gegenwärtig: "So leicht ihre Tränen springen, / die Augen sind älter, Judenaugen", steht z.B. in seinem Gedicht Schwestern.[2] Carl Zuckmayer, für dessen Selbstbild die jüdische Herkunft seiner Mutter keine Bedeutung hatte und der in seinen Dramen wiederholt Juden auftreten läßt, ohne daß darin eine explizite Stellungnahme zum Judentum gelegen hätte, wird mit einem Artikel bedacht, nicht jedoch Hofmannsthal, der mit dem Selbsthaß der Konvertiten seit der Jahrhundertwende die Abkunft von einem jüdischen Großvater vor sich selbst verdrängte und in der Öffentlichkeit systematisch verleugnete, ja sich mit Willy Haas, dem Begründer der Literarischen Welt, aufs heftigste überwarf, als dieser das ganze Werk des österreichischen Dichters einmal aus dem Ahasver-Mythos heraus deutete.

Während man dankbar die Erinnerung an Camill Hoffmann begrüßt, stutzt man über die Lücke in der Alphabetfolge, wo Martin Beradt (1881 - 1949) seinen Platz hätte haben müssen, Rechtsanwalt und Romancier in Berlin, der 1939 im letzten Moment den nationalsozialistischen Häschern entkam und die Flucht nach London und weiter nach New York antreten konnte. Damals waren von ihm u.a. bereits folgende Romane erschienen: Go (1909), Eheleute (1910), Das Kind (1911), Leidenschaft und List (1928); dazu die Novellensammlung Die Verfolgten (1919) und - das von Martin Buber herausgegebene Buch Der Richter (1909). Nur wenige Titel sind nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufgelegt worden; zuerst 1965 postum ist auch sein wohl bedeutendster Roman Die Straße der kleinen Ewigkeit herausgekommen, der vom jüdischen Leben im Ghetto des Berliner Scheunenviertels der zwanziger Jahre handelt. (Eine Neuausgabe in der Anderen Bibliothek des Verlags Eichborn ist für den Herbst 2000 angekündigt.)

Die Qualität der knappen bibliographischen Hinweise auf Textausgaben und Forschungsliteratur ist sehr uneinheitlich. Während zuweilen noch Titel mit dem Erscheinungsjahr 1999 verzeichnet sind, scheint die Forschung zu Carl Sternheim seit Ende der siebziger Jahre stillzustehen, als gäbe es nicht die vorzügliche Monographie zum Bürgerlichen Heldenleben von Eckehard Czucka aus dem Jahre 1982 oder das Sternheim-Heft der Zeitschrift Text + Kritik (1985). Bei Stefan Zweig wird zwar die von Knut Beck betreute Werkausgabe angeführt, nicht jedoch die von ihm zusammen mit Jeffrey B. Berlin besorgte mustergültige und nicht nur für diesen Autor ergiebige Briefausgabe (von deren vier geplanten Bänden zwei erschienen sind, der dritte im Herbst 2000 herauskommen wird). Aus der Sekundärliteratur zu Zweig wird zwar aus dem Jahre 1999 noch ein Aufsätzchen angeführt, nicht jedoch die ein Jahr zuvor erschienene Monographie Umwege auf dem Wege zu mir selbst von Gabriella Rovagnati (Bonn, 1998), die u.a. Zweigs Einfluß auf die jüdische Dichterin Ilse Aichinger offenlegt. Zu Jakob Wassermann sind die älteren Arbeiten von Dierk Rodewald, dem besten Kenner, angeführt, nicht jedoch die ihm 1998 anhand der Akten publizierte endlich gelungene "Aufklärung" des berühmten Kriminalfalles Hau, zu dem Wassermanns bis heute bekanntestes Werk, Der Fall Maurizius, in der Literaturgeschichte immer in eine falsche Beziehung gesetzt worden ist.

Hans-Albrecht Koch


[1]
Aphorismen von Jacob Bernays : aus Abschriften seiner verlorenen "Auszüge und Einfälle" / mitgeteilt von Karlfried Grüder. // In: Aratro corona messoria : Beiträge zur europäischen Wissensüberlieferung ; Festgabe für Günther Pflug zum 20. April 1988 / hrsg. von Bernhard Adams ... - Bonn : Bouvier, 1988, S. 131 - 152.
Die Neugier zu wecken, nur soviel: "Jeder gescheite Mensch hat Tage und Wochen, in denen er nur aus Erinnerung weiß, daß er kein Dummkopf ist." - "Der Jude hat eine dreitausendjährige Geschichte hinter sich und den Messias vor sich. Den Messias hinter sich zu haben, ist keine angenehme Position." - "Mittel, Zeit zu sparen: Lerne recht viele Gelehrte persönlich kennen und du wirst keinen Antrieb mehr haben, ihre Bücher kennen zu lernen." (zurück)
[2] Der Tag : neue Gedichte / Ludwig Greve. - Stuttgart, 1974. (zurück)

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